Let 3: Two Dogs Fucking
Label: Dallas Records (Originalveröffentlichung Helidon)
Jahr der Vinyl-Neuauflage: 2023
Produktion: Goran Lisica Fox (Remastering 2009: Matej Zec und Igor Sušanj)
Albumlänge: 38.10 Min.
Genre: Alternative Rock
Bewertung: 9.0/10
Es war einmal, als die Siebziger sich langsam in die Achtziger verwandelten. Es war der New Wave aus Rijeka. Eine Band entstand: Let 2. Sie entstand, als die beiden Hauptakteure der Geschichte und zentralen Kreativköpfe Zoran Prodanovič (Prlja) und Damir Martinović (Mrle) beschlossen, ihre kreativen Kräfte zu bündeln. Ersterer hatte zuvor bei Umjetnici ulice mitgewirkt, Letzterer bei Termiti. Nach einigen Monaten benannten sich Let 2 in Let 3 um, und die Achtziger hatten gerade ihre zweite Hälfte erreicht.
Das Debüt »Two Dogs Fucking« ist heute ein Klassiker. Das grundlegende Werk der Formation Let 3. Für viele sogar das beste Werk von Let 3. Sagen wir es präziser: Es bleibt noch heute für viele das meistgeschätzte Werk der Band. Es war 1989, als es erschien (aufgenommen wurde es in Laibach zwischen Juni und Dezember 1988). Und es waren analoge Zeiten. Zeiten, in denen unser Raum dem Entwicklungstempo des „ganzen Krams“, den der Aufschwung der Aufnahmetechnologie und der Produktionstricks auf globaler Ebene mit sich brachte, (noch glücklicherweise) hinterherhumpelte. Das Album entstand also in einem Raum, der seit jeher den echten Schrei des Widerstands bewahrt hat. Ein Schrei, der Tabus bricht! Mit sprühender Schärfe expressiven Witzes, der sich seit jeher auf seine eigene Art manifestiert. Im Einklang mit der geografischen Herkunft. Einzigartig. Das Album erschien also 1989 und verträgt die Neuerungen, die die Produktionsstandards jener Zeit auf globaler Ebene definierten, sehr schlecht. Es verträgt sie im Grunde nicht, absorbiert sie nicht. Auf diesem Album ist es viel leichter, eine direkte Verbindung zur Wurzel der New Wave aus Rijeka zu finden, auch wenn wir gleichzeitig von einer klaren künstlerischen Abkehr in die Sphäre einer neuen kreativen Dimension sprechen. Von der Geburt einer neuen Geschichte, einer neuen künstlerisch-kreativen Sphäre.
Die Vinyl-Neuauflage von 2023 ist ein echter Pflaster auf die Wunden für alle, die das Helidon-Original nicht besitzen und sich mit der klanglichen Information der CD-Neuauflage dieses Albums von 2009 nicht abfinden können – auch wenn die Vinyl-Neuauflage das Remaster-Audio von 2009 beibehält, das Matej Zec und Igor Sušanj angefertigt haben. Vinyl ist halt Vinyl. Es gibt keinen süßeren Klang. Beide Seiten des Albums öffnen sich rudimentär, und das Album packt einen sofort. Es bewahrt die Lebendigkeit, die Organik und den echten Widerhall der Zeiten, in denen es entstand, und so seine Verkörperung auf dem Aufnahmeband erlebte. Seite A öffnet sich anschaulich. Mit drei Tracks, die bis heute feste Begleiter des Konzertrepertoires der Band sind. Sam u vodi verinnerlicht am stärksten die Post-Punk-Momente, die in den Achtzigern aktuell waren. Treibende Basslinien, Oszillationen der Gitarrenmikrofonie füllen den Hintergrund des Klangbildes, ein desillusionierter Gesang im Zentrum. Wie ein Rijeka-Echo weit entfernter The Mission und The Sisters Of Mercy. Und der Track geht „in den Fade-out“. Ne trebam te, ein weiterer ewiger Konzertfavorit, bringt die Dinge in Richtung klassischer Punk-Abrasivität zurück und reflektiert intensiver die Wurzel der New Wave aus Rijeka.
Das Debüt greift nach klanglichem Experimentieren, was ihm im Arrangement ein Unikat der musikalischen Akte verleiht. Zu den schleifenden Gitarren gesellt sich ein Saxofon, das im Klangbild klar hervorgehoben ist. Bei U rupi od smole klammern sich Let 3 noch radikaler an den Ursprung des Punk aus Rijeka. Interessant ist dabei, wie sie zusätzliche Gitarren beim Kontrastieren der Klanglandschaft einsetzten. Geschickt, konzis und präzise. Neben der destruktiven Darbietung der Poesie von Zoran Prodanovič ist diese Verdichtung mehrerer Gitarrenlinien ein wichtiges Element, das die expressive Reichweite der Poesie intensiviert. Destruktive Psychedelie bis in alle Extreme, mit einem Crescendo im Finale.
