Psychedelische Reise zum Planeten Gong und wieder zurück (2024)

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Gong
Sonntag, 1. 12. 2024
Ljubljana / CUK Kino Šiška / Slowenien


Die legendären psychedelischen Progrock-Heroen Gong haben die slowenische Hauptstadt zum ersten Mal in ihrer Karriere besucht — eine Stadt, in die Progrock-Bands so selten kommen wie Regen in der Gobi-Wüste. Ihr Konzertauftritt im Kino Šiška war Teil der ‚Unending Ascending‘-Tournee, benannt nach ihrem aktuellen Studioalbum.

Vor Konzertbeginn wurde so manchem der Anwesenden bewusst, dass Gong — die heutzutage kein einziges Originalmitglied mehr in ihren Reihen haben — in verschiedenen Inkarnationen und mit gelegentlichen Pausen seit über 55 Jahren auf der Bühne aktiv sind, womit sich nur sehr wenige ihrer Zeitgenossen brüsten können. Eine der zählebigsten Progrock-Bands wurde einst 1967 vom verstorbenen australischen Gitarristen/Sänger Daevid Allen und seiner ebenfalls bereits verstorbenen Frau Gilli Smyth gegründet. Die kultische internationale Band mit französischen Wurzeln, die viele Musikkritiker auch den Spacerock-Bands zurechnen und in die sogenannte Canterbury-Szene einordnen, wurde in der ersten Hälfte der Siebziger unter Progrock-Fans berühmt-berüchtigt durch die konzeptuelle Albumtrilogie „Radio Gnome Invisible“. Auf besagter Trilogie, die bei zahlreichen ‚Prog-Liebhabern‘ bis heute als Meisterwerk gilt, präsentierte Allen eine völlig eigenständige, durch und durch psychedelische und exzentrische Mythologie in Form von fliegenden Teekesseln, bekifften Gnomen und Oktaven-Doktoren vom Planeten Gong, die mehr als offensichtlich unter dem Einfluss verschiedener berauschender Substanzen entstanden war. Dementsprechend überraschte es niemanden, dass sich vor Konzertbeginn im Publikum eine wirklich bemerkenswerte Mischung an Besuchern zusammengefunden hatte — überwiegend ergraute Musik-Doktoren und hippieske ‚Kräutler‘-Typen.

Nach dem Zerfall der klassischen Version von Gong Mitte der Siebziger entstanden mit der Zeit mehrere ‚Ableger‘ (Pierre Moerlen’s Gong, New York Gong, Mother Gong, Planet Gong Paragong, Gongmaison, Gongzilla) dieser legendären Band, die alle zur großen Gong-Familie gehörten. Unter den ehemaligen Gong-Mitgliedern verdient vor allem der Gitarrenvirtuose Steve Hillage besondere Erwähnung, der mit einer bemerkenswerten Solokarriere aufwarten kann.

Anfang der Neunziger gelang es Allen nach und nach, die klassische Version von Gong neu zu formieren, die er bis kurz vor seinem Tod im Jahr 2015 anführte. Kurz vor seinem Tod gab er der neuen, verjüngten Version von Gong, die mit ihm auf dem ‚Abschiedsalbum‘ „I See You“ (2014) zusammengearbeitet hatte, seinen ‚Segen‘, weiterzumachen. Die neuen Gong — mit dem englisch-iranischen Gitarristen/Sänger Kavus Torabi, dem brasilianischen Gitarristen Fabio Golfetti, Bassist Dave Sturt, Saxofonist Ian East und Schlagzeuger Cheb Nettles an Stelle von Allen — haben (ohne Allen) bislang bereits drei Studioalben und ein Livealbum eingespielt. Die neuen Gong schöpfen ihr Setlist-Repertoire größtenteils aus den aktuellen drei Studioarbeiten, was bis zu einem gewissen Grad verständlich ist. Trotz der Fortführung des unverkennbaren Musikstils handelt es sich im Vergleich zu den ‚klassischen‘ Gong um eine praktisch völlig andere Band. Nur gelegentlich, wenn das Publikum sich mit seiner Begeisterung und seinem Mitmachen genug hervortut, ’starten sie die Zeitmaschine‘ und spielen auch die eine oder andere Klassik aus der Allen-Ära bzw. aus der ersten Hälfte der Siebziger.

