SatchVai Band und Surfen mit der Hydra in Pordenone (2025)
SatchVai Band
Samstag, 15. 7. 2025, von 21.30 Uhr bis 23.45 Uhr
Pordenone / Parco San Valentino / Italien
Manchmal passieren in der Welt des Rock ’n‘ Roll Dinge, die kaum vorstellbar scheinen. Und trotzdem passieren sie. Joe Satriani und Steve Vai sind alte Kumpel. Ihre Verbindung ist quasi selbstverständlich – seit den Tagen, als Vai bei Satriani Gitarrenstunden nahm. Mehrmals gingen sie gemeinsam auf Tournee unter dem Namen G3, was drei Gitarren bedeutete – drei Gitarristen. Die beiden genannten Gitarren-Großmeister und ein dritter Gitarrist, der mehr oder weniger nach ihrer Absprache ausgewählt wurde. Wer sich noch an jenen fernen 9. 7. 2004 und die Hala Tivoli erinnert, weiß: Der Dritte war damals Robert Fripp, wegen dem damals mehr als die Hälfte des Saals das Weite suchte. Nebenbei hat das G3-Projekt in diesem Jahr ein neues Konzertalbum veröffentlicht, insgesamt das zweite, auf dem als dritter Gitarrist (erneut) Eric Johnson mitwirkt.
Diesmal aber haben die beiden Größen beschlossen, eine Band zu gründen – SatchVai Band. Der finanzielle Aufwand der Tournee namens „Surfing With The Hydra“ ist nämlich deutlich geringer, der Erlös aus dem Ticketverkauf aber praktisch identisch, verglichen damit, wenn sie als G3 nach Europa gereist wären und das Honorar für einen dritten Gitarristen sowie mindestens zwei Vorgruppen hätten abdrücken müssen. Und letztlich sind für die Besucher solcher Tourneen die beiden immer die Hauptattraktion. Joe und Steve. Als dritten Gitarristen haben sie diesmal Pete Thorn eingeladen, der für Phrasierungen und Mitwirkung in leichteren Passagen zuständig war – beim Konzert in Pordenone bekam er aber auch zweimal die Gelegenheit, sich mit Gitarrensoli in seinem ganzen virtuosen Glanz zu zeigen. Das war für uns ein ernstes Zeichen, seinen musikalischen Hintergrund und seine Aktivitäten genauer unter die Lupe zu nehmen. Die Rhythmussektion schlicht glänzend. Satriani hat Kenny Aronoff im Team behalten, der Joe bereits auf der letzten Europatournee im vergangenen Jahr begleitet hatte. Und der Bassist: unser alter Bekannter – Marco Mendoza, dem wir in der Ära unseres Mediums in zahlreichen Bands begegnet sind (von Thin Lizzy über Whitesnake bis zu The Dead Daisies), aber auch auf Solotourneen. Mit einem Wort: eine waschechte Legende.
Pünktlich um halb zehn abends ging es los. Im Hintergrund der großen Festivalbühne eine Leinwand, Projektionen links und rechts! Zuerst betraten Mendoza, Thorn und Aronoff die Bühne, etwas später erschien das meistgesuchte Duo des Abends – Satriani und Vai. Mendoza trat direkt ans Mikrofon, als die Single I Wanna Play My Guitar losgrummelte, die Vai und Satriani gemeinsam mit Glenn Hughes aufgenommen hatten. Mendoza gilt auch als exzellenter Sänger – und das galt es zu nutzen. Vai und Satriani standen in der Mitte, wie zwei Brüder. Schulter an Schulter. Und amüsierten sich grenzenlos. Der Eröffnungsblock, der als eine Art Katalysator diente, in dem sich die Band bühnenmäßig warmschoss und einspielte, riss erwartungsgemäß das beinahe ausverkaufte Gelände mit rund 3.500 Besuchern von den Sitzen. Sitzplätze übrigens. Überall.
