‚Marillion Weekends Convention XXI.‘ in Padua – zweiter Tag (2023)

foto: EDITA KLEMEN 2023
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Marillion
‚Marillion Weekends Convention XXI.‘ (zweiter Tag)
Samstag, 29. 4. 2023
Padua / Gran Teatro Geox / Italien


Der zweite Tag der 21. Marillion Weekend Convention Ende April in Padua wich protokollarisch nicht wesentlich vom ersten Tag ab. Die Eindrücke des unvergesslichen Abends mit der Band vom Vorabend flackerten noch lebendig durch den Hirnkortex, was seinerseits zusätzlich zur allgemein heiteren Stimmung beitrug, als sich die Menge langsam vor dem zwei Meter hohen Eisengitter am Eingang zum Gelände zu sammeln begann. Gegen sechs Uhr begann Davide Marani die Anwesenden erneut mit Gesang und Akustikgitarre zu unterhalten. Er beeindruckte vor allem mit der Darbietung einiger immergrüner Pop-Klassiker der Achtziger, für Akustik neu arrangiert, blieb dabei aber nicht auf eine bestimmte Ära der Rockgeschichte beschränkt und griff auch in die Neunziger – und natürlich in die Welt des Progressive Rock – hinein. Ein kurzweiliges und gelungenes Erlebnis (von u. a. Duran Duran, Tears For Fears bis hin zu Porcupine Tree).

Unglaublich, welche Kaufkraft die Besucher erneut demonstrierten, die sich am Tisch mit dem offiziellen Merchandise drängten. Es war eine geradezu obsessive Belagerung, bei der man meinen könnte, alles wäre im Nu weggekauft. Und tatsächlich waren einige Marillion-Vinyls schon kurz nach dem ersten Tag nicht mehr im Regal. Die Preise waren dabei brieftaschenfreundlich: Doppel-Vinyls für 25,00 €, Kurzarm-T-Shirts für 25,00 €, Kapuzenpullover für 40,00 €. Angemessen angesichts des post-covid-injizierten Elends und Chaos des kollektiven Westens.

Kommen wir zu den interessanteren Dingen. ‚An Audience with Marillion‘ um acht Uhr abends. Sprich: eine Stunde Plaudern der Band mit dem Publikum, moderiert von Lucy Jordache (die Dame ist im Übrigen auch für die gesamte PR zuständig und gehört zum engeren Management-Stab der Band), mit vorab per E-Mail eingereichten Fragen an die Gruppe und ihre Mitglieder. Ziemlich viel Vorregie, die dem Ganzen ein bisschen Spontaneität nimmt – kein kulturelles Highlight, das man unbedingt erlebt haben muss, aber trotzdem. Die Sache grenzte stellenweise an den Fanatismus von Vorschulkindern, aber was soll’s. Wir sind schließlich auf einer Marillion Weekend Convention, wo das zur Tagesordnung gehört. Das Quintett hat jedenfalls seinen ganzen Sinn für schwarzen Humor eingesetzt und den Glanz der Bühnenlichter gekonnt für zusätzliche Show genutzt. An Lachen und Positivismus mangelte es nicht: „Wer kommt zuerst zur Marillion-Probe?“ Antwort: „Mark Kelly“. „Und wer zuletzt?“ Antwort: „H“ – aber der wand sich geschickt heraus mit den Worten: »I’m late, but never late enough«. Trewavas hatte derweil schon die Erklärung parat, dass die Band, während sie auf Hogarth wartet, eben Mittagessen geht. Die Fragen entstammten jedenfalls dem Lexikon der Bravo-Zeitschrift, u. a. auch im Stil von: Wie lösen die Jungs die Situation auf der Bühne, wenn einer von ihnen während des Konzerts dringend auf die Toilette muss? Hogarth holte sich im schwarzen Sarkasmus erneut den ersten Platz, als er verkündete, dass er seit seinem sechzigsten Geburtstag für solche Situationen spezielle Hilfsmittel benutzt, die ihm auf der Bühne Gesellschaft leisten (er dachte dabei wohl an Windeln und Ähnliches). Schwarzer britischer Humor. Amüsant war auch das Rätselraten der Bandmitglieder, als sie aufgefordert wurden, die Titel einzelner Marillion-Alben – auf Italienisch – zu erraten. Gewonnen hat Mark Kelly, der fünf davon erriet. Und so weiter…

