The Dead Daisies im Trio-Format erschütterten die Mauern des Triester Schlosses (2022)

foto: ALEŠ PODBREŽNIK 2022
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Mitwirkende: Arthur Falcone‘ Stargazer / The Dead Daisies
Spielort: Grad svetega Justa (Castello Di San Giusto) / Triest (Trieste) / Italien
Datum: Sonntag, 3. 7. 2022


The Dead Daisies, eine donnernde Hard-Rock-Formation mit vergleichsweise kurzer Bandgeschichte, aber einer Fülle von Werken und Taten, die ihre gewaltige Aktivität belegen, sind eine Gruppe des ständigen Wandels. In erneuerter Quartettbesetzung veröffentlichten sie im vergangenen Januar das neue Studioalbum »Holy Ground« (RockLine Rezension). Die Sache wäre nicht halb so sensationell, hätte sich kein Geringerer als der strahlende Glenn Hughes, zu Recht »The Voice Of Rock« genannt, dem Team angeschlossen. In das Quartett, dem außerdem Gitarrist und Bandchef David Lowy – ein Geschäftsmann und Pilot –, sowie die kolossalen Musiker Gitarrist Douglas Aldrich und Schlagzeuger Brian Tichy angehören, brachte der legendäre Vokalist und Bassist eine konkrete klangliche wie auch stilistische Erfrischung. Eine Art Transformation. Hughes ist, einfach gesagt, ein so starker musikalischer Charakter, eine so mächtige Entität, dass es gar nicht anders geht. Dass er als ikonischer Musiker in allem, was er in seiner außergewöhnlichen Karriere getan hat und heute noch tut, schlicht ein Unikat ist – eines, mit dem stets auch der Ausdruck des jeweiligen Künstlers zum Unikat wird – muss man nicht extra betonen.

Das Quartett war schon von seinen Anfängen an für explosive Auftritte bekannt. Doch auch nachdem es vom Quintett zum Quartett wurde – genauer gesagt, nach dem Einstieg der unerschütterlichen, 71-jährigen Rock-Legende – verliert es an Explosivität nichts. Ganz im Gegenteil. Neuerdings schraubt es seinen Energiegehalt sogar deutlich nach oben. Die Band hat also nach langer Zeit endlich die Gelegenheit bekommen, das neue Album „Holy Ground“ auch auf europäischen Konzerten vorzustellen, obwohl sie angedeutet hat, dass sie bereits ein neues in der Tasche hat. Das ist tatsächlich schon fertig. Davon hat sie kürzlich bereits die erste Single zur Nummer Radiance vorgestellt.

Soviel zur Einleitung. Vor dem Auftritt der The Dead Daisies wärmte der lokale Gitarren-Matador und Gitarren-As Arthur Falcone mit seinen Stargazer das Publikum auf. Der Mann ist seit einem Vierteljahrhundert auf der Bühne, hat aber erst letztes Jahr sein drittes Studioalbum namens »Straight To The Stars« veröffentlicht. Sein ‚Yngwie-like‘-Spielansatz ist deutlich spürbar, denn nicht nur die Soli, sondern auch die Kompositionen sind oft ausgesprochen neoklassisch angelegt. Stargazer sind also ein Quintett, das eine Art Triester Antwort auf das Erbe des Rock der Siebziger darstellt – nur dass die ganze Sache mit einem höheren Muskeldreher gespielt wird. Fans der Japaner Loudness dürften hier die Ohren spitzen. Ein mutiger und unterhaltsamer Auftritt des spielfreudigen Quintetts mit eingängigem Leadgesang.

