Big Big Train: Common Ground

0 151

Label: English Electric Recordings
Erscheinungsdatum: 30. 7. 2021
Produktion: Big Big Train
Albumlänge: 62.08 min
Genre: Progressive Rock / Crossover Prog
Bewertung: 9.0/10


»Common Ground« ist das dreizehnte Studioalbum der britischen Progrockpioniere Big Big Train, die ein Jahr nach der Veröffentlichung des Vorgängers »Grand Tour« (2019) dramatische Veränderungen erlebten. Von der Band, die man ohne Übertreibung als derzeit populärste und angesehenste zeitgenössische britische Progrockformation bezeichnen darf, verabschiedeten sich ziemlich unerwartet Gründungsklaverist Danny Manners, Langzeitgitarrist Dave Gregory sowie Geigerin Rachel Hall. Ersetzt wurden sie durch Carly Bryant, Dave Foster und Clare Lindley, die vorerst als „nur“ Gastmusiker dabei bleiben, auf »Common Ground« aber nichtsdestotrotz sehr wichtige Rollen gespielt haben.

Für manche Bands wäre der Abgang von gleich drei Musikern, die jahrelang maßgeblich das gesamte Klangbild mitgeprägt haben, ein harter Schlag – doch bei Big Big Train wirkte dieser Umbruch während der Entstehung von »Common Ground« sogar belebend, denn es kam zu einer kleinen, aber bedeutsamen Frischzellenkur ihres Klangansatzes. Beim Erscheinen des nach wie vor hervorragenden »Grand Tour« waren nämlich bereits einige berechtigte Kritiken aufgetaucht, wonach ihre Klangformel zunehmend berechenbar geworden sei und die letzten drei, vier Alben stilistisch und klanglich ziemlich ähnlich klingen. Irgendwie hatte man den Eindruck, dass die renommierte Band, die neue Studioalben vergleichsweise häufig veröffentlicht, nicht mehr wirklich mit etwas Neuem überraschen kann.

Die vier verbliebenen Big Big Train-Mitglieder haben dieser Kritik offenbar Gehör geschenkt und auf »Common Ground« einen willkommenen Schritt weg vom vorhersehbaren Klangformat unternommen. Das Album enthält daher spürbar weniger pastoral und sinfonisch gefärbte Arrangements, dafür aber mehr vokale und stilistische Vielfalt. Diesmal bekommt der charismatische Sänger David Longdon, der diesmal deutlich weniger an Peter Gabriel erinnert als sonst, mehr Gesangsunterstützung vom amerikanischen Schlagzeugas Nick D’Virgilio und dem vielseitigen schwedischen Keyboarder/Gitarristen Rikard Sjöblom als in der Vergangenheit, während Bryant und Lindley fleißig für zusätzliche weibliche Vokalharmonien bei einzelnen »Common Ground«-Kompositionen sorgen.

Dass sich Big Big Train diesmal für einige völlig neue kompositorische Abenteuer entschieden haben, beweist schon der Opener »Strangest Times«, der trotz seines depressiven und ermüdenden Textes über die Covid-Krise überraschend fröhlich und positiv ausgefallen ist. Dieses Stück, das bezüglich der Struktur seiner sinfonischen Arrangements und der zentralen Melodie durchaus gelungen ist, kommt dem Pop Rock näher als dem Sinfonikprog – damit ist Big Big Train eine ziemlich beachtliche stilistische Überraschung gelungen. Der etwas fade, ausdrucksarme Refrain hinterlässt trotz Davids exzellentem Gesang leider keinen allzu tiefen Eindruck. Mit einem anderen Text wäre das ein durchaus sympathischer Artrock-Song – denn die meisten normalen Menschen haben inzwischen die Nase gestrichen voll von allem, was mit Covid zu tun hat.

Noch ungewöhnlicher, aber im positiven Sinne, fällt der nächste Track aus: »All The Love We Can Give«, bei dem David um mehrere Oktaven tiefer singt als es für ihn üblich ist. Sein Bariton steht in einem reizvollen Kontrast zu den schönen begleitenden Vokalharmonien und hellen Ambient-Nuancen – an denen D’Virgilio beim Entstehen sicher seine Finger im Spiel hatte, da das Stück stark an einige Tracks von seinem Soloalbum »Invisible« (2020) erinnert. Nick ist hier auch als Sänger sehr präsent und übernimmt mehrfach die Hauptrolle am Mikrofon. Dieser interessante Song enthält zahlreiche eklektische Taktwechsel und komplexe Instrumentalpassagen, in denen so mancher die Einflüsse von Nicks und Rikards früheren Bands erkennen wird – Spock’s Beard und Beardfish.

»Black With Ink« wird vor allem durch ein gelungenes Vokalduett zwischen David und Carly geprägt, während alle Gesangshelfer die Gelegenheit bekommen, ihre stimmlichen Qualitäten unter Beweis zu stellen – was für fantastische Harmonien und eine handfeste Symphoprog-Drama sorgt. Mit dieser Komposition erwacht »Common Ground« wirklich zum Leben und überzeugt uns, dass diese Band nach zwei einleitenden Experimenten mit gemischten Ergebnissen in kompositorischer, atmosphärischer und spieltechnischer Hinsicht nach wie vor an der Spitze der zeitgenössischen Progrockszene steht.

