Bier in der Luft, schottische Kilts im Wind – Paganfest MMXXV in Zagreb
PAGANFEST MMXXV
ALESTORM, ENSIFERUM, TÝR, HEIDEVOLK, ELVENKING
Zagreb / Tvornica Kulture / Kroatien
Sonntag, 9. 2. 2025
Die brüllenden Klänge von Folk- und Piraten-Metal hallten durch die Tvornica Kulture, als Paganfest MMXXV eine unglaubliche Band-Besetzung zusammenbrachte, die eine der energiegeladensten Nächte lieferte, die Zagreb seit Langem erlebt hat. Eine Reise durch epische Schlachten, nordische Legenden, trunkene Piratengeschichten und heidnische Hymnen – diese Nacht hatte alles. Das Konzert war restlos ausverkauft, was zur ohnehin schon unglaublichen Atmosphäre noch zusätzlich beitrug.
ELVENKING: Energiegeladener Auftakt
Den Abend eröffneten die italienischen Elvenking, die sich seit ihrer Gründung 1997 einen großen Namen in der Folk-Metal-Szene erarbeitet haben. Ihre Musik verbindet melodischen Power Metal mit reichhaltigen Folk-Einflüssen, was sie von vielen anderen Genre-Kollegen abhebt. Ihre Texte erkunden oft Fantasiewelten, Naturelemente und huldigen heidnischen Werten. Ein Set voller aufgeweckter Phrasen und unglaublich eingängiger Refrains brachte das Publikum schnell auf Touren und verpasste dem Event den nötigen Eröffnungs-Kick! Ein erneut energiegeladener Auftritt ritt auf den Flügeln souveräner Spielfreude und hoher Eingespieltheit – was einmal mehr bestätigte, dass die Band in letzter Zeit wirklich viel auf Tour ist. Am 11. April veröffentlicht die Band ihr neues Studioalbum „Reader Of The Runes – Luna“, das den Abschluss der ‚Readers of the Runes‘-Trilogie bildet, und präsentierte dabei bereits einige neue Nummern, darunter die Titelsingle Luna und das Eröffnungsstück Throes of Atonement – natürlich fehlten aber auch die beliebten Pagan Revolution, Elvenlegions und The Divided Heart nicht. Nach dem aufgespielten Outro Italian Pizza Time griff das Volk in der Tvornica merklich öfter zum Bier. Warum? Weil das zu jedem Paganfest-Ritual dazugehört. Elvenking sind gute Bekannte von Alestorm. Als Vorband sprangen sie nämlich im November 2023 beim Ljubljaner und beim Zagreber Konzert ein!
Elvenking – Setliste:
1. Perthro (Aufnahme)
2. Throes of Atonement
3. Pagan Revolution
4. Silverseal
5. Moonbeam Stone Circle
3. The Horned Ghost and the Sorcerer
4. Luna
5. The Divided Heart
6. Elvenlegions
7. Italian Pizza Time (Aufnahme)
HEIDEVOLK: Das Räderwerk der heidnischen Party beginnt sich zu drehen
Als Nächste kamen die niederländischen Folk-Metal-Krieger Heidevolk, die seit 2002 auf der Szene aktiv sind. Ihre Musik lehnt sich stark an die niederländische Geschichte und Mythologie an, was sich sowohl in den Texten als auch in den mächtigen Chorrefrainen widerspiegelt. Was sie einzigartig macht, ist der zweistimmige Gesang, der tiefe, fast opernhafte Vocals mit aggressiveren Gesangseinlagen kombiniert.
Die Band baute in ihre Show Klassiker ein, die bei ihren Konzerten nicht fehlen dürfen – das waren Saksenland und Drink met de Goden (Walhalla), die dafür sorgten, dass der ausgeprägte heidnische Geist dem Festival einen zusätzlichen Stempel der Ungebändigtheit aufdrückte. Einen der Höhepunkte des Auftritts brachte ein Cover der Band Normaal mit dem Titel Vulgaris Magistralis, das mit seinem Hymnencharakter am Ende des Sets das gesamte Publikum in ein gemeinsames Mitsingen des Refrains vereinte. Nach dem Zechen mit den Göttern in Walhalla also ein knackig gezahntes großes Finale, das nach dem Erlebten keinerlei Gleichgültigkeit zuließ. Heidenvolk besitzen eine ansteckende Energie, und im Venue war es während ihrer Show nicht schwer, die starken Bande zwischen Band und Publikum zu spüren!