Guter Besuch einer wunderschönen Spielstätte. Anfangs, in der Pause und beim Warten auf The Dead Daisies, wirkte alles ruhig. Alle saßen brav auf ihren Stühlen. Von Euphorie war nichts zu spüren. Doch als die Bühne sich verdunkelte und das Knallen und Donnern ertönte, das die Ankunft der The Dead Daisies ankündigte, sprangen alle von den Stühlen und drängten zur Bühnenkante vor. Zuerst Tichy, dahinter Aldrich – alte Bekannte aus Steamroller und Whitesnake –, und danach natürlich der Eine und Einzige. Glenn Hughes. Die Band eröffnet das Set kraftvoll mit Long Way To Go. Wir warten auf Lowys Ankunft, doch von ihm fehlt jede Spur. Was zum Teufel? Wo ist der Bandchef? Er ist nicht da. Und er war auch nicht da. The Dead Daisies haben also den gesamten Auftritt in Triest im Trio-Format gespielt, was der Band überhaupt nicht anzumerken war. Aldrich und Hughes kennen sich ebenfalls schon lange. Aldrich begleitete Glenn Hughes u.a. auf der Gitarre durch Europa bei seinen Solokonzerten bereits im Jahr 2015. Die Chemie zwischen den beiden war damals auf der Bühne schon außergewöhnlich. Und wenn du noch Brian Tichy dazunimmst, sagst du dir eigentlich, dass The Dead Daisies nichts weiter brauchen. Und trotzdem. Es kann gefährlich werden, denn in solchen Momenten verwandeln sie sich nur allzu schnell in die ‚Glenn Hughes Band‘. Solche Gefühle gab es durchaus einige beim Triester Auftritt der Band. Wie gesagt. Hughes ist eine unglaubliche Figur, die das musikalische Umfeld, in das sie eintritt, schlicht und unwiederbringlich verändert. Jedes einzelne Mal. Was ist also mit Lowy passiert? Er musste dringend mit dem erstmöglichen Flugzeug direkt nach Australien zurück – wegen unaufschiebbarer familiärer Verpflichtungen. Weitere offizielle Informationen gibt es nicht. Also. Es geschah völlig unerwartet. Das Konzert in Triest war also der zweite Auftritt in der Karriere der The Dead Daisies, bei dem sie im Trio-Format spielten.

Power trio! Diese drei Bühnen-Kolosse reichen vollkommen aus. Unglaublicher Kinetismus, Chemie, Spielen wie in Trance. Worte erübrigen sich. Die Erfahrung ist schlicht unglaublich. Die Energiestränge, die das Getriebe (in diesem Fall des Trios) antreiben, sind außergewöhnlich. Ein kraftvoller Auftritt. Anderes war nicht zu erwarten. Glenn Hughes – der Seelenerwecker der Rock’n’Roll-Ursprünglichkeit – bleibt außergewöhnlich. Seine Stimme hält für sein ’siebzig plus‘-Alter eine unglaubliche Form, und die Vokalakrobatik mit seinen unglaublich fesselnden Improvisationsmomenten nimmt einem weiterhin den Atem. Charisma, Potenz, Präsenz. Wie gesagt. Der Eine und Einzige. Er hat gekillt. Vokal und natürlich mit seinen eindringlichen, schnarrenden Basslinien, mit denen er die Bassgitarre ‚bearbeitete‘ – die zusammen mit dem fetten, rauhen Gibson-Sound von Aldrichs Phrasierung und dem Kanonenfeuer des außergewöhnlichen Tichy während des Konzerts eine atemberaubende Wucht entfalteten. Der Raum war klanglich maximal ausgefüllt. Lowys Gitarre vermisste niemand. Dazu die soulige Frisur und die theatralische Stimmbreite des legendären Vokalists, der auch mit 71 Jahren in außergewöhnlicher Form bleibt – und das Maß ist voll. Schwarze Stimme gefangen im Körper eines Weißen. Brillant. Unbeschreiblich. Immer wieder und wieder.

