Chris Jagger mit schamanischem Gebräu in Izola (2023)

foto: EDITA KLEMEN 2023
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Chris Jagger
Sonntag, 23. 4. 2023, ab 20.00 Uhr
Izola / Hangar bar / Slowenien

Chris Jagger, der jüngere Bruder des berühmten Musikers, den mindestens die gesamte sonnige Galaxie kennt, ist das ausgesprochene Gegenteil seines Bruders. Er ist das lebendige Spiegelbild dessen, was auch Mick hätte sein können, hätte ihn nicht das gnadenlose Räderwerk der Musikindustrie und des Ruhms vollständig verändert. Das war einmal. Der Rest ist Geschichte. Komisch genug, wenn nicht gar paradox, bleibt bei all dem die Tatsache, dass Chris am bekanntesten dafür ist, Micks Bruder zu sein. Hier zählt also kein Artismus, sondern ein anderer Fakt. Und angesichts der Tatsache, dass Chris‘ Artismus von sehr hoher Qualität ist, wirkt das Ganze wie eine Art ewiger Fluch, der über Chris wacht. Das ist bloß der Beweis, dass Gerechtigkeit eine Illusion ist. Wer mehr zahlt, handhabt sie so, dass sie sich nicht verwirklicht.

Chris Jagger gehört also zur musikalischen Familie. Daran besteht kein Zweifel. Die Fakten sprechen dafür. Kreative, autorische. Alles steht. Alles bewegt sich in den musikalischen Feldern, aus denen beide hervorgegangen sind. Chris und Mick. Das ist unbestreitbar, und das bedeutet, dass Chris gelegentlich auch ein Werk liefert, das sich locker als die beste Single bezeichnen lässt, die The Rolling Stones vergessen haben zu schreiben.

Die (zumindest scheinbare) Bescheidenheit von Chris ist so allumfassend, dass man sie in dicke Brotscheiben schneiden könnte. Wenn der Mann vor dir im Outfit eines Kersnik’schen Räubers auftaucht, aber mit einer indischen Kette um den Hals, ist in dieser Hinsicht alles klar. Der Kerl hat im September 2021 sein neues Studioalbum „Mixing Up The Medicine“ veröffentlicht. Also auf dem Höhepunkt des Lockdowns. Frühling 2023. Die Wege führen ihn wieder nach Slowenien bzw. ins nahe Hinterland unserer offiziellen Staatsgrenzen. Vrba in Kärnten, Domžale, Milje, Izola und schließlich Ilirska Bistrica. Chris bleibt ein Ass darin, den Neonlichtern aus dem Weg zu gehen.

Es ist kurz vor sieben Uhr abends, oder nennen wir es ‚gegen Abend‘. Die erste Runde Pelicon geht runter. Wo? In der Hangar bar in Izola. Mitten in einem Schluck des beliebten Craft-Biers, das leider gleichzeitig nicht gerade billig ist, taucht ein bekanntes Gesicht auf. Chris. Mit Kopf und Bart. Hinter ihm schleichen die Mitglieder der Begleitband auf das Gelände, angeführt von Geigerin Elliet MacKrell (Blue Midnight, Chris Jagger’s Acoustic Roots, Kangaroo Moon, The Wise Monkeys), dazu natürlich Schlagzeuger Paul Atkinson (Bees Make Honey, Juice On The Loose, Mickey Jupp Band) und Chris‘ Sohn und zusätzlicher Gitarrist Jon Byron Jagger. Ja. Du hast richtig gelesen. Mit einer Besetzung ohne Bassisten. Die Gruppe war gerade gekommen, um den Zustand des Veranstaltungsorts zu checken. Sie wartete auf die Ankunft des Schlagzeugs. Das Quartett schlug sein Lager auf, jeder griff nach seinem Getränk und entspannte auf seine Weise im Hangar. Am Veranstaltungsort befand sich ein Dutzend Besucher, die zu jener Zeit ihre Aufmerksamkeit hauptsächlich dem Inhalt ihrer ewig leer werdenden Gläser widmeten, ohne die Anwesenheit der Musiklegende zu beachten.

Glas rauf oder runter – es ist acht Uhr und das Schlagzeug trifft ein. Das Quartett bereitet im DIY-Stil alles Nötige für seinen Auftritt vor, der mit leichter Verspätung begann, aber immerhin. Chris entschuldigte sich dafür beim Publikum höflich. Der stattliche und kernige 75-Jährige war davor auf dem Gelände in der Manier eines echten Engländers spaziert. Mit einer Tasse Tee, die auch später sein treuer Begleiter blieb. Auf der Bühne.

Die Band schoss also mit dem aktuellen (Hit-)Single Anyone Seen My Heart? los. In strikt rockiger Manier. Chris mit einer modifizierten halbakustischen Telecaster-Gitarre in der Hand, Leadgesang und gelegentlichem Griff zur Mundharmonika, übernimmt die Hauptrolle und hört nicht auf, mit humorvollen Kommentaren in den Pausen zu unterhalten, die aus dem Erbe des erstklassigen britischen schwarzen Humors stammen.

