Sunstorm: Afterlife
Label: Frontiers Music Srl.
Erscheinungsdatum: 12. 3. 2021
Produktion: Alessandro Del Vecchio
Albumlänge: 46.59 min
Genre: Hard Rock/Melodic Rock
Wertung: 8.0/10
In letzter Zeit scheint fast jedes zweite Melodic-Rock- und Hard-Rock-Album, das man in die Hand nimmt, eines zu sein, auf dem Ronnie Romero singt. Der vielgefragte und hochgeschätzte Sänger hat sich in nur wenigen Jahren mehrfach als Feuerwehrmann für zahlreiche Bands und Projekte erwiesen. Sogar Richie Blackmore hat seine faszinierende Vokalcharisma genutzt, als er Rainbow wieder zum Leben erweckte, dann ist da das Projekt CoreLeoni, außerdem sprang Romero bei Adrian Vandenbergs Team für das aktuelle Vandenberg-Album »2020« ein, ganz zu schweigen von der Zusammenarbeit mit Magnus Karlsson im Projekt The Ferrymen – oder Romeros Rückkehr zu Lords of Black. Und dabei habe ich noch was vergessen. Jetzt ist Romero auch beim Wiederbeleben des halb vergessenen Projekts Sunstorm eingesprungen. Das Label Frontiers Music Srl. veröffentlicht wirklich eine riesige Anzahl an Nebenprojekten. Im Jahrestakt. Heute gibt es kaum noch Labels mit so vielen monatlichen Veröffentlichungen und einer solchen Konstanz bei den Neuerscheinungen auf monatlicher Basis. Ehrlich gesagt wirkt das Ganze manchmal etwas erzwungen, da die Quantität die Qualität allzu oft übertrifft.
Sunstorm ist ein Projekt, das in jene Kategorie von Ideen gehört, die kurz nach dem Beginn des neuen Jahrtausends das Licht der Welt erblickten – was bedeutet, dass hinter dem Projekt eine durchaus beachtliche Geschichte steckt. Unter Liebhabern von AOR und Melodic Rock kam es gut an, weil dieser Post-Millennial-Boom des AOR-Revivals damals extrem ersehnt wurde; heute überrascht das natürlich nicht mehr. Aber das ist noch nicht alles. Dieses Projekt hat sich vor allem wegen des Namens Joe Lynn Turner ins Bewusstsein der Genre-Anhänger eingebrannt. Das ist der Mann, der für Rainbow und Deep Purple gesungen hat, für Yngwie J. Malmsteen, zwei Alben mit Glenn Hughes veröffentlicht hat usw. … Er kann sich auch mit einer beachtlichen Sammlung faszinierender Soloerfolge rühmen. Das Öffnen alter Archive durch das Label streute Salz in Turners Wunden, denn die Verantwortlichen machten beim Neustart des Projekts einen bewussten Umweg um den legendären Musiker herum und integrierten stattdessen den aktuellen Rainbow-Sänger Ronnie Romero. Es liegt auf der Hand, dass Turner das nicht leicht weggesteckt hat. In den letzten Interviews hat er ziemlich viel Ärger über die parteiischen Entscheidungen des Labels abgeladen. Und ehrlich gesagt hat der Mann recht. Sunstorm ist nämlich ein Projekt, das vor allem dafür bekannt ist, dass auf den Alben des Projekts von jeher Joe Lynn Turner singt. Das wird so bleiben, egal wie golden Romeros Stimme ist, der diesmal das Feuer löscht.
Wenn wir uns auf die Musik konzentrieren – also die Musik des neuen Albums »Afterlife« –, muss man kein Einstein entdecken. Hausproduzent, Multi-Instrumentalist, Komponist und bei Bedarf auch Lead-Sänger des Labels Frontiers Records – das ist Alessandro Del Vecchio – hat wieder den Großteil aller Aktivitäten rund um das Gerüst der Projektwiederbelebung auf seine Schultern genommen. Und dabei einmal mehr sein unglaubliches Geschick im Umgang mit der Kunst des ideellen Recyclings unter Beweis gestellt.
