Siddharta und ein einstündiger Schuss in Piran – alles ein erstes Mal (2024)
Siddharta
Sonntag, 23. 6. 2024, von 21.30 Uhr bis 22.35 Uhr
Piran / Tartinijev trg / Slowenien
Den Abschluss besonders ‚angespannter‘ Juniwochen, wie es dieser eine war, krönt man an einem Sonntag am schönsten – erst recht mit einer Portion Sarajevo-Ćevapi in den Gassen des spätnachmittäglichen Pirans, das obendrauf noch durch einen rockig aufgepumpten Abend mit Siddharta gekrönt wird. Finanziert von mehreren Küstengemeinden, traten die legendären slowenischen Rock-Matadoren überhaupt zum allerersten Mal in Piran auf. Und das an einem Staatsfeiertag! Eine Tatsache, die einmal mehr verdeutlicht, wie ’schwer zugänglich‘ dieses kleine Küstenstädtchen ist. Allein schon die Auseinandersetzung mit den Reizen des dortigen Mausoleums der Errungenschaften der menschlichen Zivilisation – nennen wir es einfach Parkhaus – ist eine Geschichte für sich und verlangt nach ein paar mentalen Entspannungsmanövern (vor allem in Richtung ’nach Hause‘), aber das heben wir uns für ein anderes Mal auf.
Es ist kurz vor halb zehn abends, und wir schieben uns langsam auf den Tartinijev trg zu, der inzwischen knallvoll ist. Ja. Der Staatsfeiertag naht – auch wenn er noch zwei Tage entfernt ist. Das Feiern dieses berühmten Tages lässt sich in den letzten Jahren am Wochenende leichter gestalten, selbst wenn die Daten dabei nicht immer ideal fallen. Siddharta waren also nach Piran gekommen, um dort ihr allererstes Pirankonzert zu liefern – mit nur einer Stunde Spielzeit. Diese Stunde bot einen erlesenen Querschnitt durch die beliebtesten Klassiker der Band, angeführt von einer Adaption von Martin Krpans Original Od višine se zvrti, die die Jungs schon früh im Set spielten. Besonders gekrönt wurde das Konzert gegen Ende durch Dviga Slovenija zastave – vor der Tomi, angesichts des bevorstehenden EM-Spiels zwischen England und Slowenien, die Insulaner wissen ließ, sie sollten ihre Hoffnungen mal lieber im Zaum halten: »Es ist Zeit, dem Engländer zu zeigen, wie Fußball gespielt wird!« – sowie im allerletzten Moment durch den »Nord«-Klassiker Na soncu, der in den letzten Jahren kein sonderlich häufiger Gast in Siddhartas Konzertrepertoires ist.
Auch wenn wir diesmal nur eine Stunde mit den Ikonen des slowenischen Rock ’n‘ Roll verbrachten, brachte diese ’süße Stunde‘ ein ganzes Bündel an Interessantem und Gesprächsstoff mit sich. Tomi bleibt eine unerschütterliche Figur auf der Bühne. Nichts bringt ihn aus der Ruhe. Abgesehen von seiner ohnehin schon sprichwörtlich donnernden, durchdringenden Gesangsperformance – dem essenziellen Baustein der Identität und des Schaffens der Band – und den gewohnten Tricks, mit denen er das Publikum meisterhaft in seinen Bann zieht, kam der Mann diesmal mit einer Prothese am Bein auf die Bühne und sang und spielte das gesamte Konzert im Sitzen (der wackere Musiker hatte sich beim Tennisspiel eine Sehne angerissen). Die zweite Besonderheit war ein zusätzlicher Keyboarder auf der Bühne. Bekanntermaßen tritt Siddharta in diesem Jahr seit einiger Zeit auf Werbeplakaten als Quartett auf. Tomaž O. Rous ist nicht mehr dabei – das steht fest –, aber Siddhartas ‚Aushilfe‘ an den Keyboards bleibt offiziell weiterhin im Verborgenen. Ob er nur aushilft oder die Band ihn gleichzeitig auf einen möglichen festen Platz in der Besetzung testet – das ist derzeit nicht bekannt. Spannend war es trotzdem, besonders beim »Nord«-Klassiker Samo edini zuzuhören, wo der Kerl zum Einstieg einen kurzen Impro-Einschub lieferte und im Mid-Eight des Songs noch mehr Raum bekam – dort hängte er dem Ganzen sogar ein paar jazzige Kapriolen an. Man spürt den Wind der Veränderung. So oder so. Lassen wir der Zeit ihre Zeit.
Ledena bleibt ein besonderer Moment bei Siddharta-Konzerten – ein großartiger Song und eine ganz eigene Faszination, nicht zuletzt wegen der stets brillanten, kontraststarken und voluminösen Basslinie! Der Generator dieser hypnotischen ‚Bodenmelodie‘ ist die eindringliche Melodie der ’schwer fassbaren‘ Bassgitarre von Jani Hace, die dem Song eine besondere Intensität verleiht. Ein ganz eigener Zauber. Die Band hielt die intensive Stimmung anschließend meisterhaft aufrecht, auch mit dem folgenden Infra-Song Piknik. Und natürlich lieferten die ohnehin schon legendären Detonationen der Alben »Rh-» und »Nord« ihre unvergesslichen Glanznummern (T.H.O.R., B Machina, Napoj und das unausweichliche Ring im Finale) sowie Pot v X – der einzige Track vom Debüt »ID«. Obwohl die Band am 29. 2. 2024 ihr neues, insgesamt zehntes Album »X« veröffentlicht hatte, war davon nichts zu hören. Keine Zeit. Aber zumindest hallte der ‚Weg nach X‘ nach – mit einer gewissen Symbolik für den zurückgelegten Weg der Band, direkt bis ins heutige Jahr und das neue Album.
Eine Explosion der Gefühle mitten in Piran. Keine Frage. Absolut. Der Sound exzellent. Nicht mal gelegentlich etwas stärkere Windböen konnten ihn verderben. Die Band aufrecht. Eingespielt und kompakt. So wie wir sie kennen. So wie es sein muss. Eine Stunde also in Gesellschaft der unverwüstlichen Siddharta. Kurz und süß!
Text: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik & Edita Klemen
Siddharta – Setlist:
1. T.H.O.R.
2. Od višine se zvrti
3. B Mashina
4. Napoj
5. Pot v X
6. Samo edini
7. Ledena
8. Piknik
9. Dviga Slovenija zastave
10. Ring
11. Na soncu












