Michael Bolton – umwerfender Vokal-Verführer verzaubert das Publikum in Abbazia (2023)

foto: ALEŠ PODBREŽNIK 2023
2 2.136

Michael Bolton
Abbazia / Ljetna pozornica / Kroatien
Donnerstag, 6. 7. 2023


Michael Bolton. Wer hat noch nicht von ihm gehört? Der berühmte amerikanische Singer-Songwriter und Herzensbrecher, der in seiner Karriere weltweit über 75 Millionen Alben verkauft, damit achtmal in den Billboard-Top-10 platziert war, eine ganze Reihe von Singles veröffentlicht hat (zwei davon erreichten Platz 1 der Billboard-Charts), zwei Grammys und sechs American Music Awards gewonnen hat – er ist kein allzu häufiger Gast in unserer europäischen Region.

Erinnert sich noch jemand daran, dass Michael Bolton am 25. 1. 2010 in der Hala Tivoli in Ljubljana aufgetreten ist? Unglaublich, wie die Zeit vergeht. In Kroatien war er sogar vor 14 Jahren zuletzt zu Gast, als er am 12. 7. 2009 in der Arena in Pula spielte. Sein diesmaliger Besuch in Abbazia hängt offensichtlich nicht mit einer richtigen Europatournee zusammen. Drei Tage vor dem Auftritt in Abbazia spielte er nur in dem italienischen Ort Este. Das ist vorerst alles, was Europa betrifft. Es handelte sich also um ein exklusives Ereignis. Mitte August folgt ein Sprung nach Indonesien, dazu einige Auftritte in den USA – und man glaubt es kaum – Mitte September noch zwei südeuropäische Konzerte (in Plovdiv und Athen). Offensichtlich nimmt der Mann Konzerteinladungen an, wenn sie kommen. Ach ja, er hat gerade einen Auftritt im schweizerischen Luzern für nächstes Jahr gebucht.

Dabei sitzt er aber nicht tatenlos rum. Sein 25. Studioalbum »Spark Of Light« steht kurz vor der Veröffentlichung, die Mitte Juli dieses Jahres stattfinden soll. Nach längerer Zeit also ein neues Bolton-Album, auf dem der Musiker ausschließlich eigene Songs aufgereiht hat. In Abbazia spielte er allerdings keinen einzigen davon.

Fangen wir von vorne an. Bolton wurde Ende der Achtziger bekannt, als er sich für einen stilistischen Wechsel weg von AOR/Hard Rock entschied – geprägt durch die zwar exzellenten, beim Erscheinen kommerziell aber völlig übersehenen Studioalben »Michael Bolton« (1983) und »Everybody’s Crazy« (1985) sowie zwei noch ältere Alben, die er an der Wende der Siebziger zu den Achtzigern aufnahm (mit der damaligen Arena-Rock-Band Blackjack). Hervorragende Studioarbeiten also, die beim Erscheinen (kommerziell) komplett ignoriert wurden, für jeden AOR-Fan aber zur Pflichtlektüre gehören. Dabei darf man die ersten beiden Solo-Alben nicht übergehen: »Michael Bolotin« (1975) und »Everyday Of My Life« (1976). Diese Rockjahre von Michael Bolton – von 1987 rückwärts bis zu seinen Anfängen – blieben folgerichtig auch live jahrelang komplett außen vor, denn nach dem Album »The Hunger« (1987) und erst recht nach dem außerordentlich erfolgreichen »Soul Provider« (1989) hatte sich das Publikum, das Bolton begleitet, komplett gewandelt. Entsprechend den aufgereihten Hits, die eben dieses Publikum bei seinen Konzerten natürlich auch unbedingt verlangt.

Das Konzert war für 21:00 Uhr angekündigt, doch füllte sich das Gelände nur langsam. So wartete man noch eine halbe Stunde extra – auch damit die Lichteffekte besser ‚greifen‘. Auf Sitz- und Stehplätzen (hinten) kamen insgesamt rund 2.000 Besucher zusammen. Allesamt Bolton-Fans. Präziser und mit Nachdruck: überwiegend Bolton-Verehrerinnen.

