Nick Mason’s Saucerful Of Secrets und die Geburt der psychedelischen Ära von Pink Floyd (2023)

foto: ALEŠ PODBREŽNIK 2023
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Nick Mason’s Saucerful Of Secrets
Palmanova / Piazza Grande / Italien
Donnerstag, 20. 7. 2023


Nick Mason braucht keine Vorstellung. Pink Floyd und so? Schlagzeug. Den Rest kennt die Geschichte. 2018 entschied der stattliche Mann nämlich, dass es Zeit für eine konzertante Reaktivierung war. Um sich scharte er Lee Harris (Blockheads) und Bassisten Guy Pratt, mit dem er gemeinsam auf der letzten Pink Floyd-Tour 1994 gespielt hatte. Pratt ist vielleicht sogar noch bekannter dafür, dass er eine Zeit lang mit Gala Wright verheiratet war, der Tochter des verstorbenen Pink Floyd-Keyboarders Richard Wright. Diese drei Männer beschlossen, Material von Pink Floyd aus der frühen Ära zu spielen. Zunächst zum Spaß, um zu sehen, ‚was sie haben‘. Also jenes Material aus der Zeit, als Syd Barrett die Band anführte. Kurz darauf stießen Keyboarder Dom Beken, den Guy Pratt zur Mitarbeit überredete (Pratt und Beken arbeiten schon seit Jahren musikalisch zusammen), und Gitarrist Gary Kemp dazu. Letzterer ist vor allem dafür bekannt, dass er integrales Mitglied der Achtziger-Sensation aus der New-Romantic-Ära – Spandau Ballet – ist (und damit auch Autor des Großteils ihrer zeitlosen Hits).

Die Band tourt also seit 2018 (abzüglich des ‚zweijährigen P(l)andemie-Theaters). Friaul-Julisch Venetien ist seit Jahren dafür bekannt, dass es dort in den Sommermonaten, vor allem im Juli, von interessanten Konzerten nur so wimmelt. So erwachte am 20. 7. 2023 in dieser Hinsicht auch der großartige Hauptplatz des wunderschönen Palmanova zum Leben, wo wir eines der Konzerte des italienischen Teils der neuen europäischen Konzerttournee des großen Nick Mason und seiner Saucerul of Secrets abfangen konnten. Stimmt schon. Es ist kein Geheimnis, dass der diesjährige Sommer eine totale Lotterie ist, wenn es ums Besuchen von Open-Air-Konzerten geht. Das Konzert von Nick Mason im italienischen Vicenza nur zwei Tage zuvor war nämlich unwiderruflich wegen extremer Wetterbedingungen abgesagt worden. Die Besucher in Palmanova waren also an jenem Abend echte Glückspilze.

Die schöne Neuigkeit war auch, dass es diesmal keine Vorgruppe und kein zusätzliches Warten gab. Das aus zwei Teilen bestehende Konzert begann kurz nach neun Uhr abends. Mit einer Reihe von Songs, die weder Waters noch Gilmour in der Post-Pink Floyd-Ära jemals spielen. In dieser Hinsicht lieferte Nick Mason auf seiner Tour genau das, was bei den kolossalen Tourneen seiner beiden Pink Floyd-Kumpel fehlt, die nun mal den Ruf großer Stars haben. Nicht nur das. Mason zeigte während des Konzerts eine unglaubliche Zugänglichkeit. Einige Nummern begleitete er einleitend mit einer ganzen Geschichte. Außerdem vergaß er nicht zu sagen, dass die Leute das Konzert nach Herzenslust fotografieren können – nur die Blitze sollen dabei ausgeschaltet bleiben.

