Burke Shelley, Gründer, Kopf, Sänger und Bassist der kultigen walisischen Rocker Budgie, ist im Alter von 72 Jahren gestorben.
Die traurige Nachricht bestätigte Shelleyseine Tochter Ela Shelley, die gestern auf der offiziellen Facebook-Fanseite der Band folgendes veröffentlichte: „Mit großer Trauer muss ich den Tod meines Vaters John Burke Shelley bekanntgeben. Er starb heute Nacht im Schlaf im Heath Hospital in Cardiff. Er war 71 Jahre alt.“
Die offizielle Todesursache von Shelley ist nicht bekannt.
Burke Shelley wurde am 10. 4. 1950 in Cardiff als eines von sieben Kindern geboren. Ein Besuch bei einem The Beatles-Konzert Anfang der Sechziger prägte seinen weiteren Lebensweg von Grund auf. Kurz danach bearbeitete er nämlich seinen Vater, Burke Shelley senior, so lange, bis der ihm seine erste Gitarre kaufte — der Alte blätterte dafür gerade mal sechs Guineen hin. Der junge Burke begann bald auch eigene Songs zu schreiben. Schon früh zeigte Shelley eine ausgeprägte Leidenschaft fürs Wortverdrehen, für absurde Wortspiele und die wildesten Akronyme — was später zu einem der Erkennungszeichen von Budgie werden sollte. Man nehme nur ein paar Beispiele aus den Klassikertiteln der Band aus den Siebzigern: You’re The Biggest Thing Since Powdered Milk, Hot As A Docker’s Armpit (den er sich von Steve Marriott aus den Small Faces geborgt hatte), außerdem Napoleon Bona-Part One und Part Two, während Titel und Botschaft von In The Grip Of A Tyrefitter’s Hand aus der Inspiration durch Shelleyseinems Automechaniker stammen, der Reifen angeblich mit bloßen Händen von Felgen riss. Zu all diesem grenzenlosen, funkensprühenden Witz packten Budgie ihren typischen harten Sound dazu und verpassten sich gleichzeitig einen Namen, der schon für sich genommen auf eine Art bizarre Rock’n’Roll-Burleske hindeutete.
1967 war für Shelley ein Wendejahr. Damals sah er ein Konzert seines Cardiffener Kumpels Dave Edmunds, der die Band Love Sculpture anführte. Nach diesem Konzert beschloss Shelley, seine eigene Band zu gründen. Er wechselte von der Gitarre zum Bass und holte Schlagzeuger Ray Phillips sowie die Gitarristen Kevin Newton und Brian Goddard ins Boot. Die beiden letzteren hielten sich allerdings nicht lange in der Truppe, doch das Glücksrad bescherte Shelley schließlich Tony Bourge — einen wirklich talentierten und vielseitigen Gitarristen, mit dem er bis 1978 das Kern-Songwriter-Duo bildete, bis Bourge die Band verließ. Shelley und Bourge blieben auch danach enge Freunde.
Budgie machten ihre ersten Schritte auf der Clubszene. Ende der Sechziger begannen sie in lokalen Clubs im Süden von Wales aufzutreten, wobei Shelley alle Geschäfte rund um Budgie selbst in die Hand nahm — er verhandelte Konzertauftritte mit lokalen Promotern persönlich und von Fall zu Fall. Ihre frühe Fanbasis, die auf der Suche nach der rohen Energie dröhnenden Stahls war, ähnelte stark jener, die sich kurz darauf Led Zeppelin aufbauten.
Budgie, die ihre Gitarrenphrasen auf dem Fundament des Blues aufgebaut hatten, entwickelten bald einen ganz eigenen, massiven, verzerrt aufgeblähten Sound, der mit den absurden und durch und durch sarkastischen Botschaften der Texte korrespondierte — und das spiegelte die damalige Lebenswirklichkeit des Umfelds, aus dem die Band stammte, auf den Punkt. Da war Shelleys langes Haar, seine markante Brille mit Gläsern von der Dicke eines Aschenbechers, sein feuriger, wendiger und durchdringender Bassstil sowie eine Sängerstimme, mit der er mühelos die höchsten Register erreichte. Dazu kamen Bourges gitarristische Erfindungsgabe und Vielseitigkeit sowie Phillips‘ knochentrocken-metronomgenaues Schlagzeugspiel — und eine Siegerformel war geboren.
