Lenny Kravitz donnerte im ausverkauften Amphitheater von Pula (2024)
Lenny Kravitz (Vorband: Devon Ross)
Sonntag, 28. 7. 2024
Pula / Arena Pula / Kroatien
Lenny Kravitz ist ein amerikanischer Singer-Songwriter, der im Laufe seiner Karriere über 40 Millionen Studioalben verkauft hat. Seine Konzertauftritte sind bekannt für ihre außergewöhnlich energetische und vibrierende Dimension — eine Mischung aus perfekter Eingespieltheit, brillanter Klangtechnik und intensiver Darbietungstiefe. Das macht ihn zu einem jener Interpreten, die auf der Bühne im Kontakt mit dem Publikum schlicht alles geben. Es bleibt nicht bei leeren Versprechen und Beteuerungen. Nein, Lenny liefert live nicht nur das Optimum, sondern ein Erlebnis, das noch darüber hinausgeht — in Richtung Maximum.
In diesem Jahr hat er das Album „Blue Electric Light“ veröffentlicht, das er seinem größten Inspirationsquell gewidmet hat — seinem musikalischen Wegbegleiter und Mentor, dem verstorbenen Prince. Genau diesem Album war auch seine europäische Sommertournee gewidmet, die denselben Titel trug. Doch wie es schon seit Jahren ein Ritual ist, wissen sowohl Lenny als auch sein treues Publikum, dass keine Tournee ohne ein Best-of-Repertoire auskommt — also eines, das sich unter dem Gewicht seiner größten Hits biegt. Das verlangen die Leute von ihm schlicht und einfach.
Das Konzert war schon lange vollständig ausverkauft. Die Arena in Pula ist so ziemlich eine Traumlocation — nicht nur wegen ihres Status als Monument, das zu den bedeutendsten Kulturerbestätten der Welt zählt, sondern auch wegen der Akustik, die zumindest im Parkett grundsätzlich makellos ist. Allerdings musste man noch etwas warten, bevor der Grammy-Gewinner die Bühne betrat. Zuvor gehörte sie der Indie- und Alternativrockmusikerin Devon Ross mit ihrer Begleitband. Aus solchen und ähnlichen Acts entsteht auf der Szene seit Jahren ein unüberschaubares Gedränge, ja regelrechtes Chaos. Einfache Songstrukturen, schluchzender Gesang, zerfetzter, angerauter, leicht heroinischer Look der Band — Devon an der Spitze, düstere, ernste Blicke, heulend geradeaus gerichteter rhythmischer Drive und kreischende Gitarren. Die Einflüsse des Post-Punk der Achtziger sind hörbar. Da das Mädchen auch Model und Schauspielerin ist, öffnet ihr diese Popularität natürlich auch Türen zu Konzertbühnen. Musikalisch ist es aber ziemlich langweilig — weil es, wie gesagt, solche Acts mit genau diesem Stil heute auf der Szene für einen ganzen unüberschaubaren Ozean gibt. Das Mädchen hat im Februar dieses Jahres ihre Debüt-EP „Oxford Gardens“ veröffentlicht, und ausgerechnet am nächsten Tag eröffnet sie schon Konzerte für Lenny Kravitz. Ein Traum, von dem viele träumen — jene ewig auf die Garage verdammten Musiker, die mit Sicherheit mehr musikalische Substanz und authentischen künstlerischen Wert besitzen. Aber so ist die grausame Welt des Musikbusiness, die schon immer wählt, in wen es sich lohnt, Geld zu investieren. Diese Aussage würde auch diesmal zu fast 100 % zutreffen, wäre Lennys Gitarrist Craig Ross nicht am Mix besagter EP beteiligt gewesen — was bedeutet, dass das Mädchen zweifellos auch konkrete Unterstützung durch Lennys Management bekommen hat. Sie präsentierte mit ihrer Crew die Songs der EP: Mine Not Yours, Swim, I Don’t Wanna und Killer. Schön, ordentlich, aber ohne Überraschungen.
Lenny sprang mit seinem Team direkt ins Herz eines satten zweieinhalb Stunden langen Sets. Mit dem wahrscheinlich aufgeladensten Hit seiner Karriere — Are You Gonna Go My Way. Die Flying V ist da, seine ledrig-kehlige Stimme noch mehr. Eine Kanonenkugel aus gemeißelter darstellerischer Reichweite. Wir sind mittendrin! Die Arena dreht durch. Das Publikum gehört ihm im Nu. Der Mann ist unglaublich. Ende Mai feierte er seinen 60. Geburtstag. Und doch wirkt er wie ein 20-jähriger Hengst, begierig und bereit, sich zu beweisen. Wir stehen am Beginn einer Show, die mit Energie auflädt. Das Gegenteil von aufsaugen. Du weißt also, wovon die Rede ist. Also: Auch wenn du kein eingefleischter Lenny Kravitz-Fan bist, zieht dich der Mann mit seinem erstklassigen Musikteam schlicht hypnotisch zu sich, bis du ihm gehörst. Ich selbst falle in diese Kategorie. Ohne Erwartungen. Zum ersten Mal live mit Lenny. Wörtlich: Er hat mich umgehauen. Und wahrscheinlich gab es niemanden, der nach dem Konzert anders dachte.