Heidenvolk – Setliste:
1. Hagalaz
2. Winter Woede
3. A Wolf in My Heart
4. Schildenmuur
5. De Strijd Duurt Voort
6. Saksenland
7. Krijgsvolk
8. Drink met de Goden (Walhalla)
9. Vulgaris Magistralis (orig. Normaal)















TÝR: Entfesseltes Chaos
Týr stürmten die Bühne wie ein wikingischer Plünderertrupp und brachten ihre einzigartige Mischung aus progressivem und Folk-Metal mit. Die Band von den Färöern, die seit 1998 aktiv ist, ist dafür bekannt, traditionelle skandinavische Melodien und Geschichten in ihre Musik einzubinden. Ihre Songs basieren oft auf nordischer Mythologie, was ihnen einen epischen Charakter verleiht.
Ihre Setliste war gestrickt wie eine perfekte Kombination aus eingängigen Hymnen und dem Auslösen hochoktaniger Wellen unglaublich überwältigender Energiespannungen! Harmonisch, geeint, kraftvoll. Gerade der Opener By the Sword in My Hand und der Abschluss Hold the Heathen Hammer High ernteten erwartungsgemäß den stärksten Applaus. Gitarrist Hans Hammer, der sich der Band 2021 anschloss, war eine echte kleine Bühnenbombe! Ständig in kaum fassbaren akrobatischen Turnübungen! Man konnte ihn nicht dabei erwischen, dass er einen einzigen Griff falsch spielte. Im Zusammenspiel mit der charismatischen Ikone der Band, Sänger und Gitarrist Heri Joensen, ohne den sich Týr schlicht nicht vorstellen lässt, lieferten beide ein harmonisches Miteinander – und was am wichtigsten ist: Sie hielten das Publikum durchgehend auf dem Level außergewöhnlicher Ausgelassenheit, denn die Menge hielt sich nicht zurück beim Aufbau konkreter Mosh Pits, was den Eindruck eines allgemeinen Deliriums und echten Chaos vermittelte, das den Saal beherrschte. Die Band brachte ihr neues Album „Battle Ballads“ mit nach Zagreb, das im vergangenen Jahr erschienen ist.
Týr – Setliste:
1. By the Sword in My Hand
2. Axes
3. Regin Smiður
4. Hammered
5. Blood of Heroes
6. Hail to the Hammer
7. Dragons Never Die
8. Sinklars Vísa
9. Hold the Heathen Hammer High








































ENSIFERUM: Legenden glänzen noch immer
Ensiferum, eine der Pionier-Bands des Viking- und Folk-Metals, sind seit 1995 auf der Szene. Ihre Musik verbindet epische Melodien, kraftvolle Gitarrenriffs und Texte, die das heidnische Erbe feiern und auf unbezwingbare Kampfeslust schwören. Ihre Alben wie „Iron“ und „Victory Songs“ gelten als Grundpfeiler des Genres. Es gibt wohl kaum einen Fan, der sich den Vierzig nähert, der in seinem religiösen Fanatismus nicht ihren Song Hero in A Dream rauf und runter gehört hätte – ein Track, der bis heute als so etwas wie die grundlegende Definition des Genres gilt. Einst, in anderen Zeiten, lief er auch zu völlig absurden Nachtzeiten im slowenischen Radio.
Als Ensiferum die Bühne betraten, war klar, dass ihr Auftritt einer der Höhepunkte des Festivals sein würde. Bassist Sami Hinkka von schwergewichtiger Statur war der unbestrittene Star des Abends. Während der Show legte er ein Level an energetischer Zügellosigkeit und Ausgelassenheit an den Tag, um das ihn auch deutlich jüngere Künstler beneiden könnten. Songs wie Lai Lai Hei, From Afar und Token of Time fluteten die Halle mit epischen Melodien und mitreißenden Refrains, die das Publikum zu gemeinsamem Mitmachen trieben. Die Energie war schlicht und einfach wunderschön. Ensiferum sind Meister darin, atemberaubende Geschwindigkeit mit hoher Musikalität zu verbinden, weshalb sie im Folk-Metal besonders geschätzt werden. Das Publikum veranstaltete auch konkretes Crowdsurfen, als wäre man in Biograd na Moru gestrandet und nicht in der kroatischen Hauptstadt. Zweifellos feuerten Ensiferum auch jene etwas introvertierteren Personen an, die prinzipiell mit sprichwörtlicher Schüchternheit handeln – damit sie ihren Enkeln einmal nicht nur erzählen müssen, wie sie das Ensiferum-Konzert in Zagreb bloß beobachtet haben, sondern dass sie beim zumindest minimalen Headbanging auch ihre Halswirbel mitbewegt haben. Die ganze Halle war in Bewegung! Niemand stand still. Nicht ein Molekül, nicht ein Bierhauch. Die Band konzentrierte sich während des Auftritts vorrangig auf die Präsentation des neuesten Albums „Winter Storm“, das sich beim Publikum einige Monate nach seiner Veröffentlichung bereits hervorragend etabliert hat.