1970 folgte das Vorspielen. Die Band war auf dem Weg zu Rodger Bain ins Studio Rockfield, und Shelley schaffte es kurz vorher, seine beiden Mitstreiter davon zu überzeugen, dass das Trio beim Vorspielen ausschließlich eigenes Material spielen würde — keine Covers. Als Bain sie spielen hörte, konnte er seine Begeisterung nicht verbergen: „Ihr seid genau das, was ich suche. Ich habe bisher nur mit zwei Bands einen Vertrag unterschrieben. Mit euch und ‚den anderen‘. Wenn die mit ihren Demos fertig sind, seid ihr dran.“ ‚Die anderen‘ waren nämlich Black Sabbath.
So sahen viele in einer Parallelwelt Budgie als die eigentlichen Begründer des Metal. Das Material hatte jedenfalls dieses Format. Eine Serie von Alben durch die Siebziger: „Budgie“, „Squawk“, „Never Turn Your Back On A Friend“, „In For The Kill“ (der ihnen in Großbritannien einen gleichnamigen Top-30-Hit bescherte), „Bandolier“, „If I Were Brittania I’d Waive The Rules“ und „Impeckable“ — letzterer auch das letzte Album der Band mit Tony Bourge. All dieses brillante Material fand leider keine nennenswertere Aufmerksamkeit oder Gunst bei kommerziellen Radiosendern. Zum Glück blieb es jedoch nicht unbemerkt von einigen größeren musikalischen Figuren und Akteuren, die damals auf der Rock- und Metalszene tätig waren und dort bleibende Spuren hinterließen.
Budgie wurden von kommerziell erfolgreicheren Bands nämlich mit Coverversionen ihrer Originale bedacht. So haben unter anderem Van Halen In For The Kill gecovert und bei frühen Konzerten gespielt, Iron Maiden haben die „Bandolier“-Nummer I Can’t See My Feelings gecovert, Megadeth griffen sich Melt The Ice Away, und Soundgarden Homicidal Suicidal. Das Sahnestück unter den Coverversionen gehört jedoch Metallica, die in den Achtzigern die Budgie-Songs Breadfan und Crash Course In Brain Surgery aufnahmen — was dank der Tantiemen die Finanzen von Budgie deutlich aufgebessert hat.
1974 nahmen Budgie die damals noch labellose, ‚nackte, barfüßige und ziellos umherziehende‘ neue Rockhoffnung Judas Priest als Vorband auf ihre Europatournee mit — blieben danach aber weiterhin auf mittelgroße Clubbühnen beschränkt. Obwohl die Band bei den renommierten Labels MCA und A&R sieben Studioalben veröffentlichte, sollte es noch weitere zehn Jahre dauern, bis ein breiteres Publikum sie wahrnahm — und das war Metallica zu verdanken. Auch die beiden US-Tourneen 1976 und 1978 brachten der Band keinen Durchbruch jenseits des Atlantiks.
Anfang der Achtziger, als Shelley mit dem damaligen Budgie-Gitarristen ‚Big‘ John Thomas durch die Straßen Birminghams streifte, kaufte sich der Kerl in einem Antiquariat dort eine Bibel. Zu einer Zeit, als eine Reihe von N.W.O.B.H.M.-Bands Budgie lautstark als ihre großen Vorbilder nannten, begann Shelley — nach der Bibellektüre — alles zu verachten, was mit Satanismus zu tun hatte, was auch auf die neuen Heavy-Metal-Bands abfärbte. Shelley wurde nämlich zum glühenden Christen und blieb es bis ans Ende seines Lebens.
