Steelfactory
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: U.D.O.
Label: AFM Records
Erschienen: year
Wertung: 4.5/5
Udo Dirkschneider braucht keine ausführliche Vorstellung. Aber wo sind die letzten drei Jahre geblieben? So vieles ist passiert für den Mann, der als ehemaliger Frontsänger der großen Accept und ewiger, unerschütterlicher Chef seiner eigenen Band U.D.O. bekannt ist. Das letzte Album von U.D.O. erschien nämlich vor drei Jahren, und noch im vergangenen Sommer beendete der legendäre Schreier mit seiner Truppe U.D.O. – aber unter dem Namen Dirkschneider – die letzten Auftritte auf den Sommerfestivals. Bei diesen Tourneen spielten U.D.O., vorübergehend in Dirkschneider umbenannt, ausschließlich Accept-Material. In neuen Interviews und Statements sickerte dann auch offiziell durch, dass Udo und seine beiden ehemaligen Accept-Kumpels (Hoffmann, Baltes) ordentlich zerstritten sein müssen – aber das ist eine andere Geschichte.
Warum so ein faktenreicher Einstieg. Es ist keine Überraschung mehr – geschweige denn eine Erkenntnis, die die Erdachsen ins Wanken bringen würde –, dass die Musik von Accept und U.D.O. eng miteinander verbunden ist. Nicht nur historisch, sondern auch stilistisch. Wer Accept hört, hört U.D.O. (und umgekehrt). Anders geht’s nicht, wenn man ein Fan der alten Metal-Schule ist. Aber »Steelfactory«, das Ende dieses Augusts erschien, zieht besonders giftig auf einige Gitarrenphrasen der markantesten Songs der Accept-Karriere. U.D.O. haben sich in den letzten drei Jahren ordentlich resettet. An Lockerheit und Spaß hat’s ihnen bei der Reihe von Auftritten unter dem Namen Dirkschneider wirklich nicht gemangelt. Die Energie in der Truppe ist hervorragend verteilt, und an Ideen sowie gegenseitiger kreativer Chemie fehlte es danach im Studio nicht. Wenn man sich auch nur Make the Move kurz anhört, merkt man schnell: Nicht nur der Songtitel, sondern die Hauptgitarrenphrase selbst zieht unglaublich auf den Riff des Accept-Klassikers Midnight Mover. Tatsächlich hat das Spielen von Accept-Material während der Dirkschneider-Tourneen das spätere Komponieren der neuen U.D.O.-Musik für das Album »Steelfactory« geprägt. Das ist Fakt. Wühlt man weiter durch das Album, stößt man etwas weiter auf Rising High, das ähnlich – nicht nur vom Titel, sondern auch vom Riff und vom Refrainmelodieverlauf her – unweigerlich den Accept-Riff von Aiming High heraufbeschwört. One Heart One Soul und Blood On Fire tragen eigentlich identische Haupt-Gitarrenriffs. Doch während der erste Song vor allem mit einem bombastischen Refrain aufwartet, geht der zweite in den Pre-Chorus geradezu unheilvoll über – und in eine düstere Fortsetzung, in der Udos markanter Schrei vollständig triumphiert!
Um nicht zu lange um dieselbe Sache herumzudrehen. Diese Riffs, die ihr auf »Steelfactory« hört, kann man als die besten Riffs bezeichnen, die Accept in den Achtzigern nie aufgenommen haben. So viel kompositorische Kompatibilität herrscht im Schaffen beider Bands. Das ist aber eine Tatsache, die Udos Solokarriere bereits seit der zweiten Hälfte der Achtziger begleitet – Einstein muss da nicht neu erfunden werden. Was immer wieder überzeugt, überzeugt auch das neue Album. Und diesmal umso mehr, da die dreijährige Pause ausgesprochen willkommen war. Sie bringt nämlich eine Reihe hervorragender Songs. Während frühere U.D.O.-Alben wegen der zu kurzen Zeitabstände zwischen den Veröffentlichungen an Glaubwürdigkeit litten – durch eine »weniger geschickt verpackte Wiederverwertung« der verwendeten Riffs –, besitzt »Steelfactory« keinen einzigen Schwachpunkt, keinen einzigen schwachen Moment, und »recycelt« das bereits Gesagte viel geschickter und durchtriebener als seine Vorgänger. Vor allem zeigen Udo und seine Truppe ihr Arrangement-Können bei den mittelschnellen Nummern (A Bite Of Evil, In the Heat of the Night – beide sind Höhepunkte des Albums – sowie kurz vor dem Finale Rose in the Desert). Am Schluss findet sich die neue, hervorragende Ballade My Way, wo Udo mit dem natürlichen Ton seiner Stimme bezaubert. Ansonsten brüllt und schreit der Mann, der die Mitte seiner Sechziger längst erreicht hat, wie ein Besessener. Mit unverminderter Kraft – und das ist das Entscheidende, was die Glaubwürdigkeit des Kerls auf der Szene festigt. Durch die Jahrzehnte hat er kein bisschen Stimmkraft verloren. Auch wilde Kracher sind dabei! Der Opener Tongue Reaper und Eraser gegen Ende hauen euch ordentlich eine rein!
Udo und die Truppe sind unglaublich erfahren. Auf diesem Album sitzt alles, wie es soll – inklusive aller Mid-Eight-Passagen und fantastischer Soli. Die Basslinie gräbt und reißt unersättlich durchs Album (Hungry And Angry), und Udo – wie gesagt. Er schreit wie ein kleines Teufelchen, ein echtes Tier. Das Album ist mit unglaublicher Energie und überschäumender Leidenschaft eingespielt und aufgenommen. Das fasziniert umso mehr, da hinter Udo eine unglaublich lange und fruchtbare Karriere steht, bei der der Mann eigentlich seelenruhig seinen musikalischen Ruhestand hätte ankündigen können. Aber mit der Verve, die er zeigt, und der kompositorischen Kreativität – hoffen wir, dass er noch lange nicht auf diese Idee kommt. Es wäre eine Sünde.
Ein exzellentes neues U.D.O.-Album also! So, wie es sein muss. Mehr noch. Gemessen an den ursprünglichen Ansprüchen und Erwartungen an die Band sogar besser.
Achtung. Fans, schaut euch auch beide speziellen »limitierten« Ausgaben an. Für den europäischen und den japanischen Markt. Auch die Bonustracks sind nämlich hervorragend. Für den japanischen Markt findet sich auf dem Album als Bonustrack noch What A Hell Of A Night, ein unglaublich gelungener »Rock’n’Roller«, entwickelt aus einer Durtonleiter, und der problemlos als einer der Leittracks des neuen Albums durchgehen würde (so ist das eben, wenn dem Schöpfer Accept-Riffs von Burning und I Am A Rebel durch die Adern fließen).
Besetzung
Udo Dirkschneider – Gesang
Andrey Smirnov – Gitarre
Fitty Weihhold – Bassgitarre
Sven Dirkschneider – Schlagzeug
Produktion
Jacob Hansen
Tracklist
01. Tongue Reaper
02. Make The Move
03. Keeper Of My Soul
04. In The Heat Of The Night
05. Raise The Game
06. Blood On Fire
07. Rising High
08. The Devil Is An Angel (Bonustrack auf der “digipack”-Ausgabe)
09. Hungry And Angry
10. One Heart One Soul
11. Pictures In My Dreams (Bonustrack auf der “digipack”-Ausgabe)
12. A Bite Of Evil
13. Eraser
14. Rose In The Desert
15. The Way