Ein pompöser Auftakt mit Fanfaren bei Go The Distance (Disney-Fans werden’s kennen) – der aber nur bis zum Ende der ersten Strophe anhielt. Dann ertönt die aufgezeichnete Ansage: »Ladies and gentlemen! Michael Bolton!«, und der legendäre Musiker erscheint mit einer schwarzen Gitarre in der Hand auf der Bühne. Während er von links zur Bühnenmitte geht (aus Saalperspektive), ist die Begleitband über eine Überleitung schon in das erste Cover des Abends eingestiegen: Stand By Me von Ben E. King. Verdammt, der hat ihn aus dem Jahr 1961 rausgezogen. Und wozu? Das Publikum sofort aufheizen. Im Nu. Covers sind ein wichtiger Teil von Boltons musikalischer Karriere – und nebenbei gesagt kann er ihnen für seinen großen kommerziellen Durchbruch außerordentlich dankbar sein. Bei den Covers blieb er auch (und zwar weiter in den Sechzigern), als die Band anschließend mit dem Bee-Gees-Original To Love Somebody weitermachte. Das Aufwärmen der Stimmbänder war erfolgreich, und auch das Publikum erwachte so richtig – darunter natürlich der Löwenanteil des schönen Geschlechts, was man jedes Mal klar und deutlich hören konnte, wenn es im Publikum aufrauschte. Dann folgt Boltons Durchbruchs-Single. Ein Cover aus dem Album »The Hunger« (1987) – jenem sozusagen Übergangsalbum, auf dem man noch einige handfeste Rock/AOR-Songs findet, das aber schon geschickt mit Balladen dosiert ist. Otis Reddings (Sittin‘ On) The Dock of the Bay. Das ist einer dieser Momente, für die man zu einem Bolton-Konzert geht. Hier erstrahlt der legendäre Musiker mit voller Intensität. Vokal. Die samtige Stimme reift wie ein guter alter Wein. In dieser Stimme stecken auch Eigenschaften und Bestandteile, die sonst die vokalen Charakteristika schwarzer Musikerinnen und Musiker ausmachen. Und genau das macht Bolton einzigartig. Bei den erwarteten Soul-Akrobatiken hat Michael das Publikum ordentlich aufgeheizt und bewiesen, dass dem legendären Musiker, der Ende Februar dieses Jahres siebzig geworden ist, die Jahre nichts anhaben können.    

Die ersten beiden Songs spielte Bolton mit akustischer Gitarre – ähnlich wie in Ljubljana vor mehr als zehn Jahren. Die Begleitband ist absolut erstklassig. Alle brandgefährlich gut ausgebildet, u. a. auch mit Jazz-Background. Keyboarder Brian BecVar arbeitet seit elf Jahren mit Bolton zusammen, Gitarrist Ryan Parrino ein Jahr weniger. Dazu kommen der außergewöhnliche Schlagzeuger Drew McKeon (u. a. zusammengearbeitet mit Hall & Oates, Daryl Hall, Peter Cetera, Richard Marx, Julian Lennon, Todd Rundgren, Living Colour, Ben E. King, Dave Mason, Ron Pope, Bill Champlin), Bassist Nelson Braxton (u. a. zusammengearbeitet mit Rachelle Ferrell, Steve Miller und Boz Skaggs) sowie der vielseitige Jason Peterson DeLaire, der während des Konzerts vor den Saxofon-Einlagen von den Keyboards auf die rechte Bühnenvorderseite wechselte. Bolton begleiten außerdem zwei zusätzliche Sängerinnen: Ashley Locheed und Chrissi Poland. Das ist eine Garantie für Perfektion, in deren Rahmen Boltons legendäre vokale Statur bei Konzerten magnetisch, intensiv, mitreißend strahlt …

Bei Make You Feel My Love (im Original von Bob Dylan) holte Bolton Poland zu sich auf die Bühne, mit der er das erste der vokalen Duette aufführte. Erst dann folgte der zweite Eigenkompositions-Song des Abends: Boltons erwarteter »Soul Provider«-Hit How Am I Supposed to Live Without You – ein Song, den Bolton bereits 1982 geschrieben und für Laura Branigan bestimmt hatte (sie nahm ihn als Erste auf und verpasste damit nur haarscharf die Top 10 der Billboard-Charts). Danach verabschiedete sich der Mann von der Bühne, nicht ohne zuvor den Song Check Please anzukündigen; die Musiker legten dann in einem instrumentalen Stück, das seine Wurzeln in Jazz und Funk sucht, im Dialog brillanter Spielkunst und technischer Makellosigkeit so richtig los.

