El Kachon in Topform mitten in Kobarid (2019)

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Location: Kobarid / Trg svobode / Slowenien
Datum: Samstag, 20.07.2019


Der Sommer ist heiß. Wurde er. Endlich. Ahh, viel zu heiß. Nach der konzertreichen Julipower, die uns bei Konzerten in Zagreb zu Whitesnake, dann in den Križanke (Marcus Miller, Stanley Clarke), zu King Crimson in Palmanova und beim legendären Bang Your Head!!! Festival in Deutschland durchgespült hat, also endlich trockenes und stabiles Sommerhitze-Wetter. Auch konzertmäßig zerreißt es unser kleines Land der Länge und Breite nach, so viel hat es an interessanten Konzertevents zu bieten. Wenn wir den Tag davor noch geschwänzt haben – also den Freitag und die interessanten Konzerte in Cerkno (Klarisa Jovanovič) und Tolmin (Rodoljubac, Extreme Smoke 57) verpasst haben –, blieb das Wochenendprogramm für Samstag doch fix. Diesmal entgeht uns das El Kachon-Konzert in Kobarid nicht. Ein Teil des Rockline-Teams ist an diesem Tag beispielsweise nach Koper zum Konzert der legendären italienischen Progrocker Premiata Fornieria Marconi gesprungen, die andere Hälfte schärfte schon die Zähne für das bevorstehende Metaldays Festival in Tolmin. Wir sind wenige, aber gut verteilt. Auch in Kobarid fehlen wir nicht. Dorthin sind wir aus dem Bregunja-Tal angereist und nicht aus Ljubljana, damit das klar ist.

Also. El Kachon sind ein Sextett aus Dolenjske Toplice, das im Kern den Wurzeln von Blues, R&B, Soul und Rock verschrieben ist und das natürlich gerne? Ausgiebig jamt. Diese Band ist jedenfalls eine absolute Besonderheit auf der slowenischen Musikszene, und wenn wir in den letzten Jahren gerne über das slowenische Blues-Revival mit den Prismojeni profesorji bluesa sowie Bad Notion sprechen, haben El Kachon in diesem Erwachen, auf ihre ganz eigene Art, beide Bands überflügelt. Ihr exzellentes Studio-Debüt »In The Bush« haben sie bereits 2013 veröffentlicht.

El Kachon sind aus einem ganz eigenen, unverwechselbaren Teig geknetet. Ihr Anführer Tomi Perinčič muss unter anderem ein großer Fan von Derek Trucks und The Allman Brothers Band sein, denn er ist buchstäblich verliebt in den Einsatz des Fingerpicks und des Slidens, wenn er in ein beliebiges Solo eintaucht oder den Songs Übergangsornamente hinzufügt. El Kachon sind ein eigenartiger musikalischer Kumulus, und gleichzeitig entwickeln sie mit Sängerin Tina in der Truppe eine besondere Chemie, die bei einem Vergleich mit slowenischen Künstlern – sofern solche Vergleiche überhaupt gerecht sind – vielleicht tatsächlich am nächsten an Tedeschi Trucks Band (minus Bläser) herankommt. Also genau die richtige Dosis Komplexität, und gleichzeitig Hooks, die sich invasiv ins Ohr fressen, da sie die Chance auf Rotation in den Radiowellen suchen.

El Kachon sind in all den Jahren ihrer Tätigkeit unglaublich gereift. Nicht nur, dass ihre Hauptfrisuren – mit Ausnahme von Tina natürlich – um einen Millimeter kürzer geworden sind (ich sagte kürzer, nicht dünner!), das spürt man auch in der Art des Komponierens sowie in der unglaublichen Bühnenkompaktheit und -festigkeit, die die Band mit chemisch wahrnehmbarer Präzision auch auf der Bühne auf höchstem Niveau entfaltet.

Und an diesem Abend auf dem Kobarider Trg svobode konnte es nicht anders sein. Die Sterne standen günstig, das Ambiente des Stadtkerns (mit hervorragendem Villacher Bier im Angebot) war schlicht erstklassig! Dazu kommt ein sehr schöner Besuch mit gleich drei Generationen von Besuchern aus Kobarid und Umgebung sowie natürlich eine Handvoll neugieriger Touristen, die den Bergrettungsdienst schlaflos halten – und man stellt fest, dass es schöner eigentlich gar nicht geht. Und El Kachon haben das Publikum auf ihre Seite gebracht. Während des Konzerts war es aufmerksam und durchgehend wach dabei. Voll bei der Sache.

Die Band hat diese positiven Vibrationen aufgespürt und wirklich ein unglaublich entspanntes Konzert gespielt, bei dem alle Qualitäten zum Vorschein kamen, die das Ergebnis der enormen Kilometerzahl der Truppe und ihrer Erfahrung sind. El Kachon treten nämlich über die Jahre hinweg in praktisch unveränderter Besetzung auf. Na ja, beim letztjährigen Auftritt im Rahmen des Tolminer Motorcity Festivals fehlte zwar PimpS am Schlagzeug, und die Band hat vor einiger Zeit den Schritt vom Septett zum Sextett vollzogen, als sie feststellte, dass sie die Keyboards im Sound eigentlich gar nicht braucht. Ansonsten handelt es sich um sechs Köpfe, die sich sehr gut und sehr lange kennen und zwischen denen es keinerlei Geheimnisse gibt.