Ensiferum – Setliste:
1. Aurora (Aufnahme)
2. Fatherland
3. Twilight Tavern
4. Treacherous Gods
5. Winter Storm Vigilantes
6. Lai Lai Hei
7. Andromeda
8. Victorious
9. Victory Song
10. Two of Spades
11. Iron






























































ALESTORM: BIER, CHAOS UND TOTALE NACKTHEIT
Genau um 21:50 Uhr, pünktlich wie der deutsche Zugfahrplan, ist es Zeit für? NAAAACKTHEIT! Ach ja. Nein, Entschuldigung – es ist Zeit für Alestorm. Über sie haben wir schon mehrfach geschrieben, und wir wussten, was uns erwartet – totales Chaos. Schon beim Aufpumpen der berühmten gelben Ente, die die Bühne von Alestorm immer schmückt, konnte man unter dem Publikum das Mitsingen von Alestorm-Songs hören.
Noch vor dem eigentlichen Beginn des Auftritts übertönte das Skandieren „Alestorm, Alestorm!!!“ und lautes Klatschen die ersten Noten des ersten Songs. Als Keelhauled einsetzte, wusste ich genau, wie man sich in Asien während der Monsunzeit fühlt. Das Bier, das beim Auftritt von Alestorm in die Luft flog, hätte die gesamte aktuelle These widerlegen können, dass in Kroatien seit der Euro-Einführung alles teurer geworden ist – denn es sah aus, als würde Bier nur 10 Cent kosten. Sowohl das Publikum als auch die Alestorm-Leute, getränkt mit dem Elixier der Jugend – Bier –, waren also bereit für die piratenhafte Bier-Misshandlung und die analen Sphinkter-Zumutungen.
Die Setliste war gespickt mit ihren klassischen Piraten-Hymnen wie Nancy the Tavern Wench, bei der sich rund 150 Leute auf den Boden setzten und zu rudern begannen, was ein spektakuläres Bild abgab. Crowdsurfen war ohne Unterbrechung durch den gesamten Auftritt hindurch präsent, was die wilde Energie des Konzerts nur noch unterstrich. Natürlich fehlte auch der sogenannte „Fan-Service“ vor allem für den weiblichen Teil des Publikums – Zungenküsse zwischen Gitarrist Bobot und Sänger Chris beim Song Mexico – auch diesmal nicht.
Beim Song Hangover segeln wir dann in Angriffswasser! Auf der Bühne gesellen sich gleich zwei Haie zu Alestorm! Zuerst fressen sie Bobot bis zur Hälfte auf, doch dann lockt sie das Bier und das Mitsingen. Und langsam kommt der Song auf den Spielplan, der für den öffentlichen Auftritt gemacht wurde – P.A.R.T.Y.! Die Lichter färben sich wie bei einer modernen Parade in Ljubljana, gefolgt von einem der bekanntesten Reime der Band, der natürlich auch bei diesem Konzert den Sänger übertönt:
„Welcome to the island where your pirate dreams come true
Over there is captain Yarrface drinking from a shoe
Everywhere you dig you’ll find some treasure in a chest
The local tavern’s full of crew who want to go on quests„
Als der reguläre Teil endet, ist das noch nicht der Höhepunkt des Abends. Den Höhepunkt stahl ohne jeden Zweifel der Moment, als sich einer der Besucher über die Menge erhob und enthüllte, dass Schotten tatsächlich nichts unter dem Kilt tragen. Inmitten des Skandierens von „Svirajte pičke“ (was offenbar der Zagreber Ruf nach der obligatorischen Zugabe ist) gingen die Lichter an, und alle Augen waren auf einen vollständig nackten Besucher gerichtet, der selbstbewusst alle seine Attribute zur Schau stellte. Chris Bowes zeigte nicht die geringste Überraschung – als wäre ein solcher Anblick für ihn völlig normal.
Der erste obligatorische Zugabenteil des Abends beginnt. DRINK! Die Konzertshow wurde von kleineren technischen Pannen heimgesucht, die bei Drink aber besonders auffällig wurden – für diese Pannen entschuldigte sich Sänger Chris auch beim Zagreber Publikum auf dem offiziellen Reddit-Subreddit. Es scheint, dass den Vokalausfall in diesem Teil des Konzerts weniger das Publikum als vielmehr Chris selbst störte, was auf gewisse Weise logisch ist. Die Zagreber ließen sich nicht unterkriegen und sangen den Song stellenweise auch ohne Chris zu Ende. Das Publikum war derart brutal laut, dass ein oberflächlicher Alestorm-Zuhörer die Verwirrung in diesen Momenten des Konzerts als völlig normalen Bestandteil der Alestorm-Show hätte durchgehen lassen.
