Evergrey: A Heartless Portrait (The Orphean Testament)
Label: Napalm Records
Erscheinungsdatum: 20. 5. 2022
Produktion: Jonas Ekdahl
Albumlänge: 50.20 min
Genre: Progressive Metal
Wertung: 8.5/10
Evergrey, die düstere schwedische Progressive-Metal-Festung, zeigt in den letzten Jahren Zeichen ausgeprägter kreativer Unnachgiebigkeit. In knapp vier Jahren haben sie gleich drei Studioalben herausgehauen. Auf das im Februar 2021 erschienene »Escape of the Phoenix« (Rockline Rezension) folgt nun bereits das insgesamt 13. Studioalbum »A Heartless Portrait (The Orphean Testament)«. Kann man in diesem Fall überhaupt noch über das Aufrechterhalten von Glaubwürdigkeit reden und nachdenken? Ja. Im Fall von Evergrey funktioniert das offensichtlich einwandfrei. Gerade in der jüngsten Schaffensphase der Band. Das neue Album ist wieder in jeder Hinsicht faszinierend und mitreißend. Vollgepackt mit neuen, enorm musikalischen und gleichzeitig in Melancholie verzauberten Ideen, die nacheinander mit federleichter Selbstverständlichkeit jeden Fan dieser Band begeistern können. Was sage ich — jeden Fan? Jeden, dem ein ausgesprochen finsterer, massiv-atmosphärischer Groove gefällt, kombiniert mit ansteckend eingängiger Musikalität. Kurz gesagt: Drama-Theater atmosphärischer Bombastik, die Evergrey auf ihren Studioalben so effektiv zu kapitalisieren und in Szene zu setzen wissen.
Das neue Album »A Heartless Portrait (The Orphean Testament)« macht da keine Ausnahme. Das bestätigt schon die Eröffnung des Albums mit dem scharf geschliffenen, finsteren und äußerst aggressiven Save Us, dem einer der musikalisch mitreißendsten und zündendsten Tracks des neuen Albums folgt — Midwinter Calls — mit einem der gelungensten und unglaublich packenden Refrains des gesamten Albums. Ein Song, der für die Konzertbühne geboren wurde. Ein Song, den alle Evergrey-Fans gemeinsam mit großem Vergnügen mitsingen werden, wenn sie bei deren Konzerten sind. Damit das Ganze nicht zu sehr von den Vorgängern »Escape of the Phoenix« und »The Atlantic« (2019, Rockline Rezension) abschreibt, gibt es da noch Ominous. Extrem atmosphärisch, in langsamem Tempo gehalten, mit einem Arrangement, das etwas vom melancholischen Marschieren abweicht, für das der Pomp der Band sonst bekannt ist. Eine ähnliche kompositorische Abweichung zeigt auch The Great Unwashed in der zweiten Albumhälfte, was nur bestätigt, dass die Band kreativ nicht stillsteht. Aus dem Rahmen fällt auch die abschließende, knapp vierminütige Ballade Wildfires, die so etwas wie einen sinnvollen Ausgang aus dem Album darstellt — eine runde Abrundung. Dann wäre da noch die großartige integrale EP beziehungsweise der Titeltrack des Albums (The Orphean Testament) — der längste Track überhaupt. Mit einem ordentlich abwechslungsreichen Arrangement und faszinierenden Stimmungswechseln, wenn die Band zwischen beschleunigten, aggressiveren Passagen und ruhigen, atmosphärisch besonders packenden Abschnitten pendelt.
