Angel’s Egg
Autor: Peter Podbrežnik
Künstler: Gong
Label: Virgin Records
Erscheinungsjahr: year
Spielzeit: 45:14
Bewertung: 4.5/5
»Angel’s Egg« – oder »Angels Egg«, wie der exzentrische Gong-Anführer Daevid Allen dieses ungewöhnliche Album bei seiner Veröffentlichung nannte – war der zweite Teil der berüchtigten Spacerock-Trilogie »Radio Gnome Invisible«. Allen, der damals auf den bizarren Namen Dingo Virgin hörte, hatte auf dem Vorgänger »Flying Teapot«, der im Mai 1973 erschien, das erste Kapitel der psychedelischen Gong-Mythologie geschrieben, die ihren künstlerischen Höhepunkt mit der »Radio Gnome Invisible«-Trilogie erlebte. »Angel’s Egg« war ein noch unterhaltsameres und klanglich vielfältigeres Werk als sein Vorgänger »Flying Teapot«, denn der Fuchs Allen hatte Gong damals eine außergewöhnliche Rhythmussektion beschert – in Gestalt des fidschianischen Bassisten Mike Howlett, der später mit der Band Strontium 90 den Weg zur Geburt der legendären The Police ebnete und anschließend die New-Wave-Szene der Achtziger entscheidend prägte, sowie des französischen Schlagzeugers Pierre Moerlen. Letzterer übernahm zwei Jahre später das Ruder der Band und führte später, nach Allens Rückkehr, seine eigene Jazz-Fusion-Version von Gong.
Allens Spacerock-Crew internationaler Musikgrößen, die auf »Angel’s Egg« starke Spuren hinterließ, wurde durch den englischen Gitarrenvirtuosen und wichtige Canterbury-Szene-Ikone Steve Hillage, den englischen Keyboard-Zauberer Tim Blake (später Hawkwind), den französischen Saxofonisten Didier Malherbe sowie die französische Perkussionistin Mirreille Bauer (später Art Zoyd) komplettiert. »Angel’s Egg« war das nächste Kapitel der Spacerock-Abenteuer des Antihelden namens Zero the Hero, der mit der fliegenden Teekanne und in Begleitung der guten Hexe Shakti Yoni – gespielt von Allens Gefährtin Gilli Smyth – den Planeten Gong erkundet, auf dem psychedelische Gnome mit grünen Mützen leben. Dass diverse berauschende Substanzen den kreativen Prozess dieses Werks beeinflusst haben, steht außer Frage – und einige Abschnitte einzelner Songs waren reines Mantra-Rezitieren mit bizarren Klängen der ‚guten Hexe‘ Yoni. In instrumentaler und arrangementtechnischer Hinsicht stellte das »Engelsei« dank der neuen, außergewöhnlich starken Rhythmussektion im Vergleich zum Vorgänger »Flying Teapot« einen Schritt vorwärts in der künstlerischen Evolution der Pioniere der sogenannten Canterbury-Szene dar.
Elemente des Jazz-Rock-Fusion drängten sich – vor allem dank Moerlen – allmählich in den Vordergrund, doch war »Angel’s Egg« stilistisch gesehen nach wie vor hauptsächlich ein Spacerock-Ausflug mit einer Menge psychedelischer ‚Séancen‘ und zahlreichen grotesken Klängen. Allen persönlich trat angesichts von Hillages immer wichtiger werdender Rolle als Gitarrist auf »Angel’s Egg« etwas in den Hintergrund, behielt aber dennoch die Hauptrolle als zentraler Sänger und Komponist, was man auf fast jedem Song spürte. Daevids eigenwilliger Sinn für Humor prägt die meisten Texte, die von Gesellschaftskritik und einigen erotischen Fantasien eines ausgelassenen ‚Onkelchens‘ mit komischer Erscheinung durchzogen sind.
»Other Side of the Sky«, das eröffnende und längste Stück auf »Angel’s Egg«, ist ein Spacerock-Epos mit einer langen, improvisatorischen Einleitung, in der Smyths bizarre Klänge, Allens psychedelische Mantra-Gesänge und Synthesizer-Experimente dominieren, während im weiteren Verlauf Hillages Gitarrenpassagen, Malherbes Saxofon-Spielereien und die eklektische Rhythmussektion die Initiative übernehmen. Allens schelmischer, aber melodischer Gesangsansatz, der erstmals auf »Sold to the Highest Buddah« zum Tragen kommt, sorgt für Klarheit in den einzelnen Teilen, während bunte psychedelische und jazzige Improvisationen für ständig kreisende interessante Ideen sorgen. Dazwischen finden sich auch kürzere, meist instrumentale Kompositionen wie »Castle in the Clouds«, wo vor allem Blake mit seinem Experimentieren am elektronisch gefärbten VCS3-Synthesizer freien Lauf lässt.