Im Strudel der größten Hits wirkten die neueren Songs TK421, das strahlende Paralyzed und das abschließende, mit besonderer emotionaler Eleganz durchtränkte Human so, als hätten sie schon immer neben den Höhepunkten von Lennys Karriere existiert. Umgeben von einem außergewöhnlichen Team — in einem Moment zählte man auf der Bühne neben Lenny ganze zehn Personen: der langjährige Gitarrist Craig Ross, Bassist Hoonch Choi (der auch Keyboards spielt), der wohl populärste Teil seiner Crew — die bereits ikonische, „lockenmähnig-verspielte“ Schlagzeugerin Jas Kayser, Hauptkeyboarder George Laks, Trompeter Cameron Johnson, die Saxophonisten Harold Todd und Michael Sherman sowie die Backgroundsänger Amiri Taylor und Raheim Taylor — lieferte Lenny das Beste ab. Alles, weshalb sein Publikum gekommen war. Es war wie in einem aufgewühlten Wespennest. Mit der ganzen Hitze, die einem an Juli-Abenden nur Kroatiens Istrien bescheren kann. Mädchen und „reifere“ Mädchen deklaminerten, rezitierten und sangen alles mit, was von der Bühne kam. Lennys Bewegungen und Ansprachen wurden natürlich begeistert und lautstark mit ungezügelten Reaktionen erwidert — was bedeutet, dass Lenny Leidenschaften und Emotionen entfachte, was schließlich die Grundaufgabe jedes Musikers ist: dass er dich bewegt! Mit einem solchen musikalischen Arsenal geht das gar nicht anders. Besonders hervorzuheben ist dabei der Song Fear von Lennys Debütalbum „Let Love Rule“. Den dehnte er mit seiner Band auf ganze elf Minuten aus. Nicht nur, dass er ihn in seiner Karriere äußerst selten live gespielt hat — genau in diesem Stück demonstrierte Lenny mit seiner Crew höchste Seiltänzerei im Sinne einer unglaublich rund geschliffenen musikalischen Kohäsion des gesamten Teams. Der Song wurde zu einem ausgedehnten Jazz-Funk-Jam, der im ersten Teil der Session dem Keyboarder George Laks Raum zur Improvisation öffnete, während der zweite Teil vollständig der Bläsersektion gehörte, die den Song auf seine Grundelemente zerlegte und in einen Kreschendo trug. In der Gesamtbilanz ist Fear einer der Höhepunkte von Lennys aktueller Tournee — hier kommen unmittelbar die ganze Qualität, die ungezügelte Talentfülle, die Leidenschaften und Emotionen zum Ausdruck, gewaltig, eruptiv und an einem Punkt mit einem massiv lawinenartigen Erschütterung bis zur kaum beschreibbaren stürmischen Manifestation.
Lenny hat an diesem Abend durch den Reigen der gespielten Hits auch bestätigt, dass er als Komponist und Visionär ein echter stilistischer Chamäleon ist. Das Publikum fraß ihm dabei aus der Hand. Großes Finale mit Always On The Run, American Woman und Fly Away! Atemraubende Kompaktheit und darstellerische Eingespieltheit. In jeder Hinsicht — wobei der unterschwellige, fast unbewusst ansteckende Rhythmus seiner Songs zweifellos das wesentliche Element ist, das zum Effekt einer gierigen Verzauberung beiträgt: Die Show trägt dich auf hohen Wellen einer mitreißenden, geradezu einzigartigen musikalischen Schwingung.
Das großartige, bewegende und persönlich bekenntnishafte Human vom neuesten Album „Blue Electric Light“ hob Lenny für den ersten Song der obligatorischen Zugabe auf, das große Finale würzte er dann mit der titelgebenden Klassik des Debütalbums Let Love Rule — wobei er die Bühne verließ, den Fotografengraben der Länge und Breite nach abschritt und Fans in der ersten Reihe die Hand schüttelte. Irres Feiern. Man möchte es schlicht ein einzigartiges musikalisches Ritual nennen. Zweieinhalb Stunden. Wobei die Zeit im Handumdrehen verging. Im Nu. Wie es sich für den Ruf und das Renommee dieses herausragenden Bühnenmusikers gehört, dem die Jahre einfach nichts anhaben können!
Mit einem Wort: „Das Beste vom Besten!“ Die ganze Vorkonzert-Euphorie, die unter anderem indirekt Angst schürte, wie man überhaupt noch an eine verfügbare Eintrittskarte kommen sollte, war an diesem wunderschönen Abend in der Arena von Pula in jeder Hinsicht gerechtfertigt. Von der ausverkauften Location bis zu all diesen einmaligen und unwiederholbaren Momenten „von hier in die Ewigkeit“, die ein einheitlicher, kraftvoller und in Worten unbeschreiblicher Augenblick chemischer Ekstase zwischen Lenny und seinem Publikum zaubert. Ganz einfach. An diesem Abend musste man in der Arena von Pula einfach dabei gewesen sein. Bombastisch — ein Konzerterlebnis, das seinesgleichen sucht.
Autor: Edita Klemen & Aleš Podbrežnik
Fotos: Edita Klemen
Lenny Kravitz – Setlist:
1. Are You Gonna Go My Way
2. Minister of Rock ’n Roll
3. TK421
4. I’m a Believer
5. I Belong to You
6. Stillness of Heart
7. Believe
8. Fear
9. Low
10. Paralyzed
11. The Chamber
12. It Ain’t Over ‚Til It’s Over
13. Again
14. Always on the Run
15. American Woman (orig. The Guess Who)
16. Fly Away
—Zugabe—
17. Human
18. Let Love Rule



















