Sacred Reich: Awakening
Label: Metal Blade Records
Erscheinungsdatum: 23.08.2019
Albumlänge: 33.05 min
Produktion: Arthur Rizk
Genre: Thrash Metal
Wertung: 8.5 / 10
Ende August dieses Jahres ist nach 23 Jahren Dürre endlich das neue Sacred Reich-Album erschienen! Das kultische Thrash-Metal-Quartett aus Arizona feierte seine größten Triumphe in den frühen Karrierejahren, als es mit »Ignorance« und »The American Way« zwei starke Studioalben hinlegte und mit dem EP »Surfing Nicaragua« noch ordentlich Öl ins Feuer der damals brodelnden Thrash-Welle der zweiten Generation kippte. Auch »Independent« (1993) und »Heal« (1996) sind durch und durch solide Alben – wobei man sich beim etwas aufgeblasenen »Independent« eigentlich gewünscht hätte, dass er genauso knapp über die halbe Stunde kommt wie die übrigen Sacred Reich-Platten –, doch bei eingefleischten Puristen stießen beide seinerzeit auf geteilte Reaktionen. Erstaunlich, wie lang es gedauert hat, bis die Band einen Nachfolger zu »Heal« herausbrachte, obwohl sie in ihrer Karriere nur eine einzige (fünfjährige) Pause verzeichnet – zu Beginn des neuen Jahrtausends.
Dave McClain ist zurück – und das nach 23 Jahren mit Machine Head. Für die bewusst roh und garagig gehaltene Produktion von »Awakening« liefert er am Ende ein erfreulich entspanntes Schlagzeugspiel ab, das organisch und natürlich klingt, ganz ohne die Tricks einer aufgeblasenen Klangproduktion. Phil Rind hat keinen Funken seines vokalen Feuers eingebüßt. Na ja, ganz stimmt das nicht: Mit den Jahren schreit, brüllt und singt er einfach ein kleines bisschen »schöner« – aber unterm Strich spuckt er immer noch mehr als souverän und überzeugend Flammen, und in dieser Hinsicht ist »Awakening« ein höchst selbstbewusstes Manifest, auf das sich das Warten gelohnt hat. Für jene hartgesottenen altschulischen Sacred Reich-Puristen mit übertrieben hohen Erwartungen ist das vielleicht nicht ganz das, was sie sich erhofft hätten – aber wenn das Album durch unverkrampftere Ohren läuft, klingt es in der Summe ausgesprochen gut und hinterlässt mehr als angenehme Eindrücke. Arnett hat das Schreiben zündender Riffs, die sofort packen, nicht verlernt; in den Soli bleibt er bissig und unverkennbar, und mit dem jungen Joey Radziwill, der in der Regel die Rolle des Rhythmusgitarristen übernimmt, hat er eine starke Stütze gefunden.
Das Albumcover ist groteskend und erinnert einmal mehr daran, dass Sacred Reich glühende Gegner der „amerikanischen Weltherrschaft“ geblieben sind – etwas, das sie in ihren Texten nie versteckt haben und auch diesmal wieder scharf angreifen (Killing Machine). Gleichzeitig bringen die Jungs ihre humorvolle Seite ein, die vor allem den legendären EP »Surfing Nicaragua« geprägt hat. Die Rock’n’Roll-Passage im abschließenden Something to Believe ist mit dem entsprechenden Trick in der klassischen »Surfing Nicaragua«-Passage vergleichbar – auch wenn die beiden Songs ansonsten deutlich anders gestrickt sind; vergleichbar ist aber ihre „verspielte“ Seite des Songwritings.
Es wäre ungerecht, der Band vorzuwerfen, mit »Awakening« einfach an die frühe Ära anknüpfen zu wollen. Es geht schlicht darum, dort weiterzumachen, wo Sacred Reich in kreativer Hinsicht stehengeblieben sind. Und doch findet man auf dem neuen Album auch Momente, die mühelos mit der Essenz von »The American Way« kokettieren (Awakening, Divide & Conquer, Manifest Reality, Revolution). In diesen Songs wird gleichzeitig noch fleißig an echter Punkrock-Energie geschmiedet, teils sogar mit möglichen HC-Ansätzen (Revolution) – wobei unter den neuen Tracks den ersten Platz das wütende Don’t Do It Donnie einnimmt, eine unter zwei Minuten kurze Ohrfeige, die jedoch nur auf dem Split-Album mit Iron Reagan zu finden ist. Stimmt schon, der gelegentliche »Pantera-artige« wie auch der »Sludge-Feeling«-Einschlag des Albums »Heal« ist nicht wahrnehmbar, doch die Band hat in ihrer Suche nach Urigkeit in den Arrangements historisch bis in die Pre-Thrash- und Speed-Metal-Ära zurückgegriffen. In Death Alley spannen Sacred Reich sogar eine „Kuhglocke« ein, mit der sie das rhythmische Fundament des Songs kontrastieren – wobei der Track sogar mit Blues- und Southern-Rock-Rhetorik liebäugelt. Natürlich dreckig und garagig produziert, wie es sich für Thrash Metal gehört. Ohne Beschönigungen und direkt ins Gesicht. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, dass Rind in seiner Karriere je so ausgefeilte musikalische Vokallinien gesungen hätte wie an einigen Stellen des neuen Albums (die Mid-Eight-Passage in Death Valley, das abschließende Something to Believe).
Also? »Awakening« vereint die Kratzbürstigkeit vom Ende der Achtziger mit einigen Tricks, die musikalisch ausgefeilter und thrashermäßig weniger – wenn nicht sogar völlig unbelastet – daherkommen, was an die spätere Ära des dritten und vierten Albums der Band anknüpft. »Awakening« ist vor diesem Hintergrund also ein Biest der besonderen Art und zu hundert Prozent ein waschechtes Sacred Reich-Biest. Ein starker Auftakt und ein souveränes Fundament für – so hoffen wir – eine neue kreative Ära und allem voran: eine gelungene Rückkehr einer Legende! Bleibt zu hoffen, dass das nächste Album in wenigstens drei Jahren folgt.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
01. Awakening
02. Divide & Conquer
03. Salvation
04. Manifest Reality
05. Killing Machine
06. Death Valley
07. Revolution
08. Something To Believe
Besetzung:
Phil Rind – Gesang, Bassgitarre
Wiley Arnett – Gitarre
Joey Radziwill – Gitarre
Dave McClain – Schlagzeug
