Stanley Clarke – ein Gigant des Jazz-Fusion bei seinem neuen Besuch in Ljubljana (2019)

ALEŠ PODBREŽNIK
0 349

Lokation: Ljubljana / Križanke / Slowenien
Datum: Dienstag, 09.07.2019


Die Ankunft des legendären Bassisten und Kontrabassisten Stanley Clarke in Ljubljana ist für jeden überzeugten musikalischen Feinschmecker so etwas wie ein obligatorisches heiliges Abendmahl. Solche Gelegenheiten lässt man nicht sausen, die lässt man sich nicht entgehen. Nur einen Tag nach dem Konzert seines guten Bekannten Marcus Miller in den Križanke in Ljubljana haben wir uns also erneut in den berühmten Plečnik-Tempel des künstlerisch-kulturellen Pulsschlags begeben. Und schon sammeln sich wieder schwere Tropfen über uns. Wird es abermals vom Himmel regnen? Es ist zehn nach neun Uhr abends, und volle Križanke erwarteten den legendären Bassisten. Wieder ein toller Abend. Und dann fing es auch schon an zu regnen. Schon wieder….

Stanley Clarke ist eine lebende Musiklegende und einer der bedeutendsten Bassisten, die an der Wende von den Sechzigern zu den Siebzigern und vor allem durch die gesamten Siebziger hindurch mit ihrer erkundungsfreudigen kompositorischen Haltung das Spiel auf Bass- und Kontrabass popularisierten – ganz besonders im Format des Jazz- und Rock-Fusion. Return to Forever! Natürlich. Das ist eine jener Bands, die weite neue musikalische Räume und Horizonte aufgestoßen hat und die ein musikalisches Œuvre von großer Inspirationskraft hinterlassen hat, über dem die Faszination immer neuer Musikergenerationen einfach nicht nachlässt. Das ist ein immergrüner Prozess und ein Phänomen, das einfach weitergeht und weitergeht.

In die Križanke kam Stanley mit einem fünfköpfigen Begleitteam folgender Namen: Beka Gochiashvili (Klavier, Keyboards), Evan Garr (Violine), Cameron Graves (Keyboards), Salar Nader (Tabla, Perkussion) und Shariq Tucker (Schlagzeug). Das Team hatte zuvor eine beeindruckende Reihe gemeinsamer Konzertauftritte hinter sich und kam in die Križanke wirklich „eingespielt“, performativ auf Hochglanz poliert und wie eine makellos geölte Maschine – und lieferte ein unvergessliches performatives Abenteuer beziehungsweise ein Konzert, das dich fortreißt, verzaubert und einen schlicht umhaut. Von einem Namen wie Stanley Clarke ist auch nichts anderes zu erwarten.

Stanley Clarke trat dieses Mal zum ersten Mal mit seiner eigenen Band in der slowenischen Hauptstadt auf. Davor war er zwar schon bei uns zu Gast. Zum ersten Mal besuchte er Ljubljana im fernen Jahr 1975, als er mit Return to Forever die Hala Tivoli ausverkaufte, und 2009 kehrte er noch einmal zu uns zurück. Damals trat er in Begleitung zweier Return to Forever-Gefährten auf, nämlich des Pianisten Chick Corea und des Schlagzeugers Lenny White, im Cankarjev dom in Ljubljana.

