Bruce Dickinson, Orchester und Deep Purple in einem Konzerterlebnis, das wir so nicht gewohnt sind! (2023)

foto: ALEŠ PODBREŽNIK 2023
2 1.225

Jon Lord – Konzert für Gruppe und Orchester
Bruce Dickinson (Iron Maiden) und die Zagreber Philharmoniker mit Musik von Deep Purple
Laibach / Cankarjev dom / Slowenien
Samstag, 25. 3. 2023


Die kommen auch, die besonderen Konzertereignisse. Nicht so sehr ungewöhnliche, als vielmehr unerwartete. Konzertereignisse, bei denen die Rockgitarre essenziell ist und die trotzdem auch im Cankarjev dom stattfinden. Ihr wisst schon. Dort residieren Jazz, klassische Musik, Kabarett usw. — und für Rockmusik ist da nicht gerade viel Platz. Na ja, außer wenn man Pero Lovšin oder Siddharta heißt. Aber diese beiden slowenischen Künstler spielen so oder so an jeder Ecke Sloweniens.

Der diesmalige musikalische Inhalt brachte eine Verschmelzung von klassischer Musik mit Rock. Old-School-Rock. Zeiten des Pioniergeists. Der Wende von den Sechzigern in die Siebziger. Damals existierte bereits eine Gruppe namens Deep Purple. Und mit ihr spielte ein Herr, der ein Werk namens „Concerto for Group And Orchestra“ geschrieben hatte. Das war ihr (verstorbener) Keyboarder Jon Lord.

Das Werk „Concerto For Group And Orchestra“ erlebte nach langen Jahren erst zum dreißigjährigen Jubiläum eine erneute Bühneninszenierung. Das war 1999. Dann zum vierzigsten Jahrestag und bei den letzten derartigen Spektakeln im Jahr 2011, als Jon Lord selbst noch bei der Neuinterpretation seines Werks dabei war. Er verstarb Mitte Juli 2012. Dann drehten sich 50 Jahre seit der Veröffentlichung dieses Werks. Da erwachte die Idee einer Aufführung erneut zum Leben. Dirigent Paul Mann, der bereits 1999 erstmals in das Projekt eingebunden war, ist wieder mit dabei. Und neben ihm niemand Geringeres als Iron Maiden-Sänger Bruce Dickinson. Im Jahr 2021 wurde ein solches Spektakel im ungarischen Győr aufgeführt. Damals wurde das Werk unter Manns Leitung von den ungarischen Philharmonikern dargeboten, die Rockbesetzung neben Dickinson am Gesang vertraten außerdem Deep Purple-Bassist Roger Glover sowie der hervorragende kroatische Gitarrenvirtuose aus Dubrovnik Zvonimir Kaitner, mit dem künstlerisch adaptierten Namen Kaitner Z Doka (‚dok‘ dürfte hier wohl auf den Schiffbauausdruck anspielen). Dazu kamen noch Bernhard Welz am Schlagzeug und Jethro Tull-Keyboarder John O’Hara, der direkt Lords Bühnenposition übernahm. Der Erfolg war außergewöhnlich. Das Interesse, das Projekt fortzuführen, nicht minder. So wurden neue Konzerte bestätigt. Anstelle von Glover sprang die schlanke Bassistin Tanya O’Callaghan ein, die im Herbst 2021 bei Whitesnake aufgenommen worden war.

März 2023. Nach Konzerten in Sarajevo und Zagreb ist Laibach an der Reihe. In die Rolle des Orchesters ist die Zagreber Philharmonie mit 74 Mitgliedern geschlüpft. Es ist acht Uhr. Der Veranstaltungsort bis in den letzten Winkel gefüllt — ausverkauft. Überall massenhaft ‚Schwarz‘. Das Gros des Publikums zählte sich zu den großen Fans von Iron Maiden und den Soloarbeiten von Bruce Dickinson — von der Beliebtheit der ikonischen Deep Purple ganz zu schweigen. Nicht zuletzt bewies das auch die Tatsache, dass das Bier während des Konzerts ‚verdampfte‘. Normalerweise wird im Cankarjev dom Wein bestellt, denn das dortige Programm wird vorwiegend von abonnierten Laibacher Puritanern besucht sowie von aufgeblasenen älteren Damen in teuren Pelzen. Diesmal aber war zumindest in gastronomischer Hinsicht das Angebot absolut nicht zufriedenstellend. Die ohnehin schon zu kleinen 0,33-Liter-Flaschen Union-Bier waren bereits zur Konzertmitte vergriffen — es blieben nur noch die Fläschchen des anderen, des minderwertigen Heinekener Gebräus. Sprich: Laško. Unerhört. So ist das eben, wenn Metaller zu einem Konzert kommen und den schlecht vorbereiteten Schankbetrieb verwüsten.