1982 traten Budgie beim Reading Rock Festival auf. Headliner des Festivals waren damals Iron Maiden, und Budgie bewarben bei ihrem Auftritt ihr damals aktuelles Album „Nightflight“ (1981). Im selben Jahr eröffnete Shelley mit seiner Truppe auch Konzerte auf Ozzy Osbournes neuer Tournee. Sowohl Ozzy als auch Maiden wurden zu ihrer großen Überraschung mit Shelleyseinems neu entdeckten Puritanismus konfrontiert — bei allem, was das Christentum oder Gott angriff, kannte er keinen Spaß. In jenem Jahr traten Budgie auch in Polen auf, wo sie ohnehin eine felsenfeste Fanbasis hatten. Damit wurden Budgie zu einer der ersten Bands, die es schafften, hinter dem ‚Eisernen Vorhang‘ aufzutreten. Hinzuzufügen ist, dass Budgie am 4. 9. 1982 und 5. 9. 1982 auch im Gebiet des ehemaligen gemeinsamen Balkanstaates auftraten, als sie zwei aufeinanderfolgende Konzerte beim zweitägigen Heavy Metal Festival in Zagreb spielten. An jenem weit zurückliegenden Tag übernahmen Motörhead die Headliner-Rolle des ersten Festivaltages, und Budgie teilten sich die Bühne mit Motörhead (bereits mit dem ‚Balletttänzer‘ Robertson in der Besetzung) sowie: Pomaranča, Atomic Rooster und Premiata Forneria Marconi (PFM). Am zweiten Tag traten Budgie gemeinsam mit No Bros, Pomaranča (die ebenfalls an beiden Festivaltagen auftraten), Uriah Heep und Gillan (Headliner des zweiten Tages) auf. Die Band bewarb damals bereits ihr letztes klassisches Album „Deliver Us From Evil“ (1982).
Es folgte eine lange Pause, und die Band erwachte 2006 aus ihrem Winterschlaf, als ihr letztes Studioalbum „You’re All Living In A Cuckooland“ erschien.
Und dann passierte es. Im Jahr 2010 befand sich die Band auf einer Herbst-Winter-Tournee durch Osteuropa (das Rockline-Team bereitete sich auf den Besuch des Termins im tschechischen Zlín am 26. 11. 2010 vor), als Shelley am 9. 11. 2006 bei einem Konzert im polnischen Wejherowo ein Aortenaneurysma erlitt. Es maß sage und schreibe 6 cm im Durchmesser. Der Mann wurde notoperiert und damit sein Leben gerettet — doch die Operation hinterließ bleibende Folgeschäden. Shelley konnte danach nie wieder die höheren und höchsten Stimmlagen treffen.
Shelley hatte jahrelang auch unter dem Stickler-Syndrom gelitten, einer genetischen Erkrankung, die mit Unregelmäßigkeiten in der Kollagenproduktion zusammenhängt. Auch nach seiner Rückkehr nach Großbritannien musste Burke sich etlichen Operationen unterziehen, die sich als mehr Schaden als Nutzen herausstellten — was sich auch in seiner körperlichen Verfassung (bleibende Schäden an beiden Beinen) bei Konzertauftritten bemerkbar machte. Deshalb schickte Shelley Budgie noch 2010 offiziell in die Rente. In den folgenden Jahren war Shelley vor allem mit alten Freunden aus Cardiff unterwegs. Die Band nannte sich The Night Owls, und mit ihr trat Shelley in lokalen Pubs auf und spielte alte Blues-Klassiker, darunter auch: Angi (orig. Davey Graham) und Waiting On The World To Change (orig. John Mayer).
2019 erlitt Shelley erneut ein Aneurysma. Damals lehnte er eine lebensnotwendige Operation ab — aus Angst vor ähnlich unliebsamen Komplikationen wie 2010, als Chirurgen bei einem Eingriff Shelleyseine beiden Beine verpfuscht hatten. Im März 2020 suchte Shelley — zu jenem Zeitpunkt zweimal geschieden und Vater von vier Kindern — erneut einen geeigneten medizinischen Spezialisten auf, sowohl im englischen Bristol als auch in Schottland. Vergeblich.
Burke Shelley bleibt in den Annalen der Rock’n’Roll-Geschichte ein hingebungsvoller und furchtloser Kämpfer, der mit seiner kultigen und zähen walisischen Heavy-Rock-Band Budgie seine eigene Schlacht ausgefochten hat. Budgie lebten ihren eigenen musikalischen Stil und setzten ihren eigenen Sound um. Diesen Sound haben sich unzählige Hard-Rock- und Metal-Fans auf der ganzen Welt zu eigen gemacht — und mit ihm lebt das großartige musikalische Erbe der Band unerschütterlich weiter.