Joe Bonamassa: Royal Tea

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Label: Mascot Label Group / Provogue Records
Erscheinungsdatum: 23. 10. 2020
Produktion: Kevin Shirley
Genre: Blues Rock
Bewertung: 9.0/10


Joe Bonamassa und sein 14. Studioalbum. Tja, wir sind spät dran. Es erschien bereits Ende Oktober letzten Jahres. Egal. Wir müssen es vorstellen. Also: Joe Bonamassa. Ein Mann, der ständig beschäftigt, streng fokussiert und seinen Taten ergeben ist – und ein Musiker, den eine unglaubliche Ambition begleitet. Leidenschaft und das Mark der Suche nach Perfektion. In allem, was er anpackt. Ja. Er ist eben ein Workaholic. Auch nach mehr als 20 Jahren seit seinem ersten Studioalbum. Und der Mann reift. Das neue Studioalbum ist der unbestreitbare Beweis dieser Reife. Das Hören von »Royal Tea« kann im Hörer gleichzeitig Katharsis und Faszination wecken. »Royal Tea« ist nämlich ein begeisterndes Werk – und zugleich ein Album mit Eigenkompositionen, das einem Album mit »Coverversionen« nahekommt, falls ihr noch folgen könnt?

Auf »Royal Tea« hat sich Joe Bonamassa also entschieden, sein neues Werk dem Geist und dem Erbe des britischen White-Blues-Booms der zweiten Hälfte der Sechziger zu widmen – jener Zeit, als Bands wie John Mayall Blues Breakers, Cream, Ten Years After und Fleetwood Mac der Fusion aus Mississippi-Delta-Blues und Rock’n’Roll eine völlig neue Dimension verliehen. Bonamassa? Ein Amerikaner? Ja. Und das überrascht nicht. Bonamassa gibt selbst zu, dass er Musik unter dem Einfluss jener Ära schreibt, in der u. a. Led Zeppelin, The Rolling Stones und Cream das Sagen hatten. Deshalb liefert Bonamassa auch auf dem neuen Album nichts Bahnbrechendes für die Evolution des Rocks – doch was er liefert, ist wieder ein gieriges musikalisches Abenteuer voller leidenschaftlicher Herzlichkeit, das dich mitreißt und fortträgt. Gerade wegen der Aufrichtigkeit und Unmittelbarkeit, die das diskografische Werk dieses Musikers von jeher begleitet. Es überrascht nicht, dass Bonamassa für die Aufnahmen das legendäre Abbey Road Studio in London wählte – noch weniger überrascht, wen er als Mitwirkende auswählte: Ikonen jener Ära, der er sein Album widmet. Das sind: Bernie Marsden, Jools Holland und Pete Brown. Das Album ist tatsächlich retro-nostalgisch. Gemeinsam mit Bernie Marsden schrieb er »Royal Tea« in knappen 14 Tagen.

Bonamassa wollte in dieser Hinsicht die Dinge nicht dem Lauf unangenehmer Umstände überlassen, die seinen strammen Fokus bei der Zielerreichung irgendwie hätten beeinträchtigen können. Das Ziel? Authentizität. Purismus in der Suche nach dem Analogen. Jene Ursprünglichkeit, die die Aura des Rock- und Blues-Klangs der Sechziger einfangen muss. Das Studio stimmt, die Riege der Mitstreiter auch – haben wir noch etwas vergessen? Ihr habt es erraten. Das Instrumentarium. Und auch das Aufnahmeprinzip (‚in one take‘). Im ersten Anlauf, nach dem Prinzip des Live-Spielens – das ist bei Bonamassa keine Neuigkeit mehr. Nur dass er diesmal noch stärker darauf fokussiert war, eine musikalische Substanz auf den Tonträger zu bringen, die in vollem Maß einen authentischen Abdruck der Sechziger-Ära vermittelt – und gleichzeitig eine Hommage an jene  Musiker darzustellen, die sein Spiel und Komponieren geprägt haben. Peter Green, Alvin Lee, Jeff Beck, nun ja, auch Eric Clapton, Jimmy Page…

