Bruce Dickinson: The Chemical Wedding

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Erscheinungsdatum: 14.07.1998
Label: Sanctuary
Produktion: Roy Z
Bewertung: 10 / 10

»The Chemical Wedding«, das fünfte Soloalbum des langjährigen Iron Maiden-Sängers Bruce Dickinson, inspiriert von der Persönlichkeit und dem Werk des englischen Dichters und Malers William Blake, war sein größtes Meisterwerk und zählt bis heute zur Elite der Metal-Alben aus der zweiten Hälfte der Neunziger. Darauf baute Dickinson die siegreiche Klangformel des Vorgängeralbums »Accident of Birth« (1997) weiter aus und verfeinerte sie – mit jenem Album hatte er sich mithilfe seines alten Iron Maiden-Kumpels, Gitarren-As Adrian Smith, zurück zum Heavy Metal und zu okkultistischen Texten vorgearbeitet, also zu genau dem, was er schon immer am besten konnte.

Das siegreiche Songwriter- und Arrangeur-Gespann Dickinson/Smith wurde durch Bruces ‚alten Bekannten‘, den renommierten Gitarristen und Produzenten Roy Z, ergänzt, der mit seinem spezifischen, düsteren und geheimnisvollen Gitarrensound sowie einer außergewöhnlichen Produktion eine Schlüsselrolle dabei spielte, dass »The Chemical Wedding« zum Meilenstein von Bruces Solokarriere wurde. Gemeinsam mit Smith, der überraschenderweise als Komponist nur bei »The Killing Floor« mitwirkte, waren sie die maßgeblichen Schöpfer der dunklen Gitarrenharmonien, die auf dem Album im Überfluss vorhanden sind.

Die meisten Texte auf »The Chemical Wedding«, das in vielerlei Hinsicht ein Konzeptprojekt war, schöpften aus Blakes mystisch-okkultistischer Poesie und seinen ekstatischen Visionen von Hölle und Paradies, aber auch aus verschiedenen biblischen Begebenheiten, Tarot-Karten und freimaurerischer Mystik. Blakes malerische Meisterwerke wurden ebenfalls für das Cover von »The Chemical Wedding« und den Inhalt des Booklets verwendet. Blakes berühmtes Gemälde ‚Geist des Flohs‘, inspiriert von der biblischen Geschichte der Begegnung zwischen Hiob und dem Teufel, der Hiob mit zahlreichen Krankheiten strafte, um seine Treue zu Gott auf die Probe zu stellen, verwendeten die obskuren britischen Prog-Rocker Gilgamesh vor genau dreißig Jahren für das Cover ihrer zweiten Platte.

Der Eröffnungsknaller »King in Crimson«, der die düstere, geheimnisvolle und zeitweise ätherische Atmosphäre vorstellt, die das gesamte Album durchzieht, enthält einen triumphalen Refrain sowie ein episches Gitarrensolo. Dickinson hat seine Begeisterung für Progressive Rock nie verhehlt, und hier geht es nicht nur um einen in einen scharlachroten Umhang gekleideten Christus oder um eines der trügerischen Erscheinungsbilder des Antichristen, sondern um ein Wortspiel, das wohl auch Bruces Verbeugung vor der legendären Prog-Rock-Gruppe King Crimson ist. Der Titeltrack mit seiner apokalyptischen Atmosphäre, dem epischen Refrain und dem spezifischen, äußerst obskuren Gitarrensound gehört zu den düstersten und geheimnisvollsten Momenten des gesamten Albums – hier begeistert Dickinson erneut als außergewöhnlicher Vokal-Geschichtenerzähler und Schöpfer unglaublicher Dramatik.

Das von Tarot-Karten inspirierte »The Tower«, bei dem sich Bruce auf einen vokalen Spaziergang durch einen geheimnisvollen, alchemistischen Turm begibt und für das auch ein eindrucksvolles Video gedreht wurde, gehört mit seinem mächtigen Refrain und der aufgewühlten Dramatik zu den Höhepunkten von »The Chemical Wedding«. Die Gitarren-Vokalharmonien im Mittelteil erinnern fast schon dreist an Iron Maiden. Der höllisch aufgeheizte, von einem (quasi)satanistischen Text durchdrungene Energie-Katalysator »The Killing Floor« enthielt ein weiteres brillantes Smith-Solo, während die größte positive Überraschung ein unerwarteter kurzer Übergang in eine sakrale Sektion mit barocken Arrangements und mächtigen Vokalharmonien darstellte.