Als wäre das noch nicht genug, sorgten Alestorm beim Song Drink für noch eine Dosis unerwarteter Nacktheit. Bassist und Gitarrist kehren mit Wein in den Händen auf die Bühne zurück, wobei Letzterer völlig nackt vor das Publikum trat – mit dem Schriftzug „Alestorm“ über dem Oberkörper und nur einer Socke über seinem empfindlichsten Körperteil. Während die anderen Alestorm-Mitglieder lachten, war offensichtlich, dass es Patty etwas unangenehm war – denn jedes Mal, wenn sich der nackte Gitarrist ihr näherte, wechselte sie schnell die Seite der Bühne.
Leider sind wir damit beim letzten Song des Abends angelangt – Fucked With an Anchor, der neben einer unüberschaubaren Menge gezeigter Mittelfinger noch eine weitere „nicht ganz standardmäßige Praxis“ bescherte. Alestorm waren trotz der unglaublichen Energie in der Halle von der Tour erschöpft – Zagreb war ihr letzter Stop –, worauf auch das Verhalten einzelner Mitglieder des Tourteams hindeutete, das die Band begleitet. Der Drum-Tech begann die Drums schon während des laufenden Songs abzubauen. Dazu noch zwei Männer, die eilig aufräumten und die die meisten in ihrer Ekstase gar nicht bemerkten – die Bühne war aufgeräumt, bevor die meisten Besucher überhaupt ihre Garderobe erreicht und ihre Sachen abgeholt hatten.
Das Publikum fraß Alestorm bereits bei den ersten Noten aus der Hand, was der Traum jeder Band ist. Auf die Bühne kommen und ein ganzes Konzert spielen, bei dem es nicht einen einzigen Song gibt, den dein Publikum nicht bis auf die Mikrosekunde genau kennt. Charme und Beliebtheit wachsen bei Alestorm von Tour zu Tour. Weil sie mit ihrer augenzwinkernden und charmanten Ausstrahlung auch das Nicht-Metal-Publikum ansprechen und gleichzeitig nur auf verrückten Spaß mit ihren Fans abzielen, entfernen sie sich immer mehr von der Definition einer Band, die nur für Metal-Fans spielt – und füllen deshalb immer leichter Hallen. Bis in den letzten Winkel. In verschiedenen Größen. Auch diesmal fehlten unter dem Publikum weder Alte noch Junge, viele in Piraten-Kostümen, aber auch jene „Hardcore-Metal-Maniacs“, denen man eigentlich keine Schublade geben kann – und die Alestorm bedenkenlos unter ihr Dach nehmen, gemeinsam mit allen anderen Anhängern. Bei Hektolitern verschüttetem Bier und ausgeatmeten Alkoholdämpfen reichen alle die Hände und rudern gemeinsam. Gemeinsam mit Alestorm wird auch Rockline weiterrudern und ihrer Piraten-Route frohen Mutes bis zum verborgenen Schatz folgen, den vielleicht schon ihr neu angekündigtes Album „The Thunderfist Chronicles“ birgt (Veröffentlichung für Juni 2025 angekündigt).
Paganfest MMXXV war eine wilde Fahrt durch Folk-, Pagan- und Piraten-Metal-Wahnsinn. Von den bezaubernden Melodien der Elvenking über die mächtigen Klänge der Heidevolk, die wilde Energie von Týr, den meisterhaften Auftritt von Ensiferum bis hin zum trunkenen Chaos von Alestorm! Das war ein Abend, der alles bot, was sich ein Metal-Fan wünschen kann. Trotz einiger technischer Probleme und sichtlicher Erschöpfung bei Alestorm (durch das Tourende) war das eine echte Alestorm-Erfahrung. Prost auf viele weitere Abende voller Kampfhymnen, Bierduschen und Seeabenteuer!
Alestorm – Setliste:
1. Keelhauled
2. Shipwrecked
3. Mexico
4. Under Blackened Banners
5. Alestorm
6. Hangover (Taio Cruz cover)
7. Fannybaws
8. Zombies Ate My Pirate Ship
9. Voyage of the Dead Marauder
10. Nancy the Tavern Wench
11, Uzbekistan
12. P.A.R.T.Y.
13. Shit Boat (No Fans)
—Zugabe—
14. Drink
15. Fucked With an Anchor
Autoren: Denis Paradiž & Helena Medved
Fotos: Denis Paradiž
























































































