Es folgt die Beruhigung der A-Seite mit Armada, einem Track, der den Fans des Fußballklubs Rijeka gewidmet ist. Die rhythmischen Strukturen sagen darüber alles. Poesie braucht hier niemand. Die Rock’n’Roll-Rauheit des Phasings wechselt sich ab mit Ausbrüchen tribaler Rhythmen, während das Chaos des vokalen Affens und Brüllens als zusätzliche Instrumente ansprechen! Und da ist dieser stichelnde Gag Ciklama, der in späteren Ären zahlreiche Inkarnationen erlebt hat. Studio- und Konzertinkarnationen (noch 2025 auf dem Album »RKTRD NDRD«). Mit einer Banalität, die sich kaum in Worte fassen lässt. Hauptsache, es sticht.
Die B-Seite des Albums öffnet sich kraftvoll. Mit einem weiteren legendären Konzertfavoriten – Izgubljeni –, der jeden Let 3-Konzert in jeder Ära des Schaffens definieren muss. »Two dogs fucking« hebt sich stürmisch empor mit einem Track, der auf dem Album erschüttert wie kein anderer. Er lässt das Blut durch die Adern schießen. Ein Track, der punkig-dreckig dröhnt, musikalische Eingängigkeit jagt und auf dem hohen Wellengang einer verinnerlichten Rock’n’Roll-Rally-Haltung dahinrast. Mit jenem Refrain »1, 2, 3, 4,…Izgubljeni!!!«, den wir alle auswendig kennen. Zora bringt auf dem Album eine interessante künstlerische Abweichung. Mit einer experimentellen Haltung, bei der Gitarrenlinien (sogar „Arabesken“ sind eingebaut) eine bewusst dissonante Natur im Kontrast zur donnernden Vokalverkündigung erzeugen. Treibende Basslinien sind ein integrales Element des Arrangements von Niotkuda. Vor allem der übergängliche „Lick“. Die destruktive Haltung an der Spitze, mit Poesie und der Art der dargebotenen Verse, ist außergewöhnlich. Einen ruhigen Ausgang bringt das abschließende Veliki dan. Äußerst bizarr karikiert (das schreibe ich ohne den Konsum von „Gras-Keksen“) – als hättest du dem jungen Nick Cave einen The Beatles-Track Tomorrow Never Knows in die Hand gegeben und ihm gesagt, er soll daraus etwas machen. Die absolute experimentelle Album-Abweichung (eingebaut ist auch eine Klangverzerrung, die das Summen einer Fliege evoziert). Dieser Track deutet an, dass die Vision von Martinović und Prodanovič mehr umfasste, als was uns der künstlerische Horizont des Inhalts dieses mutigen Debüts erschließt – das heute als kultiger Klassiker des Alternative Rock unserer Region gilt.
»Two Dogs Fucking« ist und bleibt ein sehr qualitativ hochwertiges Album. Stark sowohl in Bezug auf die scharfsinnige Poesie als auch auf die Ideen selbst, die die Kompositionen definieren. Ein Rock’n’Roll-Unikat, das den Test der Zeit bestanden hat. Nicht zuletzt beweist das auch das Konzertrepertoire, in dem Let 3 noch heute mindestens die Hälfte seines Materials spielen, das ihr Konzertpublikum stets von Grund auf in den Wahnsinn treibt. Der Fokus des Teams, das das Debüt aufnahm, strahlt zügellose Leidenschaft, Herzlichkeit und Fokus aus. Die künstlerische Kompassnadel hat bei Let 3 auf dem Debüt eine feste Richtung eingeschlagen! Den Rest machten Geschichte und Evolution!
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
Seite A
1. Sam u vodi
2. Ne trebam te
3. U rupi od smole
4. Armada
5. Ciklama
Seite B
1. Izgubljeni
2. Zora
3. Niotkuda
4. Veliki dan
Besetzung:
Damir Martinović-Mrle – E-Bass, Gesang, Metallvogel, Kugeln
Zoran Prodanović-Prlja – Gesang
Ivica Dražić-Miki – Gitarre, Gesang
Nenad Tubin-Tubin – Schlagzeug, Gesang
Igor Perković-Gigi – Gitarre
Gastmusiker:
Raoul Valjen – Synthesizer (Tracks A1, A4 und B4)
Igor Leonardi – Gitarre (Tracks A1, A3 und B2)
Mario Marolt – Saxofon (Track A2)
Dalibor Laginja – Gitarre (Track A4)
Igor Karlić – Akustikgitarre (Track A4)
Siniša Banović – Perkussion (Track A4)
Martin Lumbar – Sitar, Flöte (Track B4)
Nina Cacadou – Backgroundgesang (Track B2)
Tanja Cacadou – Backgroundgesang (Track B4)
