The End of an Ear

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Autor: Peter Podbrežnik

Künstler: Wyatt, Robert
Label: CBS
Erscheinungsjahr: year
Laufzeit: 46:69
Bewertung: 4/5

Der kultische englische Musiker Robert Wyatt begann seine turbulente und vielschichtige Solokarriere noch als Mitglied der Progressive-Rock-Ikonen Soft Machine. Sein Debüt »The End of an Ear« entstand in einer Phase, in der Soft Machine eine kreative Pause einlegten und Wyatt ein neues Ventil für seine wilden musikalischen Fantasien brauchte. »The End of an Ear« war ein ziemlich experimentelles Projekt mit einer gehörigen Portion Free Jazz und Avantgarde, und statt Texten enthielt es Wyatts Vokalimprovisationen, die häufig an das Mantrieren eines keltischen Druiden erinnern und die letztlich zu einem seiner Markenzeichen wurden. In jeder Hinsicht war das ein völlig anderes Werk als seine späteren Alben, und selbst für Fans von Soft Machine, die als Band damals bereits in ihre experimentellste Phase eingetreten waren, stellte es eine ziemlich anspruchsvolle Hörkost dar.

Was Anspruch und Komplexität der Kompositionsstrukturen in der Welt der Rockmusik betrifft, sind mit »The End of an Ear« nur noch die frühen Alben von Frank Zappa und einige Ausflüge der späteren Avantgarde-RIO-Szene vergleichbar. Man könnte sagen, dass »The End of an Ear« einer der ersten Vorboten der RIO-Szene war. Von Rock ist auf diesem Werk eigentlich kaum eine Spur zu finden, abgesehen vielleicht vom typischen Hammond-Orgel-Sound, der für viele Rockbands zu Beginn der Siebziger so charakteristisch war. Dissonante Vocals, bizarre Improvisationen und Effekte, gebrochene Rhythmen und chaotische Bläserarrangements prägen den Großteil der Stücke auf diesem Werk. Auch von einem Fan eklektischer Musik verlangen sie einige Geduld, doch mit der Zeit offenbart sich die atmosphärische Brillanz der meisten Stücke von »The End of an Ear«, die überwiegend äußerst düster klingen, ohne dabei deprimierend zu wirken.

Wyatt, der neben den avantgardistischen Vokalimprovisationen auch für Schlagzeug und Keyboards zuständig war, wurde unter anderem von seinem Soft Machine-Kumpel Elton Dean am Altsaxofon, Mark Charig am Kornett (vor allem bekannt durch seine Zusammenarbeit mit King Crimson) und Dave Sinclair (Caravan) unterstützt, der später Mitglied von Roberts kurzlebiger Gruppe Matching Mole wurde.

Die eröffnende und die abschließende Free-Jazz-Orgie sind Arrangements der zweiteiligen Komposition »Las Vegas Tango«, die ursprünglich Gil Evans gehört. Wer es schafft, sich durch das genannte Evans-Arrangement durchzukämpfen, wird nach und nach auch die übrigen Stücke des Albums ins Herz schließen, wie den chaotischen Free-Jazz-Eintopf »To Mark Everywhere«, der Roberts Halbbruder Mark Ellidge gewidmet ist. Die meisten Stücke des Albums tragen im Titel eine Widmung an Wyatts Freunde oder musikalische Wegbegleiter.

»To Saintly Bridget« enthält neben bizarren Bläserwindungen im Hintergrund auch Pfeifereien und vermittelt zeitweise den Eindruck, als würde der überzeugte Sozialist Wyatt die ganze Welt auf den Arm nehmen. Sein bizarr-humorvoller Sinn für musikalische Komposition zeigt sich auch auf »To Oz Alian Daevyd and Gilly«, der nächsten durchgedrehten Station des Freejazz-Trips. Seine Freundschaft mit den Gong-‚Hits‘ sollte Robert teuer zu stehen kommen, obwohl die beiden natürlich keine Schuld daran trugen, dass er 1973 auf Gilli Smyths Geburtstagsparty mitten in einem alkoholischen Schwindel aus dem Fenster des vierten Stockwerks fiel.

Roberts faszinierende Schlagzeugkünste kommen vielleicht am deutlichsten auf »To Nick Everyone« zum Vorschein, wo er beim Improvisieren, umgeben von grotesken Bläserausbrüchen, an seinem Drum-Setup irgendwann völlig ‚durchdreht‘. Zu den interessantesten und, sagen wir mal, etwas zugänglicheren Unternehmungen auf »The End of an Ear« gehört auch »To Caravan and Brother Jim«, das Roberts Freunden aus der Kultgruppe Caravan sowie ihrem langjährigen Mitstreiter und Gelegenheitsmitglied Jimmy Hastings gewidmet ist.

Selbst in der abenteuerlustigen Welt des Progressive Rock gibt es nur wenige Werke, die sich in Komplexität und Avantgardismus mit einem Album wie Wyatts Freejazz-Debüt »The End of an Ear« messen können. Auch bei seiner Veröffentlichung verlangte es selbst von den an alles Ungewöhnliche gewöhnten Soft Machine-Fans eine doppelte Dosis Aufmerksamkeit und Geduld, doch das wurde am Ende reich belohnt, denn das Album bringt bei jedem erneuten Hören etwas Neues mit sich und enthüllt zuvor noch ungehörte Klangdetails. Dennoch sei jenen ‚zarten Seelen‘, die keinen Magen für Free Jazz als Einstiegspunkt in Wyatts Solokarriere haben, eher einer seiner späteren Studioausflüge empfohlen. Robert entfernte sich, wie bereits erwähnt, später von der Welt des Free Jazz und entwickelte bereits auf seinem nächsten Soloalbum »Rock Bottom« (1974), das er nach der Auflösung von Matching Mole und nach dem tragischen Unfall, der ihn zum Invaliden machte, erschuf, einen ganz eigenen Ansatz mit zahlreichen Einflüssen der Canterbury-Szene des Progressive Rock.

https://www.youtube.com/watch?v=mlcrB1K9PII

Besetzung

Robert Wyatt – Vokalisationen, Schlagzeug, Klavier, Orgel, Keyboards, Mundharmonika

GASTMUSIKER:
Mark Ellidge – Klavier
David Sinclair – Orgel
Mark Charig – Kornett
Elton Dean – Altsaxofon
Neville Whitehead – Bassgitarre
Cyrille Ayers – Perkussion

Produktion

Robert Wyatt

Trackliste

1. Las Vegas Tango Part 1 (Repeat) (8:13)
2. To Mark Everywhere (2:26)
3. To Saintly Bridget (2:22)
4. To Oz Alian Daevid and Gilly (2:09)
5. To Nick Everyone (9:15)
6. To Caravan and Brother Jim (5:22)
7. To the Old World (Thank You for the Use of Your Body, Goodbye) (3:18)
8. To Carla Marsha and Caroline (For Making Everything Beautifuller) (2:47)
9. Las Vegas Tango Part 1 (11:07)

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