Romero dominiert in jedem Moment seiner neuen, äußerst faszinierenden Vokalperformance. Seine Stimme, die sich bei großen Namen wie Ronnie James Dio und David Coverdale »ausgebildet« hat, erinnert an bestimmten Stellen des Albums wieder daran, dass er dem verstorbenen Steve Lee (Gotthard) am nächsten kommt. So ist es bei One Step Closer. Dieser unglaublich durchdringende, leidenschaftliche und unwiderstehlich prägende Ansatz ist das Hauptelement des Albums »Afterlife«, das den Zuhörer bei der Stange hält. Obwohl das Projekt sich problemlos hätte umbenennen können – die Energie ist ohne Turner doch so anders, dass das vollkommen gerechtfertigt wäre –, ist das Muster des Musikschreibens im Grunde unverändert geblieben. Romero drängt aber nicht bedingungslos mit gepresster Stimme in jede Zeile. Er bedient sich auch eines saubereren Ansatzes, was sich in Swan Song wunderbar macht. Del Vecchio ist ein äußerst erfahrener und abgebrühter Fuchs. Es gibt nur wenige solcher Veteranen, die auf Bestellung schreiben und komponieren können und dabei so überzeugend klingen. Und das fast immer. Es gelingt ihnen kaum je, etwas zu verpatzen. Auch diesmal hat Del Vecchio seine Arbeit erstklassig erledigt. Das Album »Afterlife« vermittelt das wohltuende Gefühl, als hätte es den »Lockdown« nie gegeben. Auch das lässt sich im Studio äußerst geschickt und gekonnt kaschieren. Natürlich liegt nicht alles in der Produktion, im Klicken und Zusammenkleben. Man braucht auch die richtigen Musiker. Die Gitarre ist in einer solchen Situation natürlich ein überaus wichtiger Faktor. Eine Gitarre, die bei Assen wie Reb Beach, Douglas Aldrich und ähnlichen in die Schule gegangen ist. Sie ist allgegenwärtig und packend in jedem Moment. Sei es in geschliffenen Phrasen oder faszinierenden Soli, die ein unglaubliches handwerkliches Können zeigen – was bei solchen Alben fast schon Pflicht ist.
Das Album wird den Geschmack der Liebhaber früherer Sunstorm-Alben befriedigen, bringt aber natürlich eine Abweichung mit sich, die nicht unbedingt willkommen ist, da sie auf dem Wechsel des Sängers basiert. Turner bleibt nämlich so oder so vermisst. Im Songwriting spürt man wieder das raffinierte »Stehlen« von Ideen und Tricks aus der Hard-Rock-Schule der Siebziger, die von Deep Purple, Rainbow und Whitesnake begründet wurde – was vielleicht am theatralischsten gerade das eröffnende Titelstück und das abschließende A Story That You Can Tell andeuten. Del Vecchio hat nämlich wieder einige Arrangements mit dem Sound einer Hammond-Orgel unterfüttert. Wie dem auch sei: »Afterlife« ist ein hochwertlich verpacktes Recycling-Produkt, das von erfahrenen Akteuren abgeliefert wurde. Wäre es das erste Album des Projekts, würden wirklich hohe Wertungen fallen. So aber bringt es Inhalte, die erwartet wurden. Liebhaber von Hard Rock und Melodic Rock mit ausgesprochen AOR-mäßig zugespitzten Refrainmelodien werden wieder auf ihre Kosten kommen.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. Afterlife
2. One Step Closet
3. Swan Song
4. Born Again
5. Stronger
6. I Found A Way
7. Lost Forever
8. Far From Over
9. Here For You Tonight
10. Darkest Night
11. A Story That You Can Tell
Besetzung:
Ronnie Romero – Gesang
Simone Mularoni – Gitarre
Alessandro Del Vecchio – Keyboards, Hintergrundgesang
Nik Mazzucconi – Bassgitarre
Michele Sanna – Schlagzeug
