Die aufregendsten Power-Metal-Releases des Jahres 1999!
Die Zeit fliegt. Leise. Schnell. Wenn wir zwanzig Jahre zurückspulen, sah das Bild des Metals damals erheblich anders aus als heute. Das Revival des klassischen Ansatzes, das im Aufblühen des sogenannten Power Metals mit dem größten Schwerpunkt in Europa kulminierte, ritt 1999 sorglos auf den riesigen Flügeln zahlreicher Albumveröffentlichungen und dem Entstehen einer ganzen Reihe neu gegründeter Bands. Es festigte sich weiter und näherte sich allmählich seinem Zenit.
In der zweiten Hälfte der Neunziger wurden aufgrund der gestiegenen Nachfrage des Publikums auch klassische Heavy-Metal-Bands wieder „wachgeküsst“, die noch tief in den Achtzigern entstanden waren. So schöpften einige klassische deutsche Bands, die noch in den Achtzigern aktiv gewesen waren und später von den immer populäreren Strömungen des Thrash Metals und des Death Metals „weggespült“ worden waren, wieder frisch auf oder nahmen sogar ihren Betrieb wieder auf – darunter u.a. Running Wild, Grave Digger, Rage. Das Revival des klassischen Metal-Stils genoss damals breite Unterstützung, weshalb die Bands bei den allgemeinen positiven Vibes, von denen sie umgeben waren, ihr künstlerisches Optimum aus sich herausbringen konnten. Die Haupt-„Schuldigen“ für diese allgemeine Wiederbelebung des melodischen (klassischen) Prinzips im Metal, nämlich die Schweden HammerFall, hatten in jenem Jahr kein Studioalbum veröffentlicht, ebenso wenig wie die größten Schwergewichte des Genres, die Blind Guardian – interessant ist jedoch, dass sogar Sinner, die immer als Hard Rocker galten, 1998 ein durch und durch Metal-Album veröffentlichten, das bis heute als bestes Album ihrer Karriere gilt. Auch Helloween hatten sich in jener Zeit nach der „Selbstzerstörung“ in der ersten Hälfte der Neunziger allmählich wieder selbst gefunden, was 1998 das unvergessliche „Better Than Raw“ krönte.
10. Sonata Arctica – Ecliptica

In dem Jahr, in dem Sabaton gerade erst gegründet worden waren, schlossen sich Sonata Arctica mit ihrem Debüt „Ecliptica“, das mit seiner Qualität auch das A&R-Personal des Labels Century Media davon überzeugte, sie unter ihre Fittiche zu nehmen, unwissentlich der finnischen Power-Metal-Welle an. Die Grundlagen für den fundamentalen Sound und Stil der finnischen Schule im Power Metal hatten natürlich zuvor ihre Landsleute Stratovarius gelegt, die die Band Sonata Arctica in den Anfangsschritten ihrer Karriere definitiv inspirierten. Die Songs My Land, Replica und Full Moon sind Klassiker, die die Fans der Band bis heute bei jedem Konzert fordern. Die Band bestätigte ihre Qualität auch mit dem hervorragenden Nachfolger „Silence“ im Jahr 2001 und widerlegte durch stetiges künstlerisches Wachstum jegliche Andeutungen, es handle sich um eine Eintagsfliege. Ganz im Gegenteil. Gegen Ende des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends hatten sich Sonata Arctica durch ihren Fleiß sogar zu einer der populäreren Euro-Power-Metal-Bands entwickelt, die regelmäßig ausgedehnte Headliner-Touren mit aufwendiger Bühnenausstattung absolvieren.