Es folgt eine interessante, aber ziemlich ungewöhnliche Entscheidung. Während Michael sich backstage die Zeit vertrieb, übernahm Chrissi wieder die Bühnenvorderseite und führte zwei Bolton-Eigenkompositionen auf: Missing You Now und When I’m Back On My Feet Again. Warum nicht Michael? Anders gesagt: Es hätte auch niemanden gestört, wenn diese acht Konzertminuten, die folgten, nie stattgefunden hätten. Die Sache erinnerte etwas an das Konzert in Ljubljana im Jahr 2010, als Toni Cetinski mitten im Konzert als Boltons Spezial-Gast auf die Bühne sprang und vier seiner eigenen Songs spielte. Nun, Bolton hat den Fehler diesmal nicht wiederholt – Cetinski hat ihm damals in Ljubljana das Konzert buchstäblich gestohlen (und Poland ist nun mal nicht Cetinski). Die Gute zeigte bei ihrem Auftritt durchaus ihre beträchtlichen vokalen Qualitäten, aber solche Sängerinnen gibt es viele, und ihr Solo-Gesangsauftritt hinterließ trotz überzeugender Soul-Akrobatik keinen besonders erwähnenswerten Eindruck. Hier kommen wir zu einem weiteren (kleinen) Kritikpunkt: Boltons Stimme würde in Duetten eher mit einer schwarzen Sängerin harmonieren – schon allein für eine würdigere Ergänzung zu seinem unglaublich vollen und ausdrucksstarken ’samtigen Schmelz‘, der ihn auf ein ganz besonderes Podest unter den weltweiten Pop- und Rocksängerinnen und -sängern stellt. Der Kontrast wäre gewiss intensiver, und die Ausbeute an Emotionen und Leidenschaft – und damit die Prägekraft, mit der ein Künstler sein Konzertpublikum führt – noch um einiges größer.

Michael kehrt auf die Bühne zurück. Das Konzert biegt auf die Zielgerade ein, es muss also intensiver werden. Hier kommt Boltons erwarteter Ultra-Hit When a Man Loves a Woman – noch ein Cover, im Original von Percy Sledge. Im Duett mit Poland. Ein neuer ‚Kracher‘ also. Die Emotionen erwachen, das Publikum erhebt sich. Ryan Parrino tauscht seinen Fender Stratocaster gegen eine Gibson LP. Das Finale gewinnt an ‚Rock-Schärfe‘. Ein fetterer Gitarrensound muss her. Bei der LP bleibt er bis zum Ende des Konzerts. Es folgt noch ein Favorit. Diesmal schwungvoller: How Can We Be Lovers. Das Publikum auf den Beinen, dann Steel Bars, den Bolton gemeinsam mit Bob Dylan geschrieben hat, und zum Abschluss der Titeltrack des Albums »Time, Love and Tenderness« (1991) – dem Publikum ebenfalls kein Unbekannter.

Nach der Rückkehr auf die Bühne für den obligatorischen Zugaben-Teil stellte Bolton zunächst die Mitglieder der Begleitband vor und legte dann mit einem weiteren Cover los: dem Bill-Withers-Original Lean On Me. Das Konzert-Finale gehörte dann dem hervorragenden Titeltrack des Albums »Soul Provider« (1989), der zuletzt kein allzu häufiger Bestandteil von Boltons Konzertrepertoire war – womit sich der legendäre Musiker vom Publikum im außergewöhnlichen Stil einer fulminanten Darbietung verabschiedete. Interessant, dass Bolton diesmal kein Cover von Georgia On My Mind ins Repertoire eingebaut hat; im ersten Konzertteil allerdings, der vollgepackt mit Covers war, fehlte der balladenhafte Eigenkompositions-Hit Said I Loved You … But I Lied nicht.

