Die großen 50 für Iron Maiden in Prag (2025)

foto: EDITA KLEMEN 2025
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Iron Maiden (Vorband: Halestorm)
Prag / Letiště Praha Letňany / Tschechische Republik
Samstag, 31. 5. 2025, von 18.40 Uhr bis 22.00 Uhr


Die Jahre kommen. Nun ja, und sie gehen auch. Das passiert leise. Das, nennen wir es mal so, Altern. Und ziemlich schnell. Die Jahre haben viele einflussreiche Bands eingeholt, die in den Siebzigern angefangen haben. Keine Ausnahme sind auch Iron Maiden, die diesem Phänomen ebenfalls nicht entgehen können. Auf der Tournee, auf der sie ihr erstes 50-jähriges Bestehen feiern, sind die Maiden nach zwei Jahren wieder auf europäischen Bühnen unterwegs. Die Tournee „Run For Your Lives“ (eine Zeile aus Run To the Hills, das im Repertoire natürlich nicht fehlte) versprach eine wirklich old-school-Setlist. Mit Songs ausschließlich aus den ersten acht Alben. Also aus allem, was sie zwischen 1980 und 1992 aufgenommen und veröffentlicht haben.

Das Konzert in Prag war das dritte auf dem Programm der neuen Tournee. Hatten sie vor zwei Jahren in Prag zwei Konzerte hintereinander gespielt und dabei insgesamt 45.000 Tickets verkauft, entschieden sich die Veranstalter diesmal, das Konzert auf einem Open-Air-Gelände zu veranstalten, das ebenfalls ausverkauft war. Satte 60.000 Besucher drängten sich dort! Und ihr wisst, wie das ist. Das ist ein besonderes Fest. Menschenströme wogen und brausen schäumend von allen Seiten. U-Bahn, Busse, Straßenbahnen,… wahnsinnig. Mindestens sechs offizielle Merchandise-Stände habe ich gezählt, und die Leute standen in hunderte Meter langen Schlangen für T-Shirts. Und das Merch war auch nach dem Konzert nicht ausverkauft. In dieser Zeit reihten wir uns tatsächlich selbst in eine solche Schlangen-Kolonne ein. Wenn man sich denkt: „Vielleicht ist das mein letztes Maiden-Konzert, dann kauf ich mir ein letztes Mal noch ein T-Shirt. Mit einem old-school-Maiden-Motiv.“ Direkt in der entgegengesetzten Richtung stand die Bühne, etwa einen halben Kilometer entfernt, und genau zwanzig Minuten vor sieben donnerten dort die amerikanischen Rocker Halestorm mit der unglaublichen Sängerin Lzzy Hale los. Halestorm sind eine Klasse für sich. Auf ihren Headliner-Tourneen füllen sie problemlos Hallen mit Tausenden von Besuchern. Die November-Termine sind bereits draußen. Die Band steht kurz vor der Veröffentlichung ihres neuen Albums, und in den 45 verfügbaren Minuten spielten Halestorm mehr als die Hälfte eines Sets, das dem neuen Werk „Everest“ gewidmet war, das im August erscheint. Ein sehr mutiger Schachzug, denn das ist ein etwas anderes Album als die bisherigen. Sehr persönlich. Introspektiv. Deshalb haben sich die Jungs und das Mädel dabei mehr Experimente erlaubt und Dinge ausprobiert, die sie beim Komponieren noch nie versucht haben. Das Publikum hörte also einige Songs zum allerersten Mal, und ich muss zugeben, dass auch ich selbst nicht wenig überrascht war von dem, was ich hörte. Besonders mitgerissen hat der Song Rain Your Blood On Me, bei dem die Bühne vollständig Lzzy Hale gehörte. Die Dame hat wieder alle Ketten gesprengt und eine unglaubliche Gesangsdarbietung hingelegt, die einem buchstäblich die Haut abzieht. Den Rest der Setlist würzte die Band mit Hits vom erfolgreichsten Album „The Strange Case Of…“ (Freak Like Me, I Miss the Misery und Love Bites (So Do I)). Halestorm bleiben phänomenal. Die Form ist lebendig. Sie sind auf dem Zenit ihrer Bühnenfähigkeiten. Und trotzdem: Jede Minute des Konzerts war für die meisten an diesem Abend eher Beiwerk. Wir alle warteten auf eine einzige Sache. Dass Iron Maiden auf der Bühne erscheinen.

Diese Tournee ist besonders. Sie ist eine Jubiläumstournee, und besonders ist sie noch aus einem anderen Grund. Die Crew hat beim Konzert den neuen Schlagzeuger Simon Dawson vorgestellt, Harrisons Kollegen bei British Lion. Der Typ war also gewissermaßen das Haupträtsel dieses Konzerts. Mit dem Abgang von McBrain haben Iron Maiden für immer etwas von ihrer elementaren DNA verloren, und die Dinge werden nie mehr so sein, wie sie einmal waren. Damit muss man sich eben abfinden. Auf Dawson kommen wir noch zurück.

