Gloryhammer, Elvenking und Victorius bei der Power-Metal-Invasion durch die Dimensionstore des Kino Šiška! (2022)
Auftretende: Victorius, Elvenking, Gloryhammer
Veranstaltungsort: Ljubljana / CUK Kino Šiška / Slowenien
Konzertdatum: Mittwoch, 22. 6. 2022
Die Konzerte sind endlich mit voller Kraft zurückgekehrt. Die Bands hetzen wie verrückt, um alles nachzuholen, was ihnen von März 2020 bis sagen wir März 2022 verwehrt blieb. Diesmal haben auch wir es nach zwei Jahren Konzertdürre geschafft, in unseren geliebten Musiktempel, das Kino Šiška, zurückzukehren. Es war nämlich ein Abend des Power Metals, ein Abend der Verehrer von Märchen, Mythen und Legenden, wie sie etwa in Game Of Thrones nicht ausgehen. Wer hätte gedacht, dass Gloryhammer, die britischen ‚intergalaktischen‘ Power-Metaller, in wenigen Jahren eine solche Popularität unter der jüngsten Garde der Verehrer von ‚verzerrt zugespitzten‘ Klängen erreichen würden? Die Generation der Power-Metal-Konzertbesucher hat sich in dem kurzen Zeitraum der letzten paar Jahre vollständig ausgetauscht. Komplett. Wenn sich eine Generation ablöst, folgt normalerweise eine neue Expansion des Power Metals. So war es um die Jahrtausendwende. Und Gloryhammer spielen nicht viel anders als HammerFall vor zwanzig Jahren, die nicht viel anders spielten als Helloween knapp zwanzig Jahre vor ihnen. Wir reden davon, dass die Beliebtheit des Genres in gewissen Mehrjahreszyklen zurückkehrt. Wenn man dazu noch bedenkt, welchen Institutionsstatus Sabaton oder Powerwolf inzwischen erreicht haben, wird die Sache noch klarer. Gloryhammer haben begriffen, dass ihr musikalisches Klischee eine zusätzliche Geschichte braucht, die das Publikum anzieht. Sie haben ihre Nische gefunden. Wieder in Kämpfen zwischen Gut und Böse. Der Generationenwechsel ist aber, wie gesagt, deutlich spürbar. Was der Generation der heutigen ‚Tanten und Onkel‘, die ihre Zwanziger bis Dreißiger mit den Klängen von Helloween und Blind Guardian verbracht hat, beim Bühnenkitsch von Gloryhammer und neueren Power-Metal-Bands kindisch und lächerlich vorkommt, ist für die neue Generation der zwanzig- bis dreißigjährigen Metaller ein Kult, für den es sich lohnt, bis auf den letzten Blutstropfen zu verbluten.
Ursprünglich war eine gemeinsame Tournee von Gloryhammer mit Warkings geplant. Wäre es dazu gekommen, wäre der Veranstaltungsort in Ljubljana sehr wahrscheinlich ausverkauft gewesen. Trotzdem brodelte und wimmelte es auf dem Gelände schon lange vor acht Uhr lustig. Die Mehrheit der Besucher war aus anderen Ländern nach Ljubljana angereist, vor allem aus Kroatien, Österreich, auch aus Italien, und man konnte sogar Autos mit slowakischen Kennzeichen entdecken. Das bestätigt zusätzlich, dass Gloryhammer in knapp wenigen Jahren große Beliebtheit erreicht haben.
Als Auftakt betraten kurz nach acht Uhr abends die Deutschen Victorius die Bühne. Der Auftritt der ersten Vorgruppe beschreibt treffend das Phänomen, das im Einleitungsabsatz dieser Konzertrezension erklärt wird. Die Band, die noch am 28. 1. 2017 schüchtern, ohne jegliches Bühnenbrimborium, Glitzerkram und Kitsch, mit einem vergesslichen Auftritt das Konzert im Grazer Explosiv vor Grave Digger eröffnete, und Zeichen einer schrittweisen Verwandlung am selben Veranstaltungsort vor Warkings im Spätherbst 2019 zeigte, betrat die Bühne in Ljubljana bereits vollständig verwandelt. In dieser Zwischenzeit wurden sie zu nuklearen Karate-Kriegern, eine Art überlegener Weltraum-Ninjas, die sich auch mit Darwin anfreunden könnten, vor allem wenn es um die Entdeckung vermeintlich ausgestorbener Dinosaurierlinien und anderer prähistorischer Wesen geht, bis hin zu Drachen, von denen es im Weltall offenbar wimmelt. Die Band fühlt sich in ihren ‚Rüstungen‘ nun also deutlich selbstbewusster. Eine sehr durchdachte, professionell abgelieferte Show, die nicht nur deshalb überraschte, weil die Jungs alles sehr gut gemacht haben und ein eingespieltes, solides Team sind, sondern vor allem wegen der unglaublichen Reaktion des Publikums, die an die Zeiten erinnerte, als Sabaton HammerFall die Shows ‚klauten‘ (erinnert sich noch jemand an jene HammerFall-Tournee 2009 und den Auftritt in Maribor). Victorius heizten dem Publikum mit ausgelassener Stimmung ordentlich ein, und gleichzeitig bestätigte der Auftritt, dass die Fanbasis wächst, denn das Publikum war mit dem musikalischen Inhalt der Band sehr gut vertraut. Wie gesagt, extrem melodische, epische, bombastische Refrains – musikalisch alles bereits erprobt und gehört –, aber andererseits kann man sich dem Weltraum-Ninja-Unikat kaum entziehen. Ein sehr gelungener Auftritt. Nach dem Gesehenen darf man bei Victorius zu Recht erwarten, dass ihre Beliebtheit mit den Jahren noch weiter wächst. Das nukleare Quintett aus Dortmund widmete den Großteil seiner Aufmerksamkeit dem Album »Dinosaur Warfare Pt. 2 – The Great Ninja War«, das nur zwei Tage nach dem Victorius-Auftritt in Ljubljana erschien.
