Paul Gilbert und eine unvergessliche Lektion einzigartiger Gitarren-Fabeln in der Bluesiana (2025)
Paul Gilbert Band
Samstag, 5. 7. 2025 von 21.40 bis 22.30 Uhr
Velden am Wörthersee / Bluesiana Rock Cafe / Österreich
Paul Gilbert ist zurück in der Bluesiana! Faszinierend jenseits aller Grenzen und absolut einzigartig — der ‚diensthabende Feuerwehrmann mit seinem berühmten schwarzen FRM350-Modell‘, mit dem er auch diesmal den Löwenanteil des unvergesslichen Konzertauftritts ‚abgesägt und durchgesägt‘ hat, in diesem berühmten Pilgerzentrum mitten im österreichischen Kärnten, wohin wir seit Jahren allesamt pilgern — alle rechtgläubigen Blues- und Bluesrock-Fans —, bleibt in der Musikwelt ein Phänomen für sich!
Diesmal hat Paul nach seiner erneuten Rückkehr nach Europa (zuletzt spielte er in Europa letztes Jahr — auf der Abschiedstournee von Mr. Big — Konzertrezension aus dem Kino Šiška, 4. 4. 2024) eine Reihe von Konzerten zusammengestellt, die ausschließlich auf Italien ausgerichtet waren — jedoch mit genau einem einzigen Konzert in Österreich. Man kann sagen, dass Velden am Wörthersee sich fast an einem Dreiländereck befindet — Slowenien – Österreich – Italien. Da wäre es eine Sünde gewesen, das Treffen im nördlichen Hinterland unseres Landes mit diesem Gitarrenmeister zu verpassen. Der Veranstaltungsort war bis auf den letzten Platz ausverkauft. Bis in den letzten Winkel. Wer diesen netten Club kennt, weiß, dass dort rund 200 Leute reinpassen — und dann ist wirklich alles belegt. Auch alle jene Bereiche, von denen aus man das Konzert nur hören, die Bühne aber nicht sehen kann. Die Getränke gingen schnell weg, und an ein ordentlich gekühltes Bier zu kommen war sehr, sehr schwer. Die Energie: absolut top.
Der Mann legte los — voll auf die Fresse! Mit dem funkigen Blues-Kinnhaken Too Rolling Stoned, das im Original dem unvergesslichen Robin Trower gehört! Marco Galiero und Roberto Porto, ersterer am Bass, letzterer am Schlagzeug, lieferten Gilbert unglaubliche Unterstützung, und das Trio legte augenblicklich einen giftigen Club-Groove hin, bei dem wir alle sofort auf Touren kamen! Bei Trower blieben wir gleich! Es folgte nämlich Gilberts Adaption des psychedelischen Blues-Klassikers Daydream! Und dann der Sprung zu B. B. King und Rock Me, Baby — damit du weißt, was Gilberts echter, gnadenloser Blues-Massaker wirklich bedeutet!
Eines der integralen Elemente des aktuellen Gilbert-Tourrepertoires kam mit einem sensationellen Led Zeppelin-Medley, das kein Ende zu nehmen schien! Das Rondo aller Rondos. Der Mann eröffnete dieses Rondo mit Good Times, Bad Times, auch der Geigenbogen durfte beim Übergang zu Dazed And Confused nicht fehlen, dann das Haupt-Riff von Kashmir, Beruhigung und Wechsel auf Clean-Sound in Thank You, hier ein Stückchen vom romantischen All Of My Love, dann weiter die Hauptphrase von Houses Of The Holy. Auch das Haupt-Riff von The Rover durfte nicht fehlen, von dem der clevere Paul elegant zu Teilen des LZ-Epos Achilles Last Stand überging. Es folgt die Bridge aus No Quarter und ein direkter Einstieg in Your Time Is Gonna Come. Auch Whole Lotta Love durfte nicht fehlen, genauso wenig wie Stückchen der Klassiker vom Album „Led Zeppelin I“: You Shook Me und How Many More Times. Während der Einbettung von Moby Dick gab Gilbert Porto Raum, seine Glieder ordentlich zu strecken. Gilbert kehrt ins Scheinwerferlicht zurück mit den Highlights des Klassikers Stairway To Heaven, wo natürlich das gesamte Solo im Ausklang die erste Geige spielte. Aber das Medley wollte und wollte nicht enden. Im Ausklang von Stairway To Heaven drehte der Mann den Spieß um, und als wir alle dachten, das Medley wäre hier zu Ende, begann er das Hauptmotiv von Babe I’m Gonna Leave You zu spielen. Es folgten Sprünge zwischen den Leitphrasen von The Ocean, Heartbreaker, Living Loving Maid (She’s Just A Woman) und Four Sticks. Und endlich, doch noch? Das erwartete große Finale mit Rock N‘ Roll! Wahnsinn. Im Grunde denkt man sich: „Paul, mach ein Led Zeppelin-Album — das Dio-Album hast du ja schon!“ Die höchsten Linien (vokal — Plants) hat er in Teilen der Songs geschickt auf der Gitarre herausgearbeitet. Rock’N Roll war zum Beispiel vollständig instrumental, und nach Robertos atemberaubendem Rolling hörte Paul immer noch nicht auf und spielte noch den Abschluss des LZ-Klassikers Black Dog mit dem vollständigen Solo — und setzte damit dieser außergewöhnlichen Reihe von Led Zeppelin-Klassikern das i-Tüpfelchen auf.
