Dire Straits Legacy mit dem Fuß auf der Bremse — Dire-Straits-Klassiker im Gepäck entfachten trotzdem einen ausverkauften L56 (2023)
Dire Straits Legacy
Mittwoch, 30. 8. 2023
Ljubljana / L56 / Slowenien
Dire Straits Legacy ist eine Band, die bei ihren Konzerten — wie der Name schon andeutet — ausschließlich Dire-Straits-Material spielt. Dire Straits? Die sind seit Langem von der Bildfläche verschwunden. Genauer gesagt: Es ist schon lange, lange (und viel zu lange) her, dass Mark Knopfler sich für eine Solokarriere entschieden hat. Eine Reunion der Dire Straits ist nirgends in Sicht und wird, wie es aussieht, auch nie kommen. Würde es dazu kommen, wäre es die größte Reunion einer Rockband aus dem Kreis jener, die in den Achtzigern (naja, und auch in den Siebzigern) die Erdachse zum Schwingen gebracht haben. Natürlich. In dem Fall wäre ein Reunion sogar in der klassischen Besetzung möglich — und da auf der heutigen Szene eine Reunion der klassischen Pink Floyd, Queen oder Led Zeppelin schlicht nicht mehr drin ist, kann man festhalten, dass ein (potenzieller) Dire-Straits-Reunion zu dieser Zeit ein tektonisches Ereignis auf der aktuellen Rock’n’Roll-Szene wäre.
So ist der Fan des unvergänglichen Schaffens dieser Band — die bis heute weltweit über 120 Millionen Alben verkauft hat — dazu verdammt, sich mit gelegentlichen Brotkrumen zufriedenzugeben. Grundsätzlich stehen wir bei unserem Magazin Tribute-Bands eher skeptisch gegenüber, denn ein verwöhntes Ohr kann eine Kopie im Vergleich zum Original nur schwer akzeptieren — egal, wie geschickt sie dem Vorbild nachempfunden ist. Diesmal haben wir uns für eine Ausnahme entschieden. Vor allem, als wir die Namen der Dire-Straits-Legacy-Besetzung überflogen. Da wäre der ehemalige Dire-Straits-Keyboarder Alan Clark, dann Bassist Trevor Horn — Leadsänger der The Buggles, für kurze Zeit auch Mitglied der legendären Yes und einer der renommiertesten Musikproduzenten überhaupt (hör mal rein in das Yes-Album »90125«, dann wird das alles klar) —, sowie weitere Mitglieder, die auf die eine oder andere Art mit der Karriere der Dire Straits verbunden sind: der ehemalige King-Crimson-Saxofonist Mel Collins, Perkussionist Danny Cummings sowie die Gitarristen Phil Palmer und Alex Sonni. Damit ist die Liste der Beteiligten noch nicht vollständig. Dire Straits Legacy sollten in Ljubljana als Oktett auf der Bühne stehen (mit dem zusätzlichen Keyboarder Primiano Di Biase sogar als Nonett). Bisher haben wir sechs gezählt.
Der Besuch beim Konzert in Ljubljana war fantastisch. Massenhaft Leute auch aus der steirischen Ecke. Kein Regen hält uns auf! Der L56 ist neu. Ähnlich wie die neue Halle Media Park beim Sender Pop TV. Geräumig. Platz für mindestens 3.000 Leute. Und das Konzert war praktisch ausverkauft. Das sagt eigentlich alles darüber, wie begehrt die Musik der Dire Straits im Jahr 2023 ist — auch wenn sie live gespielt wird.