»Prostiute Poem« ist ein schönes Beispiel für ein völlig zugedröhntes Stück, in dem ein Saxofon-Arrangement mit starkem Anklang an französische Volksmusik im Vordergrund steht, während Hexe Yoni diesmal die Rolle einer schwer bekifften Prostituierten übernimmt. »Selene« ist ambient gehalten und eines der schöneren Stücke auf »Angel’s Egg«, während »Future Salad/Oily Way« dank seiner Flöten-Soli ein schönes Beispiel für Spacerock-Verspieltheit ist. Zu den anspruchsvolleren Stücken zählt das Instrumental »Inner Temple«, das ein anschauliches Beispiel für den klassischen Spacerock-Ansatz von Gong ist, der ihren Sound auch auf späteren Alben mit Allen noch zwei Jahrzehnte und mehr prägen sollte. »Love Is How You Make It« ist mit dem zarten Klang der Zimbeln und Allen in der Rolle des psychedelischen ‚Gartenzwergs‘ ein schönes Beispiel dafür, wie Moerlen schon damals begann, den Gong-Sound in einen perkussionsorientierten Jazz-Rock-Fusion zu verwandeln. Schade, dass sie keine weiteren ähnlichen Zusammenarbeiten mit Allen hatten.
»I Never Glid Before«, ein Gong-Klassiker und fester Bestandteil ihrer Konzerte, zeichnet sich durch ein verschmitztes Saxofon-Arrangement, intelligente Tempowechsel und Allens freche sängerische Lebhaftigkeit aus. In ähnlichem Stil präsentiert sich »Eat That Phone Book Coda«, wo es an Galgenhumor und improvisatorischem Wahnsinn nicht mangelt – dazu gehört auch das Lachen unsichtbarer Gnome –, während der CD-Bonussong »Ooby-Scooby Doomsday« mit militaristischen Rhythmen, einer ‚kaputten Trompete‘, vokalen Grollen und einem grandiosen Gitarrensolo zu einem der verrücktesten und witzigsten Experimente der gesamten Gong-Geschichte gehört. Der Bonussong, das geschmackvoll rearrangierte »Oily Way«, klingt mit seinem ordentlichen Jazz-Rock-Fusion-Stempel und dem melodischen Refrain im Vergleich zum Großteil des restlichen »Angel’s Egg«-Materials schon fast kommerziell.
»Angel’s Egg«, das Herzstück der »Radio Gnome Invisible«-Trilogie, war einer der Schlüsselmomente in der Gong-Geschichte, als Allens musikalische Crew auf dem Höhepunkt ihrer kreativen Kräfte war und die verrückten Ideen wie von selbst kamen. Schon bei seiner Veröffentlichung hatte »Angel’s Egg« einen wichtigen Einfluss auf die Spacerock-Szene, die damals – auch dank Hawkwind – für ein nicht-traditionelles, etwas weniger anspruchsvolles Publikum immer interessanter wurde. Damit war die künstlerische Evolution dieser ‚Weltraum-Hippies‘ unter der Führung des exzentrischsten australischen Musikers seiner Zeit aber noch nicht abgeschlossen. Die »Radio Gnome Invisible«-Trilogie fand ihren Abschluss mit »You« (1974), einem Progressive-Rock-Meisterwerk, das bis heute den Höhepunkt von Allens Gong darstellt.
Besetzung
Daevid Allen – Gesang, Gitarre
Gilli Smyth – Weltraum-Geflüster
Steve Hillage – Gitarre
Tim Blake – VCS3-Synthesizer, Hintergrundgesang
Didier Malherbe – Tenor- und Sopransaxofon, Flöte, Hintergrundgesang
Mike Howlett – Bassgitarre
Pierre Moerlen – Schlagzeug, Perkussion
Mireille Bauer – Glockenspiel
Produktion
Gong und Giorgio Gomelsky
Trackliste
1. Other Side of the Sky (7:40)
2. Sold on the Highest Buddha (4:25)
3. Castle in the Clouds (1:09)
4. Prostitute Poem (4:52)
5. Givin‘ My Love to You (0:43)
6. Selene (2:09)
7. Flute Salad (2:09)
8. Oily Way (3:37)
9. Outer Temple (1:09)
10. Inner Temple (2:34)
11. Percolations (0:46)
12. Love is How You Make It (3:27)
13. I Never Glid Before (5:36)
14. Eat that Phonebook Coda (3:12)