Diesmal hat der Mann die Tournee der Zurschaustellung einer dominanten Rocksubstanz untergeordnet. Aber in dieser Substanz tauschten spielerisch auch die Genres Folk, Reggae (Lazy Days), Country (Heading Down to Santander (Let the Wind Blow in Your Hair), Allons Joujette, Priosner of Your Heart) und natürlich der allumfassende Blues ihren Dialog aus, der in Verbindung mit dem Familiennamen Jagger in Chris‘ eigenen Stücken nun mal nicht fehlen darf.

An Witz mangelt es nicht. Auch nicht an Lockerheit, Klarheit und nicht zuletzt an einer gewissen Verspieltheit. Wahrscheinlich hast du es schon selbst erraten, aber Chris und sein Team sind das gewohnt. Er ist eben ein Club-Act. Und trotzdem. Es war traurig, das allmähliche Füllen der Plätze während seines Auftritts zu beobachten. Sitzplätze. Also Tische. Vielleicht waren auf dem ‚Höhepunkt‘ dieses Events zwischen 60 und 70 Leute da. Ich sage vielleicht, wobei die nächsten Besucher am nächsten Bühnentisch saßen und trotz Chris‘ Aufforderung, die Leute mögen doch näherkommen, keine echten Reaktionen kamen. Nur höflicher Applaus. Gegen Ende raffte sich ein älteres Paar auf und tanzte vor der Bühne. Auch Chris blieb nicht gleichgültig und warf in der Pause nach einem der Stücke hin: „Früher kamen die Leute zum Tanzen vor die Bühne, heute kommen sie mit Smartphones daran.“

Und die Band? Pauls Schlagzeug fiel während des Konzerts zweimal auseinander. Die Techniker griffen erfolgreich ein. Ein paar Ungenauigkeiten, die nicht zu erwarten waren – dabei muss man aber Elliet MacKrell besonders loben, die an diesem Abend am meisten Bodenhaftung bewies und mit ihren Qualitäten den Auftritt zusammenhielt. Die Jungs entspannten sich in manchen Momenten ein bisschen zu sehr. Auch Jon, Chris‘ große Familienhoffnung, kam zu seinem Stück. Chris schickte ihn fischen, und Jon spielte seinen Track Gone Fishing (ich hoffe, ich habe das richtig aufgeschnappt). Aber der Junge muss noch einige Kilometer sammeln. Einige Passagen waren nicht sauber.

Das Konzert war in zwei Teile gegliedert. Die Gruppe stellte Chris‘ neuestes Album „Mixing Up The Medicine“ ausgiebig vor, und daraus folgten auch: Love’s Around the Corner, Talking to Myself, Happy as a Lamb und A Love Like This. Dann war da Baby Is Blue, wo Chris erstmals auch das Funktionieren seiner Mundharmonika ausprobierte. Die Gruppe überraschte im zweiten Teil auch mit Feingefühl, als sie sich der mit Folk unterlegten Snow On The Mountain annahm. Die Gruppe spielte auch das schelmische Allons Joujette sowie zu Beginn des Auftritts Funky Man. An diesem Abend fehlte auch das witzige Too Much Love Can Kill A Man nicht, das melancholische Junkman, sowie die amüsante Kombination aus Rock ’n‘ Roll und Zydeco in Blow The Zydeco, weiterhin das stürmische On The Road, …

Kurzum: Ein Besuch des Chris-Jagger-Konzerts ist Pflicht. Mindestens einmal im Leben. Nicht nur damit du sagen kannst, ‚hjammm, wenn ich schon kein Selfie mit Mick machen konnte, hab ich’s halt mit Chris gemacht‘, sondern wegen der musikalischen Substanz selbst, die der Mann mit seinem Team bietet. Seine Stimme ist durchdringend, genau wie Micks. Wenn du ihre Verwandtschaft am Gesichtsprofil nicht erkennst, dann definitiv an der Stimme. Kein Versteckspiel hier. Eine wirklich unterhaltsame, schelmische Show, die nicht nur Routine ausstrahlte, sondern große Lockerheit, gewürzt mit Chris‘ bildreichem Sinn für Humor – die lässt einen Besucher kaum gleichgültig zurück. Eigenkompositionen, zusammengewoben aus Genres der jüngeren Musikgeschichte (Rock ’n‘ Roll, Blues, Zydeco, Country, Folk, sogar Reggae), sind in der Umsetzung dieses einzigartigen Musikers und seiner Begleiter eine eigene Geschichte, die glaubwürdig nur Chris und seine Generationsgenossen zum Leben erwecken können. Jenes gewisse Etwas, das heutzutage zu einem immer selteneren Konzerterlebnis wird und deshalb umso mehr zu schätzen ist. Ganz zu schweigen vom Maß seiner Volksnähe und Zugänglichkeit – das ist gar keine Debatte wert. Hoffen wir, dass der Mann mit seinem Team noch einmal nach Slowenien zurückkehrt.

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Edita Klemen


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