Der Opener war schließlich wirklich eine Hommage an die allerersten Anfänge der Band. An das Album „Killers“, dem bald das gleichnamige Debüt folgte. Die riesigen Projektionsleinwände haben technologisch unglaublich aufgeholt. Die Auflösung ist phänomenal geworden. Die 3D-Effekte werden unglaublich. Auch bei den bekennenden Konservativen, als die Maiden definitiv gelten. In visueller Hinsicht setzt das neueste Iron-Maiden-Spektakel deshalb einen besonderen Stempel. Die neue Tournee funktioniert in dieser Hinsicht deutlich besser als die vorherige. Dabei liegen dazwischen nur zwei Jahre.

Das vorproduzierte Intro mit The Ides Of March geht über in den Einstieg der „Killers“-Klassikerin Murders In The Rue Morgue, und die Band explodiert als Einheit auf der Bühne erst mit dem ersten Wort des ersten Verses des Songs. Dann kommt der erwartete Wrathchild, und dahinter das irre Killers. Die Band leistete sich zu Beginn keinen Patzer, nur in Killers wollte gegen Ende einer der Gitarristen noch eine weitere Wiederholung der Hauptphrase einsteigen, hat aber schnell den unerwünschten Ton „abgewürgt“, und die Sache hat nicht wesentlich gestört. Was bei dieser Maiden-Tournee auffällt, ist das deutlich höhere Niveau der Abstimmung. Der Eingespielheit. In dieser Hinsicht lohnt es sich für die Band diesmal wirklich, über die Veröffentlichung eines neuen Konzertdokuments nachzudenken. Vielleicht ist das Zünglein an der Waage dabei genau die Integration von Dawson. Aber der Reihe nach. Die zweite Sache ist der ausgezeichnete Sound. Normalerweise hat man bei Maiden-Konzerten bis zum fünften, sechsten Song gewartet, bis die Techniker den Sound ordentlich hingebogen haben. Diesmal: ausgezeichnet! Von der ersten bis zur letzten Sekunde des Konzerts.

Und dann ist da Dawson. Harris wollte keinen Nicko-Klon, und Dawson ist ein anderer Schlagzeuger. Er spielt anders. Nicht wesentlich, denn zu sehr anders darf es nicht sein. Aber man hört es. Eine andere Energie, eine andere DNA. Vor allem die Übergänge in den Klassikern der frühen Ära, u.a. auch im fantastischen Phantom Of The Opera, alle Killers- und The Number of the Beast-Songs. Er besitzt genau so viele Drums, wie er braucht. Das galt auch für McBrain. Nun, Dawson ist aber beim Konzert stets sichtbar. Immer dann, wenn der Blick am Iron-Maiden-Drumset hängenbleibt. Nicko war hinter dem Schlagzeug völlig verborgen. Nicht mal ein offizieller Fotopass hat da geholfen. Dawson ist aber in Sachen Rationalisierung und im Vergleich zu seinem berühmten Vorgänger ein echter „Zwerg“. Das Set ist mehr als halb so klein wie die einstige McBrain-Festung. Auf der anderen Seite ist das Wesentliche, dass Simon genau so trommelt, wie es zum Rest des Sextetts passt. Also? Ausgezeichnet. Patzer gibt es folglich kaum oder gar nicht, und auch der Einsatz von Explosivität und Wirbel ist mehr als spürbar und funktioniert ausgezeichnet. Deshalb fiel es der Band bei der Repertoire-Wahl der neuen Tournee auch leichter, einige wirklich beste Songs wieder zu integrieren, die sie in ihrer Karriere komponiert hat und die die Fans besonders schätzen, u.a. Powerslave, Rime Of The Ancient Mariner und natürlich das i-Tüpfelchen aller Epen: Seventh Son of A Seventh Son. Dass man an einem Abend sowohl Rime als auch 7th Son hören würde? Unvorstellbar. Aber auch das haben wir erlebt und erleben dürfen! Dawson hat seine Rolle in jeder Hinsicht gerechtfertigt. Aber Achtung: Er ist kein Nicko-Klon, und für Puristen werden manche von Simons Übergängen, die er doch ein wenig nach seiner eigenen Art spielt (verglichen mit Nickos Stil, der sich seit Jahren in die Ohren eingegraben hat), eben störend sein.