Ab zum Konzert. Die Lichter dimmen, und im Publikum rauscht es, als die Musiker langsam ihre Positionen auf der Bühne einnehmen. Die Rockband ganz vorne an der Bühnenkante. Darunter begrüßte einleitend natürlich auch der Hauptstar des Abends die Anwesenden — Bruce Dickinson, der mit seiner sprühenden Art sofort ein paar Lacher herausholte. Na ja, „Concerto For Group And Orchestra“ ist ein dreisätziges Werk, und Bruce trat bei seiner Aufführung eher in der Rolle eines gelegentlichen Gesangsstatisten auf. Im ersten Teil herrschte im Publikum noch eine ‚milde‘ Stille. Auf der Bühne aber eine glänzende Allianz erfahrener Musiker. Das philharmonische Orchester folgte einfühlsam den Notenaufzeichnungen des legendären Lord, der Rockpart der Bühnenbesetzung lieferte pflichtbewusst das, womit Lords Werk seinen Namen trägt, in dessen Charakter ab. Kurzum: Die Spannung stieg von Minute zu Minute. Von Satz zu Satz. Dass wir diesmal u. a. die Show von Bruce Dickinson in der Kombination aus Theaterschauspieler, Frontmann (ohne Iron Maiden) und schließlich Stand-up-Komiker erleben würden, war sicher der Kern all dieser Anspannung.

Concerto For Group and Orchestra klang hervorragend. Professionell. Engagiert und hingebungsvoll. Jon Lord wäre mehr als begeistert gewesen. Eine Widmung an den legendären Musiker, die mit mächtiger und majestätisch donnernder Interpretation packend war und bei der die tiefsten Gefühle von Respekt und Zugehörigkeit zu den großen Deep Purple erwachten. Und dazu ein gehöriges Maß an Nostalgie.

Es folgt eine ausgiebige Pause. Jene bereits erwähnte, während der das Bier im CD tatsächlich zur Neige ging. Fieberhaft warteten wir auf den zweiten Teil. Das Publikum aufgepeitscht. Von allen Erwartungen. Es erwachte gleich nach der einleitenden Interpretation von Lords Bourée. Zvonimir griff zur Akustikgitarre auf dem Ständer. Nach einem Intro, das auf nichts Besonderes hindeutete, blieb er auf Am stehen und begann Saiten zu zupfen, die die Melodiephrase des bekanntesten Songs der gesamten Dickinson-Solokarriere entlockten. Es war Tears Of The Dragon. Die Leute rasten aus. Bruce brillierte an diesem Abend. In jeder Hinsicht. Und vokal? Definitiv und absolut. Das Zeitkontingent passte ihm gut. Er wusste, dass er mit voller Kraft singen konnte. Dass er sich stimmlich voll entfalten und austoben konnte. Ebenso die langen Vor- und Nachspann-Instrumentalpassagen. Diese kamen ihm sehr entgegen, da er die Stimme in ihnen zusätzlich schonen konnte. Im zweiten Teil drückte Bruce also aufs Gas. Er sang aus vollem Hals. Tears Of The Dragon brachte einen der definitiven Höhepunkte dieses Abends. Darauf folgte aber auch ein weiterer Track seiner Solokarriere. Das phänomenale Jerusalem, entnommen aus Dickinsons meistgefeiertem Soloalbum, nämlich „Chemical Wedding“ (1998). Bereits im Riff mit einer Folk-Melodie verwoben, erreichte es in Kombination mit dem Orchester einen außergewöhnlichen atmosphärischen Ertrag, bei dem einem die Gänsehaut überlief. Besonders als Bruce den Veranstaltungsort mit einer wirklich prächtigen Gesangsdarbietung verzauberte. Der bestens aufgelegte ikonische Iron Maiden-Sänger begleitete jeden Song vor Beginn mit einer kurzen Einleitungsgeschichte, in der er sich ein Maß an Bühnentheater in bester Manier eines Theaterschauspielers gönnte. Während der Aufführungen lief er mehrmals quer über die gesamte Bühnenkante, was das Publikum zusätzlich anfeuerte, und der Höhepunkt war natürlich einer seiner ihm eigenen Tricks. Ihr habt’s sicher schon selbst geraten, dass er rief: „Scream For Me Ljubljana!!!!!“ und damit alle daran erinnerte, was sie am 28. 5. 2023 in der Arena Stožice erwartet! In einer der Pausen sprach er das Wort „Water“ aus und griff nach einer Flasche, als plötzlich jemand aus dem Publikum dies nutzte, um einen Vers aus dem Iron Maiden-Klassiker The Rime of the Ancient Mariner fortzuführen, was Bruce ungemein amüsierte, denn er nutzte die Situation für eine ‚Richtigstellung‘: Das nächste Werk sei nicht Samuel Taylor Coleridge gewidmet, sondern einem weiteren englischen Künstler, nämlich William Blake (es war die Ankündigung zur Aufführung von Jerusalem).