Der zweite Act waren Elvenking. Sie haben ungleich mehr Konzert- und Studio-Kilometrage hinter sich. Wie viel? Schon seit einem Vierteljahrhundert sind sie tatsächlich aktiv. Diesmal traten sie in der Quintett-Besetzung mit Gitarrist Mattia Carli auf, der ihnen bei Konzerten aushilft, und ohne Geigenspieler. Von den Originalmitgliedern bleibt in der Besetzung Federico „Aydan“ Baston, der auch einer der Gründer der Band ist, sowie natürlich der ‚Dauerpessimist‘ der Gruppe bzw. ihr unverzichtbarer Sänger Damna (Davide „Damnagoras“ Moras). In das Team ist auch Schlagzeuger Simone „Symohn“ Morettin zurückgekehrt. Das Publikum hat sich vor dem Auftritt von Elvenking etwas neu gemischt. Die Begeisterung war geringer, und auch die Zahl derer, die die Texte kannten, war kleiner. Das bedeutet aber noch nicht, dass Elvenking keine Anhänger hatten. Auch bei ihrem Auftritt war die Reaktion des Publikums mehr als beachtlich. Stilistisch grenzen sich Elvenking mit ihren Folk-Einlagen recht klar von Victorius und Gloryhammer ab, die musikalisch enger miteinander verwandt sind. Die Reaktionen waren anfangs nicht so intensiv. Doch gelang es der Band im weiteren Verlauf, das Publikum zu begeistern. Im Repertoire erhielt das jüngste und noch aktuelle Album »Reader of the Runes – Divination« aus dem Jahr 2019 mehr Aufmerksamkeit. Obwohl sich die Band auf neueres Material konzentrierte, überraschte im Setlist angenehm das ältere The Divided Heart aus dem Album »Skythe« (2007), gespielt als großes Finale des mehr als überzeugenden Auftritts der erfahrenen und abgebrühten Truppe aus der Gegend von Pordenone. Die Band verbarg ihre große Begeisterung am Ende ihrer mehr als erfolgreichen Konzertvorstellung nicht. Sie widmete dem Publikum zum Abschied und als Dankeschön einen langen Gruß.
Doch alle warteten fieberhaft auf die Ankunft von Gloryhammer. Eine lange Pause folgte. Das bestätigte, dass Konzertvorstellungen der Headliner von einer Stunde und dreiviertel Dauer immer seltener werden. Nun, die Halle füllte sich dicht. Die Halle verdunkelt sich, aber man musste sich noch einige Minuten mit dem Blick auf einen Pappaufsteller mit Tom Jones im Maßstab 1:1 amüsieren, während im Hintergrund seine Delilah lief. Und die Leute ausgestattet mit den verschiedensten Requisiten, die eher in ein Kinderzimmer als auf Konzertbühnen gehören. Am meisten zündete in der ersten Reihe ein fein gestutzter Kerl mit einem ‚Taliban‘-Bart, Physikprofessorbrillen und einem Burzum-Shirt. Unbezahlbar. Es kommt also eine Generation, die die Grenzen von Tabus verwischt. Vorne fehlte auch jenes Einhorn nicht, das einst vor Jahren im frühmorgendlichen Regen mutig über den Himmel des Metaldays-Festivals geflogen war. Es wirkte wie das sechste Bandmitglied und kündigte an, dass The Unicorn Invasion Of Dundee bis zu diesem Tag der beliebteste Gloryhammer-Track ist. Auf die Vorderbühne trat zunächst der böse Zargothrax, der aber nicht Bandgründer Chris Bownes (auch Alestorm) war, sondern dessen Konzertvertretung an den Keyboards Michael Barber. Es folgte der Auftritt des Bassisten The Hootsman. In all seinem performativen Glanz. Das Publikum begrüßte ihn sofort zu Beginn (erwartungsgemäß) mit Sprechchören »Hoots! Hoots Hoots!…«. Dann der stämmige, winzige Gitarrist Ser Proletius und schließlich das größte Konzert-Rätsel – der neue Sänger der Band Angus McFife V. Genauer gesagt der Zypriote Sozos Michael, der zum Erstaunen vieler im vergangenen Jahr seinen Vorgänger und langjährigen Sänger der Band, den Schweizer Thomas Laszlo Winkler, abgelöst hat. Einem glühenden Anhänger drückte er gleich zu Beginn des Konzerts einen aufblasbaren Hammer in die Hand, und die Orgie bzw. die Schlacht zwischen den bösen Legionen von Zargothrax und den Verteidigern von Dundee entfaltete sich in vollem Ausmaß. Hervorragende Energie. Durchgehend. Außergewöhnliche Publikumsreaktion. Von der ersten bis zur letzten Sekunde des Konzerts.