Dickinson hat ausgezeichnet gesungen. Sein Theater hat er noch weiter verfeinert. Die Bühne ist dabei komplett aufgefrischt. Mit Bühnenkulissen. Und das ist Bruces Spielwiese. Eine Figur mit Charisma, das wirklich essenziell und einzigartig ist. Hier ist er zu Hause. Neben der ausgezeichneten Darbietung verblüffte er erneut mit der Manifestation seiner Energie und Kraft, mit der er die Herzen der 60.000-köpfigen Menge füllte. Die unglaubliche Energie, mit der die Band die Massen hochriss, löste automatisch Gänsehaut aus! Und ja. Das galt auch für uns, die wir etwa 400 m von der Bühne entfernt standen. Und genossen. Alle sangen mit. Vorne, hinten, links und rechts. Hände in der Luft. Ich gebe zu: Sogar mehr als bei der vorherigen Tournee. Die Soli saßen perfekt. Alle drei Gitarristen. Und Bruce bleibt ein Lausbub, auch was das obligatorische Plappermaul angeht. Beim ersten „Oh“-Einsatz des Publikums während The Trooper hat er die Menge angeblafft: „Ahhh, you are useless!“ Typisch Bruce. So muss es sein und so soll es bleiben.

Das Konzert verging verdammt schnell. Die Band präsentierte zwei Eddies. Der erste stürmte während Killers auf die Bühne, der zweite während The Trooper, wo Dickinson auch nicht vergaß, dem Publikum mit der tschechischen Fahne zu winken. Der dritte ist normalerweise der beim abschließenden Iron Maiden, wurde aber auf der neuen Tournee durch eine Eddie-Büste mit einem beeindruckenden 3D-Effekt auf der riesigen Leinwand im Hintergrund ersetzt, die zeitweise tatsächlich wie eine gigantische Struktur aus den goldenen (analogen) Zeiten wirkte. Bei Iron Maiden hat die Band dann aber doch einen Patzer gebaut. Wirklich der einzige Ausrutscher des ganzen Abends, der ein wenig störte. Als Bruce die erste Strophe anstimmte, fiel Maiden kurz auseinander (Versatz zwischen Phrasierung und Rhythmus), aber Dawson hat mit einer schnellen Korrektur beim Übergang in den Refrain die Truppe wieder auf Kurs gebracht.

Die Zugabe brachte Aces High und damit die Hälfte des gesamten Powerslave-Albums, das Maiden an diesem Abend spielten. Der einzige Song, der Dickinson ein wenig zu schaffen machte. Das lang vermisste und obligatorische Fear of The Dark lieferte ebenfalls einen der erwarteten Höhepunkte, und als Krönung des Finales? Endlich die erste und einzige „Somewhere In Time“-Klassikerin – Wasted Years! „No Prayer For The Dying“ wurde komplett ignoriert, aber das hat sich niemand wirklich zu Herzen genommen. Zumindest erinnert der Eddie auf den offiziellen Tourplakaten daran, als würde er aus der Ära des eben genannten Albums stammen.

Summa summarum. Maiden auf den Bühnen 2025 und live? Ich hätte nicht gedacht, dass ich dieses Fazit auch noch nach 30 Jahren aufschreiben würde, seit ich diese Band zum ersten Mal live gesehen habe (es war Dezember 1995 und Wien – noch mit Blaze in der Besetzung). Ein Konzertbesuch bleibt nach wie vor Pflicht. Vor allem für alle, die die Band noch nie live erlebt haben. Absolute Pflicht. Vor allem mit dem aktuellen Repertoire. Auch wenn du beim Maiden-Konzert zum ersten Mal dabei bist und es sich ergibt, dass es gleichzeitig dein letztes ist, kannst du deinen Enkeln von dem Iron-Maiden-Konzert erzählen, das du im idealen Moment erwischt hast. Die Band glänzt nach wie vor mit ausgezeichneter Bühnenform. Der Sound: poliert bis auf die Knochen. Die Bühnenshow mit allem Drum und Dran und den Effekten: außergewöhnlich! Vielleicht ist diese Tournee die letzte Maiden-Tournee, obwohl Bruce am Ende sagte: „Danke, Prag, bis bald!“ Na ja, die Jungs werden in zwei, drei Jahren auf die siebzig zugehen. Das muss man sich bewusst machen. Und die Jahre fliegen schnell.

Text: Aleš Podbrežnik
Fotos: Edita Klemen

Halestorm – Setlist:
1. Fallen Star
2. I Miss the Misery
3. Love Bites (So Do I)
4. WATCH OUT!
5. Darkness Always Wins
6. Familiar Taste of Poison (nur erste Strophe und Refrain)
7. Rain Your Blood on Me
8. Drum Solo
9. Freak Like Me
10. I Get Off
11. Everest

Iron Maiden – Setlist:
1. The Ides of March (vorproduziertes Intro)
2. Murders in the Rue Morgue
3. Wrathchild
4. Killers
5. Phantom of the Opera
6. The Number of the Beast
7. The Clairvoyant
8. Powerslave
9. 2 Minutes to Midnight
10. Rime of the Ancient Mariner
11. Run to the Hills
12. Seventh Son of a Seventh Son
13. The Trooper
14. Hallowed Be Thy Name
15. Iron Maiden
—Zugabe—
16. Churchill’s Speech (vorproduziertes Intro)
17. Aces High
18. Fear of the Dark
19. Wasted Years


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