09. Rage – Ghosts
Das ist das Schlüsselalbum der Band Rage und das Bindeglied zwischen dem kommerziell erfolgreichen Vorgänger „XIII“ und dem stilistischen Wandel. „Ghosts“ gilt auch als letzte Zusammenarbeit mit dem Prager Sinfonieorchester Lingua Mortis. „Ghosts“ bleibt in der farbenfrohen und langlebigen Karriere der legendären Rage heute ein etwas übersehenes Album, da es nicht mit derselben Selbstsicherheit und kompositorischen Entschlossenheit aufwarten kann wie sein berühmter Vorgänger. Es strahlt eine turbulente Phase aus, in der sich die Band an der Schwelle großer Veränderungen befand. Als würden die Stücke darauf in einem Zeitloch stecken und für die „Black In Mind/End Of All Days“-Ära der Bandgeschichte zu gut, für das, was „Peavy“ sich für die Zukunft tatsächlich wünschte, künstlerisch aber noch zu schwach gewesen wären. Das Album wirkt, als wolle die Band mit der Vergangenheit aufräumen, bestimmte Muster, die sie künstlerisch überwachsen hatte, für immer hinter sich lassen, denn vor ihr liegt eine neue Ära. Das kündigt auch die Einbindung eines besonderen Gastes an, nämlich des belarussischen Musikgenies Victor Smolski, der das Album mit zusätzlichen Gitarren „rettete“ und an der Produktion des Albums mitwirkte, um sich kurz darauf auch offiziell der Band als fester Gitarrist anzuschließen. Wie auch immer man es dreht und wendet, „Ghosts“ ist ein besonderes Album. Überaus interessant, und der Song Back In Time gilt noch heute als eine der markantesten Kompositionen nicht nur des Albums, sondern der gesamten Bandkarriere. Wie auch immer, „Ghosts“ blieb in der Diskografie der Band etwas übersehen, ist aber ein wichtiges Bindeglied im stilistischen Wandel und in der Konsolidierung der musikalischen Visionskraft von Peter Peavy Wagner für die folgenden fünfzehn Jahre, in denen Rage in die geistvollste und tiefgründigste Karrierephase eintrat und im Experimentieren ambitioniert auch nach progressiven Elementen griff.
08. Heaven’s Gate – Menergy

Das fünfte und letzte Studioalbum dieser unvergesslichen deutschen Band aus der Volkswagen-Stadt Wolfsburg ist zugleich ihr ausgereiftestes und vollendetestes Werk sowie ihr kompositorischer Höhepunkt. Der Zenit der Karriere von Heaven’s Gate. Leider löste sich diese Band mit dem übrigens hervorragenden Album „Menergy“ auch auf, da es ihr in den Jahren ihrer Tätigkeit nicht gelungen war, sich unter den namhaften Matadoren des Genres zu etablieren, obwohl sie das mindestens verdient hätte. Heaven’s Gate sahen sich nach der Veröffentlichung dieses Albums offenbar vor einer völligen Hoffnungslosigkeit und zogen sich daher zurück. Die Jahre ihrer Tätigkeit verbrachten sie durchgängig im Schatten des Erfolgs, den ihr Debüt „In Control“ und die Popularität auf dem japanischen Markt eingebracht hatten, was sie am Leben erhielt. Das liest sich ungerecht, aber so war es. Nun, gerade „Menergy“, das ein konzeptuell angelegtes Album ist, wirkt ungeachtet der Auflösung der Band nach seiner Veröffentlichung unglaublich ambitioniert und entfaltet eine ansprechende düstere und dramatische Faszination. Verglichen mit den Studiovorläufern bringt es eine stilistische Abweichung, da die Arrangements auch progressive Elemente einbringen. „Menergy“ ist eines jener Alben, das einen von der ersten bis zur letzten Sekunde fest an sich hält und das in einem außergewöhnlichen Gleichgewicht seiner Bestandteile begeistert – allen voran mit seiner expressiven Gesangshaltung und unglaublich üppigen Gitarrensoli. Zugleich auch eines jener hervorragenden Alben, das ungerechterweise übersehen wurde und so den Status eines der bestgehüteten Geheimnisse im Power-Metal-Genre erlangte.
07. Primal Fear – Jaws Of Death
Primal Fear sind eine jener Bands, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren. Gegründet wurde sie 1997 vom namhaften deutschen Vokalisten Ralf Scheppers, der zuvor in den Achtzigern bei der Band Tyran Pace und danach auf den ersten drei Alben der Band Gamma Ray gesungen hatte, sowie von Mat Sinner, dem etablierten Bassisten, Vokalisten, Komponisten und Produzenten, der eigentlich der Chef der Band Sinner ist. „Jaws Of Death“ ist das zweite Studioalbum der Band, das aber das kleine Pech hat, zwischen dem hervorragenden Debüt „Primal Fear“ (1998) und dem ausgezeichneten Nachfolger „Nuclear Fire“ (2001) veröffentlicht worden zu sein. Obwohl „Jaws Of Death“ nicht ganz so einprägsame, zündfähige Momente liefert wie das Debüt mit Songs wie Running In The Dust, Silver And Gold, Battalions Of Hate und natürlich Chainbreaker, ist es mit Momenten wie Final Embrace, besonders Church Of Blood, dem pompösen Under Your Spell, dem verheerenden Play To Kill, When the Night Comes und dem abschließenden Hatred In My Soul insgesamt eine konsequente Fortsetzung der musikalischen Ausrichtung, aufgrund derer Primal Fear schon bald der Spitzname „die deutschen Judas Priest“ anhaftete. Wegen der kompositorischen Direktheit und Schlagkraft sowie wegen des charismatischen Vokalisten Ralf Scheppers. Viele Power-Metal-Fans zählen die zwischen 1998 und 2005 veröffentlichten Alben zur klassischen Periode der Band, und „Jaws Of Death“ ist einer der Brillanten dieser Ära. Auch wenn er vom Debüt überschattet und vom Nachfolger übertroffen wird, gilt er heute als Klassiker der Band.