Es folgten vier Deep Purple-Nummern (genauer gesagt drei und ein Cover, das im Original von Joe South stammt). In einer ganz eigenartigen Neuarrangement-Form. Eine eigene Geschichte und Vibration. Aber phänomenal. Das Orchester fügt jenes Element des Reizes hinzu, das nicht aufhört zu begeistern. Schon die anfängliche Neugier, wie sich eine Re-Interpretation eines bekannten Rock-Songs in Gesellschaft eines Orchesters schlägt, reicht dafür schon aus. Sicher aber folgte der Höhepunkt kurz vor Ende des regulären Teils mit der monströsen Re-Interpretation des kultigen Purple-Klassikers Perfect Strangers. Diese brachte in knapp elf Minuten und einem phänomenalen verlängerten Eingangsteil, der vollständig dem Orchester gehörte, eine einzigartige musikalische Delikatesse ihrer Art. Von Kopf bis Fuß.

Die obligatorische Zugabe? Selbstverständlich. Auch diesmal kein Rätseln nötig. Es war einmal am Genfer See und bei einem Frank Zappa-Konzert. Donnerwetter — Smoke on the Water. Etwas, das beim Stichwort Deep Purple einfach nicht fehlen darf. Theater auf dem Höhepunkt. Im großen Finale. Der Saal bebte. Mit Grundmauern und Dachziegeln.

Und der Sound? Wir saßen unter der Decke (2. Balkon). Die Bässe haben einen dort oben ganz schön ‚gesägt‘. Ansonsten aber in allem begeisternd, mit Dickinsons ausgezeichneter Gesangsdarbietung. Das stimmliche Charisma also etwas anders präsentiert, als wir es von Iron Maiden-Konzerten gewohnt sind. Letztendlich zeigte sein Bühnentheater beim Singen klar an, wer einer von Dickinsons größten Vorbildern war. Ronnie James Dio. Bei Iron Maiden-Konzerten ist das bei weitem nicht so offensichtlich wie diesmal im Cankarjev dom. Bruce strahlte an diesem Abend mit seiner Stimme außergewöhnliche Frische und Durchdringungskraft aus. Unversehrtheit! Keine Einwände. Nur Superlative. Ein Konzertabend, der einen reichlich berührt und in die verborgensten Winkel der Seele vordringt. Ein einzigartiges und unvergessliches Erlebnis. Irgendwie kaum in Worte zu fassen. Glücklich wir, denen es vergönnt war, jenen Abend im Cankarjev dom zu verbringen — ein solches Konzertspektakel werden wir nicht vergessen. Bis an unser Lebensende.

Autor: Aleš Podbrežnik & Edita Klemen
Fotos: Aleš Podbrežnik

Setlist:
Erster Teil: Concerto for Group and Orchestra
1. First Movement: Moderato – Allegro
2. Second Movement: Andante
3. Third Movement: Vivace – Presto
Zweiter Teil:
4. Bourée
5. Tears of the Dragon
6. Jerusalem
7. Pictures of Home
8. When a Blind Man Cries
9. Hush
10. Perfect Strangers
—Zugabe—
11. Smoke on the Water


2 Comments
  1. Matija says

    Tole je bil pa one-hell of a concert. Bolj kot se je bližal datum koncerta, bolj mi je bilo zoprno, da bo potekal v Cankarjevem domu. Ampak na koncu niti ni bilo tako slabo. Konec koncev pri mojih letih sedež pod zadnjo platjo kar prav pride.

    Sam koncert pa je na vsej črti presegel moja pričakovanja, gre za zares unikatno delo, začinjeno z Dickinsonom v top vokalni formi. Če kdo tem komadom lahko izkaže primerno čast, je to on. Med koncertom sem celo začel razmišljati, da bi bilo super, če bi repertoarju dodali še Child In Time, ki so ga odigrali tudi na originalnem koncertu v Royal Albert Hallu. Trenutek ne bi mogel biti boljši, z Brucem v taki formi. Žal bo priložnosti vse manj. Seveda sem vedel da ne bo nič, ampak bilo bi noro. po mojem bi se publiki odtrgalo.

  2. Poba says

    Se strinjam z vsem kar si zapisal. Tudi sam sem odšel na ta dogodek z mešanimi občutki. Vedel sem da bo vse skupaj na moč posebno, nisem pa pričakoval tako radoživega in sproščenega Dickinsona. Možakarja že v iztočnici močno cenim, sedaj pa si je pridobil z moje strani še več naklonjenosti in dodatnih točk. Ne znam ga prehvaliti – onkraj njegovega skrajno neumnega manevriranja oziroma nepotrebnih komentarjev v času ‚lockdown scenarija‘ (a v tem (žal) ni ostal osamljen).

    Child in Time bi bil več kot super. 😀

Pošlji komentar

Your email address will not be published.

Ta stran uporablja piškotke z namenom zagotavljanja spletne storitve, oglasnih sistemov in funkcionalnosti, ki jih brez piškotkov ne bi mogli nuditi. Z obiskom in uporabo spletnega mesta soglašate s piškotki. Sprejmi Preberi več

Zasebnost&piškotki