Clarke hat stets für ein außerordentliches Niveau an Musikalität innerhalb seiner jazzig aufgelockerten Kompositionen gesorgt sowie für eine Aussagekraft, die ein unverwechselbarer und spürbarer Widerschein seiner Pionierjahre der Jazz-Rock-Fusion ist, aus der er hervorgegangen ist. Das Konzert eröffnete School Days, das die Band zur einleitenden Aufwärmung nutzte und bei dem das Team augenblicklich ein unglaubliches Virtuosentum, verblüffende manuelle Geschicklichkeit sowie eine erstklassige, gleichsam chemische Wirkung des hervorragenden gegenseitigen Gespürs und der vollendeten performativen Ausführung zeigte. Schon hier deutete Stanley an, was alles aus einer Bassgitarre herauszuholen ist, als er wie im Spiel zwischen verschiedenen Spieltechniken hin- und hersprang. Seine Handgelenkhaltung, die im richtigen Winkel zu den Saiten ausgerichtet ist, während der Unterarm in einer nahezu waagerechten Linie zum Körper der Bassgitarre verläuft, ist ein absolutes Unikat und Mitschöpfer der Einzigartigkeit des Musikers, was ihm eine unglaubliche Agilität ermöglicht. Mehrfach ließ er Schlagzeuger Shariq Tucker vor sich treten, der sich durch seine außerordentliche Kinetik unbändiger Wirbel schon zu Beginn völlig auf den Fellen austoben konnte. Stanley platzierte mehrfach mit Linien angeschlagener Akkorde ein greifbares Niveau motivischer Strukturierung, in die sich der Geiger Evan Garr bestens einfädelte und die Nummer mit Improvisationen belebte. Die Perkussion verstärkte die außerordentliche Rhythmik, und Stanley rückte in der Folge etwas in den Hintergrund, griff zu seinem Kontrabass und setzte sich auf einen Barhocker. Perkussion und Schlagzeug hielten den Ausgangsrhythmus, der sich am aufgebauten Motiv von Stanley Clarke aufbauend fortsetzte beziehungsweise allmählich in die fantastische Jazz-Fusion-Komposition namens Brazilian Love Affair überging. Letztere wurde von George Duke geschaffen, und Stanley widmete sie genau ihm. Die Integration von Salsa beziehungsweise Latin-Rhythmus war spürbar. Das über zwanzig Minuten lange Stück voller unerwarteter Wendungen und unglaublicher performativer Kommunikation führte das Publikum durch den Regen auf den Schwingen der einzigartigen Vibrationen dieses feinsinnigen und vollendeten Musikers und seiner Gefährten. Wenn das Bassspiel beziehungsweise das Kontrabasssspiel buchstäblich zu sprechen beginnt. Stanley gönnte sich im weiteren Verlauf noch einen besonders ausgedehnten Jam-Teil, in dem er uns noch tiefer in den Kern seiner Meisterschaft im Kontrabassspiel hineinführte. Obwohl es regnete, kamen die Leute in die Križanke selbstverständlich gut vorbereitet auf den Regen – aber in diesem Fall wäre es auch egal gewesen. Die Magie des Sextett-Spiels reißt dich fort, und das lästige Nieseln, das in früheren und schöneren Zeiten dankbarerweise ein schützendes Plane aufhielt, war damit im Nu vergessen.

Im weiteren Verlauf spielte Stanley Clarke mit seiner Band auch Charles Mingus‘ Goodbye Pork Pie Hat. Das Sextett vergaß nicht die Darbietung des knackigen Eigengewächses No Mistery, bei dem sich wieder Evan Garr auf der Violine austoben durfte. Die Jungs belohnten das Publikum noch mit einer weiteren herrlich verfremdeten Bearbeitung, als sie sich Black Narcissus vornahmen, das im Original Jo Henderson gehört. Viel Spielen, wenig – fast kein – Reden, selbstverständlich mit gelegentlichen Ansagen von Stanley, mit denen er das Publikum in den Pausen ansprach, sowie zum Abschluss, als er mit dem Team in das Stück Oh Oh einstieg, mit dem er das Publikum ein letztes Mal auf die Beine brachte. Dieses Stück mündete im zweiten Teil in Mothership Connection, bei dem Clarke und Garr ganz an die Vorderkante der Bühne traten, und mit dem das Zusammensein mit dem legendären Meister und Zauberer des Bass- und Kontrabassspiels auch seinen Abschluss fand!

Der 68-jährige Stanley Clarke hat mit seinem Team und dem Auftritt in Ljubljana einmal mehr bewiesen, dass er in seinem Handwerk einzigartig, unwiederholbar und ein nicht zu greifendes Unikat ist, seine Konzerte aber ein grandioses beziehungsweise spektakuläres musikalisches Erlebnis. Bewundernswerte Perfektion und die unglaubliche Vielschichtigkeit der Reife dieses großen Künstlers, der – untertrieben gesagt – mit seiner Ausstrahlung und seinem schöpferischen wie auch konzertanten Eifer nicht aufhört zu begeistern. Die Križanke in Ljubljana hüllte Stanley Clarke in einen feurigen Trance aus donnerndem Applaus, Ovationen und dem Rausch einer großen Faszination, die selbstverständlich grenzenlos bleibt.

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik  


Pošlji komentar

Your email address will not be published.

Ta stran uporablja piškotke z namenom zagotavljanja spletne storitve, oglasnih sistemov in funkcionalnosti, ki jih brez piškotkov ne bi mogli nuditi. Z obiskom in uporabo spletnega mesta soglašate s piškotki. Sprejmi Preberi več

Zasebnost&piškotki