Interessant dabei ist, dass Mason keine Vocals suchte, die Barrett, Waters, Gilmour oder Wright nahekämen. Pratt wie auch Kemp sind mit ihren stimmlichen Charakteristiken meilenweit von den Genannten entfernt. Gleichzeitig erzeugen sie einen eindrucksvollen Vokalkontrast, wie er so oder so schon in der Karriere von Pink Floyd galt. Kemp hat eine sehr interessante Stimme. Er überrascht eigentlich, weil man zunächst nicht weiß, wo man ihn einordnen soll. Stellenweise ist er leicht dissonant. Vielleicht ist die naheliegendste Assoziation sogar David Bowie.  Pratt hingegen bringt eine eher ’sanfte‘ Farbe mit, mit gelegentlichem Falsett, das bei einer Prog-Rock-Institution der alten Schule am Platz wäre, und das vor allem gut zu Songs passt, bei denen man den psychedelischen Moment der ‚Esoterik‘ betonen kann. So überrascht es nicht, dass er u.a. den Gesang in Remember A Day übernahm. Das ist ein Stück, das der verstorbene Richard Wright geschrieben hat. Das galt jedoch nicht als Regel. Pratt überraschte geradezu, als sein vokaler Ansatz den »More«-Song The Nile Song, der für Gilmours vokale ‚Rauheit‘ bekannt ist, phänomenal ablieferte. Der Gesang ist ziemlich weit von Gilmours entfernt, aber Pratt fügte sich mit seinem vokalen Ansatz phänomenal ein. Interessant ist auch, dass Kemp, der den Großteil der Gesangsaufgaben beim Konzert übernahm (vor allem aber Barretts Songs), nicht mit der Verwendung eines ‚Cockney‘-Akzents aufwartete, was ein ausgeprägtes Merkmal von Barretts vokaler Herangehensweise war. Eine interessante Erkenntnis war auch, dass Kemp wie auch Pratt – obwohl keiner der beiden viel Ähnlichkeit mit einem der Original-Floyd-Vocals hat – sich mit ihren Herangehensweisen hervorragend in das Pink Floyd-Material der klassischen, sagen wir romantisch-psychedelischen Tage eingefügt haben. Jener Zeit, bevor Pink Floyd zur globalen (kommerziell-musikalischen) Großmacht wurden.

Zwei Stunden und zwanzig Minuten. Mit einer kurzen Pause dazwischen. Bombe. Die Interpretation war nämlich außergewöhnlich. Die Zeit von der frühen psychedelischen Ära bis zur Phase des Liebäugelns mit dem Progressive Rock, was im künstlerischen Sinne im Übergangsalbum »Meddle« (1971) kulminierte. Alles untermalt von riesigen Filmprojektionen. Lediglich das Album »Ummagumma« (1969) ließen sie aus, was nicht überrascht, auch wenn der Autor dieser Zeilen heimlich gehofft hatte, dass Nick eine Solo-Nummer am Schlagzeug spielen und dafür die Aufführung von The Grand Vizier’s Garden Party nutzen würde. Aber der ausgewählte Inhalt, den das Quintett lieferte, war eigentlich traumhaft. Im ersten Teil konnte man lediglich eine leichte Ungenauigkeit von Pratt beim Verdoppeln der Gesangslinien Kemps im »Meddle«-Klassiker Fearless bemerken (Liverpool-Fans werden es ganz besonders wissen), ansonsten aber rundum brillante Darbietungen. Und Mason vergaß auch den Gong nicht. Der berühmte Film »Live At Pompeii« erlebte so eine brillante Verkörperung in Set the Controls for the Heart of the Sun, wobei Kemp den Löwenanteil beim Aufbau der intensiven hypnotischen Atmosphäre durch den intensiven Einsatz des E-Bows übernahm.

Es ist schwer, Highlights herauszuheben. Wirklich. Dass sie dir Arnold Layne spielen ist schon eine echte Bombe, aber dass sie dir dann noch die B-Seite dieses Singles spielen, nämlich Candy and a Currant Bun – das ist schon richtig ‚himmlisch‘. Wir sind im ersten Teil des Konzerts. Die Überraschung darin lieferte sicher Vegetable Man. Nick erzählte vor der Aufführung, dass das ein alter Pink Floyd-Song sei, den die Band bei den Proben gespielt und als Komposition nie wirklich fertiggestellt hatte. Der Plattenfirma gefiel der Song nicht und sie wollte ihn nicht auf ein Album aufnehmen. So war es ausgerechnet die Gründung von Nick Mason’s Saucerful Of Secrets, die ihn erstmals auch live zum Leben erweckte. Einen besonderen Konzertmoment brachte die Kombination des sanften If, das die Band in der Mitte meisterhaft in den Beginn der Atom Heart Mother Suite überführte, aus der sie nach zwei Teilen zum letzten Drittel von If zurückkehrte und den Song geschickt abschloss. Ein Orchester war dabei nicht nötig.