Der Sound donnerlaut und ausgezeichnet. Vor allem, wenn man irgendwo in der Mitte des Geländes saß. Das Zusammenspiel der Großmeister ist phänomenal und schlicht gesagt atemberaubend. Damit schreibe ich also nichts Neues. Wieder ist das eine Show, die man kaum in Worte fassen kann. Das muss man einfach am eigenen Leib spüren. Live. Immer wieder. Ob wir die beiden nun in eigenständigen Auftritten erlebt haben oder jene erwähnte G3-Show vor 21 Jahren in der Hala Tivoli. Dass im Hintergrund möglicherweise sogar das erste gemeinsame Album entsteht, bestätigte gleich darauf ein weiterer neuer Song – The Sea Of Emotion, Pt. 1 – und dann gehörte die Bühne Steve Vai (gewaltige Dramatik mit Zeus In Chains und noch ein Inviolate-Stück – das dazu völlig konträr angelegte Little Pretty, bei dem er eine halbakustische Gitarre mit wunderschöner psychedelischer Bemalung in die Hand nahm).
Vai kündigt an, dass beim Konzert in Pordenone kein Geringerer als der hochverehrte Joe Satriani seinen Geburtstag feiert. Der Gute ist sage und schreibe 69 geworden – sieht aber mindestens 15 Jahre jünger aus. Der passende Song folgt. Satriani kehrt auf Vais Aufruf hin auf die Bühne zurück und die Band brettert mit seiner Ice Nine los. Es ist ein Genuss zu beobachten, wie die beiden einander jagen. Eigerntlich mühelos. Fast blind. Die Harmonisierungen sind außergewöhnlich. Auch in den technisch anspruchsvollsten Passagen. Als würden sie voneinander abschreiben. Nach dem Links-Rechts-Beschuss gegenseitig ausgetauschter solistischer Spitzennummern folgt der Übergang in Vais The Crying Machine. Also zwei Stücke in einem. Die Band kam aus dieser Fusion erneut mit dem Haupt-Ice Nine-Riff heraus. Das bedeutete: Satriani feuerte sein Solo innerhalb von Vais The Crying Machine, und dieser ließ es ihm in Ice Nine nicht schuldig bleiben. Davon profitierten auch andere Songs, die durch diese erfrischenden Scherze – seitens beider Ultra-Virtuosen – auf ein völlig neues energetisches Schwingungsniveau gehoben wurden und das Publikum so auf eine neue, noch unentdeckte Weise berührten. Magisch. Intensiv. Überwältigend. Wenn nicht gar hypnotisch.
Das einzige Minus des Abends trifft keinen der Auftretenden, sondern den Kameramann, der zu viel Energie darauf verwendet hat, die Arbeit des Quintetts möglichst gleichmäßig abzubilden. Wenn Vai am Solieren war oder wenn Satriani am Solieren war, hielt der Kameramann nur wenige Sekunden drauf, um dann zu den anderen Bandmitgliedern auf der Bühne zu springen. Der Fokus hätte auf der Feinmechanik der Gitarrenakrobatik beider Großmeister liegen müssen. Das ist das eigentliche Theater, weshalb beide so viele Fans auf der ganzen Welt gewonnen haben, die genau wegen dieses gitarristischen Könnens zu ihren Konzerten kommen.
Vai vergaß nicht, sich wieder jene „bolschewistische“ Mütze aufzusetzen, als er mit seiner dreihalsigen Hydra den Song Teeth Of the Hydra spielte. Dieser Teil des Spektakels gehört zweifellos zu den Höhepunkten des Konzerts. Mendoza zog sich während dieses Stücks fast „hinter den Vorhang“ zurück, denn der untere Hals der Hydra ist als Bass ausgebaut (teils fretless, teils mit Bünden), und Vai funktionierte hier beinahe als „One Man Band“.
Das Konzert zeigte im Übrigen, dass bei dieser ganzen Tournee Joe Satriani die leichte Initiative innehat. Im Repertoire wurden mehr seiner Songs gespielt; Vai brachte sechs Stücke, davon drei vom letzten Album, sowie auf gewisse Weise das erwartbare Tender Surrender und natürlich jenen unverzichtbaren Moment seines künstlerischen Perfektionismus – die neunminütige Version des einzigartigen For The Love Of God.
