Toto anlässlich ihres vierzigsten Jubiläums zu Gast in Zagreb (2018)
Lokation: Zagreb / Dom sportova (kleine Halle) / Kroatien
Datum: 09.03.2018
Die amerikanischen Rock-Giganten und Meister musikalischer Perfektion Toto haben im Rahmen ihrer aktuellen ’40 Trips Around the Sun‘-Tour, mit der sie ihr ehrwürdiges vierzigjähriges Bestehen feiern, bei unseren südlichen Nachbarn in Zagreb haltgemacht. Anstatt ihnen eine ihrem Ruf angemessene Halle zu sichern, haben die Konzertveranstalter sie in der kleinen Halle des Dom sportova untergebracht, was während des Auftritts einige fatale Folgen hatte: Durch diese räumlichen Einschränkungen litt der Sound erheblich – und damit natürlich der gesamte Konzertauftritt der Rock-Veteranen. Der Grund für die Verlegung in die kleinere Halle soll gewesen sein, dass in der Zagreber Arena zur selben Zeit eine Eiskunstlauf-Meisterschaft stattfand. Das Konzert war zwar nicht ausverkauft – auf den Tribünen gab es noch einige freie Plätze –, doch dafür war es im Innenbereich schier erstickend eng, zusammengepresst wie Sardinen in der Dose. Auch das Publikum stach optisch und vom Auftreten her deutlich von dem ab, was man bei einem Toto-Konzert normalerweise erwarten würde.
Aber um nicht nur Negatives zu erwähnen: Das Toto-Quartett – bestehend aus Gitarren-Großmeister Steve Lukather, dem vielseitigen Keyboarder David Paich, Synthesizer-Zauberer Steve Porcaro und Ausnahme-Sänger Joseph Williams, allesamt zusammen mit ihren musikalischen Mitstreitern gestandene ‚alte Hasen‘ – lieferte einen Meisterauftritt ab und begeisterte alle Anwesenden mit einer äußerst interessanten Mischung aus Hits und einigen schon fast ‚vergessenen‘ Songs, darunter Stücke, die sie lange nicht mehr live gespielt hatten, so gut wie nie oder sogar zum allerersten Mal in ihrer Karriere. Den Abend eröffneten sie mit dem neuen Song »Alone«, der erstmals auf dem kürzlich erschienenen Best-of-Album »Greatest Hits – 40 Trips Around the Sun« (2018) zu hören war.
Ziemlich überraschend folgte darauf schon recht früh im Set – normalerweise spielen sie ihn gegen Ende – der beliebte Evergreen »Hold the Line« aus dem fernen Jahr 1978, als das gleichnamige Toto-Debüt erschien. Williams war an diesem Abend vokal in Hochform; assistiert wurde er wie gewohnt von Lukather und Paich, die sich mehrfach auch in wichtigen Solo-Gesangsrollen wiederfanden. Die Vokalharmonien waren auch diesmal ein echter Ohrenschmaus. Auch die Begleit-‚Crew‘ lieferte ab – was beim langjährigen Gast-Perkussionisten Lenny Castro, den eingefleischte Fans längst gut kennen, kaum überrascht. Schlagzeuger Shannon Forrest, der technisch überdurchschnittlich versiert ist, mit Simon Phillips zu vergleichen ist eine ziemlich undankbare Aufgabe, aber unterschätzen sollte man ihn keinesfalls. Er ist ein weiterer hochgeschätzter Session-Musiker, der mit zahlreichen großen Namen aus Rock und Country zusammengearbeitet hat. Nach dem Abgang von Phillipsʼ Nachfolger Keith Carlock sind Toto nach wie vor ohne festen Schlagzeuger.
Die einzigen Unbekannten vor diesem Konzert waren der relativ junge und unbekannte Bassist Shem von Schroeck und der Saxophonist/Flötist/Background-Sänger Warren Ham. Letzterer ist ein erfahrener Musiker, der in der Vergangenheit live mit John Elefante era Kansas, Donna Summer und Olivia Newton-John zusammengearbeitet hat. Zwischen 1986 und 1988 war er außerdem kurzzeitig als Live-Musiker bei Toto dabei. Ham bereicherte die meisten Toto-Standards mit seinen Bläsereinsätzen ordentlich und verlieh einigen davon einen stärkeren Jazz-Stempel, während die Rhythmussektion ihren Job mehr als zufriedenstellend erledigte.
In einem Konzertabend, der bereits im ersten Set mit Überraschungen wie dem »Toto IV«-(1982)-Standard »Lovers In the Night«, »English Eyes« vom Album »Turn Back« (1981) und dem großen britischen Hit »I Will Remember« vom Album »Tambu« (1995) aufwartete, hörten wir außerdem einen weiteren bislang unveröffentlichten Song: »Spanish Sea«. Beim Art-Rock-Instrumental »Jake to the Bone« vom Album »Kingdom of Desire« (1992) demonstrierte Lukather eindrucksvoll seine atemberaubenden Gitarrensolo-Qualitäten, an denen es an diesem Abend wahrlich nicht mangelte, während die »Fahrenheit«-(1986)-Ballade »Lea« dafür sorgte, dass auch alle romantischen Gemüter auf ihre Kosten kamen. Diejenigen, die schon mindestens eine Liebesenttäuschung hinter sich haben, genossen die Performance des großen Hits »Rosanna«, der ähnlich wie »Hold the Line« relativ früh gespielt wurde, noch etwas mehr.