06. Grave Digger – Excalibur

Das letzte aus der berühmten mittelalterlichen Trilogie ist zugleich das letzte Album der Band mit Gitarrist Uwe Lulis, der die Band 2000 verließ, um Rebellion zu gründen (Lulis schloss sich 2015 den legendären Accept an). „Excalibur“ erschien – zur großen Überraschung – sehr schnell nach dem wohl besten Werk der gesamten Grave-Digger-Karriere, dem Album „Knights Of The Cross“ (1998), obwohl viele Metalheads lieber auf „Tunes Of War“ (1996) schwören. Ungeachtet der Tatsache, dass „Excalibur“ 1999 im Schatten des berühmten Vorgängers erschien, der voller unvergesslicher Power-Metal-Attacken war, und des großen Erfolgs des Albums „Tunes Of War“, brachte es dennoch einige unvergessliche Klassiker hervor, die Grave Digger auch in ihrer heutigen Besetzung und trotz gewisser künstlerischer Abnutzungserscheinungen über die Jahre auf Konzerten einfach spielen müssen. The Roundtable, Excalibur oder Morgane Le Fay sowie einige nicht schlechtere, aber übersehene Tracks – allen voran der eröffnende Rammbock Pendragon und das abschließende, melancholische, aber giftige Avalon. Hier sind also die letzten markanten Riffs aus den Händen von Uwe Lulis festgehalten, die auf dem Album „Excalibur“ die Ära der klassischen Grave Digger abrunden.
05. Iron Savior – Unification
Iron Savior sind so etwas wie der kleine Bruder der Hamburger Helloween und Gamma Ray und wurden von Piet Sielck gegründet. Er gilt neben Kai Hansen als eine der wichtigsten Figuren, die zur Festigung des Power Metals als Genre beigetragen haben. Noch in den Achtzigern, als er eine Rolle bei der Gründung von Helloween spielte, aber auch in der Zeit vor der Gründung von Iron Savior, als er als Produzent den Sound der legendären Blind Guardian formte. Nach dem hervorragenden Debüt „Iron Savior“ (1997) stellte „Unification“ eine siegreiche Festigung der rechtgläubigen Haltung dar, wie sie die deutsche, also Hamburger Schule des Power-Metal-Handwerks kennt. „Unification“ brachte der Band unvergessliche Klassiker – allen voran das goldene Herzstück des Albums, das das aufeinanderfolgende Trio Mind Over Matter sowie die besonders pompösen Hymnen Prisoner of the Void und Eye To Eye bilden. Das Album eröffnet sich mit einem rechtgläubigen Power-Metal-Schuss (Coming Home und Starborn) und schließt in einem dramatischen Finale mit Forevermore, ohne in seiner bekenntnishaften Kraft zu wanken. Iron Savior sind, trotz aller Übersehung, ein Begriff für außerordentliche Qualität. Das waren sie immer und darin haben sie durchgehalten. Obwohl Iron Savior mit den folgenden Alben „Condition Red“ und „Battering Ram“ noch mehr Ambitionen zeigten, gilt „Unification“ neben dem Debüt „Iron Savior“ als echte Power-Metal-Klassik.
04. Steel Prophet – Dark Hallucinations

Die amerikanische Power-Metal-Band hat sich mit ihrem Album „Dark Hallucinations“ in die Reihe der Bands mit einem vollkommen eigenständigen und wiedererkennbaren Stil eingeschrieben, der auf eine Art evolutionär eng mit den Einflüssen der alten Schule des amerikanischen Speed- und Thrash-Metals der Achtziger verbunden ist. „Dark Hallucinations“, dem der unvergessliche Gesang von Rick Mitthiasin eine besondere Note verleiht – eine echte Luftschutzsirene –, ist ein düsteres, konzeptuell angelegtes Album, inspiriert durch die Lektüre der dystopischen Novelle „Fahrenheit 451″. Für dieses Album warfen Steel Prophet die komplexen Strukturen des hervorragend aufgenommenen Vorgängers „Into the Void“ über Bord, näherten sich einem klassischeren, sogar N.W.O.B.H.M.-Sound an und schufen ein unglaublich finsteres Album, das einen von Anfang bis Ende in Schach hält – allen voran mit einer hervorragenden Coverversion des Helloween-Klassikers Ride The Sky. Auch der Nachfolger „Messiah“ bewahrte die außerordentliche kompositorische Qualität dieser Schaffensphase der Band.
