Ian Siegal verzaubert und begeistert die Bluesiana erneut (2019)

IAN SIEGAL (foto: NATAŠA PIŠLJAR)
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Ort: Velden am Wörthersee / Bluesiana Rock Cafe / Österreich
Datum: Freitag, 22.02.2019


Ian Siegal ist ein britischer Blues-Singer-Songwriter. Ausgestattet mit einer Gitarre und einer unglaublichen stimmlichen Wandlungsfähigkeit. Außerordentlich angesehen in der modernen Bluesszene und Gewinner einer ganzen Reihe prestigeträchtiger Preise in verschiedenen Kategorien. All das hätte Ian – trotz seines außergewöhnlichen Talents, das ihm in die Wiege gelegt wurde – nicht erreicht, wenn er nicht lange Zeit die Bitterkeit und Härte des Lebens am eigenen Leib erfahren hätte. Unter anderem auch auf der Straße, wo er eine Zeitlang herumstreunte und für ein Sandwich und ein Bier zupfte. Der Mann weiß, was Dornen sind, was Schwielen sind und was Entbehrungen bedeuten. Und seine Musik spricht für sich selbst. Wenn er ans Mikrofon tritt, überläuft es dich kalt und er erschüttert dich bis auf die Knochen – so authentisch nimmt dieser Musiker dich in seinen Bann.

Ian besucht die Bluesiana häufig. Eigentlich kann man sogar sagen: regelmäßig. Entweder mit einer Begleitband oder ganz allein. Beziehungsweise in Begleitung einer akustischen Folkgitarre und eines National Square Neck Resonator Lap Steels, Baujahr 1930, der allerdings für das konventionelle Spielen umgebaut worden ist.

Ian kam diesmal allein zur Bluesiana. Vor Ort versammelte sich eine Gesellschaft von etwa siebzig Besuchern. In der Bluesiana stehen vor der Bühne Tische, Stehtische sowie allerlei Stühle. Der Kerl betritt die Bühne gegen Viertel nach neun Uhr abends, obligatorisch begleitet von einem Gläschen tiefrotem Wein.

Einleitend wandte er sich an die Anwesenden und meinte, dass sich die Dinge überhaupt nicht verändert hätten. Dass er immer noch dieselben Gitarren spiele, sogar gleich gekleidet sei und immer noch dasselbe Getränk trinke wie früher. Stimmt wirklich. »Seit 2006, als ich hier zum ersten Mal aufgetreten bin, hat sich nichts geändert! Auch das wird sich heute Abend nicht ändern – ich werde viel Wein trinken«, fügte er obligatorisch hinzu.

Aber gut. Im vergangenen Jahr hat er das neue Studioalbum »All the Rage« veröffentlicht, auf dem die ganze Band mitspielt. Da er das Album bei Konzerten quer durch Europa vorstellte – einschließlich dieses Stopps in der Bluesiana –, arrangierte er das Material für Folkgitarre beziehungsweise »Resonatorgitarre«. Er sagte, er würde versuchen, möglichst viel Material vom neuen Album zu spielen.

In seinem typischen Stil führte Ian durch das Konzert – so humorvoll wie möglich. Mit seinem unglaublichen Sinn für schwarzen Humor verdrehte er ernste Lebensgeschichten, die ein Teil von ihm selbst sind, ins Scherzhafte – Geschichten, aus denen der Großteil seiner Lyrik entspringt und mit denen er erneut unter Beweis stellte, dass er zur absoluten Spitze der zeitgenössischen Singer-Songwriter-Lyrik im Blues gehört. Ihr wisst ja: Blues ist ein großes Gejammer, und im Fall von Ian ist das alles so wunderbar angereichert durch den Genuss diverser alkoholischer Getränke und anderer Substanzen, mit deren Hilfe man für einen Moment dem harten Alltag entflieht – begleitet natürlich von Frauen, die bei all dem Drama, das der Hauptdarsteller erlebt, die schiere teuflische Versuchung verkörpern.

Das Publikum kennt Ian bereits sehr gut. In den Pausen öffnet der männliche Teil des Publikums absichtlich Bierflaschen. So laut wie möglich. Beim ersten Mal nutzte Ian die Situation, als jemand lautstark den Vakuumverschluss einer Bierflasche knallen ließ, und rief: »I know that sound! Come to me!« Der Saal brach in Gelächter aus. Bei den darauffolgenden ähnlichen Aktionen ließ sich der Musiker nicht mehr darauf ein und ignorierte sie gelassen. Doch die Sache spricht für sich selbst, was Ians sonstige Neigungen betrifft – die selbstverständlich niemanden etwas angehen außer ihm selbst.

Jenseits des obligatorischen Witzelns war seine Vorstellung an sich atemraubend. In jeder Geschichte fand er sich vollkommen zurecht. Er lebte sie unglaublich nach und passte dementsprechend feinfühlig seine Gesangsinterpretation an – ob er mit einer außerordentlich durchdringenden und klaren Stimme donnerte, ob er ihr ein wenig von der rauen »Cocker-Kehlen-Schleifmaschine« beimischte, oder ob er in den intimen Momenten so sanft wie möglich ansprach und einzelne Verse beinahe flüsternd deklamierte. Ian ist ein unglaublicher Interpret. Mit seinem außerordentlich sinnlichen und mitreißenden Gitarrenspiel, dem ständigen Vorgeben des Takts durch das Klopfen des linken Fußes auf den Boden und dem instinktiven Einfühlen in die Verse gewann er das Publikum im Handumdrehen auf seine Seite – und es fraß ihm bedingungslos aus der Hand.

