Metal – Pop – Rock Opera live: Avantasia in Lignano (2026)

foto: SILVIJA MAKOVEC 2026
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Avantasia
Montag, 8. 6. 2026
Arena Alpe Adria, Lignano Sabbiadoro, Italien


„OMG, they killed Kenny!“

Nicht wirklich. Diesmal hat Kenny auf der Bühne gekillt. Kenny Leckremo, Sänger des schwedischen Post-Pop-Glam-Bands H.E.A.T, hat die Show ganz allein gestohlen — und das mit einer unerträglichen Leichtigkeit des Seins, könnte man sagen.

Aber schön der Reihe nach. Diesmal hat sich eine leicht modernisierte Expedition aus der Heimat aufgemacht ins nahe gelegene Lignano, voll von goldenem Sand und mit dem Versprechen einer altschulischen Power-Operette unter der Regie von Tobias Sammet, dem mittlerweile arrivierten Altmeister des europäischen Power Metal und seiner poppigeren Spielarten. Seine reisende Oper namens Avantasia schleppt er auf einer kürzeren Tour durch Europa, vor einer (angeblich) längeren Konzertpause.

Tobi hat offenbar mit seiner Stammband Edguy abgeschlossen und macht mit Avantasia so ziemlich alles möglich. Besetzung und Gastsängerinnen und -sänger wechseln, der Chef und sein typischer kompositorischer Fingerabdruck hingegen nicht. Zu Beginn der Konzertaktivitäten dieses Projekts dominierten die größten Eminenzen des melodischen Metal die Bühne — Michael Kiske und Kai Hansen (Helloween), Andre Matos (Angra), Jorn Lande (überall), Roy Khan (Kamelot, Conception) usw. Heute nehmen neuere Herausforderer deren Platz ein, die aber allesamt fantastische Stimmfähigkeiten mitbringen und weltweit souverän über Bühnen herrschen.

Zunächst muss man betonen — was Tobi mehrfach stolz von der Bühne verkündete —, dass die gesamte Aufführung zu 100% live stattfand. Keine Playbacks, keine eingesampelten Backing-Vocals. Die Besetzung aus zwei Gitarristen, Bassist, Keyboarder, Schlagzeuger, zwei Background-Sängern und einer beeindruckenden Riege an Lead-Vokalisten hat das locker ermöglicht. Was für eine Wohltat!

Die Arena Alpe Adria habe ich zum ersten Mal besucht — und wahrscheinlich nicht zum letzten Mal. Ein hübscher Konzertort in Amphitheaterform mit einer Kapazität von 3.000 Besuchern, der diesmal so rund 700–800 Seelen gefüllt hatte. Also nichts Überwältigendes.

Den Auftritt eröffnete Tobi in der Rolle des Hauptvokals mit dem sogenannten „Hit-Single“ Creepshow vom letzten Album Here Be Dragons (Rockline Rezension), und sofort waren positive Vibes von der Bühne zu spüren — guter Sound und die ansteckende Energie des begeisterten Publikums. Interessant, dass das der einzige Song von diesem Album war, obwohl die Tour eigentlich dessen Promotion gewidmet sein sollte. Für den nötigen Tritt in den Hintern sorgte danach das spritzige Reach Out For the Light vom ersten Album, wo die anspruchsvolle Aufgabe, Kiskes Gesang zu ersetzen, souverän vom bereits erwähnten Kenny Leckremo übernommen wurde — der mit einer überschallschnellen Vorstellung das Publikum buchstäblich weggeblasen und die Fortsetzung mit hoher Energie angekündigt hat.

Ich persönlich bin ein Fan der frühen Avantasia, vor allem der beiden Metal-Opern, und die Setlist, die ihr euch hier ansehen könnt, hat mich durchaus zufriedengestellt. Kenny legte noch das spritzige No Return aus dem zweiten Teil der Oper nach und zusammen mit dem unverwüstlichen Ronny Atkins (Pretty Maids) auch Promised Land aus der mittleren Avantasia-Phase. Die quasi-Einheimische Chiara Tricarico rührte so manche Träne mit ihrer gefühlvollen Darbietung der Ballade Farewell. The Scarecrow, das Titelstück des Albums, das die sogenannte zweite Phase des Projekts einläutete, und The Wicked Symphony, die die dritte Phase definierte, rundeten das Geschehen vor der Zugabe schön ab.

Hier muss ich Herbie Langhans erwähnen, Sänger unzähliger Bands und stolzer Besitzer einer imposanten „Skullet“-Frisur, der pausenlos zwischen Background- und Lead-Vocal hin- und hersprang und zusammen mit Kenny (ahhh, Kenny) für eine gehörige Portion Energie auf der Bühne sorgte. Am meisten ging irgendwie Tommy Karevik unter, dem es einfach nicht gelingt, den Schatten von Roy Khan abzuschütteln, dessen überaus erfolgreicher Nachfolger er bei Kamelot wurde. Dort hat er nämlich Roys Vokalinterpretation so vollständig übernommen, dass er sie auch bei diesem Auftritt nicht losgelassen hat. Schade, denn er besitzt durchaus eine eigene, originelle Vokalidentität — die er aber (nicht mehr) einsetzt.

Auf keinen Fall darf ich aus diesem Bericht den Rock-Methusalem Bob Catley (Magnum) weglassen, der mit seiner samtigen Rauheit die härteren Hard-Rock-Passagen des Konzerts veredelte. Eine ehrenvolle Erwähnung gebührt auch Felix Bohnke, dem Schlagzeuger aus Tobis Stammband Edguy, der während des Auftritts mehrfach seinen Spitznamen „Bum Bum“ unter Beweis stellte und Nostalgie für eine der besten Power-Metal-Bands der späten 90er wachrief.

Ein bisschen wurmt das Fehlen von fünf Songs im Vergleich zum Solo-Auftritt in Deutschland ein paar Tage zuvor — besonders schmerzt das Fehlen des dramatischen Toy Master (im Original Alice Cooper im Duett mit Tobi) und des Meat Loaf-esken Mystery of a Blood Red Rose. Mich verfolgt irgendwie der Fluch gekürzter Setlists in letzter Zeit …

Wie Tobi mehrfach anmerkte, wirkte das Publikum, als wären wir mindestens zehnmal so viele — und das schwere Metall, das durch die Adern von Auftretenden wie Zuschauern gleichermaßen fließt, hat diesmal seinen Job gemacht. Ein knackiger, entspannter, heißer und lebhafter Abend war das!

Ich möchte noch erwähnen, wie das Publikum beim einzigen echten kleinen Avantasia-Hit Lost in Space völlig ausgerastet ist — ein echter melodischer Gute-Laune-Bonbon. Und noch einmal: Kenny verdammter Leckremo!!! Eine explosive Mischung aus exzellentem Gesang, Metal-Image und totaler Hingabe an seine Berufung. Wahnsinn!

Ein schöner Metal-Sommerabend war das — mehr davon!

Autor: Igorac
Fotos: Silvija


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