Das Konzert? Stimmt ja. Das Konzert. Protokollarische fünfzehn Minuten nach neun Uhr abends. Diesmal widmete die Band den Eröffnungsteil ihrem hervorragenden Album »Brave« (1994). Dieses Album genießt in der Diskografie der Gruppe einen besonderen Stellenwert; es trägt ein düsteres Konzept: Ein Teenager, der angesichts der Erkenntnis über den Betrug der gesellschaftlichen Ordnung von zu Hause flieht und ziellos umherwandert, dabei mit der Grausamkeit des Straßenlebens konfrontiert wird, bis er zusammenbricht und Selbstmord begeht. Vier »Brave«-Stücke, nahtlos ineinander übergehend (Bridge, Living With The Big Lie und Runaway). Das vierte Stück war dann das Titelstück. Erstmals im Rahmen der diesjährigen Marillion Weekend Conventions hier in Padua aufgeführt. Vor der Darbietung erschien ‚H‘ mit einem Strauß weißer Blumen auf der Bühne. Anstatt sie unter die Damen (in den ersten Reihen) zu werfen, zupfte er die Blüten theatralisch und bisweilen fast schon brutal ab und verteilte sie auf der Bühne. Die Intensität lässt auch während Brave nicht nach. Die Band entfaltete schon zu Beginn eine unglaubliche Ausdruckskraft. Unterstützt von den Projektionen auf der riesigen Leinwand, dem lebhaften und ständig aktiven Dialog aller möglichen Kombination von Bühnenbeleuchtung und natürlich der aufgebauten Marillion-Magie, die ‚H’s ergreifende Vokal-Exposition vervollständigt, wurden alle „provozierten“ Gefühle erneut äußerst intensiv.

Ähnlich wie im Repertoire des vorangegangenen Abends, als Marillion zu Beginn einen guten Teil des neuen Albums »An Hour Before It’s Dark« spielten, nutzte die Band auch diesmal nach 20 Minuten Material aus Brave einen Stück aus dem hervorragenden »Marbles«-Album (2004), um die aufgebaute Atmosphäre zu durchschneiden. Diesmal fiel die Wahl auf den Titel Genie. Das verspielt-freche Stück hob die Stimmung genau dorthin – in die entgegengesetzte, schelmische Sphäre. Im weiteren Verlauf überraschte die Band mit einem vollständig veränderten Repertoire (verglichen mit dem ersten Konventionstag) und integrierte das »Happiness Is The Road«-Stück (2008) Older Than Me, das in Padua erst zum dritten Mal in der Karriere der Band live gespielt wurde (davor bei beiden niederländischen Conventions 2023) – worauf ‚H‘ einleitend auch hinwies. Dann folgte der dem neuesten Album »An Hour Before It’s Dark« gewidmete Teil. Den Anfang machte The Crow and the Nightingale. ‚H‘ hatte sich dafür ein Kostüm übergeworfen, das ihn (zumindest mit etwas Fantasie) flüchtig an eine Krähe erinnern ließ, worauf Marillion in eine weitere anspruchsvolle Komposition des neuen Albums stürzten – das fünfteilige Sierra Leone. Dieser Teil war offenbar im Album „Happiness is the Road“ verankert, denn Marillion drückten erneut auf die Nostalgie-Hebel, als sie eines der stärksten Stücke jenes Albums spielten, das nach den Tourneen 2008 und 2009 danach nur noch sehr selten live gespielt wurde. Es war das phänomenale This Train Is My Life. Ein Stück, das sofort Gänsehaut erzeugt. Auf der Stelle.