El Kachon servierten exzellenten Sound und eine Show, aufgeteilt in zwei Teile. Schon zu Beginn enthüllten El Kachon ihre vielschichtige musikalische Wahrnehmung beziehungsweise ihre große musikalische Breite, denn sie eröffneten das Konzert sehr reif und sehr taktisch. Mit dem invasiven, ohrwurmtauglichen und radiofreundlichen Pop-Surf-Blues-Rock-Stück Osvobojena, das ihnen die Türen zur Rotation auf den Radiofrequenzen weit aufstoßen sollte. Danach folgte eine komplette Kehrtwende, die den echten Teamgeist offenbarte, als sich die Band in einer eröffnenden Jazz-Funky-Manier mit exotischer Schlagzeugunterstützung an eine hervorragende Bearbeitung des Atlantis-Originals Get On Board machte. Die Integration dieses Stücks ist eine kleine Überraschung, denn es handelt sich um einen Track einer kultigen deutschen Gruppe aus den Siebzigern, aufgenommen 1975, den wahrscheinlich fünf überlebende slowenische Progger kennen. Zwischen Tina und Ingo Rumpf besteht also eine geheime Beziehung, eine Beziehung der Inspiration. Dann der Sprung auf das Album »In the Bush« mit Don’t Start, und weiter auf das Album »Svet dovoljenih laži« mit Črna kot noč. Und mehr. Die Band dürfte das neue Album fast schon in der Tasche haben. Bereits im ersten Teil spielten sie nämlich einige Nummern, die mein Ohr noch nie gehört hatte. In diesem Teil spielten sie überwiegend Eigenmaterial, das sie mit zwei Tracks des Debüts abschlossen, nämlich Everything I Get und Come And Get It.

Die zwanzigminütige Pause verbrachten wir direkt in Gesellschaft der Band, deren Mitglieder nur so strahlten vor glühendem Optimismus und positiven Vibrationen. Die Pause verging schnell, und die Band eröffnete den zweiten Teil der Show theatralisch mit dem Musikthema der Actionfernsehserie Hawaii Five-O. Es folgt die Aufführung des neuen Singles Krog, bei dem Tomi die Lap Steel in die Hand nahm, ergänzt wurde dieses Stück anschließend durch einen weiteren neuen Single Peti greh.

Von hinten springt PimpS hinter dem Schlagzeug hervor zum Leadgesang, und die Band macht sich an die Aufführung von Otis Reddings Hard To Handle. Der famose Primož Malenšek, der einst bei der zu früh aufgelösten Einheit der RIO-Avant-Jazz-Rock-Fusion gespielt hat – ich ziele auf die Band Od Franclna možgani –, hat wieder gezündet, und sein Auftritt im Vordergrund weckte die Erinnerung an den Auftritt der Gruppe am 27.09.2013, als El Kachon in Prečna bei Novo Mesto und der dortigen Venue Lukna auftraten. Diesmal versuchte er nicht, Krts Gitarre in Brand zu stecken.

Die Truppe ist unglaublich homogen. Der barfüßigen Tina lief der Gesang hervorragend. Wo es nötig war, klang sie eher »mädchenhaft« – ich denke dabei vor allem an die neuen Songs, die an der Radiofreundlichkeit anklopfen – aber Tina hat auch mehrmals richtig gezündet und durch Leidenschaft und Emotionen eine gehörige Portion kerniger Vokalschärfe gezeigt.

An Tiefe und Lebendigkeit mangelte es nicht und nicht. Sondža mit seiner unglaublich durchdringenden, musikalischen und satt-voluminösen Basslinie sowie der entfesselte und präzise Žiga am Schlagzeug schufen eine außerordentlich kontrastreiche Tiefe im Sound! Natürlich ist aber auch die Arbeit der beiden Gitarristen, die aus einer ganz anderen Schule getränkt sind, eine große Besonderheit der Gruppe. Nicht nur, dass der eine Linkshänder und der andere Rechtshänder ist, sie spielen auch völlig unterschiedlich. Meint ihr, Derek Trucks und Angus Young können in ein und derselben Besetzung koexistieren? Okay, ich helfe mal. Beide haben Gibson-Gitarren der SG-Modellreihe, aber das ist nicht wichtig. Die Antwort lautet „Ja“. Bei El Kachon ist genau das nämlich möglich. Der Surf-Moment in Osvobojena (eröffnender Teil des Konzerts) wurde zum Beispiel vom sympathischen Krt eingeflochten. Der rockende Frechdachs Krt also, der zum exzellenten Gitarristen herangereift ist. Wo ist jetzt bloß seine Stara šula? Tomi auf der anderen Seite, wie gesagt durchgehend sophistiziert, wenn er seiner Gitarre zartes Stöhnen entlockt, und er weist besonders in seinen solistischen Abenteuern darauf hin, was für ein großer Meister der Beherrschung seines Instruments er ist. Seinen Stil hat er bis ins Detail ausgefeilt. Eigentlich sind beide Gitarristen ebenbürtig, denn gemeinsam bauen sie das Wesentliche auf, auf dem der Sound und der Stil der Gruppe ruht und wächst. Aber gerade Tomis Besonderheiten im Gitarrenspiel sind das Tüpfelchen auf dem »i«, auf dem jenes edelste Element beruht, das diese Gruppe schmückt und ihr mit großer Souveränität all ihre Einzigartigkeit und Andersartigkeit verleiht.