Die Band trat gegen neun Uhr abends auf die Bühne — und zwar überraschenderweise als Septett. Gitarrist Jack Sonni fehlte. Bass übernahm Steve Walters (mit Noten vor sich) — ein erfahrener Bassist, der unter anderem ganze 16 Jahre bei George Michael gespielt hat. Am Schlagzeug saß ein Drummer namens Alex — den Nachnamen konnte ich leider nicht aufschnappen —, der damit sein allerersten Auftritt in seiner Karriere hatte. Ersterer ersetzte Trevor Horn, Letzterer den regulären DSL-Drummer Christian Micalizza. Für beide war das Konzert in Ljubljana ihr erster Auftritt für DSL. Die Blicke richteten sich freilich vor allem auf Marco Caviglia. Dieser Musiker hatte nämlich die Rolle von Mark Knopfler übernommen: Gesang und Gitarre. In einer Person. Diese einzigartige, grollende, murmelnde Stimme, die gelegentlich fast ans Sprechen grenzt, manchmal ein bisschen näselnd — aber durch und durch ein essentieller Baustein des Wesens und Wirkens der Dire Straits (von der Gitarre gar nicht erst zu reden). Marco wurde zu seiner Linken vom exzellenten und abgebrühten Gitarren-Großmeister Phil Palmer begleitet; gemeinsam teilten sich Caviglia und er Knopflers Soli wie auch die Ornamente auf, die die Übergänge und Zwischenparts begleiten. Natürlich alles im Fingerpicking-Stil.
Zu all dem — den plötzlichen Umbesetzungen in der Band und dem fehlenden Sonni — muss noch eine weitere Peripetie dieses Abends hinzugefügt werden. Das Equipment war in Zürich geblieben. Am Flughafen. Dire Straits Legacy waren also gezwungen, das Konzert in Ljubljana mit geliehener Ausrüstung zu bestreiten. Und mehr noch: sogar das persönliche Gepäck. So kamen sie in Ljubljana so gut wie mit leeren Händen an — wofür die geliehenen schwarzen Kurzarm-Werbe-T-Shirts von ‚Rock Radio‘ als Beweis herhalten mussten, die sich Alex und Steve übergestreift hatten. Also? Bis zu diesem Punkt der Konzertrezension habt ihr euch vielleicht selbst schon ein Bild davon gemacht, dass die Jungs mit einer ganzen Reihe von Problemen und Widrigkeiten konfrontiert waren, die völlig unverhofft aufgetaucht sind. Und mehr noch: Die Band war vor ihrer Ankunft in Ljubljana lediglich darüber informiert worden, dass Gitarrist Jack Sonni im Krankenhaus liegt — was sie auch vor dem Konzert auf ihrem offiziellen Facebook-Profil bekanntgegeben hatten (mit dem Hinweis, dass er gezwungen sei, die bevorstehenden Konzerte auszulassen). Die schlimmste Nachricht erfuhren sie jedoch erst nach dem Konzert: die schmerzliche Mitteilung, dass Jack Sonni genau am Tag ihres Auftritts in Ljubljana, dem 30. 8. 2023, verstorben war. Wenigstens dieser Schock blieb der Band bis zum Schluss erspart. Vielleicht war es gerade die Summe all dieser Unannehmlichkeiten und die Tatsache, dass Dire Straits Legacy infolgedessen zu einer teilweisen Anpassung des Konzerts gezwungen waren, die die Band dazu bewog, den Titel Solid Rock aus dem »Making Movies«-Block der Setlist zu streichen.
Das Repertoire war natürlich sehr gefällig — und der Band ist eigentlich nur vorzuwerfen, dass sie das Material vom zweiten Dire-Straits-Studioalbum »Communique« (1979) vollständig ignorierte. Dafür wurde das dritte Album, »Making Movies« (1980), im Repertoire stärker berücksichtigt: mit Expresso Love, Skateaway, Tunnel Of Love und Romeo And Juliet (Marco Caviglias annähernder Einsatz einer ‚National Steel‘-Gitarre blieb dabei nicht aus). Die Band spielte außerdem alle fünf veröffentlichten Singles aus dem grandiosen »Brothers In Arms«-Album (Titelsong und So Far Away beide als Zugabe, das reguläre Set-Ende mit Money For Nothing, dazu das wunderschöne Your Latest Trick sowie der unvermeidliche Boogie/Rock-’n‘-Roll-Banger Walk Of Life). Dann war da noch das verspielte You Setting Me Up vom Debüt »Dire Straits«! Vom Debüt passte auch der Single Down To The Waterline im Eröffnungsblock des Konzerts hervorragend — und natürlich der absolut unverzichtbare Klassiker, der nirgends und nie fehlen darf: Sultans of Swing, gespielt im Schlussteil des Konzerts. Die Band ließ auch das Album »On Every Street« nicht aus und widmete sich dem schelmisch-scharfsinnigen The Bug. Einige Nummern erhielten ausgedehntere Fassungen, besonders Romeo & Juliet kam in einer Version von über elf Minuten — im Schlussteil ließ der abgebrühte Mel Collins sein Blasinstrument so richtig aufheulen.
