Nördlicher Wind aus Hokkaido, französische Eleganz und das Jagen von Schatten: NOISEMAKER, Revnoir und Coldrain verkauften die Szene Wien aus
Coldrain (Vorgruppen: NOISEMAKER, Revnoir)
Sonntag, 7. 12. 2025
Wien / SZENE / Österreich
Den diesmaligen Konzertbesuch wünschte sich der Nachwuchs von Rockline, weshalb der (visuelle) Bericht leider mit einem 5 Jahre alten POCO X3-Handy und nicht mit dem Equipment aufgenommen wurde, das dieses Konzertspektakel eigentlich verdient hätte.
Das Jahr 2025 ist offensichtlich das Jahr des großen Comebacks der japanischen Szene in Europa. Das gesamte Jahr, stark geprägt von Namen aus dem Osten, endet auf dieselbe Art – explosiv. NOISEMAKER auf ihrer ersten Europa-Tour, unterstützt von den französischen Newcomern der Metalcore-Szene Revnoir sowie einem Vertreter der »The Holy Trinity of Japan’s C« – Coldrain (Crystal Lake, Crossfaith, Coldrain) – haben die Wiener SZENE ohne große Mühe ausverkauft.
NOISEMAKER sind japanischen Fans von modernem Rock und Nu-Metal natürlich kein Unbekannter. Obwohl sie bereits seit 2009 aktiv sind, als sie ihr Debüt The 6 Matters of the 6 veröffentlichten, war Europa bis dieses Jahr nicht in den Genuss ihres Besuchs gekommen. Auf heimischem Boden zählt das Quartett zu den verlässlichen Festival-Stammgästen – von Rock in Japan Fest, Summer Sonic bis hin zum Ozzfest, wo sie die Bühne bereits mit Giganten der globalen Rock- und Metal-Szene geteilt haben.
»Howling north wind from Japan«, wie sie sich selbst beschreiben, kommen sie aus dem kalten Hokkaido, was sich oft auch in ihrem Sound widerspiegelt – die scharfen Kanten des Alternative Rock, eingängige Melodien, Nu-Metal-Unterton und ein ausgeprägtes Gespür fürs Positive, weshalb sie oft mit neueren Generationen amerikanischer Hybrid-Rock-Bands verglichen werden.
Eine wichtige Rolle bei der Wiedererkennung spielt auch Frontmann AG, der traditionell zwischen Rap, Reingesang und Screaming-Passagen wechselt, was zu einem ihrer markantesten Klangmerkmale geworden ist. Die Band ist von Album zu Album gewachsen – MAJOR-MINOR, RARA und H.U.E. haben sie an die Spitze der modernen japanischen Rock-Szene gebracht. Mit den neuesten Singles haben sie endgültig bestätigt, dass sie zu den reifsten und international bereitesten J-Rock-Exportartikeln gehören.
Und – in typisch japanischer Präzisionsmanier – nahmen AG, HIDE, YU-KI und UTA die Bühne der Wiener SZENE pünktlich um 19:30 Uhr ein.
Mit einem außerordentlich energiegeladenen Auftritt von der ersten bis zur letzten Minute überraschten sie das Publikum, das vielleicht auf härtere Mucke vorbereitet war, positiv und heizten es gehörig ein. Als Vertreter des sanfteren Parts des Abends fehlte es ihnen definitiv nicht an Crowdsurfern und Moshpits, an denen AG selbst teilnahm – ganz im Stil seines spirituellen Vorbildes Ryo Kinishite – während er sang.
NOISEMAKER waren definitiv die positive Überraschung des Abends, mit einem einzigen echten Makel – sie spielten lediglich sechs Songs, bevor sie die Bühne den Franzosen Revnoir überließen. Sowohl Band als auch Publikum trennten sich mit einem Lächeln im Gesicht – dem echten, das mehr sagt als tausend Dezibel.
Das Publikum stürmte nach ihrem Set in Richtung Merch-Stand, wo NOISEMAKER innerhalb weniger Minuten nur noch mit einer Handvoll T-Shirts und ein paar Stickern dastand. Alles andere – ausverkauft. Eine mehr als verdiente Bestätigung des Auftritts und ein klares Zeichen der Dankbarkeit seitens des Publikums. Das Quartett stand die ganze Zeit neben ihrer Merch, bedankte sich persönlich bei jedem Einzelnen, ließ sich fotografieren und versprach, dass sie definitiv nach Europa zurückkehren werden.
