Pilgrimage – Sigil of the Pilgrim Sun
Wenn du an Malta denkst, denkst du an Sonne, Hitze, Meeresfrüchte und alles andere als Düsternis und Melancholie des Death/Doom-Metals. Und dennoch hat dieses mediterrane Kleinod eine verhältnismäßig kleine, aber starke Metal-Szene (die in dieser Hinsicht an die slowenische erinnert) – so stark sogar, dass sich vor einigen Jahren kein Geringerer als Therion-Mastermind Christofer Johnsson auf die Insel verlegt hat. Das Interessante dabei: Würde man vielleicht erwarten, dass auf der maltesischen Szene (angesichts der Insellage) peinlicher Power/Folk-Metal à la Alestorm, Gloryhammer und Co. dominiert, sieht die Realität völlig anders aus – extremere Spielarten sind hier das Maß der Dinge. Nicht zuletzt findet auf Malta auch eines der bekannteren, auf Doom spezialisierten Festivals statt, das Malta Doom Metal Festival (wo vor einigen Jahren auch unsere Mist aufgetreten sind). Ein weiteres großes Puzzlestück zum bunten Mosaik des maltesischen Metals liefern die Death/Doomer Pilgrimage mit ihrem Debüt Sigil of the Pilgrim Sun.
Die maltesisch-niederländische Verbindung begann ihre Arbeit vor knapp vier Jahren, als sich in der aktuellen Besetzung Eric Hazebroek (ex-Stream of Passion, Vetrar Draugurinn), Sean Pollaco (ex-Weeping Silence) und Dino Mifsud Lepre (Victims of Creation) zusammenfanden; auf der Platte komplettiert Sänger Dario Pace Taliana (Weeping Silence) das Lineup. Sigil of the Pilgrim Sun erschien in den letzten Zügen des vergangenen Jahres und ist zweifellos eine der interessanteren Veröffentlichungen des Genres aus dem Jahr 2021. Pilgrimage hatten ihr Debüt 2019 erstmals mit der Single Voyage to the End of Time angeteasert – ein Track, der zugleich repräsentativ für das Album als Ganzes ist und dennoch nicht zu viel verrät.
Gleich zu Beginn muss gesagt werden: Sigil of the Pilgrim Sun ist für das Hören ziemlich anspruchsvoll. In gut fünfzig Minuten reihen sich sieben Tracks mit einer durchschnittlichen Länge von sieben Minuten aneinander – für den Gelegenheitshörer definitiv ein ordentlicher Brocken. Aber genau darin liegt die größte Stärke und Qualität der Platte: Trotz ihrer monolithischen und verdichteten Erscheinung belohnt sie Ausdauer und offenbart erst nach mehrmaligem Hören ihre ganze düstere Schönheit. Pilgrimage bauen ihr majestätisches, phasenweise geradezu feierliches Klangbild auf mehreren Grundbausteinen auf. Mal dominieren schwere, monolithische und monotone, fast funeral-doom-artige Momente, die den Hörer wie eine lovecraftsche Urgottheit zu einem Häufchen Fleisch und Knochen zermahlen («Rise from your slumber/And tear the world asunder», sagen Pilgrimage in She Who Wakes From Slumber – was unweigerlich an Lovecrafts zentrale Gottheit erinnert, natürlich an Cthulhu); ein andermal überschwemmen wie Tentakel eingängige und wirkungsvolle Melodien das Ohr. Hazebroeks Gitarrenarbeit ist schlicht atemberaubend – er versteht es, sowohl vernichtende Riffs als auch wunderschöne Melodien und längere instrumentale Passagen zu liefern. Darin begleiten ihn das solide und verlässliche Rhythmusgespann Pollaco/Lepre, das für die langsam kriechende und rollende Grundlage sorgt.
Das Sahnehäubchen setzt Darios exzellente Gesangsdarbietung, die überwiegend zitternd, bestialisch und brutal klingt; für Abwechslung sorgt er an mehreren Stellen mit rezitierten Versen (vor allem in Dream Rivers Lachrymose) und gesprochenen Parts (die einen Hauch Gothic-Atmosphäre beisteuern), während sein entschlossenes und überzeugendes Growling an den jungen Nick Holmes (Paradise Lost) oder Paul Kuhr (Novembers Doom) erinnert. Dank der klaren und verständlichen Stimme kommen auch die poetischen, lyrischen Texte mühelos zur Geltung – Texte, in die offensichtlich sehr viel Arbeit geflossen ist, denn sie sind durchdacht und keineswegs auf den ersten Wurf hingeschrieben.
Sigil of the Pilgrim Sun ist ein gutes, mehr noch: ein sehr gutes Death/Doom-Metal-Album, das sowohl Fans der alten Klassiker My Dying Bride und Paradise Lost überzeugen wird als auch Liebhaber der brutaleren und schwereren Momente von Novembers Doom, der majestätischen und erhabenen Klangwelten von While Heaven Wept sowie neuerer Vertreter des Genres wie Ahab und Hooded Menace. Schön zu hören ist auch, dass ihm nicht der „Moment“ abhanden kommt und die zweite Hälfte sich sogar als stärker erweist als die erste – was vor allem durch den etwas druckvollereren Schluss von Through the Well of Starlight, die melodischen Passagen von Silent Descent Into Solitude und dem absoluten Höhepunkt mit dem epischen Abschlusstrack Nothing But Death gelingt. Das Debüt von Pilgrimage zeichnet etwas aus, das tatsächlich nur wenigen Alben gelingt: Es gräbt sich mit jedem Hören tiefer und tiefer ins Ohr, denn es ist vielschichtig und offenbart seine Größe langsam und unaufdringlich. Begebt euch darum auf diesen maltesisch-niederländischen Death/Doom-Pilgerweg.
4/5