Tolminator 2023 – zweiter Tag

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Der zweite Tag begann mit weniger extremen Klängen der belgischen Speed/Heavy-Metaler Speed Queen, die für den Tolminator aus dem fernen Belgien angereist waren und sich als echte Straßenkrieger (auch ihre EPs haben ein »Straßen«-Thema: King of the Road und Still on the Road) ihr Publikum vor der Bühne redlich verdient hatten. Vor der kleinen Bühne war trotz der frühen Stunde doch eine beachtliche Menge versammelt, und nach dem Dienstags-Regen tat auch die Sonne ihren Teil. Speed Queen sorgten für einen sehr unterhaltsamen Auftakt des zweiten Tages, vollgepackt mit Heavy/Thrash/Speed-Riffs und dem höhenflüchtigen Gesang eines energetischen Sängers – nach dem Gesehenen und Gehörten dürften sie mit ihrer »Eighties«-Ausrichtung die Inspiration ohne Zweifel auch bei den Landsleuten Evil Invaders gefunden haben.

In einem völlig anderen und extremer klingenden Licht präsentierten sich die Death-’n‘-Roller aus Nova Gorica, Hellcrawler, die dem Altar des schwedischen Death-Metals, der HM-2-Effekte und einer selbst verfassten postapokalyptischen Geschichte huldigen – ich würde wetten, dass letztere einen Teil ihrer Inspiration auch in Kings Werk The Dark Tower gefunden hat (das seinerseits bekanntlich bereits bei Leones Spaghetti-Western Inspiration gefunden hat). Hellcrawler setzten sich an diesem frühen Nachmittag wie ein Sandsturm in der Wüste in die Ohren, und ich hoffe, der Grund für ihre relativ seltenen Bühnenauftritte ist die Entstehung eines neuen Albums, das wir nach dem 2016 veröffentlichten Sandstorm Chronicles mit – von radioaktiver Strahlung verbrannten und Blasen übersäten – offenen Armen erwarten.

Die österreichischen Fearancy setzten in Death-Metal-Rhythmen fort, bevor die maltesischen Hemplifier (das Wortspiel muss wohl kaum näher erläutert werden) ihre Vision eines nahezu vollständig instrumentalen Stoner-Metals präsentierten. Diese wich zwar in keiner besonders offensichtlichen Weise von den vorgezeichneten Genre-Richtlinien ab (einschließlich eines Hauch von Grünem), doch die Malteser sorgten für eine willkommene Genre-Abwechslung des Tages.

Weiter ging es mit weiteren einheimischen Helden: Morost lieferten eine ordentliche Portion progressiven und melodischen Death-Metals und schafften es, eine stattliche Anzahl an Leuten vor die Bühne zu locken – und über sich am Himmel bedrohliche, dunkle Wolken. Das Wetter hielt zum Glück durch, und das Publikum genoss das Gehörte trotz offensichtlich komplexer Rhythmen und zahlreicher unerwarteter Wendungen sichtlich – auch wenn Morost mehrfach mit technischen Problemen zu kämpfen hatten.

Die kleine Bühne schlossen die niederländischen Post-Black-Metaler Terzij De Horde ab – leider habe ich zu wenig von ihnen gesehen, um das Gespielte objektiv bewerten zu können. Dafür kann ich mehr über die ersten Auftritte auf der großen Bühne berichten, nämlich über die tschechischen Stellvris. Die Tschechen werden auf der Bühne von der charismatischen Sängerin Nicol angeführt, die sich auch als Vokal-Chamäleon erwies und sowohl Clean- als auch Growl-Vocals beherrschte – allen voran den souveränen Schrei-Gesang. Stellvris präsentierten klassischen Metalcore mit einigen Djent-Einlagen, zahlreichen Breakdowns und sogar Bass-Drops. Mit ihrem energetischen Ansatz überzeugten Stellvris das anwesende Publikum – für ihren musikalischen Ansatz selbst würde ich persönlich nicht die Hand ins Feuer legen, doch live hilft Stellvris zweifellos auch Nicols sehr gute, ähem, Lungenkapazität.

