Bound To The Witch
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Stormwitch
Label: Massacre Records
Veröffentlichung: year
Laufzeit: 52:35
Bewertung: 4/5
Stormwitch sind teutonische Heavy-Metal-Urgesteine, die im fernen Jahr 1981 im deutschen Heidenheim gegründet wurden. Die Band ist also Legende – vor allem ihr Achtziger-Opus mit dem unvergesslichen Debüt »Walpurgis Night« (1984) an der Spitze. Den großen Durchbruch in die erste Reihe ihrer Art schafften sie nie, und die Karriere ist besonders in den letzten drei Jahrzehnten von handfesten kreativen Pausen geprägt, die die Besetzung plagten – sowie natürlich von zahlreichen Mitgliederwechseln im Laufe der Jahre. Stilistisch haben Stormwitch ihren Charakter über die Jahre deutlich verändert, weshalb viele eingefleischte Metaller, die auf reinen, kompromisslosen Old-School-Purismus schwören, der Band den Rücken gekehrt haben oder sie schlicht nicht mehr ernst nahmen. Wie auch immer: 2015 erschien das sehr solide »Season of the Witch«, das andeutete, dass die Band ernsthaft vorhatte, so nah wie möglich zur Wiege des Old-School-Metals zurückzukehren, aus der sie einst hervorgegangen war.
Drei Jahre später folgte ein weiteres Album. Das insgesamt elfte Studioalbum mit dem Titel »Bound to the Witch« knüpft an die Geschichte des Vorgängers an, aber mit einem entscheidenden Unterschied: Es wirkt deutlich überzeugender, konsistenter und noch fokussierter – und dadurch auch noch prägnanter. Als Ganzes deutlich kompakter und überzeugender. Daraus lässt sich schnell schließen, dass Stormwitch seit Langem kein so überzeugendes Album mehr veröffentlicht haben – und auch keines, mit dem sie die Achtziger so wirkungsvoll zurückbeschworen hätten.
In der damaligen Rezension hatte ich geschrieben, dass die Besetzung von »Season of the Witch« den eingeschlagenen Kurs beibehalten und in absehbarer Zeit noch das ein oder andere Studioalbum aufnehmen sollte – vor allem mit etwas mehr Druck auf dem Gaspedal. Genau das ist passiert. Obwohl Stormwitch zwischen dem neuen und dem Vorgängeralbum erneut zwei Drittel des Quintetts austauschen mussten (Gitarrist und Schlagzeuger), hat ihnen das weder die Inspiration noch den Schwung geraubt – »Bound to the Witch« ist eindeutig eine Steigerung gegenüber dem Vorgänger.
Andy Mück bleibt das essentielle Fundament des musikalischen Schaffens der Band. Sein markanter, charismatischer und sofort wiedererkennbarer Vokalcharakter ist nach wie vor das Markenzeichen. Mit den Jahren hat er sich etwas abgesenkt und verdickt, trägt aber nach wie vor die gesamte Prägnanz des Ausdrucks, die dominante Haltung, die autoritative Statur – und die gewünschte Reichweite, mit der er auch in kreischende Höhen sehr überzeugend aufsteigt, während er dabei Reinheit und hohe Musikalität der Melodien bewahrt. Seine Vokalfarbe trägt jenen leicht düsteren Charakter, der ungemein wirkungsvoll zur Ästhetik okkulter Poesie und zur Gitarrenphrasierung des Old-School-Metals passt. »Bound to the Witch« trägt eine Reihe ausgezeichnet konstruierter Gitarrenphrasen, die die Songs vorantreiben. Das macht das Album ungemein anziehend und mitreißend. Die Dynamik, die Stimmungsschwankungen, die Atmosphärenwechsel. Auch im Titeltrack Bound to the Witch, wo Mücks Stimme in der mittleren bis tieferen Refrain-Lage etwas dünn wird und die Band womöglich eine bessere Lösung hätte finden können, rettet eine hervorragende Lead-Gitarrenphrase, die unter der Strophe liegt, den Song aus dem Tief – zusammen mit kompatiblen und einfallsreichen Übergangspassagen. Das Solospiel ist über das gesamte Album hinweg vollendet und äußerst raffiniert. Die Middle-Eight-Passagen wahren die Kompaktheit und den qualitativen Charakter der Tracks.
Bei all den giftigen und eingängigen Riffs sowie dem tief verwurzelten Gespür für dramatische Theatralik und bombastische Melodiösität, die die Band über das gesamte Album hinweg gekonnt einzusetzen weiß, muss man auch den Abschlusstrack des Albums hervorheben. Das ist die akustische Ballade Nightingale. Mystisch, mit einem Hauch von Barock und neoklassischen Elementen, melancholisch, leicht düster. Eine Ballade, die man ohne Weiteres als mehr als ausgezeichnet bezeichnen kann – vor allem dank der außerordentlich gelungenen Refrain-Melodie. Gute Balladen werden nämlich immer seltener, wenn Metal- und/oder Rock-Bands sich (heutzutage) daran wagen. Dieser Zug ist der Band ausgezeichnet gelungen, und diese Ballade schließt das Album »Bound to the Witch« perfekt ab. Mück glänzt mit seinem verinnerlichten und verfeinerten Gespür. Er bleibt schlicht ein herausragender Vokalist.
Allen Fans des deutschen Old-School-Metals, die der Band irgendwann und vor langer Zeit den Rücken gekehrt haben oder sie schlicht nicht mehr ernst nahmen, empfehle ich, dem Album »Bound to the Witch« eine Chance zu geben – es könnte euch garantiert angenehm überraschen. Bleibt zu hoffen, dass die Band es auf die Bühnen schafft und auch Bayern besucht, damit wir ihre aktuelle Konzertform endlich wenigstens einmal unter die Lupe nehmen können.
Besetzung
Andy Mück – Gesang
Tobias Kipp – Gitarre
Volker Schmietow – Gitarre
Jürgen Wannenwetsch – Bassgitarre
Marc Oppold – Schlagzeug
Tracklist
1. Songs of Steel
2. Odin’s Ravens
3. The Choir of the Dead
4. Bound to the Witch
5. Arya
6. Stormwitch
7. Life Is Not a Dream
8. King George
9. Ancient Times
10. The Ghost of Mansfield Park
11. Nightingale