Cap Outrun: High On Deception
Label: Frontiers Music Srl.
Erscheinungsdatum: 10. 12. 2021
Produktion: Erik Gafvelin Wiss
Albumlänge: 53.11 min
Genre: Art Rock
Bewertung: 8.5/10
Mit ihrem Studiodebüt »High On Deception« positionieren sich Cap Outrun als Band mit einem ganz eigenen Sound und Ansatz. Es handelt sich um eine unverwechselbare, ein bisschen andere musikalische Form, die nicht nur dem Album »High On Deception«, sondern der gesamten Band einen wiedererkennbaren Fingerabdruck und musikalischen Charakter verleiht. Die Songs werden durch interessante Modulationen der Leitmelodien und Motive gestützt, und die Band scheut sich auch nicht vor komplexeren Rhythmusschemata — ohne dabei auch nur für einen Moment die Eingängigkeit der Melodielinien zu opfern.
Trotz des Eindrucks, es mit einer neuen Band zu tun zu haben, reicht die Geschichte von Cap Outrun weiter zurück. Gitarrist Andrée Theander und Keyboarder Erik Gafvelin Wiss gründeten die Band bereits 2007, als sie gemeinsam Musik und Audioproduktion in Skara/Skövde studierten. 2008 veröffentlichte die Band die selbst produzierte EP »Influence Grind«, danach stellte sie ihre Aktivitäten ein. Die Stille wurde gebrochen, als Andrée und Erik beschlossen, Cap Outrun neu zu beleben — mit dem Anspruch, musikalische Substanz zu liefern, die ihre Affinität zum AOR-Sound und zum melodischen Rock offen trägt, ohne dabei den Einfluss von Progressive Rock und Heavy Metal zu verstecken. Und noch mehr. Wie an mehreren Stellen des Albums spürbar wird, besonders dort, wo die ohnehin allgegenwärtigen Keyboards im Arrangement stärker in den Vordergrund treten, scheut die Band auch Jazzeinflüsse nicht. So ist etwa As Long As You Believe ein interessantes Gemisch aus melodicrock-typischer Musikalität, während die Mid-Eight-Passage in Jazzstrukturen abdriftet und das aggressiv-metallische Gitarrenphrasing in Kombination mit gebrochenen Rhythmen eine progressive-metal-Orientierung aufblitzen lässt. Ein ähnliches Erlebnis erwartet den Hörer in der Mitte des Albums mit dem längsten Stück, der neunminütigen Shadows On the Wall, die sich ausgesprochen progressiv-metal- und progressiv-rockartig öffnet. Das Entscheidende dabei ist die Erkenntnis, dass scheinbar unvereinbare Elemente verschiedener Genres eine faszinierende Versöhnlichkeit erreichen, die die Hörbarkeit garantiert — nicht nur dieser beiden Songs, sondern des gesamten Albums. Der Albumausklang ist tatsächlich noch progressiver, als man es sich als Hörer zu erhoffen gewagt hätte, gerade angesichts des Anfangsteils. Das abschließende Dopamine Overflow ist das einzige rein instrumentale Stück des Albums; dort übernimmt definitiv das metallische Phrasing die dominante Rolle, das in Kombination mit der „gebrochenen“ Rhythmusstruktur erneut progressive-metal-Qualitäten entfaltet.
Bestimmte Albumteile sind ganz der Entfaltung einer mitreißenden Pomp-Rhetorik gewidmet, was für AOR-Fans besonders interessant sein dürfte. Das zeigt sich vor allem beim packenden Albumauftakt Crazy Enough sowie im direkt folgenden Titeltrack — doch deutet die Band im weiteren Verlauf an, dass die musikalische Grundkonzeption weit breiter angelegt ist. Das Ensemble, das das Album eingespielt hat, ist nämlich äußerst erfahren und besteht aus technisch versierten, handwerklich klassisch geschulten Musikern.
»High On Deception« ist ein überraschend gelungenes Studiodebüt, das überaus ambitioniert aufgestellt ist. Erstaunlich ist dabei vor allem, dass es der Band gelungen ist, eine außergewöhnliche Genreübergreifende Stimmigkeit zu erreichen. Das alles wäre nicht möglich ohne handfeste Erfahrung, hohes Talent und die konkrete Kilometerleistung, die die beteiligten Musiker mitbringen — allen voran der starke Sänger Chandler Mogel von Outloud. Die tragenden Musiker der Band verfügen über echte Erfahrung und Abgebrühtheit, wie sie nur die Jahre bringen. In der Zwischenzeit, in der Cap Outrun pausierte, wurde Andrée Theander Studiomusiker, Gitarrenlehrer und gründete seine eigene AOR/West-Coast-Band Theander Expression, während Erik Gafvelin Wiss sein eigenes Studio aufbaute und sich professionell der Musikproduktion widmete. Vor der Reaktivierung von Cap Outrun hatte Erik sich als Toningenieur einen Namen gemacht, der unter anderem an Alben von Creye, Cruzh und Arctic Rain mitgewirkt hat. Es überrascht daher nicht, dass er bei »High On Deception« die Rolle des Produzenten übernahm.
Kurz gesagt: Mit »High On Deception« machen Cap Outrun unmissverständlich klar, dass sie keine Eintagsfliege sind. Das Album trägt in seinen Arrangements eine außergewöhnlich interessante und packende Entwicklung in sich, wobei die Band auch keinen Moment den Fokus auf hohe, theatralische Musikalität vernachlässigt. Cap Outrun werden deshalb anspruchslosere Hörer kaum zufriedenstellen — sie zielen von Anfang an auf ein ausgewähltes Publikum, das etwas wählerischer ist und das die herausfordernde Reize des Artismus anzieht, wobei Fans von Progressive Metal und Progressive Rock keinesfalls ausgeschlossen sind. Der Trumpf von Cap Outrun liegt darin, dass die Band bereits auf ihrem Debüt einen unverwechselbaren musikalischen Charakter mitbringt sowie jede Menge Ansätze, um diesen künftig noch weiter auszubauen und ästhetisch zu verfeinern.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Crazy Enough
2. High On Deception
3. Disaster Mindset
4. In The Shade Of The Masquerade
5. Shadows On The Wall
6. Our Brightest Day
7. My Destination
8. Run Before We Walk
9. As Long As You Believe
10. Dopamine Overflow
Besetzung:
Chandler Mogel – Gesang, Hintergrundgesang
Andrée Theander – Gitarre, Hintergrundgesang, zusätzlicher Bass auf „As Long As You Believe“
Erik Gafvelin Wiss – Keyboards, Programmierung
Linus Abrahamson – Bass
Carl Tudén – Schlagzeug, Perkussion
Gastmusiker:
Hugo Lundwall – Bass auf „Run Before We Walk“
Sebastian Freij – Cello auf „Our Brightest Day“