»Book of Thel«, bei dem auch Bassist Eddie Casillas seinen kompositorischen Stempel hinterließ, war ein Prog-Metal-Experiment mit außergewöhnlicher Atmosphäre. Den akustisch ausgerichteten Einstieg mit nostalgischen Gitarrenpassagen verdrängt schnell ein Metal-Marsch mit kompromisslosen Schlagzeug-Crashes unter der Regie von Dave Ingraham, während Bruce erneut in seinem besten vokalen ‚Element‘ ist – was besonders für den brillanten Refrain gilt. Auf dem Album trat auf drei Songs auch ein Gaststar auf, der als Sprecher ausgewählter Verse aus Blakes Dichtung fungierte: die Progressive-Rock-Legende und ‚Gott des Höllenfeuers‘ Arthur Brown. »Gates of Urizen«, gewidmet Blakes geheimnisvoller Gottheit Urizen, die den meisten christlichen Darstellungen Gottes ungewöhnlich ähnelte, enthielt eine langsame Steigerung der geheimnisvollen Atmosphäre sowie Roy Zs charakteristisches Gitarrensolo mit einem Hauch lateinamerikanischer Melodie, das ein wenig an einige Werke seiner Band Tribe of Gypsies erinnert. Bei »Jerusalem«, einem höchst interessanten Hybrid aus einer mit Folk-Elementen durchdrungenen, akustisch ausgerichteten Power-Ballade und einem Metal-Katalysator mit epischen Gitarrenpassagen sowie einem Text aus Blakes gleichnamigem Gedicht – einer der inoffiziellen englischen Hymnen, die Emerson, Lake & Palmer der Rockwelt bereits im Jahr 1973 vorstellten –, lässt Bruce stimmlich noch einmal alles raus und erreicht einige außergewöhnliche Effekte.

Bei »The Trumpets of Jericho«, wo Bruce in den Lyrics die biblische Geschichte vom Fall der ersten ummauerten Stadt Jericho auf seine eigene Art umformte – in seiner Version schaffen es die Trompeten nicht, die mächtige Mauer zum Einsturz zu bringen –, dominieren ein höllisches Riff und ungeduldige Schlagzeug-Crashes, während der Übergang in den epischen Refrain schlicht genial ausfällt. Das düster-apokalyptische »Machine Men« begeistert ebenfalls mit einem brillanten, epischen Refrain, der in vollkommenem Kontrast zur vorherrschenden obskuren Atmosphäre steht. Den Höhepunkt des Albums bildet das epische Offenbarungsstück »The Alchemist«, wo nach einem ambienten, äußerst intensiven und experimentell gefärbten Intro im abschließenden Teil noch einmal der triumphale Refrain des Titelklassikers erscheint und alles in einem mächtigen Klimax gipfelt. Nach einer zweiminütigen Pause meldet sich mit dem Rezital einer mystischen Blake-Vision der charismatische ‚Onkelchen‘ Brown ein letztes Mal zu Wort.

»The Chemical Wedding«, das unter Dickinsons Anhängern den schelmischen Spitznamen ‚bestes Iron Maiden-Album nach »Seventh Son of a Seventh Son« (1988)‘ bekommen hat, war schon bei seiner Veröffentlichung ein wahres Metal-Meisterwerk und hat mit den Jahren nur noch an Kultstatus gewonnen. Es ist durchaus schade, dass Dickinson in den folgenden zwanzig Jahren keinen so ambitionierten Soloausflug mehr unternahm – aber dafür hatte er nach seiner Rückkehr zu Iron Maiden im Jahr 1999 eigentlich auch keinen wirklichen Grund. Iron Maiden-Chef Steve Harris schluckte nämlich beim Erscheinen von »The Chemical Wedding«, das die damalige Besetzung der ‚Eisernen Jungfrauen‘ völlig in den Schatten stellte – die sich nach dem relativ durchschnittlichen Album »Virtual XI« (1998) in einer ziemlichen Krise befand – seinen Stolz hinunter und rief Bruce an, ob er nicht zurück in die ‚alte Herde‘ kommen wolle. Dickinsons einzige Bedingung für seine Rückkehr war, dass auch Smith zur Band zurückkehrt. Seitdem hat Bruce nur noch ein Soloalbum veröffentlicht, »Tyranny of Souls« (2005), das jedoch keineswegs die Qualität von »The Chemical Wedding« erreichte.

Autor: Peter Podbrežnik


Trackliste:
1. King in Crimson (04:43)
2. Chemical Wedding (04:06)
3. The Tower (04:45)
4. Killing Floor (04:30)
5. Book of Thel (08:14)
6. Gates of Urizen (04:25)
7. Jerusalem (06:43)
8. Trumpets of Jericho (05:59)
9. Machine Men (05:41)
10. The Alchemist (05:59)

Musiker:
Bruce Dickinson – Gesang
Adrian Smith – Gitarre, Keyboards, Hintergrundgesang
Roy Z – Gitarre, Keyboards, Hintergrundgesang
Eddie Casillas – Bass
Dave Ingraham – Schlagzeug

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