Natürlich bleibt Paul vokal eine Katastrophe, aber er hat Spaß dabei. Unglaublich viel Spaß, wenn er auch mit dem Gesang herumblödelt. Ziemlich schockierend war seine Ansage nach dem Medley: „Danke Villach und gute Nacht!“ Bitte was? Villach? Na ja. Irgendwo in der Nähe schon, vielleicht. In Wirklichkeit waren wir noch nicht einmal auf halbem Weg des Konzerts. Der Mann wischte sich den Schweiß von der Stirn, schob sich die Brille zurecht, stimmte die Gitarre, und das Trio machte weiter mit einer spitzbübischen Adaption des ZZ Top-Klassikers Arrested for Driving While Blind. Den rechtgläubigen Boogie-Moment des Konzerts löste ein Klassiker des ‚Mississippi-Delta-Blues‘ ab, als Gilbert Johnny Winters Leland Mississippi Blues vierteilte. Das Trio spielte diesen Track in einem deutlich flotteren Tempo als das Wintersche Original.
Es folgt die ernstere Hälfte des Konzerts. Wie ernster? Das Trio wächst zum Quartett. Auf der Bühne erscheint Gilberts Ehefrau, die außergewöhnliche Keyboarderin Emi Gilbert, und die Band überrascht nicht wenig mit dem Einstieg in den Yes-Klassiker vom Album „Fragile“: Long Distance Runaround — wobei Gilberts geniale Reinterpretation von Andersons Gesang auf der Gitarre nicht aufhört zu begeistern. In diesem Element des gitarristischen Nachbildens verschiedener Gesangslinien innerhalb von Rock-Klassikern ist Gilbert über die Jahre zu einem echten Spezialisten geworden! Der Spaß hört nicht auf, als die Band mit Chris Squires The Fish (Schindleria Praematurus) weitermacht — ebenfalls aus dem „Fragile“-Album von Yes. Noch eine völlige Überraschung. Aber was Überraschungen angeht, liefert es als nächstes einen erheblich größeren Schock: die (instrumental ausgeführte) Adaption des Supertramp-Originals Take A Long Way Home aus dem unvergesslichen Album „Breakfast in America“. An Schelmerei und Ulkigkeit mangelt es nicht. Das ist ein fester Bestandteil von Gilberts Konzerten, und genau dafür kommen wir immer wieder. Gilbert wirkt auf der Bühne unglaublich verspielt. Er verwandelt sich in einen Zehnjährigen. Er genießt es grenzenlos. In jedem einzelnen Moment des Konzerts. Mit Emi tauschten sie eine riesige Menge Soli in endlosen gegenseitigen Dialogen aus. An mehreren Stellen. Auch im weiteren Verlauf des Konzerts.
Die Überraschungen hörten nicht auf. Da ist Gilberts Adaption des Stücks Voyager, das den ‚von Gott vergessenen‘ Proggern der Siebziger namens Gamma gehört! Das haut dich wirklich aus den Socken — damit hast du nicht gerechnet. Der Höhepunkt dieses Stücks war natürlich Gilberts endloses Solo, mit dem er das Publikum mindestens 20 cm und 44 mm vom Boden abhob! Aber? Eine neue Boogie-Salve ist schon da! Es folgt nämlich Heard It On The X von niemand anderem als den legendären Bartträgern ZZ Top, zu denen wir so also noch ein zweites Mal an diesem Abend zurückkehren.
Gilbert hört nicht auf, den Clown zu spielen! Völlig zu Recht. Einstieg in den Procol Harum-Klassiker Whiter Shade of Pale — aber nur bis zum Ende der ersten Strophe. Es folgt ein kompletter Übergangs-Massaker und? Katapult auf den The Darkness-Hit Get Your Hands Off My Woman, das eine der größten Leckerbissen des Abends war. Vor allem wegen der Frechheit. Paul jagte natürlich brillant Hawkins‘ Verse mit seiner Gitarre nach, und die Energie warf die Bluesiana buchstäblich aus den Angeln. Es folgt eine Adaption, die ich zum Thema „Baby Don’t Go“ nicht entziffern konnte (nein, es war weder J. Lee Hooker noch Cher) — womit die Band den Auftritt abschloss und nach lautem Rufen nach mehr im großen Zugaben-Finale noch Hendrix‘ Red House ins Publikum feuerte!
Paul Gilbert hat alles geliefert, weswegen wir gekommen waren! Die schwarze PGM50-BK und der zuvor erwähnte Fireman jammerten, quietschten und sangen. Eine Fülle einzigartiger Streiche, mit denen dieser Musiker jeden Zentimeter von allem, was er anpackt, versieht — mit einem endlosen Arsenal atemraubender Manöver, die nur ihm eigen sind —, hörte nicht auf zu begeistern. Diesmal ohne Eigenkompositionen! Dafür bewarb er während des gesamten Konzerts unablässig sein aktuelles „The Dio Album“, von dem er nicht ein einziges Stück spielte. Er versuchte das Publikum während des Konzerts aber dazu zu animieren, sich zum Tresen zu begeben und ein CD-Exemplar des Albums zu kaufen.
Paul Gilbert ist Paul Gilbert. Wenn du mit ihm bist, befindest du dich in seiner einzigartigen Welt. Er bleibt der große König der Beherrschung der sechssaitigen Gitarren-Bibel — und das nimmt ihm niemand. Und am schönsten ist es, wenn man ihm in einem kleinen Club begegnet! Brillanz. In allen möglichen und unmöglichen Nuancen der einzigartigen Manifestation seiner Gitarren-Meisterleistungen.
Fotos: Aleš Podbrežnik
Autor: Edita Klemen & Aleš Podbrežnik














