Kiko Loureiro ist zurück im Bluesiano (2025)!
Kiko Loureiro (Vorband: Andy Addams)
Sonntag, 30. 11. 2025
Velden am Wörthersee / Bluesiana Rock Cafe / Österreich
Bluesiana – einsamer Leuchtturm des Rock ’n‘ Roll, immer des feinsten Blues, gelegentlich auch mit metallisch geschärften Inhalten – brennt weiter! Auch wenn Rockline nicht mehr so intensiv präsent ist wie früher, als kaum eine Woche verging, ohne dass wir über den Loibl-Pass nach Velden am Wörthersee gefahren wären, zieht es uns dort immer noch sehr gerne hin. Diesmal aber durfte uns Kiko Loureiro nicht entgehen. Den Kerl haben wir im Februar 2019 im italienischen Ort San Dona Di Piave gesehen – und schon damals spielte er zum ersten Mal im Bluesiano.
Ein richtig schöner Besuch mit rund hundert Gleichgesinnten – der Raum ist nämlich eine ausgemachte Klub-Exklusivität ohne Gleichen, und genau das ist der größte Reiz des Bluesiano – versprach ein außergewöhnliches Konzerterlebnis. Um neun Uhr betrat Kikos Freund Andy Addams die Bühne. Der Mann, der in Bogotá aufgewachsen ist und heute in Florida lebt, spielte auf Zimmerlautstärke mit Drums vom Backing Track und wärmte das Publikum eine halbe Stunde lang mit einem Arsenal eigener Songs sowie einigen Evergreens auf, die die Geschichte des Rock geschrieben haben. Die atemraubende Präzision, Kontrolle und spielerische Geschwindigkeit auf seiner PRS-Gitarre hörte nicht auf zu begeistern. Er spielte Klassiker von Journey, White Lion und Van Halen und stellte Material aus dem Album „Eyes Of The Moon Pt. 1“ von 2020 vor, auf dem u. a. auch Kiko Loureiro zu hören ist. Ein außerordentlich schöner Einstieg also.
Kiko Loureiro, Bruno Valverde und Felipe Andreoli! Ein Trio, das eine feste Größe bleibt. Ein Trio, das hier vor sechs Jahren gespielt hat, und ein Trio, das eng mit dem Namen Angra verbunden ist – den brasilianischen Progressive-Metal-Pionieren, für die offensichtlich im nächsten Jahr eine neue Ära anbricht. Aber der Reihe nach. Valverdes riesiges Schlagzeug ragte buchstäblich bis in die erste Reihe. Das Trio schlug mit voller Wucht ein. Die Jungs lesen einander förmlich. Die Kilometrgage ist enorm, es gibt keine Geheimnisse, sie sind seit vielen Jahren zusammen – auf solchen Fundamenten kann man die Dinge von Jahr zu Jahr nur besser machen.
Die Show war schlicht und einfach umwerfend. Die Haare stellten sich auf, der Sound ließ die Wände des Bluesiano spürbar wackeln, Kiko redete kaum – es wurde einfach gespielt. Das Zusammenspiel wie in einem Trancezustand. Was für eine Demonstration. Bis an alle Grenzen und darüber hinaus. Nicht einen einzigen Fehler hast du gehört. Kiko bringt auf seinen bislang sieben Soloalben eine einzigartige Mischung aus neoklassischem Metal, kraftvoll unterstützt von lateinamerikanischer Melodik und tribalen Rhythmuseinlagen der amazonischen Regenwälder, ohne dabei auch Anleihen bei der Jazzfusion zu scheuen. Und das ist so ausgeführt, dass man kaum etwas Ähnliches findet. Einmalig, unverwechselbar.
Im ersten Teil stellte Kiko seine Soloarbeiten vor. Unglaublich schnell lief alles ab. Sein Herz hängt nach wie vor sehr an seinem Debüt „No Gravity“, das mit fünf Songs in der Setlist vertreten war. Im zweiten Teil kamen die Fans beider Alben auf ihre Kosten, die Kiko mit Megadeth eingespielt hat. Das akustische Gitarrenintro zum Titeltrack des Albums „Dystopia“ ließ die Nackenhaare aufstehen. In diesem und im nächsten Song, Killing Time, half sich der Mann auch mit Lead-Gesang, der keinen besonders nennenswerten Eindruck hinterließ (Mustaine hat eben jenes unverzichtbare Gift in der Stimme). Wie auch immer – im Abschlussteil beglückte Kiko die Fans der Progressive-Metal-Pioniere Angra, als das Trio sich stürmisch in einen Reigen von fünf Angra-Klassikern stürzte, bei dem in den ersten Reihen die Herzen hüpften. Die unglaublichen Adaptionen der Originale, die man in ihrer veränderten Form kaum wiedererkannte, beschloss noch ein weiterer Angra-Klassiker: Nothing To Say. Als Zugabe kehrte Kiko zu seiner Solokarriere zurück und legte noch einen „No Gravity“-Track nach: Enfermo.
Da lässt sich kaum noch etwas hinzufügen. So viel Substanz auf einmal. Man könnte sie stundenlang kauen und käme immer noch nicht ans Ende. Aber eines ist unbestreitbar. Eine direkte Bombe. Geradeaus. Ohne Umwege, ohne Zögern. Einfach auf volle Pulle. Das Zusammenspiel ist makellos, die Darbietung ebenso. Kiko bleibt Kiko. Einer und einzig. Die lange vermissten Kunststücke dieses brillanten Gitarrenvirtuosen haben uns für anderthalb Stunden wieder den Blick in ein unwiederholbares musikalisches Universum geöffnet.
Autor: Edita Klemen & Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Kiko Loureiro – Setlist:
1. Blindfolded
2. Reflective
3. Overflow
4. Pau-de-Arara
5. Mind Rise
6. Dilemma
7. No Gravity
8. Conquer Or Die (orig. Megadeth)
9. Dystopia (orig. Megadeth)
10. Killing Time (orig. Megadeth)
11. Feijão de corda
12. Escaping
13. „Angra medley“ (Carry On / Spread Your Fire / Nova Era / Morning Star / Evil Warning / Speed)
14. Nothing To Say (orig. Angra)
—Zugabe—
15. Enfermo

