Auch wenn Big Big Train gemessen an der Staatsangehörigkeit ihrer Mitglieder derzeit nur noch zur Hälfte eine englische Band sind, tragen einige Kompositionen nach wie vor einen unverkennbaren englischen Stempel, bei dem neben Genesis-Einflüssen auch gewisse Einflüsse der Canterbury-Szene und des britischen Folkrock spürbar sind. Ein solches Beispiel, das wieder mehr an die „klassischen“, melancholischen und pastoral ausgerichteten Big Big Train erinnert, ist das von tiefer Nostalgie, epischen Streicherarrangements und magischen Vokalharmonien durchzogene Stück »Dandelion Clock«, das auf jedem Album dieser Band zwischen 2009 und 2019 – also seit David und Nick in ihren Reihen sind – hätte erscheinen können.

»Headwaters« ist ein kurzes, klaviergeprägtes Instrumental, das an ein romantisches Wiegenlied erinnert. Wer genau hinhört, wird bald bemerken, dass die zweite Hälfte von »Common Ground« spürbar interessanter und gelungener ist als die erste. »Apollo« ist ein symphoprogrockendes Leckerbissen mit leichten Jazz- und Folk-Einsprengseln und einer der Höhepunkte von »Common Ground«. Stilistisch würde er sich hervorragend auf dem Vorgängeralbum »Grand Tour« machen. Dieses instrumentale Meisterwerk schwelgt in üppigen orchestralen Arrangements, wilden Keyboard-Soli und waghalsigen Schlagzeugausflügen, während die ganze Zeit eine epische und feierliche Atmosphäre dominiert. Damit wird es mit Sicherheit alle langjährigen Fans begeistern, die es zu schätzen wissen, dass dies die „typischste“ Big Big Train-Kreation inmitten einiger recht „untypischer“ Kompositionen ist.

Auch der Titeltrack ist im unverkennbaren Big Big Train-Stil gehalten, mit zahlreichen sinfonisch-pastoralen Elementen, feierlichen Streicherarrangements und reichen Vokalharmonien – und diesmal gelingt ihnen ein wirklich starker Refrain.

Darauf folgt das 15-minütige Superep »Atlantic Cable«, das ambitionierteste Stück auf »Common Ground« und zugleich jenes, das den Big Big Train-Fan endgültig davon überzeugt, dass der Band – trotz des „langsamen“ Starts – ein weiteres hervorragendes Album gelungen ist. Es vereint das gesamte kompositorische, arrangementtechnische und lyrische Genie aller vier Bandmitglieder, während David das alles mit einem außergewöhnlichen Gespür für Melodram heraussingt. Die einzelnen Instrumentalpassagen innerhalb dieses prächtigen Epos zählen in Sachen Qualität, Spielfreude und Unterhaltungswert zur absoluten Spitze des zeitgenössischen Prog – das werden auch die anspruchsvollsten Progheads anerkennen müssen.

Das melancholisch-nostalgische »Endnotes« bildet auf romantischen Streicherarrangements den Abschluss des Albums im unverkennbaren Big Big Train-Stil, wenn David stimmlich wieder etwas näher an die zeitgenössische Version von Peter Gabriel heranrückt – einer der seltenen Momente auf dem Album, wo das wirklich spürbar ist. Für eine gehörige Dosis Nostalgie am Ende sorgt ein plötzlicher, brillant eingeflochtener Einschub des Bläserensembles.

Das Erscheinen jedes neuen Big Big Train-Albums ist ein Fest für Progrockgourmets – und das gilt auch für »Common Ground«, mit dem sich die stets ambitionierte Band ein Stück weit von ihrer erprobten und bereits etwas vorhersehbaren Klangformel entfernt hat. »Common Ground« wird zwar keinen der ersten fünf Plätze in ihrer bisherigen Studiodiskografie belegen – das steht fest –, gehört aber jetzt schon zu den Progrockglanzmomenten des Jahres 2021 und stellt einen mutigen Schritt heraus aus der bisherigen „klangreichen Komfortzone“ dar. Solange sowohl Nick als auch Rikard in ihren Reihen sind – die man neben dem stets hervorragend aufgelegten David als treibende Kräfte der Band bezeichnen darf –, ist bei Big Big Train ein Misserfolg kaum vorstellbar.

Autor: Peter „Dr. ProgRock“ Podbrežnik


Trackliste:
1. The Strangest Times (5:08)
2. All the Love We Can Give (8:06)
3. Black with Ink (7:24)
4. Dandelion Clock (4:14)
5. Headwaters (2:27)
6. Apollo (7:50)
7. Common Ground (4:54)
8. Atlantic Cable (15:06)
9. Endnotes (6:59)

Besetzung:
David Longdon – Gesang
Gregory Spawton – Bassgitarre
Rikard Sjöblom – Gitarre, Keyboards, Gesang
Nick D’Virgilio – Schlagzeug, Gesang

Gastmusiker:
Carly Bryant – Keyboards, Hintergrundgesang
Dave Foster – Gitarre
Clare Lindley / Violine, Hintergrundgesang
Aidan O’Rourke – Violine
Five Piece Brass Ensemble

Pošlji komentar

Your email address will not be published.

Ta stran uporablja piškotke z namenom zagotavljanja spletne storitve, oglasnih sistemov in funkcionalnosti, ki jih brez piškotkov ne bi mogli nuditi. Z obiskom in uporabo spletnega mesta soglašate s piškotki. Sprejmi Preberi več

Zasebnost&piškotki