Soft Machine: Softs

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Erscheinungsdatum: 15.06.1976
Label: Harvest Records
Produktion: Soft Machine
Länge: 44:55
Genre: Canterbury Scene/Jazz-Rock-Fusion
Bewertung: 8/10

»Softs«, das neunte Studioalbum der britischen Prog-Rock-Pioniere und Jazz-Rock-Fusion-Meister Soft Machine, spiegelte klanglich in keiner Weise wider, dass es innerhalb der Band in Sachen gutem Miteinander allmählich bergab ging. Karl Jenkins etablierte sich auf »Softs« endgültig als zentraler Soft Machine-Komponist, während das letzte Originalmitglied, Keyboarder Mike Ratledge, dem alles zu viel geworden war, noch vor Fertigstellung der Aufnahmen ausstieg und nur auf zwei Stücken Keyboards beisteuerte. Jenkins, mit dem er Jahre später erneut zusammenarbeiten sollte, bestrafte ihn dafür, indem er ihn bei der Auflistung der am Entstehen von »Softs« Beteiligten zum Gastmitglied degradierte.

Ratledges (un)erwarteter Abgang zwang Jenkins dazu, sich vollständig auf die Keyboards zu konzentrieren, während er einen neuen Saxophonisten in Alan Wakeman fand, dem Cousin des weitaus bekannteren Rick Wakeman (Yes). John Etheridge (ex-Icarus, Darryl Way’s Wolf) ersetzte an der Gitarre Allan Holdsworth, der kurz nach Erscheinen des Vorgängeralbums »Bundles« (1975) ausgestiegen war. Der nicht minder talentierte Etheridge erwies sich als nahezu idealer Ersatz für den etablierteren Holdsworth – und das ist einer der Hauptgründe, warum er heute neben Schlagzeuger John Marshall und Bassist Roy Babbington das einzige langjährige Soft Machine-Mitglied ist, das auf ihren Studioalben der Siebziger mitgewirkt hat. Mit Jenkins als zentralem Komponisten enthielt »Softs« mehr sinfonische Elemente, die er aus der klassischen Musik schöpfte, was Soft Machine bei der Entwicklung ihres idealen Jazz-Rock-Fusion-Ansatzes nach langer Zeit wieder dem Progressive Rock annäherte.

Das kurze, akustisch ausgerichtete Intro »Aubade« mit Akustikgitarre und Oboe erinnert mehr an eine Komposition des ehemaligen Genesis-Gitarristen Anthony Phillips als an Soft Machine und gemahnt zugleich an Jenkins‘ Liebe zur klassischen Musik. Das von geheimnisvoller und mystischer Atmosphäre durchdrungene »The Tale of Taliesin« enthält Etheridges packende Gitarrenpassagen und ätherische, ambientale Klangteppiche dank des dicht verwobenen Keyboard-Spiels. Nach einem vertrackten Übergang in eine aufgedrehte Rhythmussektion gibt sich Etheridge ganz dem Gitarrenimprovisieren hin und demonstriert, dass er schon damals einer der aufregendsten englischen Jazz-Gitarristen war. Das dynamische »Ban-Ban Caliban«, eines der zentralen Werke von »Softs«, enthält vielfältiges Experimentieren mit dem elektronischen Sound der Synthesizer, witzigen Saxophon-Einlagen und verschiedensten Perkussionselementen.

»Song of Aeolus«, dessen Titel sich auf den altgriechischen Windgott Äolos bezieht, ist ein ausgesprochen melancholisches Werk mit ‚weinenden‘ Gitarrenpassagen, die auch David Gilmour (Pink Floyd) und Andy Latimer (Camel) ihre Zustimmung schenken würden. Die melancholische Stimmung setzt sich auf »Out of Season« fort, das ein harmonisches Geflecht aus subtilen Klavierarrangements und untröstlicher Gitarre enthält. »Second Bundle« ist reines, von Keyboards getragenes Ambient-Träumen. »Kayoo« war Marshalls bereits traditioneller Schlagzeug-Solo-Moment, während »The Carmen Tandem« eine wild entfesselte Präsentation von Etheridges ungezähmtem Gitarrensolieren darstellte. »One Over the Eight« ist ein witziges, rhythmisch äußerst lebhaftes Werk, bei dem das sprühende Saxophon den Ton angibt. »Etka« bietet einen subtilen Abschluss auf der Akustikgitarre, der Etheridges gitarristische Vielseitigkeit schön widerspiegelt.

»Softs« war ein durch und durch solides Werk der Jenkins-Ära von Soft Machine, das es jedoch aufgrund einiger weniger inspirierter Ideen nicht unter ihre Klassiker schaffte. Trotzdem meisterten sie Ratledges Abgang recht ordentlich. Nach dem Abgang von Babbington und Wakeman, der kurz nach Erscheinen von »Softs« stattfand, machten Jenkins, Marshall und Etheridge mit zahlreichen instabilen Besetzungen weiter, die unter anderem den späteren Fairport Convention-Geiger Ric Sanders und Brand X-Bassisten Percy Jones enthielten. Wie Soft Machine in dieser Periode klangen, lässt sich auf dem Konzertalbum »Alive & Well: Recorded in Paris« (1978) nachhören. »Land of Cockayne«, ohne Etheridge und mit zahlreichen Gastmusikern aufgenommen, 1981 erschienen und nur wenig mit Soft Machine in ihren besten Jazz-Fusion-Inkarnationen gemein habend, war lange Zeit der Schwanengesang der Progressive-Rock-Pioniere und bedeutenden Vertreter der Canterbury Scene – zumindest was neue Studioveröffentlichungen betrifft.

Autor der Rezension: Peter Podbrežnik

Trackliste:
1. Aubade (1:51)
2. The Tale of Taliesin (7:17)
3. Ban-Ban Caliban (9:22)
4. Song of Aeolus (4:31)
5. Out of Season (5:32)
6. Second Bundle (2:37)
7. Kayoo (3:27)
8. The Camden Tandem (2:01)
9. Nexus (0:49)
10. One Over the Eight (5:25)
11. Etika (2:21)

Soft Machine:
John Etheridge – E- und Akustikgitarre
Karl Jenkins – Keyboards, Orchestrierung
Alan Wakeman – Sopran- und Tenorsaxophon
Roy Babbington – Bassgitarre
John Marshall – Schlagzeug, Perkussion

Gastmusiker:
Mike Ratledge – Synthesizer (3, 4)

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