Dann folgte der Unterhaltungsteil. »Clutching At Straws« (1987)-Klassiker aus der Fish-Ära namens Sugar Mice. Erwartungsgemäß sang der gesamte Gran Teatro Geox diesen Song mit und hüpfte. Marillion brachten das gesamte Parkett aus den Sitzen.  In ein ähnliches Erlebnis wie bei This Train Is My Life wiegte uns erneut das einzige »Somewhere Else«-Stück (2007) der zweitägigen Convention. Marillion entschieden sich für die Darbietung des Titelstücks, das auch das künstlerische Highlight dieses Studiomeisterwerks ist. Die Intensität der Gefühle von Mystik, Melancholie, Sehnsucht. ‚H‘  hielt vor diesem Stück eine lange Einleitung, die gleichzeitig grenzenlos amüsant war. Er erzählte, woher die Inspiration für die Entstehung dieses Songs stammt. Einmal hatte er einen seltsamen Traum, in dem er im goldenen Bett inmitten der Wohnung seines Marillion-Kumpanen Mark Kelly schlief. An witzigen Blitzen, die Hogarths Geschichte von den seltsamen Träumen begleiteten – vor allem von Trewavas und Kelly – mangelte es nicht.

Dann der abschließende Teil des regulären Konzerts mit ‚H’s Lieblingsstück vom Album »Radiation« (1998), nämlich der Darbietung von Three Minute Boy. Gerade in dieser Komposition zeigte Marillion einmal mehr all seine künstlerisch-darstellerischen Qualitäten, als die Band das Stück durch eine Steigerung vom anfangs sanften und unschuldigen Eröffnen (sprich: ‚H‘ solo am Klavier) Runde für Runde weiterentwickelte – nicht nur mit zusätzlichen Klangpastellen, sondern auch mit immer kompakteren rhythmischen Strukturen. Das Publikum hielten dabei jene berühmten ‚La-la-la-la‘- und ‚Yeah-yeah-oooh‘-Melodiebögen in Atem, die im Stück eingebaut sind. Eine unglaubliche Mischung aus bildhaften Motivstrukturen und unnachgiebiger Musikalität, mit intensiven Kontrasten atmosphärischer Sprünge, in die auch Rotherys aufgewühlte Solaça ihre Geschichte einbringt sowie seine betont verzerrte Phrasierung (vor allem im großen Finale). Eine ausgezeichnete Wahl für den aufgedrehten Schlussteil.  

Ja. Der schloss sich diesmal etwas früher als am Vortag. Es folgte die erste obligatorische Zugabe und die Darbietung des sinfonischen Progressive-Rock-Epos The Leavers vom Album »F.E.A.R.« (2016). Das war eine Überraschung – nicht in dem Sinne, dass die Band dieses Stück nie gespielt hätte, ganz im Gegenteil: Sie hatte es auf den Tourneen zwischen 2016 und 2018 rauf und runter gespielt. Angesichts der Fülle potenzieller Überraschungen, die Marillion jederzeit locker aus dem Ärmel schütteln können, und auch in Anbetracht der Tatsache, dass das Publikum sicher noch den einen oder anderen Bonbon aus den Achtzigern erwartet hatte – sei es vom kriminell ignorierten Album »Fugazi« (1984) oder zumindest von den Alben »Misplaced Childhood« (1985) und »Season’s End« (1989) –, brachte das weitere Festhalten an diesem, in jeder Hinsicht erstklassigen Epos im Konzertrepertoire auch bei verwöhnteren Fans der Band eine gewisse Enttäuschung mit sich. Aber dieses Gefühl verging schnell. Die Band rundete die erste Zugabe nämlich mit dem »Anoraknophobia«-Stück (2001) Separated Out ab, das durch eine glühende Gitarrenphrase charakterisiert wird. Separated Out hatte die Band nach mehreren Jahren wieder ins Konzertrepertoire aufgenommen – und zwar genau für die Marillion Weekends Conventions im vergangenen Jahr. Dann kam also jener Teil des Konzerts, der vollständiges Abschalten gebietet. Das Publikum strömte zur Bühne, das Parkett stand auf, und ‚H‘ peitschte in seinem theatralischen Stil das Publikum an. In diesem Teil tauschten Rothery und Trewavas sogar die Positionen (von links nach rechts und umgekehrt). Marillion nutzten das Finale dieses Stücks zu einem witzigen Seitenhieb und glitten in das Hauptmotiv des Led-Zeppelin-Klassikers Kashmir hinein, das sie routiniert in den letzten Separated Out-Übergang verwandelten, aus dem sie den finalen Refrain ableiteten und in einen verlängerten Ausklang übergingen. An frechen kleinen „Hunde-Bömbchen“, die sie aus dem Ärmel schütteln, mangelt es ihnen jedenfalls nicht.