Die angekündigte Vorband Fruit Salad Lights ließ sich in der kleinen Halle nicht blicken, die an diesem Abend — ziemlich überraschend für eine Band, die in ihrer reichen Karriere keinen einzigen Hit hatte und sich auch nie die Mühe gemacht hat, einen zu schreiben — restlos ausverkauft war. Gong konnten also ihre Spacerock-Party starten und die psychedelische Reise zum Planeten Gong und den Radio-Gnomen aus Allens rauschgeschwängerten Träumen antreten. Das Konzert eröffneten sie mit dem neuen Track „My Guitar is a Spaceship“ vom aktuellen Studioalbum „Unending Ascending“ (2023), mit dem sie sofort unter Beweis stellten, dass sie in bestechender Konzertform sind.

Die neueste Inkarnation von Gong existiert zusammen zwar erst ‚gerade mal‘ zehn Jahre, aber sie erinnerten uns von der ersten Sekunde ihres Auftritts an daran, dass es sich hier um keine blutjungen Grünschnäbel handelt, die Allen erst das Laufen beigebracht hat — sondern um durch und durch erfahrene Musikmeister in den mittleren und späten mittleren Jahren. Torabi, der in seiner ‚Freizeit‘ die Band Knifeworld leitet und mit Bands wie Guapo und The Utopia Strong zusammenarbeitet, verfügt über eine außergewöhnliche Bühnenpräsenz, während er optisch an einen älteren ‚Cousin‘ des legendären Marc Bolan (T. Rex) erinnert. Sein gitarristisches Können bewegt sich auf beneidenswertem Niveau, während er stimmlich stark an Allen erinnert. Torabis Gitarren-Kumpel Golfetti, der seine eigene Prog-Band Violeta de Outono leitet, ist ein wahrer Gitarrenvirtuose, der sich gelegentlich bizarre Sound-‚Séancen‘ am Gitarrenhals gönnt — und zwar mit verschiedenen ‚Hilfsmitteln‘, die auch einem Adrian Belew (ex-King Crimson) und Fred Frith (Henry Cow) gefallen würden. Saxofonist East bringt mit seinen jazzigen Passagen jene Klarheit und Exzentrizität in den Sound der Band, die so ein wichtiger Bestandteil des klassischen Klangs dieser Kultgruppe sind. Beim Beobachten und Zuhören von Easts Saxofon-Eskapaden beschleicht so manchen Fan der Gong-Zeitgenossen Van der Graaf Generator der quälende Gedanke, wie viel Energie und Sprengkraft VDGG nach dem Abgang von Saxofonist David Jackson verloren haben — während Gong noch immer klingen wie in ihren besten Zeiten.

Sturt, der auch allen Fans der kultischen, leider schon lange inaktiven Band Jade Warrior bestens bekannt ist, ist nicht nur ein exzellenter Bassist, sondern auch ein begabter Hintergrundsänger. Schlagzeuger Nettles, den so manche Progmetal-Band sicher liebend gerne in ihren Reihen hätte, überraschte uns alle gehörig mit seinen zerstörerischen Crashes quer durch das gesamte Schlagzeug-Setup und dem gelegentlichen Einsatz einer doppelten Bass-Fußmaschine — weshalb die Band zeitweise ziemlich wuchtig klang, wenn nicht gar fast ‚metallig‘, was sicher auch dem weniger psychedelisch ‚abgetripten‘ Teil des Publikums gefiel.

Es folgte die Darbietung von „Kapital“ vom Album „Rejoice! I am Dead!“ (2016). Dieser Track entstand noch zu Lebzeiten von Allen, der auch der Autor des gesellschaftskritischen Textes war. Vom selben Album spielten Gong auch „Rejoice!“, das einen von Allens schelmischsten und tragikomischsten Texten enthält — beim Zuhören hat man das Gefühl, er beobachte uns aus seiner Gong-Dimension und verspotte gleichzeitig unsere verrückt gewordene Welt. Torabi richtete seinen aufgerissenen Blick mehrmals ins Publikum, womit er an einen verrückten Doktor oder an einen jungen Ian Anderson (Jethro Tull) erinnerte. Natürlich hatte Torabi in Sachen Aufbau von Bühnenpräsenz den besten Lehrer in Allen — auch wenn die modernen Gong deutlich weniger exzentrisch sind und sich nicht mehr in lustige Kostüme schmeißen wie einst, als der graugelockte Patriarch das Kommando hatte. Und berauschenden Substanzen frönt wahrscheinlich auch keines der aktuellen Bandmitglieder (mehr).