03. U.D.O. – Holy
Das einzige Album in der gesamten Karriere der Band U.D.O., das für das „berüchtigte“ Label Nuclear Blast Records erschienen ist, gilt zugleich als einer der herausragendsten Meilensteine ihrer Karriere. Die Band unter der Führung des einzigartigen Udo Dirkschneider, dem ehemaligen Frontsänger der Kult-Band Accept und einem Vokalisten, der mit seinem Gesangsansatz zu einer der grundlegenden Definitionen des Metals weltweit wurde, hat nach zwölf Jahren Bandgeschichte mit U.D.O. und nach unvergesslichen Klassikern, die sich künstlerisch gegenseitig übertrafen, mit „Holy“ ein Album vorgelegt, das eine hervorragende Kulminierung charismatischer und markanter Riffs sowie eines unglaublichen dynamischen Entwicklungsreichtums darstellt – eben aufgrund der ideellen Vielfalt und Geschmeidigkeit, die es erreicht. Udo ist erneut dominant mit seinem durchdringenden und einzigartigen Gesang, während die hohe Qualität auch durch ausgefeilte Gitarren-Riffs bestimmt wird, die für außergewöhnliche Highlights verantwortlich sind – allen voran dem Titelsong, dem mühelos Raiders Of Beyond, Recall The Sin und Shout It Out an die Seite treten, sowie eine unglaublich gelungene Synthese aus Kabarett und Metal kurz vor dem Abschluss des Albums namens Cut Me Out. Ein so konsistent eindringliches und kompaktes Album wie „Holy“ hat Udo mit seiner Crew trotz späterer qualitätsvoller Studioarbeiten nicht mehr hinbekommen – darauf musste man bis zum letzten, also aktuellen Album „Steelfactory“ (2018) warten.
02. Gamma Ray – Power Plant

Wahrscheinlich eines der besten, wenn nicht das beste Power-Metal-Album des Jahres 1999 gehört der Band Gamma Ray, an deren Spitze der einzigartige Kai Hansen steht. Das gelang Gamma Ray genau zehn Jahre nach ihrer Gründung, nachdem Hansen sich etwas überraschend entschlossen hatte, seine Stammband Helloween zu verlassen – und zwar genau zu dem Zeitpunkt, als diese auf den Flügeln eines riesigen kommerziellen Erfolgs ritten. Gamma Ray konsolidierten mit dem Zuzug von Daniel Zimmermann am Schlagzeug und des Gitarristen Henjo Richter ihre Reihen und brachten das hervorragende „Somewhere Out In Space“ (1997) heraus, das unter den Fans der Band als kultiger Favorit gilt. Auch wenn viele von ihnen vielleicht nicht zustimmen werden, so bringt „Powerplant“ eine Steigerung gegenüber dem Vorgänger. Sowohl was die Konsistenz und Kompaktheit des hochwertigen Songwritings betrifft, bei dem die Tracks besonders in der ersten Albumhälfte einander geradezu die Aufmerksamkeit in episch-bombastischer Ansteckung stehlen, als auch was die Ausschöpfung der verfügbaren Produktionskapazitäten angeht. Die so erneuerte Besetzung von Gamma Ray demonstrierte in dieser Zeit eine unglaubliche gegenseitige Verbundenheit, Wahrnehmung und kreative Kraft. Pompöser Power Metal mit echtem Gespür für Drama erreicht sein kreatives Ausdrucksoptimum vor allem in Anywhere in the Galaxy zu Beginn sowie in der abschließenden Mini-Epos-Suite Armageddon. Die Brillanz dieses Werks halten Gardens Of the Sinner, Strangers In The Night sowie das besonders ansteckende Send Me A Sign und Razorblade Sigh aufrecht. Keinesfalls darf die phänomenale Coverversion des Eighties-Pop-Hits der Pet Shop Boys namens It’s A Sin unerwähnt bleiben, bei dem man in seiner neuen Gestalt durch Gamma Ray nicht so recht weiß, ob es ein Eigenkomposit oder tatsächlich ein bearbeitetes Original ist. Ein verrücktes Album in jeder Hinsicht. Wahnsinnig gut. Es verwundert nicht, dass Gamma Ray in derselben Besetzung ein Jahr darauf die Doppel-Kompilation neu aufgenommener Klassiker aus der ersten Dekade der Bandgeschichte unter dem Namen „Blast From The Past“ (2000) veröffentlichten, denn auf dieser Kompilation klingen sie besser als in ihren Originalversionen.