Toto haben seit Jahren die Gewohnheit, ein ‚Medley‘ – also einen Reigen aus Songs – zu spielen, das in der Regel gekürzte Versionen verschiedener Werke aus ihrer reichen Karriere enthält. Diesmal war das Medley akustisch ausgerichtet, was bedeutete, dass sich Herr Lukather dabei bequem mit der akustischen Gitarre auf dem Schoß hinsetzen konnte, während die einzelnen Darbietungen durch Anekdoten über ihre Entstehung unterbrochen wurden. Die Meinungen über Totos Konzert-Medleys sind unter den Fans meist gespalten. Einerseits ist es eine Gelegenheit, auch selten gespielte Stücke live zu hören, andererseits ist das Kürzen dieser Songs, gerade in akustischer Aufmachung, schon fast ‚blasphemisch‘. Am schlechtesten kam von den akustischen Kurzfassungen »Georgy Porgy« weg, bei dem einige von uns auch eine Gastsängerin aus früheren Touren vermissten. Besser kamen dagegen die gekürzte Version von Jacksons »Human Nature«, an der 1983 die meisten Toto-Mitglieder mitgewirkt hatten, die »Isolation«-(1984)-Überraschung »Holyanna«, die »Mindfields«-(1999)-Überraschung »No Love« sowie beide gekürzten »The Seventh One«-(1988)-Klassiker »Mushanga« und »Stop Loving You« weg.
Neben der gekürzten akustischen Version von »Holyanna« und dem selbstverständlichen Hit »Stranger In Town« hörten wir vom Album »Isolation« im weiteren Verlauf des Konzertabends auch das lang vergessene, aber hervorragende Stück »Lion«, das Toto seit Mitte der Achtziger nicht mehr live gespielt hatten. Die vielleicht größte Überraschung des Abends war die Darbietung des Instrumentals »Dune (Desert Theme)«, das Toto Ende 1984 für den Science-Fiction-Film Dune schrieben. Etwas weniger begeistert waren wir – zumindest jene, die lieber mehr Toto-Originale hören –, von der The Beatles/George Harrison-Interpretation des Rock-Klassikers »While My Guitar Gently Weeps«, den Lukather selten von der Setlist streicht. Zu den selten gespielten Stücken, die wir an diesem Abend zu hören bekamen, zählten auch »Girl Goodbye« und »Angela« vom gleichnamigen Toto-Debütalbum. Von den immer gültigen Standards hörten wir im zweiten Teil des Toto-Auftritts in Zagreb noch »Make Believe« und natürlich ihren größten Hit »Africa«, der wie immer den regulären Teil der Show beendete. Als Zugabe spielten Toto den ‚Abschiedssong‘ des Abends – der entgegen den Erwartungen »The Road Goes On« war, eine weitere Überraschung vom Album »Tambu«. Von den großen Hits fehlten an diesem Abend interessanterweise »Pamela« und »I Won’t Hold You Back«, was nicht allzu häufig vorkommt.
Toto sorgten in Zagreb trotz des schlechten Sounds in der unpassenden Halle für fantastische musikalische Unterhaltung, die spürbar länger dauerte als sonst und neben den erwartbaren Standards zahlreiche selten gespielte Juwelen aus ihrer reichen Schatzkammer enthielt. Alle vier Mitglieder und ihr Begleitteam verdienen für ihren Auftritt, der eine perfekte Mischung aus außergewöhnlicher Professionalität, Eingespieltsein, Spontanität und Witz war, die Bestnote. Weniger überzeugend war an diesem Abend, wie bereits erwähnt, der Sound, der in der Nähe des Mischpults noch am besten klang. Was Lautstärke und Gekreische angeht, verdiente sich das Publikum an diesem Abend zweifellos den ersten Platz – aber das ist nicht immer eine positive Eigenschaft, denn deswegen haben einige von uns nicht alle von Lukathers Sprüchen mitbekommen, mit denen er die Einheimischen mit seinem Eröffnungsgruß »dobro veče Zagreb« begeistert hatte. Weit weniger geschmackvoll kam dagegen der sichtlich abgemagerte Paich rüber, der zwischen seinen Zylinderwechseln und affektierten Bühnenspaziergängen am Mikrofon mehrfach mit seinem kroatischen Stammbaum prahlte – sein Urgroßvater kommt aus Split –, obwohl er im Gegensatz zu Lukather bis heute kein einziges kroatisches Wort gelernt hat. Seine Reden über ‚mein Volk‘ und ‚mein Publikum‘, bei denen die Halle vor Begeisterung laut widerhallte, gingen den drei anderen Toto-Mitgliedern sichtlich auf die Nerven, weshalb Lukather die Gelegenheit nutzte, sich zu revanchieren, und Paichs Worte über das ‚Bruderpublikum‘ geschickt umdrehte – die plötzlich einen deutlich weniger nationalistisch-fanmäßig-sensationalistischen Beigeschmack bekamen. Übrigens ist Paich dafür bekannt, öfter mal einen Bock zu schießen, wie etwa am 31.7.2012 beim Toto-Konzert im italienischen Majano, als er die Special Guests Perpetuum Jazzile als kroatische Gruppe ankündigte.
Autor: Peter Podbrežnik
Fotos: LAA Agency
Setlist:
—set 1—
1. Alone
2. Hold the Line
3. Lovers in the Night
4. Spanish Sea
5. I Will Remember
6. English Eyes
7. Jake to the Bone
8. Lea
9. Rosanna
—akustischer Set—
10. Miss Sun
11. Georgy Porgy
12. Human Nature
13. Holyanna
14. No Love
15. Mushanga
16. Stop Loving You
—set 2—
17. Girl Goodbye
18. Angela
19. Lion
20. Dune (Desert Theme)
21. While My Guitar Gently Weeps
22. Stranger in Town
23. Make Believe
24. Africa
—Zugabe—
25. The Road Goes On