Interessant ist, dass Mason mit seinem Team beschloss, dem Soundtrack für den Film »Obscured By Clouds« (1972) mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Das Quintett spielte die stärksten Nummern dieser Platte (Titelsong, When You’re In – beide im ersten Teil, weiter Burning Bridges und Childhood’s End im zweiten Teil). Kemps theatralisches: „Miau“ bedeutete nur eines. Die Aufführung von Barretts Song über den frechen schwarzen Kater. Es war Lucifer Sam. Na, und im zweiten Teil des Konzerts warteten wir alle fieberhaft auf die Aufführung von… Echoes. Ja. Als großes Finale. Die abschließende Nummer. Wir können sie ruhig zum Konzerthöhepunkt erklären. In jeder Hinsicht. Die Band zeigte außergewöhnliche Harmonie und Perfektionismus. Bei der Aufführung fügte man natürlich eigene Finessen und Verzierungen hinzu, denn die um Mason versammelten Musiker sind technisch weit besser ausgestattet als Pink Floyd es waren, als sie diese Songs aufnahmen und schrieben – die Substanz des unvergänglichen Werks von Pink Floyd blieb jedoch unbefleckt. Aber das mit der technischen Ausstattung zählt gar nicht. Was zählt, ist der Eindruck. Der Stempel, den diese Aufführung hinterlässt. Diese ganze hypnotische Atmosphäre, die dich bewegt. Die deinen Körper bewegt. Stück für Stück. Die mit den verborgensten Winkeln deiner Seele spielt. Die in ihre Tiefe greift. Sie aufwühlt, erschüttert. Erweckt. Vor allem in nostalgischer Hinsicht. Die Berührung der Emotionen war außergewöhnlich. In allem. In diesem Teil glänzte auch Lee Harris, als er mit der Nutzung der Mikrofonie aus seinem Stratocaster wahre Klangwunder hervorzauberte.   

Kurz gesagt: Mason hält sich hervorragend. Konditionsmäßig, darbietungsmäßig, aber auch was den Humor angeht. So bezeichnete er in einer der Pausen, als er die Musiker auf der Bühne vorstellte, Kemp als: »From a new romantic warrior to the king of progressive rock«. Die Bezeichnung galt natürlich den Jahren, die Gary mit Spandau Ballet verbrachte, aber man muss bedenken, dass all diese Jungs, die in den Achtzigern mit ihren Bands kommerziellen Erfolg hatten – wie auch Spandau Ballet –, mit den Klängen des Progressive Rock aufgewachsen sind, was Kemp auch in einer der späteren emotionalen Wortmeldungen bestätigte, als er u.a. sagte, dass er sich nie hätte vorstellen können, dass die Musik auf den Platten, die er als Teenager gehört hatte, eines Tages die beste Musik sein würde, die je in der Geschichte des Rock geschrieben wurde.

Die Band kam für eine ordentliche Zugabe zurück. See Emily Play darf auf keinen Fall fehlen. Und tat es auch nicht. Der Höhepunkt der Zugabe aber war die vollständige ‚psychedelische Schlange‘ Saucerful Of Secrets – ohne Zweifel noch einer jener Momente, die dich in eine eigentümliche Welt katapultieren, die Welt, die die Musik von Pink Floyd erschafft. Na, um mich zu kneifen – die Welt, die Nick Mason und seine vier hervorragenden musikalischen Kumpel nachschaffen. Jene Welt, die dich in einen Zustand der Verzückung trägt. Eine Welt, aus der du lange brauchst, um aufzuwachen. »Noch eine?«, fragt Pratt. Das Publikum dreht durch. Es war der schelmische »Piper At The Gates Of Down« (1967)-Klassiker der ‚Barrett-Schule‘ namens Bike.

Summa summarum. Unvergesslich. Sie sind nicht Pink Floyd, aber es ist Nick Mason. Besser Nick Mason als gar kein oder nie mehr Pink Floyd. Auf diese Songs hättest du lange warten können, ohne sie je zu hören, wenn sich der fast achtzigjährige legendäre Schlagzeuger nicht entschieden hätte, wieder auf die Bühnen zu gehen. Deshalb lege ich jedem Pink Floyd-Fan ans Herz, sich mindestens eines von Masons Konzerten anzusehen, denn er wird zutiefst dankbar sein, diese Entscheidung getroffen zu haben. Wenn das die fast unantastbaren Stars Waters und Gilmour tun können, kann es Nick Mason mit voller Berechtigung auch. Und um noch ein bisschen gehässig zu sein: ohne zusätzlichen Schlagzeuger (Gilmour muss einen zusätzlichen Gitarristen dabei haben – Raya Manzanero). Einzigartig, so einzigartig und zeitlos wie Werk und Wirken von Pink Floyd!

Autor: Edita Klemen & Aleš Podbrežnik
Fotos: Edita Klemen & Aleš Podbrežnik

Nick Mason’s Saucerful Of Secrets Setlist:
—erster Teil—
1. One of These Days
2. Arnold Layne
3. Fearless
4. Obscured by Clouds
5. When You’re In
6. Candy and a Currant Bun
7. Vegetable Man
8. If / Atom Heart Mother/ If
9. Remember a Day
10. Set the Controls for the Heart of the Sun
—zweiter Teil—
11. Astronomy Domine
12. The Nile Song
13. Burning Bridges
14. Childhood’s End
15. Lucifer Sam
16. Echoes
—Zugabe—
17. See Emily Play
18. A Saucerful of Secrets
19. Bike


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