Den ersten Höhepunkt des Abends stellte die Darbietung des Gong-Klassikers „Master Builder“ vom Album „You“ (1974), dem dritten Teil der „Radio Gnome Invisible“-Trilogie, dar. Den zogen sie ordentlich in die Länge — mit instrumentalem ‚Mantren‘ und dem Aufbauen verschieden hoher ‚Klangwände‘, während das Ganze durch eine aufgezeichnete Ansprache von Allen bereichert wurde. Sein Geist wacht noch immer über der Band, die offensichtlich dazu bestimmt ist, noch lange nach seinem Tod weiterzuspielen. Die Bandmitglieder verbargen ihre Begeisterung über das Publikum nicht, das sich an diesem Abend auf sehr unterschiedliche Weise austoben durfte — je nach ihrer audiovisuellen Wahrnehmung und dem persönlichen Erleben der Gong-Musik. Während manche, überwiegend jüngere Besucher so ‚abgetript‘ waren, dass sie kein einziges Mal auf die Bühne schauten und stattdessen ekstatisch wie von Sinnen tanzten, genoss der Großteil des Publikums das außergewöhnliche Zusammenspiel der gesamten Band und die einmalige Atmosphäre, die ihnen mehrmals wirklich gelungen ‚zauberten‘. Einige instrumentale Passagen mit dem häufigen Einsatz von Echo-Effekten und dem Ausdehnen einzelner Töne waren eine Winzigkeit zu lang — aber wer Gong kennt, weiß, dass sie das schon in ihren frühen Jahren gerne so gemacht haben. In solchen Momenten kann jeder, der ein Mindestmaß an Fantasie mitbringt, mit seinen Gedanken irgendwo anders ‚abdriften‘ — ganz ohne den Einsatz berauschender Substanzen.

Torabi bemühte sich sogar um ein paar einfache slowenische Phrasen wie ‚dober dan‘, ‚dober večer‘ und ‚hvala‘ — eine sehr schöne Geste und ein weiterer Beweis dafür, dass Gong nie zu jenen arroganten, typischerweise englischen Aufgeblasenen und Snobs gehörten, von denen es in der Rockmusik wahrlich genug gibt. Das völlige Ausbleiben jeglichen kommerziellen Erfolgs hat dazu geführt, dass sie sich nie ‚korrumpieren‘ ließen. Als Zugabe spielten Gong „Insert Yr Own Prophecy“ von „Rejoice! I am Dead!“ sowie den Klassiker „You Can’t Kill Me“ vom zweiten Album „Camembert Electicque“ (1971). Letzteren spielen sie normalerweise nur bei besonderen Gelegenheiten, wenn sie wirklich zufrieden mit der Reaktion des Publikums sind — denn nach Torabis eigenen Worten ‚leben sie im Jetzt, nicht in der Vergangenheit‘, weshalb sie die ‚Zeitmaschine nur sehr selten starten‘.

Der Auftritt von Gong war ein Triumph für alle Fans der psychedelischen Schule des Prog Rocks mit Schwerpunkt auf Space Rock und Jazz-Rock-Fusion, die endlich erlebten, dass auch einer der Schlüsselvertreter der Canterbury-Szene Ljubljana einen Besuch abstattete. Die kleine Halle im Kino Šiška erwies sich als ausgezeichnete Wahl für eine Besetzung wie die heutigen Gong. Der einzige Wermutstropfen waren die Säulen an beiden Bühnenrändern, die angesichts des ziemlichen Gedränges so manchem Besucher Teile der Bühne verdeckten — vor allem den Blick auf den oft nahezu ‚verborgenen‘ Schlagzeuger Nettles. Die Beschallung war für die kleine Halle durchweg ‚auf den Punkt‘, während die psychedelisch gewürzte Beleuchtung eine Geschichte für sich war. Gong, die immer berüchtigt für ihren psychedelischen ‚Lichttanz‘ waren, haben sich in dieser Hinsicht viel von den frühen Pink Floyd abgeschaut. Wer weiß — vielleicht melden sich Gong in Ljubljana noch vor dem Jahr 2032 zurück, wenn laut Allens Prophezeiungen die Erde und der Planet Gong Kontakt aufnehmen, sich in derselben Dimension befinden und zu einem einzigen Planeten ‚verschmelzen‘ sollen.

Autor: Peter „Dr. ProgRock“ Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Setlist:
1. My Guitar Is a Spaceship
2. Kapital
3. All Clocks Reset
4. Rejoice!
5. Tiny Galaxies
6. My Sawtooth Wake
7. Through Restless Seas I Come
8. Lunar Invocation
9. Master Builder (mit „Hello Me“ von Daevid Allen als Einleitung)
10. Choose Your Goddess
—Zugabe—
11. Insert Yr Own Prophecy
12. You Can’t Kill Me


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