Das Zusammenspiel des Quintetts bleibt auch auf dem neuen Album faszinierend. Die Soli sind einfallsreich, funkelnd, mit einer erstklassigen Balance zwischen komplexer Kombinatorik und Hörbarkeit. Das Fundament dieser überzeugenden musikalischen Albumexpression liegt in der Stabilität der Quintett-Besetzung. Und mit »A Heartless Portrait (The Orphean Testament)« beweisen Evergrey eine unglaubliche kompositorische Einigkeit und Inspiration. Dies ist das fünfte aufeinanderfolgende Studioalbum der Band in unveränderter Besetzung — acht Jahre dieser Kontinuität. Das Team trägt eben. Tom S. Englund bleibt vokal fantastisch. Seine Stimmfarbe, sein Ansatz und auch die Art des Komponierens verleihen dieser Band natürlich das wesentliche Markenzeichen, das Bild und Werk der Band auch auf dem neuen Album mühelos auf einen besonderen Platz im Progressive-Metal-Universum hebt. Englund geizt nicht mit leidenschaftlich gefühlvollem und durchlebtem Vortrag der Verse. In Sachen Leidenschaft kommt ihm kaum jemand nahe. Schon gar nicht, wenn wir skandinavische Vokalisten im Metal miteinander messen.
Die Musikalität beziehungsweise die Eingängigkeit beim ersten Hören dominiert also auch diesmal alle anderen Elemente des Albums. Deshalb entsteht auch diesmal gelegentlich das Gefühl, dass es sich bei Evergrey eher um finsteren Power Metal handelt als um Progressive Metal. Die Grenze ist mehrfach geschickt verwischt. Sagen wir, dass sie sich wieder einmal äußerst geschickt auf dem Grat zwischen beiden Genres bewegen. Aber alles, was sie anfassen, trägt den ausgeprägten Pedigree der bandeigenen dunklen und melancholischen Atmosphärik. So ein ganz einfacher, dabei aber unglaublich prägnanter und ansteckender Albummoment ist zum Beispiel in Call Of The Dark eingefangen.
Genug philosophiert. Nach »Escape of the Phoenix« (2021), das ein paar zu enge Ähnlichkeiten mit »The Atlantic« (2019) aufwies und den Eindruck erweckte, dass sich Evergrey ideenmäßig leicht im Kreis drehen, ist das 13. Studioalbum »A Heartless Portrait (The Orphean Testament)«, das nur gut ein Jahr später erschienen ist, eine Leistung, die unter den letzten drei Werken die kraftvollste, produktionstechnisch schärfste — nennen wir sie die aggressivste und am stärksten metallisch aufgeladene — ist, obwohl die Band darauf ein makelloses Gespür für ultra-musikalische Eingängigkeit bewahrt, verkörpert vor allem durch die hochspannungsgeladene Integrität der Tracks: Save Us, Reawakening, Blindfolded, Heartless.
Fans der Band könnten sich nicht mehr wünschen. Die Refrainmelodien tragen einem stets die Aufmerksamkeit davon. In jedem einzelnen Track. So wie immer. »A Heartless Portrait (The Orphean Testament)« ist ein Album, das in extrem kurzer Zeit nach dem Erscheinen des Vorgängers »Escape Of The Phoenix« erneut voller faszinierend ausgefeilter Kompositionen steckt. Ein neues Album, das das richtige Maß an arrangementtechnischer Abwechslung bietet, geprägt von der bravourösen spielerischen Chemie des Quintetts sowie Englunds erneut herausragender Vokalleistung — und ein Album voller brillanter Durchlässigkeit zwischen komplexen Middle-Eight-Passagen und eingängigen Strophen und Refrains. Letzteres ist der Garant für eine starke Hypnose beim ersten Hören. Evergrey bleiben mit dem neuen Album eine starke Figur im zeitgenössischen Progressive-Metal-Kosmos. Auch »A Heartless Portrait (The Orphean Testament)« glänzt mit der bandeigenen und einzigartigen atmosphärischen Aura, für die Evergrey bekannt sind. Was die Reifung dieser Elemente angeht — auch in Sachen Produktion — ist dies eines der ausgereiftesten Alben der gesamten Karriere.
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
1. Save Us
2. Midwinter Calls
3. Ominous
4. Call Out the Dark
5. The Orphean Testament
6. Reawakening
7. The Great Unwashed
8. Heartless
9. Blindfolded
10 Wildfires
Besetzung:
Tom S. Englund – Gesang, Gitarre
Henrik Danhage – Gitarre
Rikard Zander – Keyboards
Jonas Ekdahl – Schlagzeug
Johan Niemann – Bass
