Label: Insideout Music
Erscheinungsdatum: 23. 7. 2002
Produktion: Douglas A. Ott
Albumlänge: 61.44 min
Genre: Progressive Metal
Bewertung: 9.5/10
Die amerikanischen Progrocking-Revitalisten Enchant, die sich oft auf dem schmalen Grat zwischen Neo-Prog und Prog-Metal bewegen, haben mit ihrem sechsten Studioalbum »Blink of an Eye« die nächste Reifeprüfung in der kontinuierlichen Evolution ihres Sounds und der Politur ihrer kompositorischen Qualitäten abgelegt. Die ambitionierte Band unter der Führung des ausgezeichneten Gitarristen Douglas A. Ott und des charismatischen Sängers Ted Leonard, der später als Sänger von Spock’s Beard noch größeres Ansehen genießen sollte, hatte sich mit dem Vorgängeralbum »Juggling 9 Or Dropping 10« (2000) endgültig als einer der ambitioniertesten und ernstzunehmendsten Vertreter des progressiven Rocks zu Beginn des neuen Jahrhunderts etabliert.
Die wichtigste Neuerung vor Beginn der Aufnahmen zu »Blink of an Eye« war der Abgang von Schlagzeuger Paul Craddick und die Ankunft seines Nachfolgers Sean Flanegan. Phil Bennett ersetzte für dieses Album Mike ‚Benignus‘ Geimer und überließ seinen Platz kurz darauf Bill Jenkins. Ihre Beiträge hatten keinen wesentlichen Einfluss auf die klanglichen Veränderungen des damaligen Enchant-Sounds, der sehr erfolgreich Elemente des Art-Rocks, des symphonischen Progs und des Prog-Metals mit moderner Produktion und „reifen“, größtenteils philosophisch ausgerichteten Texten verband.
Alle Tracks auf »Blink of an Eye« wurden von Leonard und Ott geschrieben, den treibenden Kräften der Band. Leonards stimmliche Verwandtschaft mit dem legendären Sänger Steve Walsh (ex-Kansas) ist der Hauptgrund, warum man sich in die Musik von Enchant schnell verlieben kann — und so war es auch beim Erscheinen von »Blink of an Eye«, das bis heute zu Recht eines ihrer meistgeschätzten Alben ist und maßgeblich dazu beitrug, den Bekanntheitsgrad dieser oft übersehenen Band zu steigern.
Der Opener »Under Fire« ist geprägt von einer düsteren Atmosphäre und einer gelungenen Verknüpfung von Symphoprog- und Prog-Metal-Elementen, während seinen Höhepunkt ein epischer Refrain bildet, in dem der Albumtitel auf dramatische Weise erwähnt wird. Leonards stets überragende Gesangsleistung ist jenes „Mehr“, das Enchant schon immer ermöglichte, sich von einer Vielzahl ähnlicher Bands abzuheben. »Monday« ist eine ambient-hellere Komposition, die sich ebenso wie ihr Vorgänger mit einem mächtigen Refrain und exzellenten Gitarren-Keyboard-Harmonien schmückt — weshalb sie sich mühelos unter die Enchant-Klassiker einreihen lässt.
»Seeds of Hate« ist ein komplexes, aber dennoch überwiegend melodisches Stück mit einem starken Instrumentalpart dank Otts königlicher Gitarrensoli, die von satt gesetzten Basslinien begleitet werden, während Leonard durchgehend mit seiner außergewöhnlichen Sängerausstrahlung glänzt. »Flat Line« ist das nächste Beispiel dafür, wie Enchant trotz rhythmischer und arrangementtechnischer Komplexität auf ausgesprochen subtile Weise mühelos einen schönen Refrain kreieren und ihn geschickt in den Vordergrund stellen. »Follow the Sun« öffnet sich überraschenderweise als akustisch ausgerichtete Ballade, geht nach dem Einsatz der E-Gitarre und lebhafter Keyboard-Texturen jedoch rasch in komplexere Gewässer über. Das Endergebnis ist eine der intelligentesten und subtilsten strukturellen Kompositionen in der bisherigen Enchant-Geschichte.
»Ultimate Gift«, auf dem vor allem Ott mit einer weiteren leidenschaftlichen Gitarrensolo und Leonard mit seiner bestmöglichen, aber sicher unbeabsichtigten Gesangsimitation von Steve Walsh brilliert, ist ein episches Stück — wie Enchant in ihrer Karriere eine beneidenswerte Anzahl davon geschaffen haben. Auf »My Everafter« genießt man vor allem die außerordentliche Subtilität der Gitarren-Keyboard-Harmonien, mit denen Enchant ein atmosphärisches Drama aufbauen, während die erneut exzellente Gesangsleistung eines der namhaftesten Sänger des modernen Prog-Rocks besondere Erwähnung verdient. »Invisible« wird hauptsächlich durch eklektische Taktwechsel und einfallsreiches Schichten von Synthesizer-Texturen geprägt und zählt damit zu den Höhepunkten von »Blink of an Eye«. »Despicable« bildet einen energischen und dramatischen Abschluss des Albums „auf die richtige Art“ — mit einer weiteren fantastischen Gesangsperformance von Leonard. Auf der Spezialversion von »Blink of an Eye« findet sich am Ende das ausgezeichnete Instrumental »Prognosis«, das aufgrund seiner Prog-Metal-Elemente, soloinstrumentalen Glanzstücke, rhythmischen Finesse und allgemeinen Komplexität auch so manchem Fan von Bands wie Dream Theater gefallen wird.
»Blink of an Eye« genießt bei den Enchant-Fans bis heute zu Recht den Status eines ihrer besten Werke, das ihnen zu Beginn des 21. Jahrhunderts dabei half, sich unter den aufregendsten Prog-Rock-Revitalisten zu positionieren. Viele der markanten Elemente des Enchant-Sounds wurden auf diesem ausgezeichneten Album noch weiterentwickelt. Obwohl Enchant oft vergessen wird, wenn man die wichtigsten Prog-Rock-Vertreter der sogenannten dritten Welle aufzählt, war ihre Rolle bei der Wiederbelebung des Interesses an dieser Musikbewegung Mitte der Neunziger und um die Jahrtausendwende immer unbestritten — und dabei spielte »Blink of an Eye« eine wichtige Rolle.
Autor: Peter „Dr. ProgRock“ Podbrežnik
Trackliste:
1. Under Fire (5:55)
2. Monday (7:08)
3. Seeds of Hate (6:14)
4. Flatline (5:23)
5. Follow the Sun (6:05)
6. Ultimate Gift (7:57)
7. My Everafter (5:39)
8. Invisible (5:40)
9. Despicable (4:13)
10. Prognosis (Bonustrack) (7:30)
Besetzung:
Ted Leonard – Gesang, Gitarre auf Track Nr. 9
Douglas A. Ott – Gitarre, Keyboards, Bassgitarre auf Track Nr. 5
Ed Platt – Bassgitarre
Sean Flanegan – Schlagzeug
Gastmusiker:
Phil Bennett – Keyboards auf den Tracks Nr. 3, 7 und 10