Bolton reißt dich einfach mit seinem vokalen Charisma hin. Mit der Interpretation und all den Leidenschaften und Emotionen, die die Verse, an die er sich heranmacht, so intensiv ausstrahlen. Mit der Stimme erwachen sie und erschüttern dich. Der Kerl ist auf der Bühne überwiegend ziemlich statisch (im Stil eines echten Chansoniers), aber seine Präsenz braucht kein großes Herumrennen. Er regelt alles mit der Stimme. Klar, er stürzt sich nicht mehr so wuchtig in die Verse wie früher – schließlich hat er seine Siebzig auf dem Buckel –, aber er ist unleugbar etwas ganz Besonderes. Als Interpret bleibt er mit seiner vollen und ausdrucksstarken Stimme auf der Weltkarte einzigartig. Auch ein Verführer und Charmeur. Und das kann ihm niemand nehmen. Auch nicht nach den vielen Jahren, die sich seit seinem letzten großen Erfolg rasant abgespult haben. Ein hinreißendes Erlebnis, das beim Live-Kontakt mit diesem Musiker nach wie vor unvermindert bewegt und erschüttert – wobei sich Michael Bolton (vokal und körperlich) nach wie vor blendend hält.

Boltons neues Album „Spark Of Light“ erscheint also übermorgen, am 14. 7. 2023. Wir werden sehen, wie viel Konzertrealisierung ihm im nächsten Jahr vergönnt sein wird. Auch auf europäischem Boden.

Text: Edita Klemen & Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik (Nr. 1 – 21) & Edita Klemen (Nr. 22 – 25)

Setliste:
1. Go the Distance (Intro)
2. Stand by Me (orig. Ben E. King)
3. To Love Somebody (orig. Bee Gees)
4. (Sittin‘ On) The Dock of the Bay (orig. Otis Redding)
5. Said I Loved You…but I Lied
6. You Don’t Know Me (orig. Eddy Arnold)
7. That’s Life (orig. Marion Montgomery)
8. Make You Feel My Love (orig. Bob Dylan)
9. How Am I Supposed to Live Without You
10. Check Please
11. Missing You Now / When I’m Back On My Feet Again
12. When a Man Loves a Woman (orig. Percy Sledge)
13. How Can We Be Lovers
14. Steel Bars
15. Time, Love and Tenderness
—Zugabe—
16. Lean on Me (orig. Bill Withers)
17. Soul Provider


2 Comments
  1. Matija says

    Uh, nisem vedel, da možakar nastopa v sosedstvu. Imam njegov The Hunger, izvrsten album, še z dovolj AORskega feelinga. Še dobro, da so album po nekem čudežu izdali v Jugi. Zanimivo je tole, da nastopa le tu in tam. Podobno bo očitno z Blue Oyster Cult, ki bodo imeli samo dva koncerta v Evropi in so po nekem čudežu nabasali na Ljubljano.

    Sicer sem pa na isti dan bil v Ferarri na Europe. Letos doslej daleč najboljši koncert, kar sem jih videl. Hudo motiviran band, zvok noro dober.

  2. Poba says

    To z Europe na isti dan v Ferrari je bila kar skušnjava, a glede na to da me mal finance dajejo, da so zadeve sredi tedna, pa itak da sem Europe že kar precejkrat gledal, je bilo treba postavit prioritete.

    Dejansko spremljam Boltona prav zaradi njegovega obdobja 1975-1987, no recimo še tja do 1989. Prav te tri njegove solo plate 1983-1987 (iz njegove rockerske ere) so posebej odlične. „Michael Bolton“ in „Everybody’s Crazy“ pure AOR dosežka. Pa kakšna serija odličnih glasbenikov sodeluje na vseh teh albumih, noro. Mislim da mu na „The Hunger“ (ravno tako briljanten dosežek) plati igrajo mdr. tudi člani Journey postave iz plate „Raised On Radio“ (minus Perry seveda) 😀

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