Der Auftritt war nicht optimal. Für einen Laien genauso wie für einen eingefleischten Dire-Straits-Kenner, der nicht über einige zusätzliche Hintergrundinformationen Bescheid wusste, sogar — und das zu Recht — unter den Erwartungen. Vor allem angesichts der Namen in der aktuellen Dire-Straits-Legacy-Besetzung, mit denen die Konzertankündigungen in Ljubljana geschmückt worden waren. Zu dieser (gelegentlichen klanglichen) Brüchigkeit hat sicherlich die Tatsache beigetragen, dass die Band in eine Adaption des Auftritts geworfen wurde. Wegen der geliehenen Ausrüstung, wegen des fehlenden Sonni, aber auch wegen der plötzlichen Umbesetzungen bei Bass und Schlagzeug. Je näher das Konzert dem Ende rückte, desto mehr Lücken klafften auf. Das schwankende Soundbild bezüglich der Kalibrierung verschluckte Marco Caviglias Stimme stellenweise bis zur kaum wahrnehmbaren Hörbarkeit — und das, obwohl der Mann sein Bestes gab. Genauso wurden so manche Gitarrenornamente, Übergänge und Teile der Soli weniger präzise gespielt, während die Klangkalibrierung in der Halle zu gelegentlicher Undeutlichkeit des Gesamtbilds beitrug. Dazu kommt noch die Arbeit von Schlagzeug und Bass, die sich nicht mehr als die Rolle von Statisten herausgetraut haben. Also auf Nummer sicher gegangen — was bedeutete, dass eine zusätzliche Intensivierung des Konzerts im Sinne des Hochschraubens der Stimmung und des theatralischen Pomps auf der Strecke blieb. Kurz: Dem Konzert fehlte in seiner Ausführung der echte, abschließende Tritt. Der Tritt, der einen völlig mitreißt. Da blieben Reserven. Dazu kommen noch die akustischen Tücken, die die neue L56-Halle mit sich bringt.
Die überzeugenden Akteure des Konzerts waren damit Alan Clark an den Keyboards — auch wenn er vor einigen Patzern nicht gefeit war — sowie Perkussionist Danny Cummings, der als Einziger mehrmals wirklich auflebte. Cummings übernahm auch Stings Vokallinien in Money For Nothing.
Trotz der Lücken, die niemand erwartet hatte und auf die die Band angesichts der Umstände dieses Abends keinerlei Einfluss hatte, war das Publikum nach zwei Stunden Konzert begeistert und zufrieden. Die Leute beschenkten die Band immer wieder mit kräftigen Ovationen. Das Konzert war so oder so ein Erfolg. Die Band, von der es während des Auftritts den Anschein hatte, sie würde sich langsam selbst versenken — besonders gegen Ende bei Money For Nothing schien die ganze Sache am Rande des Martyriums zu balancieren —, hielt irgendwie doch den Kopf über Wasser. Diesmal vor allem dank der großen Nostalgie und der Entladung intensiver Gefühle beim Publikum, das nach den unsterblichen Dire Straits lechzte.
Autor: Aleš Podbrežnik & Edita Klemen
Fotos: Aleš Podbrežnik
Setlist:
1. Private Investigations
2. Expresso Love
3. Skateaway
4. Down To The Waterline
5. Tunnel Of Love
6. Romeo & Juliet
7. Telegraph Road
8. Your Latest Trick
9. Walk Of Life
10. The Bug
11. Setting Me Up
12. Sultans Of Swing
13. Money For Nothing
—Zugabe—
14. Brothers In Arms
15. So Far Away