Im zweiten Teil explodierte und entfaltete die Band sich durch einen bekannten proto-metallischen Moment (nein, das sind keine Black Sabbath), den einst The Beatles im Riff von Helter Skelter begangen haben, wobei sie einige Led Zeppelin-Nummern einbauten (Whole Lotta Love) und sich Krt in einem der Übergänge einfallsreich an Hendrixs Voodoo Chile leckte. Dazu noch die bei der Band beliebte Bearbeitung von Little By Little (im Original Susan Tedeschi Band), dann Change It (im Original Stevie Ray Vaughan & Double Trouble), und natürlich ging es nicht ohne mindestens einen Tedeschi Trucks Band-Track (Midnight In Harlem).

Die Band ist unglaublich! Ernsthaft. In Tolmin letztes Jahr waren sie reserviert, denn sie haben sich ein wenig verloren auf der weitläufigen Bühne und vor einem völlig leeren Gelände des Motorcity Festivals, und dieser Krampf war spürbar – diesmal aber das genaue Gegenteil. El Kachon im bestmöglichen Licht. Mit viel Spaß, Heiterkeit, Verspieltheit und Lockerheit sowie makelloser chemischer Wirkung. Heiß und aufgedreht, aber nicht nur das. Die Band entwickelte in Momenten eine leichte, große Feinheit und Sinnlichkeit sowie Sanftheit, in der besonders die hervorragende Tina mit ihrer Weichheit und vokalen Lieblichkeit regierte. Die Band schloss das Konzert mit einem weiteren neuen Single Odpoved, und im Zugabenteil spielten sie noch einen beliebten Track, nämlich eine hervorragende Coverversion des Originals von Etta James, Damn Your Eyes, womit das Konzert auch endete.

In der Hoffnung, mich so kurz wie möglich zu fassen, ist mir das nicht besonders gut gelungen. Ganz einfach. Ich habe seit Langem kein Konzert eines slowenischen Künstlers so sehr genossen! El Kachon haben mit ihrem Konzertauftritt bestätigt, was für eine reife Entität sie über die Jahre geworden sind. Konzertmäßig haben sie sich zu einer außergewöhnlich kompakten und überzeugenden Bühnensattraktion entwickelt. Ihr Stil ist keineswegs einfach, sondern ist aus vielen detaillierten Stücken feinsinnigen Arrangierens aufgebaut, das in ein unglaublich homogenes und durchgehend hörbares Ganzes verpackt ist. Und das ist sehr schwer zu erreichen. Man kann ihnen mühelos das Etikett einer Art-Blues-Rock-Rhetorik mit einem Hauch von Pop-Ansteckungspotenzial geben. In einem Moment wirken sie fast progbluesig, im nächsten Atemzug suchen sie die Radiofreundlichkeit und in der Ästhetik des Arrangierens vor allem die musikalische Attraktivität. Dieser Weg ist im Songwriting schwer und erfordert eine außerordentliche musikalische Breite, viele gegenseitige Jams sowie Übung und natürlich das angeborene Talent, das den Mitgliedern der Truppe also wahrlich nicht fehlt. Das Sextett hat einmal mehr die überragende Wahrnehmung bestätigt, die auch das Ergebnis einer großen gegenseitigen Kameradschaft ist, die diese Gruppe zusammenhält – und das ist in Slowenien eine große Seltenheit. Eher Ausnahme als Regel.

Hoffen wir, dass wir El Kachon schon bald wieder begegnen. Möge der Herbst ihnen reichlich Inspiration bringen, wenn sie sich sehr wahrscheinlich den letzten Feinschliff am kommenden neuen und insgesamt bereits vierten Studioalbum vornehmen!

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Setlist:
1. Osvobojena
2. Get On Board
3. Don’t Start
4. Črna kot noč
5. Potencialni ljubimci
6. Mi nismo
7. Song zate
8. Svet dovoljenih laži
9. Domov
10. Tam kjer raste blues
11. Klic
12. Everything I Get
13. Come And Get It
—Pause ca. 20 min.—
14. Hawaii 5.0
15. A New Mistake
16. Krog
17. Ivan
18. Midnight In Harlem
19. Peti greh
20. Change It
21. S poljubom izdana
22. Helter Skelter
23. Hard To Handle
24. Little By Little
25. Odpoved
—Zugabe—
26. Damn Your Eyes


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