Also, auf zum Material. Zehn Songs, zehn sorgfältig ausgearbeitete musikalische Identitäten. Bonamassa springt brillant zwischen Prinzipien und Ansätzen, die den einzelnen Tracks ihren Charakter verleihen – und hat damit gewissermaßen versucht, die Essenz des White-Blues-Booms der Sechziger in einem einzigen Werk einzufangen. Von der Eröffnungsnummer When One Door Opens, die mit Abstand der kunstvollste Track des Albums ist – überraschend auch der orchestrale Einschub am Anfang, dann irgendwo in der Mitte ein Übergang, unterlegt von einem militärischen Schlagzeugmarsch, begleitet von einem hohen Maß an Musikalität. Das verblüfft. Bonamassa hat der Melodiesuche stets außerordentlich feinfühlig nachgespürt, auch wenn er noch so »schwarzen« Blues spielte. Dann gibt es die außerordentlich sinnliche, sentimentale und klassisch verführerische Blues-Ballade Why Does It Take So Long To Say Goodbye – eine Geschichte über die Trennung zweier Menschen, in der sich viele wiederfinden werden, die (vor allem im letzten Jahr) wieder Single geworden sind. Theatralisch und hypnotisch. Ein außergewöhnliches Maß an Melancholie, gieriger Musikalität – und dann ist da auch dieser Hauch, der essenzielle Charme des Blues-Mojo, den Bonamassa einhaucht. Lookout Man! lässt sich beschreiben als Led Zeppelin vs Willie Dixon. Eine schwarze Blues-Messe, die im Phrasieren aufgewühlt und zugleich düster detoniert, auch in Halbtönen heult – die Basslinien hätte problemlos auch ein Geezer Butler halten können. Besondere Begeisterung weckt darin die Integration der Mundharmonika, die dem Song einen eigenen Charakter verleiht. Da ist der ’swingend-luzide‘ und verschmitzte Lonely Boy, und der abschließende Country-Akustiktrack Savannah, der in leichtem und entspanntem Stil dieses außerordentlich brodelnde und giftig ansteckende Album beschließt. Für brillanten Kontrast sorgt die mit Hall angereicherte R&B- und Funk-»Ohrfeige« I Didn’t Think She Would Do It. Bonamassa hat die Arrangements geschickt mit Bläser- & Streicherarrangements, weiblichen Backing Vocals, der bereits erwähnten Mundharmonika, zusätzlichem Schlagwerk und natürlich reichlich Akustik ausgestattet. Er hat an alles gedacht. Und gleichzeitig hat er sich auch auf dem 14. Studioalbum von Legenden »gelernt« – allen voran von Marsden. Royal Tea ist ein weiterer ausgefeilter und kompakter Rhythm & Blues-Moment, bei dem Bonamassa sich bestens mit einem Ian Siegal verstehen würde – erst recht, wenn man den Track in eine akustische Produktion brächte. Genau dieser letzte Track beweist unter anderem auch, zu was für einem hervorragenden Sänger Joe über die Jahre geworden ist.   

Man kann sagen, dass »Royal Tea« höchstwahrscheinlich das reifste Werk ist, das Joe Bonamassa bis dato aufgenommen und veröffentlicht hat. Auch was seine gitarristische Interpretation bzw. sein Spiel betrifft. Der Typ wird nicht selten in Situationen versetzt, in denen er noch nicht war oder sich nur selten erprobt hat. Er verlässt in diesen Momenten also die Komfortzone. Das Resultat: mehrere Herangehensweisen, die er beim Spielen verfolgt. Sowohl beim Ausschmücken der Leitthemen als auch in den Soli. Und? Obwohl der bekannte ‚fettige‘ Gibson-Sound im Überfluss vorhanden ist und Joe erneut so angenehm laut ist wie kaum ein anderer Blues-Rock-Revivalist der neuen Garde (also ein Altersgenosse), wirken einzelne Lösungen in bestimmten Tracks besonders subtil – und sind mit einer äußerst präzisen Feinmechanik des »Biegens« von Noten und Tönen gespielt. Diese Feinfühligkeit ist angesichts des überwiegend vorhersehbaren Kompositionsmusters von »Royal Tea« umso willkommener. Genau in diesem Aspekt strahlt »Royal Tea« die große künstlerische Reife von Joe Bonamassa aus.

Autor: Aleš Podbrežnik

Tracklist:
1 When One Door Opens (7:35)
2 Royal Tea (4:29)
3 Why Does It Take So Long To Say Goodbye (6:45)
4 Lookout Man! (5:31)
5 High Class Girl (4:54)
6 A Conversation With Alice (4:19)
7 I Didn’t Think She Would Do It (4:12)
8 Beyond The Silence (6:46)
9 Lonely Boy (4:06)
10 Savannah (4:38)

Besetzung:
Joe Bonamassa – Gesang, Gitarre, Mandoline (auf Track Nr. 10)
Michael Rhodes – Bass-Gitarre
Reese Wynans- Hammond-Orgel, Wurlitzer (auf Track Nr. 10)
Anton Fig – Schlagzeug
Jeff Bova – Perkussion
Greg Morrow – Perkussion
Kevin Shirley – Perkussion, akustische Gitarre
Juanita Tippins – Backing Vocals
Jade MacRae – Backing Vocals
Errol Litton – Mundharmonika auf Track Nr. 4
Jools Holland – Klavier auf Track Nr. 9
Lee Thornburg – Trompete und Bläserarrangements auf Track Nr. 9
Paulie Cerra – Altsaxofon auf Track Nr. 9
Ron Dziubla – Baritonsaxofon auf Track Nr. 9
Bernie Marsden – Backing Vocals auf Track Nr. 10


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