Bei Gloryhammer-Konzerten kann offensichtlich schon seit geraumer Zeit nichts mehr schiefgehen. Solch einen Rückhalt bietet das feurige Publikum der Band. Das jüngste und 2019 erschienene Album »Legends from Beyond the Galactic Terrorvortex« ist beim Publikum mehr als hervorragend angekommen. Das galt auch für die brandneue Single Fly Away, die in diesem Jahr erschienen ist. Eine so intensive Interaktion zwischen Publikum und Band trifft man nicht jeden Tag auf Power-Metal-Konzerten. Von Strophe zu Strophe. Im Strudel der Adrenalinhitze und brennenden Gefühle! Von der ersten bis zur letzten Reihe des Veranstaltungsorts. Einheitlich. Donnend. Auch der Auftritt jenes giftgrünen Trolls fehlte nicht, den McFife wieder mit dem Hammer inmitten des obligatorischen Gloryhammer niederstreckte. Das war früh im Konzert. Die Darbietung des Stücks rief einen wilden Mosh-Pit hervor. Die Band hat in die Konzertshow eine Menge Rituale eingeführt, die das Publikum schnell als die eigenen übernahm. Die Einmütigkeit der Beteiligung dabei ist schlichtweg unglaublich. Das eingespielte Motiv der 2001 Odyssey leitete das parodistische The Hollywood Hootsman ein, bei dem wieder der ‚fellbepelzte‘ astrale Halbgott von Unst in vollem Glanz erstrahlte. Die Band steigerte das Konzert. Am Ende erreichte die Atmosphäre ihren Höhepunkt mit dem lang ersehnten The Unicorn Invasion Of Dundee, aber die Band zog sich danach nicht hinter die Kulissen zurück, sondern blieb in einer etwas verlängerten Pause auf der Bühne und drosch als großes Finale noch Wizards! raus, sodass das Gefühl einer obligatorischen Zugabe etwas ‚verwischt‘ blieb.
Die diesmalige ‚Power-Metal-Hochzeit‘ mitten in Ljubljana hat bestätigt, dass das Interesse an Power Metal in vollem Umfang zurückkehrt. Doch muss das musikalisch klischeehafte Genre neuerdings mit Geschichten üppiger Fantasie ausgestattet sein. Für diese Mythen, Erzählungen und Märchen muss es nämlich geschickt ‚verpackt‘ sein, damit es zündet. Das ist nicht nur ein Trend, es ist der neue Standard des Power Metals geworden, der dir die Türen zu den größten Konzertbühnen öffnet und optional auch dorthin, wo alle hinwollen. Zum Status einer großen Band. Gloryhammer, deren Konzertvorstellung in Ljubljana bewiesen hat, dass sie in ihrer Beliebtheit unaufhaltsam weiter wachsen, sind genau dorthin auch auf dem Weg.
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Victorius Setlist:
1. Dinos and Dragons
2. Wrath of the Dragongod
3. Shuriken Showdown
4. Night of the Nuclear Ninja
5. Victorious Dinogods
6. Mighty Magic Mammoth
7. Dinosaur Warfare
8. Super Sonic Samurai
9. Cosmic Space Commando Base
Elvenking Setlist:
1. Heathen Divine
2. Sic Semper Tyrannis
3. Draugen’s Maelstrom
4. Pagan Revolution
5. The One We Shall Follow
6. Silverseal
7. The Divided Heart
8. Elvenlegions
Gloryhammer Setlist:
1. Into the Terrorvortex of Kor-Virliath
2. The Siege of Dunkeld (In Hoots We Trust)
3. Gloryhammer
4. The Land of Unicorns
5. Fly Away
6. 2001 Odyssey
7. The Hollywood Hootsman
8. Goblin King of the Darkstorm Galaxy
9. Legend of the Astral Hammer
10. Masters of the Galaxy
11. Hootsforce
12. Angus McFife
13. Universe on Fire
14. The Unicorn Invasion of Dundee
15. Wizards!
16. The National Anthem of Unst










