Setlist:
1. Something New
2. MAJOR-MINOR
3. SADVENTURES
4. Supernatural
5. LAST FOREVER
6. NAME





































Revnoir, die neuen Schützlinge des Metalcore-Labels Arising Empire, zogen schon beim Betreten der Bühne die Aufmerksamkeit auf sich — besonders bei den Mädchen — mit ihrer eleganten Kleidung und sorgfältig gestylten Frisuren. Der Konzertbeginn war allerdings nicht ohne Haken: Der Gesang rief anfangs ein paar »saure Mienen« hervor, doch Sänger Maxime Rodriguez‑Medallo riss sich bereits beim zweiten Song zusammen und kam endlich in Fahrt.
Es mangelt nicht an Können oder Talent — Revnoir sind relativ jung, aber entschlossen. Die Band wurde 2021 gegründet, ihre erste EP Coma (2023) stieß auf positive Kritiken, und dieses Jahr veröffentlichten sie auch die Singles Revenge und Night Terror, die ihre Fähigkeit unter Beweis stellen, kraftvolle Metalcore-Riffs, melodische Übergänge und subtile elektronische Einlagen zu verbinden. Ihre Diskografie ist zwar noch nicht umfangreich, aber jede Veröffentlichung beweist, dass sie auf dem schnellen Weg zum internationalen Erfolg sind.
Obwohl sie in der Vergangenheit mehr auf Französisch gesungen haben — besonders in Songs über dunkle Gefühle und erschütternde Themen — haben sich Revnoir zunehmend an ein internationales Publikum orientiert. So konnte das Publikum, auch wenn es nicht alle Texte verstand, dem Tempo und der Energie ihrer Songs mühelos folgen.
Am überraschendsten war jedoch, dass ausgerechnet die letzten Songs von Revnoir die Krone von NOISEMAKER übernahmen, die bis dahin als der »ruhigere« Part des Abends gegolten hatten. Ihre durchdachte Setlist, die anfangs ruhig wirkte, verzauberte am Ende das Publikum und schuf einen Moment, als die Handys mit Lichtern wie Sterne über der Halle aufleuchteten.
Für eine junge Band, die noch im Aufstieg begriffen ist, war der Auftritt eine klare Botschaft: Revnoir sind nicht nur »französische Metalcore-Jungs«, sondern eine Band, die visuelle Eleganz, Energie und kompositorische Reife zu verbinden weiß. Eine Band mit großem Potenzial, die wir in Zukunft gerne im Auge behalten und sehen werden, was sich noch aus ihr entwickelt.
Setlist:
1. Into Quiet
2. Bang Bang
3. Night Terror
4. Snake
5. Revenge
6. Crève
7. New World
8. In Limbo
9. 20mg























Und dann war es so weit – 21:25 Uhr, fast auf die Minute genau beginnt das Coldrain-Intro zu spielen. Die ersten paar Momente lag die Halle in gespannter Erwartung, schon war leichtes Drängeln und Nervosität im Publikum zu spüren – und dann, bum! – Coldrain betritt die Bühne.
Coldrain, eine Band aus Nagoya, gegründet 2007, braucht denen, die die japanische Rock-Szene verfolgen, nicht extra vorgestellt zu werden. Die Mitglieder: Masato Hayakawa (Gesang), Ryo Yokochi (Gitarre, Programmierung), Kazuya Sugiyama (Sugi – Gitarre), Ryo Shimizu (RxYxO – Bass) und Katsuma Minatani (Schlagzeug) sind eine Band, die seit über 15 Jahren ihre Position sowohl zuhause als auch im Ausland festigt. Ihr Sound ist erkennbar an kraftvollen Metalcore-Riffs, melodischen Vocals, Screaming und aggressiven, aber gleichzeitig ausgesprochen melodischen Arrangements.