Tichys Schlagzeugsolo war jede einzelne Sekunde des Zuhörens wert. Solche Schlagzeugsoli gibt es selten. Meistens langweilen sie das Publikum mehr als alles andere. Nicht bei Brian. Tichy ist schlicht theatralisch. Zwischendurch legte er auch etwas Spaß im Stil der bekannten Soli von Mikkey Dee ein, wenn Drumsticks vom Himmel regnen (du schlägst mit ganzer Kraft auf das Fell und lässt los, sodass der Stick bis zu den Scheinwerfern fliegt) – wobei Brian bewies, dass er ein sehr guter Baseball-Fänger wäre.

Aldrich war an diesem Abend unglaublich spielfreudig. Die große Bühne ermöglichte Hughes und Aldrich, sich maximal auszubreiten. Vor allem Aldrich, der ‚vokal frei‘ war, bewegte sich ständig von rechts nach links, wirbelte die Gitarre in den Händen, hob sie mehrmals hinter den Rücken und solierte dahinter – und lieferte in seinen für ihn schon typischen Hockposen sein faszinierendes Solieren ab.

Die Ausführung makellos. The Dead Daisies genossen die Bühne. Die Band arbeitete sich ordentlich durch die Diskografie ihrer fünf Alben. Das Schwergewicht lag auf dem neuesten, nämlich »Holy Ground«, doch The Dead Daisies spielten neben der neuen Single Radiance auch noch eine völlig neue Nummer Shine On, die sie offiziell zuvor noch nicht vorgestellt hatten. Die eigentlichen Höhepunkte waren natürlich die Interpretationen der Deep Purple-Klassiker Mistreated sowie als Zugabe Burn. Was Mistreated betrifft: Die Version mit Glenn Hughes am Mikrofon bleibt, egal welche Musiker ihn heute auf der Bühne begleiten, die größtmögliche Annäherung an jenes uralte Original, das einst die Einzigen und Einzigartigen schufen. Die Mk. IV-Version von Deep Purple (in der Besetzung mit Hughes natürlich). Unbezahlbar.

Das Konzert der Band schlug also sofort ein, denn Energie, Dynamik und die Abfolge der Bühnenmomente sind schlicht sensationell. Lärm und Getöse in Einklang mit phänomenaler Eingespielheit und gegenseitigem Gespür haben einmal mehr bewiesen, dass das Format des knallharten Trios das eigentliche Wesen des Rock bleibt. Der Auftritt der Band mit vollem Konzertrepertoire bestätigte, dass der Ausflug nach Triest – noch bevor The Dead Daisies am 12. 7. 2022 die Ljubljaner Halle Stožice erreichen, wo sie als Vorgruppe von Judas Priest auftreten – nicht nur ein Muss, sondern regelrecht eine der Lebenspflichten war. Es geht also um eine Truppe, die dir mit ihrer Bühnenshow die Energiereserven verbrauchter Batterien auffüllt. Eine Band, die Energie ausstrahlt und damit eine unglaubliche und einzigartige Vibration verbreitet. Das war schon immer so bei The Dead Daisies, doch solche Gefühle übertragen sich nach dem Einstieg von Glenn Hughes und der gewissen Vereinfachung des Systems auf gerade mal ein Quartett – in Triest sogar auf ein Trio – noch authentischer und durchdringender: die positive Vibration all jener ursprünglichen Rock’n’Roll-Magie, nach der wir seit jeher auf Konzerte gehen. Wir sehen uns also bald in Stožice!

Text: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik & Edita Klemen


The Dead Daisies Setlist:
1. Long Way to Go
2. Unspoken
3. Rise Up
4. Dead and Gone
5. Radiance
6. Mexico
7. Bustle and Flow
8. Fortunate Son (orig. Creedence Clearwater Revival)
9. Schlagzeugsolo
10. Mistreated (orig. Deep Purple)
11. Shine On
12. My Fate
13. Like No Other (Bassline)
13. Holy Ground (Shake the Memory)
—Zugabe—
14. Midnight Moses (orig. The Sensational Alex Harvey Band)
15. Burn (orig. Deep Purple)

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