Auf den Wahnsinn, der folgen sollte, konnte das Publikum vor der Bühne durch nichts vorbereitet werden. Die österreichische bzw. tirolerische Thrash/Crossover-Besetzung Insanity Alert nahm den Tolminator wie ein Tornado ein und entführte das Publikum in echte Thrash-Ekstase – Moshen und allgemeiner »Good Friendly Violent Fun« wollten einfach kein Ende nehmen. Frontmann Heavy Kevy fraß das Publikum aus der Hand, und aus seinem Mund flogen ununterbrochen witzige Sprüche, schräge Witze und Aufziehereien über Metal-Stereotypen. Insanity Alert sind musikalisch zwar kein besonderes Unikat – stilistisch haben Bands wie D.R.I., Municipal Waste und S.O.D. bereits alles gesagt –, doch ihre ein, zwei, höchstens drei Minuten langen Thrash-Punk-Schüsse krochen in die Ohren wie Cronenbergs Körperdiebe und verwandelten das Publikum für eine Stunde in sabbernde, gedankenlose »Hive-Brain«-Wesen (gemeint auf die bestmögliche Art – All Mosh/No Brain), die brav und auf ersten Befehl allen Anweisungen von Heavy Kevy zu Mosh- und Circle-Pits gehorchten – die von der Bühne auch auf Kartons geschrieben hereinflogen: »Fuck This Shit«, »Let’s Circle Pit« usw. Der Wahnsinn erreichte seinen Höhepunkt mit dem abschließenden Run to the Pit – natürlich eine Coverversion des Maiden-Klassikers Run to the Hills.

Nach der hochoktanigen Thrash-Dosis hatten die Post-Black-Metaler Ellende wirklich eine schwere Aufgabe, die Leute zum Bleiben vor der Bühne zu überreden – was ihnen leider nicht gelang, und auch ich nutzte ihren Auftritt für eine Stärkung mit Veggie-Kebab und Bier. Mit neuen Kräften kehrte ich dann vor die Bühne zurück für eine Reise in die Geschichte, gut hundert Jahre zurück, als in den Hügeln rund um Tolmin Kanonen donnerten und Artilleriesalven hallten – in einem der blutigsten Momente der Menschheitsgeschichte. Die deutschen Black-Metaler Kanonenfieber sind nämlich Erinnerung und Mahnung an das Massaker des Ersten Weltkriegs; die vollständig deutschsprachigen Texte basieren auf Originaldokumenten und Briefen von Soldaten. Kanonenfieber schaffen mit Stacheldraht, Sandsäcken, Uniformen, ausdruckslosen schwarzen Masken und Aufnahmen von Reden Kaiser Wilhelms II. auch live eine echte Atmosphäre, die sie mit makellos klingendem Black-Metal – stilistisch aufgewertet durch zahlreiche melodische Einlagen und Death-Metal-Elemente – noch verstärkten. Die unglaubliche Atmosphäre wurde zusätzlich durch das herannahende Gewitter mit Blitzen unterstrichen, und so blieben Kanonenfieber als einer der besten Momente des diesjährigen Tolminators in Erinnerung.

Wahrscheinlich die international aktivste einheimische Band, Within Destruction, hatte leider das Pech, genau während eines heftigen Platzregens zu spielen, der das Publikum erheblich ausdünnte. Es ist schön zu sehen, wie weit die Band seit ihrem Debüt From the Depths, das vor gut einem Jahrzehnt erschien, gekommen ist. Heute nur noch als Trio lieferten Within Destruction trotz des spärlichen Publikums ihren Job professionell und souverän ab – ich hoffe auf das nächste Mal unter besseren Wetterbedingungen.

Lange, lange ist es her, seit ich sie zuletzt gesehen habe, und diesmal wurde ich erneut daran erinnert, warum das so ist. Ihr Troll-Black-Folk-Metal ist einfach nichts für meine Ohren und schwer zu verdauen – aber ich gab ihnen trotzdem gerne die Chance, mich vom Gegenteil zu überzeugen. Haben sie nicht. Genauso wenig wie ihre Fanbasis, die ein Quasi-Rudern aufführte (zu lesen: auf dem Boden sitzen und ein imaginäres Boot rudern), was bei Finntroll und genreähnlichen Bands bereits zur Standardgewohnheit geworden ist. Vielleicht werde ich einfach alt, verbohrt, mürrisch und hinfällig – wer weiß.

Den zweiten Tag schlossen in großem Stil die norwegischen Black-Metal-Urgesteine ab und brachten die Pest nach Tolminator. 1349 ist nämlich das Jahr, in dem die Schwarze Pest nach Norwegen kam und (ähnlich wie anderswo in Europa) 2/3 der Bevölkerung dahinraffte. Entsprechend klingt 1349 düster und böse – so, wie eine Black-Metal-Band eben klingen muss. Doch Müdigkeit und Wetterbeschwerlichkeiten hatten offensichtlich ihren Tribut gefordert, und ähnlich wie Norwegen im Jahr 1349 war auch das Publikum dezimiert. Da Black-Metal vom Typ Gorgoroth und Dark Funeral nicht gerade meine Tasse (schwarzen) Tees ist, schloss ich mich ihm bald selbst an.

Text: Rok Klemše

Fotos: Sebastijan Videc

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