Ihre Diskografie umfasst die EPs Final Destination (2009), The Enemy Inside (2011) sowie die Alben The Revelation (2013), Vena (2015), Fateless (2017), The Side Effects (2019) und das neueste Nonnegative (2022). Die Band tourte regelmäßig durch Europa und die USA, trat auf Festivals wie Download Festival (UK), Summer Sonic (Japan) und Rock am Ring (Deutschland) auf und erlangte internationale Bekanntheit auch durch das Singen auf Englisch.
Als sie die Bühne betraten, war die Energie des Publikums sofort nicht mehr aufzuhalten. Die ersten Akkorde lösten eine Welle der Euphorie aus, Lichteffekte und visuelle Bühnengestaltung hoben die gesamte Halle auf ein neues Level. Masato spürte mit seinem charismatischen Gesang bereits vom Beginn von FREE FALL an, dass das Publikum ihm aus der Hand frisst und keine Krümel übrig lässt. Weiter ging es mit Paradise (Kill the Silence), und das Publikum benahm sich wie eine Horde Menschen am Black Friday. Der absolute Wahnsinn gleich zu Beginn sorgte für sichtliche Zufriedenheit in den Gesichtern der gesamten Besetzung. Es folgte INCOMPLETE, worauf die erste Publikumsansprache kam. Masato ließ das Publikum mit größter Freude wissen, dass das Konzert offiziell ausverkauft ist, was einen stürmischen Applaus erntete und erneut dafür sorgte, dass die Bandmitglieder ob all der Zuneigung seitens des Publikums ein wenig erröteten.
Das erste ausverkaufte Konzert in Österreich wird sich den Mitgliedern von Coldrain zweifellos ins Gedächtnis einbrennen, und Masato versprach dabei, dass sie, solange das Publikum sie unterstützt, immer wieder nach Europa zurückkehren werden. Den Satz schloss er etwas morbide mit der Bemerkung ab, dass sie nicht wissen, wie lange sie noch durchhalten können, da auch sie älter werden. Das klingt vielleicht seltsam für jemanden, der gerade mal 38 Jahre alt ist, aber wieder zeigt sich diese japanische Denkweise: »Wenn wir nicht alles geben können, geben wir gar nichts.« Bei so energiegeladenen japanischen Bands wie ihnen ist das Altern jedes Mal aufs Neue eine Herausforderung. Coldrain wollen sich schlicht nicht so sehen wie jene »klassischen« amerikanischen Bands in diesem Metal-Genre – erstarrt auf der Bühne, jeder zupft vor sich hin mit minimalen Bewegungen, der Sänger spaziert auf der Bühne wie auf einem Laufsteg nur ein bisschen rauf und runter – das ist eben nicht japanisch, dem Publikum muss man immer alles geben, egal was, und Coldrain sind da keine Ausnahme.
Nach der Ansprache dann der erste Song aus »uralt-alten« Zeiten, The Revelation – ein Song, der vor zehn Jahren für 4 Minuten den größten Bahnhof der Welt zum Stillstand brachte. Gemeinsam mit Monster Energy traten Coldrain nämlich direkt auf dem Bahnhof Shinjuku auf. Natürlich rastete das Publikum aus, der Security-Typ linste schon nach möglichen Stürzen im Moshpit, hatte aber nicht viel zu tun. REVOLUTION ließ erneut die Hände der Security zittern, da das vordere Absperrgitter bereits gelegentlich bebte. Auch diesmal gab die Technik nicht nach, und es war Zeit für einige neuere Songs – dann fragte Masato, ob im Publikum jemand ein Anime-Fan sei – die jüngere Generation von Fans kennt sie nämlich zweifellos genau von dort. Es begann mit dem Anime Rainbow: Nisha Rokubō no Shichinin, für den Coldrain 2010 den Opening-Song »We’re Not Alone« beisteuerten. 2024 sorgten sie mit »Vengeance« für den Opening des Anime Ninja Kamui, und im selben Jahr verwendete Fire Force den Song »MAYDAY«, den Coldrain gemeinsam mit Ryo Kinoshita erschaffen haben. Die Frage richtete sich natürlich darauf hin, denn es folgte der Song, der ebenfalls als Opening für den Anime BASTARD! diente – nämlich Bloody Power Fame. Und da waren wir… die randvolle Szene-Halle ächzte und knarzte, die halbe Halle verwandelte sich in einen Moshpit und sang den Song mit. Masato gab mehrmals nach und überließ das Singen dem Publikum, das ihn natürlich nicht kalt ließ. Die Halle hatte überlebt – Zeit für den »cutesten« Song des Abends: »Rabbit Hole«, gefolgt von MAYDAY. Die Musikenthusiasten lauschten dem zweiten Teil des Songs besonders aufmerksam, den eigentlich der bereits erwähnte Sänger Ryo Kinoshita hätte singen sollen – aber na schau mal an – Masato bewies erneut, dass er ein Vokalist mit vielen Talenten ist. Das wussten wir Fans allerdings schon seit 2018, als er in die Fußstapfen des legendären Chester Benningtona trat und mit der Band Crossfaith den Song Faint aufnahm, wobei er Chesters Part so präzise und stimmlich ähnlich sang, dass viele dachten, es handle sich nur um einen Remix des Originalvokals.