01. Virgin Steele – The House Of Atreus Act I.
Auch Virgin Steele, klassische amerikanische Heavy-Metaller, die noch tief in den Achtzigern entstanden waren, befanden sich 1999 unter der Führung des genialen Komponisten, Multi-Instrumentalisten und Vokalisten David DeFeis auf einer riesigen Welle kreativer Inspiration. In dieser Zeit wuchs ihr Opus qualitativ kontinuierlich, und die Alben übertrafen sich in ihrer Qualität gegenseitig. Das künstlerische Wachstum bestätigten beide „The Marriage of Heaven And Hell“-Alben, und all das krönte 1998 das unvergessliche „Invictus“, das von den Fans immer wieder als Virgin-Steele-Favorit gehandelt wird. Nur ein Jahr nach dem hervorragenden „Invictus“ veröffentlichte David DeFeis mit Virgin Steele das ambitionierteste Werk seiner Karriere. Es erschien in zwei Teilen als „The House Of Atreus“ (Act I & Act II). Der erste Teil übertrifft den zweiten definitiv. Hier gelang es DeFeis, die Welt der griechischen Mythologie (die bekannte Tragödie der Atriden) mit Gesten roher, ungeschliffener, sogar heidnisch klingender Phrasen zu einer echten Metal-Oper zu verbinden – einer vollblütigen Wiederbelebung der Tragödie, die auch das dramatisch-pompöse Pathos der hinzugefügten Keyboard-Arrangements krönt sowie vor allem der Gesang von David DeFeis, der als eines der größten Vokal-Chamäleons gilt. Er sang auf dem Album alle weiblichen und männlichen Rollen der Akteure der Tragödie und näherte sich dabei ohne größere Mühe der „Häresie“ der klassischen Manowar mit seinem engelsgleichen Stimmklang, gleichzeitig aber auch der Welt echter Opernarien. Virgin Steele gelang es nach diesem Album nicht mehr, eine solche kreative Ausdruckskraft und künstlerische Güte zu wiederholen – weder mit dem nächsten Teil noch mit weiteren Werken. DeFeis begann später die Arrangements zu überkomplizieren, und den Verfall brachte auch das sehr pauschale Produzieren späterer VS-Alben. „The House Of Atreus“, besonders der erste Teil, ist also das abschließende Epos der klassischen Virgin Steele.
Das sind also zehn ausgewählte Alben aus der Redaktion von Rockline, die vor zwanzig Jahren erschienen sind, auf der Power-Metal-Szene und der Metal-Szene insgesamt einen besonderen Eindruck hinterlassen haben und bei denen das Schwelgen in nostalgischen Erinnerungen besonders süß ist.
Sicher ist, dass die Meinungen hier geteilt sind und dass das ein oder andere eurer Lieblingsalben sowie die eine oder andere Band darunter fehlt, denn das sind nicht alle definitiven Höhepunkte des Jahres 1999. Dazu muss man etwa „Theater of Salvation“ der aufstrebenden Edguy zählen, sowie den ein oder anderen Studioerstling wie den der deutschen Power-Metaller Mob Rules. Zu den namhafteren deutschen Bands, die damals mit Eigenkompositionen voll am Dampf waren, lassen sich ohne Weiteres Brainstorm, Sacred Steel, die Debüts der Bands Symphorce und At Vance, ebenfalls 1999 veröffentlicht, hinzurechnen. Erwähnenswert sind auch die Australier (und europäisch klingenden) Pegazus mit ihrem damals erschienenen vierten Studioalbum Breaking the Chains. HammerFall gesellten sich damals in der Gemeinschaft der schwedischen Power-Metal-Bands die noch sehr aktiven Narnia, Nocturnal Rites sowie Falconer hinzu. In Italien blühte der symphonisch unterlegte Power Metal mit den Bands Rhapsody, Labyrinth und Vision Divine auf. Neben den bestens verankerten finnischen Stratovarius muss man auch die finnischen Power-Metaller mit operettenhaftem Frauenmezzosopran Nightwish unbedingt erwähnen, die nur ein Jahr später den Weltdurchbruch schafften. Unter den amerikanischen (europäisch klingenden) Metallern sind Kamelot mit dem damals erschienenen „The Fourth Legacy“ ebenso wenig zu übersehen wie ihre Landsleute, die eher speed-metal-orientierten Jag Panzer und Jacob’s Dream.
Das Jahr 1999 brachte also eine reiche Ernte an gutem Power Metal.
Autor: Aleš Podbrežnik