Satriani hingegen würzte das Repertoire mit seinen bekanntesten Stücken beziehungsweise Songs, die bei seinem Publikum enorm beliebt sind. Flying In A Blue Dream bleibt absolute atmosphärische Fantastik, und der Mann bestätigt einmal mehr, dass er der König darin ist, außergewöhnliche Musikalität aufrechtzuerhalten – trotz der Integration seiner eigenen technisch komplexen Überlegenheit. Mendoza, der in diesem Stück nicht allzu viel zu tun hat, bot dazu einen stark kontrastierenden Unterbau mit Linien, mit denen er buchstäblich in die Bassgitarre grub. Die Melodie steht an erster Stelle, und Satriani ist in dieser Hinsicht unter den gitarristischen Saitenzupfern für jedermann zugänglich. Auch für den weniger anspruchsvollen Hörer. Nicht weniger fantastisch der Titeltrack des unvergesslichen „Surfing With the Alien“ sowie danach das großartige neue Sahara, wo die beiden das Stück mit Vai ausdehnten und durch Einlagen auf neue Dimensionen erweiterten. „Are you ready for boogie?“ war die Eröffnungseinladung zum Fest bei Satch’s Boogie, dazu das wunderschöne If I Could Fly, und der reguläre Teil schloss mit Satrianis Durchbruch-Hit – Always With Me, Always With You. Alle Songs wuchsen im Kontext der hinzugefügten Soli, entweder seitens Vais (bei Satrianis Stücken) oder seitens Satrianis (bei Vais Stücken).
Den Ausgang von Always With Me, Always With You verlängerte die Band mit einem Jam über das Eröffnungsmotiv des Beatles-Klassikers With A Little Help From My Friends. Am Ende stellte Satriani alle Bandmitglieder vor, und Vai stellte ihn danach so vor: „And our very own birthdayboy Joe Satriani!“
In der Zugabe Crowd Chant und dann der Abschluss mit dem Klassiker Born To Be Wild, bei dem Mendoza seine Stimmbänder erneut strapazierte. Man muss hinzufügen, dass die Rhythmussektion brillant ist. Aronoff bekam zwar keine Minute für ein Schlagzeugsolo, aber Vai und Satriani ließen ihn ein paarmal von der Leine, sodass er in Übergängen oder Ausgängen aus Stücken die Außergewöhnlichkeit seiner Rollings zur Schau stellen konnte. So war auch der Abschluss dieses außergewöhnlichen Fests!
Diese Kombination aus Vai und Satriani muss man unbedingt live sehen. Worte reichen nicht. Wenn du ein Fan bist, ein Gitarren-Enthusiast, ein guter Kenner beider Künstler, hast du bei diesem Konzert noch mehr mitgenommen als der Schreiber dieser Zeilen – aber diese Konzertverlockung ist für jeden einen Sündenfall wert, dem Rock ’n‘ Roll zumindest ein bisschen im Alltag bedeutet. Und aus den Augen und Ohren eines Laien gilt folgendes: Einfach. Du kommst hin, ohne Erwartungen, und gehst vom Spektakel überwältigt. Das ist es. Falls euch dieses Zusammentreffen mit SatchVai Band in Pordenone vielleicht entgangen ist – fahrt nach Šibenik am 1. 8. und 2. 8., dort sind zwei Konzerte nacheinander angekündigt. Besonders, wenn ihr euch zu der Zeit irgendwo am Meer in Dalmatien aufhaltet.
Autoren: Edita Klemen & Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
SatchVai Band – Setlist:
1. I Wanna Play My Guitar
2. The Sea of Emotion, Pt. 1
3. Zeus in Chains
4. Little Pretty
5. Ice Nine / The Crying Machine
6. Flying in a Blue Dream
7. Surfing With the Alien
8. Sahara
9. Tender Surrender
10. Teeth of the Hydra
11. Satch Boogie
12. If I Could Fly
13. For the Love of God
14. Always With Me, Always With You
—Zugabe—
15. Crowd Chant
16. Born to Be Wild


