Masato drückte seine Begeisterung darüber aus, dass das Publikum alle neueren Songs mitsingt, und wirkte aufrichtig überrascht, dass das Publikum der mehr oder weniger neuen Setlist des Abends folgte.
Nach der Ansprache folgt dann der letzte Song des Abends, der ebenfalls von der neuen Platte stammt: CHASING SHADOWS. Es handelt sich um einen Song, der vor knapp vier Monaten auf der EP OPTIMIZE veröffentlicht wurde, die die Songs Optimize, Chasing Shadows, Digitoll, Incomplete und Free Fall umfasst. Das Publikum rastete aus, wie damals im fernen Jahr 2015, als das damalige »Paradepferd« aus Coldrains Song-Repertoire, »GONE«, zum ersten Mal auf europäischem Boden gespielt wurde. Die Band verabschiedet sich, doch wie vorherzusehen war, hat das Publikum noch nicht genug – nach zwei Minuten lautem Rufen nach mehr kehrt die Band auf die Bühne zurück und beginnt mit OPTIMIZE, wieder von der neueren Platte, aber das Publikum singt es mit, als würde es den Song schon seit Jahren kennen. Man würde meinen, eine Zugabe wäre genug, aber das Publikum wollte noch mehr. Masato ließ das Publikum zwischen einem oder zwei weiteren Songs wählen – als das Publikum die Hände mit fünf Fingern in die Luft streckte, signalisierte es der Band, dass auch zwei Songs nicht genug wären, die Band begeistert davon, dass das Publikum noch voller Energie ist, begann mit Envy und schloss den Abend mit Vengance.
Der Abend war der Beweis, dass Coldrain eine der energiegeladensten und engagiertesten J-Rock/Metalcore-Bands bleiben, die die europäische Szene in den letzten Jahren gesehen hat. Von NOISEMAKER über Revnoir bis hin zu Coldrain — jede Band fügte ihren eigenen Charakter und ihre Energie hinzu, aber Coldrain hoben den Abend auf ein höheres Niveau, wo sie in jedem Akkord, jeder Vokallinie und jeder Bühnenbewegung alles gaben. Das Publikum machte mit, sprang, sang und schuf eine Atmosphäre, die man so schnell nicht vergisst.
Wenn eines nach diesem Abend klar ist: japanischer Eifer, Charisma und Hingabe ans Publikum sind für Coldrain nicht nur Worte, sondern eine Lebensweise. Und obwohl die alten Songs, Anime-Openings und die neuere Hit-EP OPTIMIZE in aller Ohren klingen, war es die Energie des Publikums, die wirklich länger nachhallte als die Wände der Szene in Wien.
Setlist:
1.FREE FALL
2. PARADISE (Kill the Silence)
3. INCOMPLETE
4. The Revelation
5. REVOLUTION
6. Cut Me
7. DIGITOLL
8. Boys and Girls
9. Uninvited (Alanis Morissette cover)
10. Bloody Power Fame
11. Rabbit Hole
12. MAYDAY
13. CHASING SHADOWS
Encore:
14. OPTIMIZE
15. ENVY
16. VENGEANCE
Autor: Denis Paradiž & Helena Medved
Fotos: Denis Paradiž & Yamada Masahiro
Video: Denis Paradiž
















































