Unleash the Archers: Abyss
Label: Napalm Records
Erscheinungsdatum: 21. 8. 2020
Produktion: Andrew Kingsley
Albumlänge: 55.56 Min.
Genre: Power Metal
Power Metal ist vielleicht nicht das erste Genre, das dir bei Kanada einfällt, aber Tatsache ist: eine der heißesten Bands in diesem Heavy-Metal-Genre kommt genau von dort. Genauer gesagt aus British Columbia. Die Band wurde von Sängerin Brittney Slayes (bürgerlicher Name Hayes) und ihrem Freund, Schlagzeuger Scott Buchanan, bereits 2007 gegründet. In den folgenden Jahren nahmen sie drei Studioalben auf, die allerdings nicht wirklich herausstachen — weder durch ihre Stimme noch durch die Originalität der Musik. Dann kam Apex — das vierte Album, das die Band in die Sterne katapultierte und an die Spitze aller Metal-Charts schoss. Das Konzeptalbum zeigte endlich, wozu die Band fähig ist, und brachte einen mehr als frischen Wind in die Power-Metal-Gewässer, die typischerweise von schwedischen und deutschen Bands beherrscht werden. Bei so einem starken Album stellt sich natürlich die Frage: Sind UtA in der Lage, mit dem neuen Album Apex zu erreichen oder vielleicht sogar zu übertreffen?
Die Antwort ist ja! Das Album beginnt mit dem Opener „Waking Dream“, der langsam an Stärke und Schwung aufbaut und nahtlos in das Titelstück „Abyss“ übergeht. Letzteres kriecht mit seinen Keyboard-Läufen und ansteckenden Gitarrenmelodien sofort unter die Haut und entfaltet sich zu einem knackigen Track, nach dem das Album zu Recht benannt ist. Das folgende „Through Stars“ drosselt das Tempo ein wenig — es ist eine Ballade, die sich stark am Sound der Achtziger orientiert und auch vor einem größeren Stadionpublikum von Tausenden verdammt gut klingen würde. Doch die Vielfalt des Albums ist damit nicht erschöpft, denn schon kommt „Legacy“ — ein Track, der wie eine Hommage an ihren Landsmann Devin Townsend wirkt; Sci-Fi-Keyboards und Wall of Sound, als wollten sie Ziltoid himself auf ihr Album beschwören. Leicht progressive Rhythmen, ein fantastisches Gitarrensolo und mächtige Refrains, untermalt von Backing Vocals, erzeugen zusätzlich das Gefühl, durch die Unendlichkeit des Universums zu reisen.
„Return to Me“ lässt sich am besten als Mischung aus Power und Melodic Death Metal beschreiben. UtA setzen nämlich neben Clean Vocals auch Growl-Vocals von Gitarrist Grant Truesdell ein, der damit einen stimmlichen Kontrapunkt setzt und der Band eine weitere einzigartige Facette verleiht. Diese — vielleicht ungewöhnliche — Mischung setzt „Soulbound“ fort, das stellenweise durch die Kombination von Keyboards und Gitarren sogar an Wintersun erinnert. „Faster Than Light“ startet mit einem Dragonforce-esquen Intro, ist dem Titel entsprechend schnell und beweist, dass die Band perfekt eingespielt ist — ob Buchanans Schlagzeugspiel, die Soli von Truesdell/Kingsley, oder Brittney, die in einem Moment in die höchsten Register ihrer Stimme geht. Es folgt der achtminütige epische Höhepunkt „The Wind That Shapes the Land“. Nach einem langsamen akustischen Intro wandelt sich die Atmosphäre rasch zu klassischen Power-Metal-Rhythmen, einem Duell aus Clean und Growl-Vocals, progressiven Soli, Synth-Einschüben und Stimmungswechseln, denen die Musik treu folgt. Das vorletzte Stück „Carry the Flame“ verlangsamt den Rhythmus und schlendert in einem waschechten AOR-Tempo auf das große Finale des Albums zu. Andrew zeigt hier, dass er neben der Gitarre auch seinen Gesang perfekt im Griff hat, der sich hervorragend mit Brittney ergänzt. Den Abschluss macht das epische „Afterlife“. Darin verweben sich so viele musikalische Ideen, dass das Ganze — wenn es nicht so umgesetzt wäre wie es ist — leicht zur Klangsülze verkommen könnte. Ist es aber nicht. Das geschickte Verknüpfen von Power und Melodeath mit orchestralen Einschüben, für die Francesco Ferrini (Fleshgod Apocalypse) verantwortlich zeichnet, sowie einem Chorus, der sich auch beim Iron Maiden-Konzert nicht verstecken müsste, macht daraus einen würdigen Abschluss.
Unleash the Archers haben es geschafft. Mitten im Covid-19-Wahnsinn ist es ihnen gelungen, ein außergewöhnliches Album aufzunehmen und abzuliefern, das seinen Platz auf dem Thron des Power Metal mehr als verdient. Die exzellente Konzeptgeschichte, die bereits auf Apex begann (die Band denkt darüber nach, einen Comic mit der gesamten Geschichte herauszubringen), die erstklassige Produktion, die Vielseitigkeit und die musikalische Perfektion katapultieren Abyss an die absolute Spitze der diesjährigen Albumveröffentlichungen.
9.5/10
Tracklist:
- Waking Dream
- Abyss
- Through Stars
- Legacy
- Return To Me
- Soulbound
- Faster Than Light
- The Wind That Shapes the Land
- Carry the Flame
- Afterlife
Besetzung:
Brittney Slayes – Gesang
Grant Truesdell – Gitarre, Gesang
Andrew Kingsley – Gitarre, Gesang, Synth, Produktion
Scott Buchanan – Schlagzeug
Gäste:
Benjamin Arscott – Bass
Francesco Ferrini – Orchestrierung
Jacob Hansen – Engineering, Mix, Mastering
