Label: Giant Electric Pea
Erscheinungsdatum: 19. 5. 1998
Produktion: Spock’s Beard
Albumlänge: 56.22 min
Genre: Progressive Rock
Bewertung: 9.0/10
»The Kindness of Strangers« war das dritte Studiowerk der amerikanischen Progrock-Revivalisten Spock’s Beard, die in der zweiten Hälfte der Neunziger neben den Schweden The Flower Kings die führenden Vertreter der sogenannten dritten Welle des Progressive Rock waren. Dem ambitionierten Quintett unter der Führung des genialen Sängers und Multi-Instrumentalisten Neal Morse mangelte es nie an interessanten Ideen, während es gleichzeitig den symphonischen Prog seiner goldenen Ära wieder zum Leben erweckte.
Nach zwei überaus starken Studioalben, die ihren Ruf als Progrock-Schwergewicht zementiert hatten, war »The Kindness of Strangers« von 1998 die logische Fortsetzung des kompositorischen und arrangementtechnischen Aufblühens der „Spockbärte“ auf dem Vorgänger »Beware of Darkness« (1996). Mindestens die Hälfte der Stücke auf diesem hervorragenden Album gehört heute zu den obligatorischen Konzertstandards und beliebtesten Schöpfungen der Band. Eine der wichtigsten Waffen von Spock’s Beard waren stets die mächtigen Vokalharmonien, denn Neal war nicht der einzige Ausnahme-Sänger in der Gruppe — er hatte in Schlagzeuger Nick D’Virgilio einen ebenbürtigen Gesangspartner, der sich später ebenfalls als talentierter Multi-Instrumentalist hervortat. Nick trat nach Neals Abgang im Jahr 2002 sehr erfolgreich in dessen Fußstapfen als Leadsänger.
Schon das Eröffnungsstück »The Good Don’t Last«, das erste von drei epischen Stücken auf »The Kindness of Strangers«, verzaubert den Hörer mit einer nahezu perfekten, außerordentlich harmonischen Verbindung aus Eklektizismus, Komplexität und Melodiösität. Spock’s Beard haben nie einen Hehl aus den zahlreichen Einflüssen der Prog-Legenden gemacht — allen voran Genesis, Yes, Gentle Giant, Kansas und King Crimson sowie einiger klassischer Rockbands wie Deep Purple und den Beatles —, diesen Einflüssen aber stets eigene künstlerische Elemente beigemengt.
Auch »In The Mouth of Madness«, ein echtes Karussell verschiedener Stile, bei dem neben Neals chamäleonhafter Gesangsleistung vor allem die Keyboardeskapaden des genial-verrückten Ryo Okumoto begeistern, ist bei Liebhabern der „Spockbärte“ längst zum Publikumsliebling geworden. »Cakewalk On Easy Street« enthält im Eröffnungsteil auch einen Schuss Jazz-Rock-Fusion, der Gitarrenmeister Alan Morse, Neals jüngerem Bruder und heute einzigem verbliebenen Gründungsmitglied, immer am Herzen lag.
Die romantische Ballade »June« hat sich rasch als eine Art inoffizielle Hymne der Band etabliert und genießt bei den „Spockbärten“ einen ähnlichen Stellenwert wie »Lady In Black« bei Uriah Heep oder »Dust in the Wind« bei Kansas — mit dem wichtigen Unterschied, dass Neals Text und Atmosphäre deutlich fröhlicher sind als bei diesen beiden Rockklassikern. Bei den mitreißenden Vokalharmonien lassen sich die Einflüsse von Yes nicht überhören. »Strange World«, wo wieder Neals stimmliches Chamäleon-Talent glänzt, ist ein etwas drucksvolleres Stück, bei dem auch einige Hardrock-Einflüsse spürbar sind.
Nur wenige Schöpfungen von Spock’s Beard haben unter ihren Anhängern einen derart ikonischen Status erreicht wie das wunderbare epische Abenteuer »Harm’s Way«. Neal hat es live mehrfach gespielt, obwohl er schon lange kein Mitglied seiner ursprünglichen Band mehr war. Der großartige instrumentale Eröffnungsteil erinnert ein wenig an Kansas, während der mitreißende, triumphale Refrain zu Neals besten Arbeiten dieser Art zählt. Doch damit sind die brillanten Highlights auf »The Kindness of Strangers« noch nicht erschöpft.
Am Ende des Albums findet sich nämlich »Flow«, ein weiteres prachtvolles episches Abenteuer in drei Abschnitte. Hier half Tony Ray Neal beim Schreiben der Texte, in denen manch einer bereits frühe Anzeichen des späteren christlichen Eifers des Multi-Instrumentalisten erkennen wird. Die Zusammenarbeit mit externen Text- und Musikautoren wurde für Spock’s Beard nach 2003, als Neal nicht mehr in der Band war, zur gängigen Praxis. Der Eröffnungsabschnitt »True Believer« erinnert stellenweise an eine Begegnung zwischen Gentle Giant und Genesis, doch auf eine Art, bei der die Band diese Einflüsse geschickt mit völlig eigenständigen Arrangementideen würzt. »A Constant Flow of Sound« ist der mittlere Abschnitt, vollgepackt mit kontrapunktischen Rhythmusvariationen aus der Feder des Duos D’Virgilio/Meros, brillanten symphonischen Arrangements, eklektischen Gitarrenpassagen und strahlenden Vokalharmonien — die stets das Markenzeichen dieser immer ambitionierten Band waren. Der feierlich und zugleich nostalgisch gefärbte Schlussabschnitt »Into the Source« strahlt dank Neals Gesang und Alans subtilen Gitarrenpassagen siegreichen Schwung aus, eine bewährte Formel, die der ältere und bekanntere der Brüder Morse in seiner Karriere noch mehrfach anwenden sollte.
»The Kindness of Strangers« festigte den Ruf von Spock’s Beard als einer der zwei tragenden Säulen bei der Popularisierung der dritten Welle des Progressive Rock — was unter der Führung eines Komponisten und Musikers wie Neal Morse keine Überraschung war. »The Kindness of Strangers« ist nicht das ambitionierteste Werk der „Spockbärte“ aus Neals Ära, aber mit Sicherheit eines der ausgewogensten und ein exzellenter Einstiegspunkt für alle, die die Band noch nicht kennen.
Autor: Peter „Dr. ProgRock“ Podbrežnik
Trackliste:
1. The Good Don’t Last (10:02) :
– a) Introduction
– b) The Good Don’t Last
– c) The Radian Is
2. In the Mouth of Madness (4:44)
3. Cakewalk on Easy Street (5:01)
4. June (5:26)
5. Strange World (4:18)
6. Harm’s Way (11:03)
7. Flow (15:48) :
– a) True Believer
– b) A Constant Flow of Sound
– c) Into the Source
Besetzung:
Neal Morse – Gesang, Klavier, Synthesizer, akustische & elektrische Gitarre
Alan Morse – Gitarre, Cello, Mellotron, Hintergrundgesang
Ryo Okumoto – Hammond, Mellotron
Dave Meros – Bassgitarre, Hintergrundgesang
Nick D’Virgilio – Schlagzeug, Perkussion, Hintergrundgesang
Gastmusiker:
Eric Brenton – Violine auf Track Nr. 1
Jackie Suzuki – Violine auf Track Nr. 1
Melissa Hasin – Cello auf Track Nr. 1
Tom Tally – Viola auf Track Nr. 1