Zwischendurch legte er eine fünfzehnminütige Pause ein. Im zweiten Teil spielte er fast ausschließlich auf der umgebauten Lap-Steel-Gitarre mit Resonator, und die Folkgitarre bekam er quasi gar nicht mehr zu »schnuppern«.

An diesem Abend reihten sich im Repertoire unter anderem brandneue Songs aus dem Album »All the Rage« – nämlich My Flame, Sweet Souvenir, Eagle Vulture, The Shit Hit. Der Mann stützte sich auch auf das Repertoire des Albums  »Man & Guitar«, was durchaus logisch ist, da dieses Album eine akustische Geschichte ist – mit den Songs I Am the Train, Mary Don’t You Weep (das Original gehört den Fisk Jubilee Singers),  T’ain’t Nobody Business, Preachin‘ Blues / Live So God Can Use You / You Got To Move, Gallo del Cielo. Taking Overseas Pirate Blues klang countrymäßig, Mary Don’t You Weep dagegen eher nach Gospel. Solche Abweichungen vom Standard-Blues-Purismus gab es noch einige mehr. Der Mann ließ auch die Songs Falling On Down Again, Robert Johnsons Come On In My Kitchen, Cocaine Cannot Kill My Pain, Early Grace, I’ll Fly Away und Moonshining nicht aus. Zu Letzterem gibt es eine interessante Geschichte über Ians Aufenthalt bei argentinischen Gauchos und natürlich den enormen Genuss von Rotwein.

Man merkt gar nicht, wann der Moment des Abschieds gekommen ist, so schnell dreht sich ein Konzert von Ian Siegal in der Bluesiana. Und wirklich. Man kann seiner nicht müde werden, denn er trägt stellenweise echte Stand-up-Comedy-Elemente in sich. Schwarze Burleske. Einfach. Ian ist magisch. Er zieht dich in seinen Bann, hypnotisiert und verzaubert dich. Neben seinem außergewöhnlichen Gesang ist er durchgängig unglaublich geschickt und einfühlsam auch im Gitarrenspiel. Ob mit Fingerpick und Sliden am Gitarrenhals – wobei er auch in einige Delta-Mississippi-Roots-Tricks eintauchte –, sein geschicktes Zusammenspiel der Finger der rechten Hand mit den Saiten evozierte eine Menge sehr gefälliger Country-Einschübe in die Songs. Mitreißend in allem. Nun, Ian bleibt dennoch irgendwie am stärksten, wenn er sich dem Blues-Purismus verschreibt – aber das Wechseln zwischen Blues, Country und Gospel tut ihm außerordentlich gut.

Ian Siegal in der Rolle des Solo-Auftretenden, bewaffnet mit einer akustischen Gitarre, wirkt in Emotionen und Leidenschaften erheblich mitreißender und zauberhafter als wenn ihn eine Begleitband begleitet – auch wenn es sich dann um eine andere Konzertgeschichte handelt. Einfach so. Patzer lassen sich eben schwerer verbergen. Ian scherzte unglaublich geschickt. Das Repertoire stellte er völlig spontan zusammen. Nach Gefühl. Er wusste nur, dass er ein paar Songs unbedingt spielen musste, zwei Drittel des Repertoires baute er jedoch völlig spontan auf. Mehrfach rettete er sich mit dem Kapodaster; wenn es nicht klappte, transponierte er die Gitarre schnell einen halben Ton rauf oder runter – und wenn auch das nicht reichte, fand er sehr schnell eine andere passende Akkordkombination, sodass er einen Song zum Beispiel statt in a-Moll in e-Moll spielte usw. Amüsant ist auch sein ständiges Kommentieren, während er die Gitarren stimmt oder nach passenden Akkorden zu einem gewünschten Song sucht. Mehrfach musste er sich zunächst an die Akkorde erinnern, fand sie aber stets mit blitzartiger Schnelligkeit. Ian ist ein Mann, dem der Blues im Blut liegt. Authentischer und bis auf den Grund ehrlicher geht es nicht, als Ian das umsetzt. Doch hinter all dem muss eine bittere und harte Lebenserfahrung stecken. Und die hat Ian. Blues lässt sich eben nicht einfach entzünden. Deshalb ist er ein so starker und einzigartiger Singer-Songwriter, der seinen Herzschmerz mit solcher Inbrunst oder solchem Sehnen singt, dass er dich einfach verzaubert und mitreißt. Ein unvergessliches Zusammensein mit Ian Siegal also in der Bluesiana. Ein Mann, dem man nicht satt hören kann. Hoffen wir, dass wir Ian bald wieder am selben Ort treffen.

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Nataša Pišljar & Aleš Podbrežnik


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