Aber das Beisammensein war noch nicht zu Ende. Es folgte eine weitere obligatorische Zugabe. Nach der ersten Pflicht-Zugabe von 20 Minuten also nochmals eine fast gleich lange Portion Marillion-Musik. Mit dem phänomenalen Titelstück des Albums »This Strange Engine« (1997), das erneut alles mitbringt, was wir unter dem Perfektionismus des Marillion-Artismus in der ‚H‘-Ära verstehen. Das Gesamtpaket. Alles in einem. Von äußerst raffinierten bis hin zu knallhart rockigen Momenten. Eine atmosphärische Bombe voller Wendungen, zu denen u. a. auch Kellys Keyboardpart im ersten Drittel des Stücks gehört. Im funkigen Teil imitierte Kelly Saxophone auf den Keyboards. Und Rotherys wunderschöne Gitarren-Solaça nimmt in dieser geschmeidigen Komposition erneut ihr ganz eigenes (esoterisches) Kapitel ein. Ein Progressive-Rock-Meisterwerk, von dem man sich wünscht, dass es nie endet. Beim Konzert war das Gefühl genau so. Mit ihm schloss sich auch das unvergessliche zweitägige Erlebnis mit Marillion. Den zweiten Konzertabend in Padua dehnten Marillion noch eine Spur länger aus, sodass alles zusammen fast zweieinhalb Stunden dauerte.

Von nun an sind diese Weekend Conventions alle zwei Jahre geplant. Die nächste wird also erst 2025 stattfinden. Dieser Marillion-Stopp in Padua war aber auch für alle Fans der Band willkommen, die in jenem Teil Europas beheimatet sind, zu dem auch Slowenien gehört, und die den Besuch mindestens eines Konzerts der Herbsttournee des vergangenen Jahres auslassen mussten. Die Daten jener Tournee waren (zumindest für Slowenien) wirklich konkret weit entfernt (vernünftigerweise nur per Flug erreichbar) – der Norden des alten europäischen Kontinents und Großbritannien. Diesmal konnten diese „Zu-kurz-Gekommenen“ eine doppelte Portion Marillion-Musik genießen.

Wer Marillion (auch nur ein bisschen) mag, hat diesmal gesündigt, wenn er diese zwei Konzerte in Padua verpasst hat. Zumal mit zwei völlig verschiedenen Setlists. Die Frage ist, wie viele solche Gelegenheiten es in Zukunft noch geben wird.

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Edita Klemen & Aleš Podbrežnik

Setlist:
1. Bridge
2. Living With the Big Lie
3. Runaway
4. Brave
5. Genie
6. Older Than Me
7. The Crow and the Nightingale
8. Sierra Leone:
I. Chance in a Million
II. The White Sand
III. The Diamond
IV. The Blue Warm Air
V. More Than Treasure
9. This Train Is My Life
10. Sugar Mice
11. Somewhere Else
12. Three Minute Boy
—Zugabe I.—
13. The Leavers:
I. Wake Up in Music
II. The Remainers
III. Vapour Trails in the Sky
IV. The Jumble of Days
V. One Tonight
14. Separated Out
—Zugabe II.—
15. This Strange Engine


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