Brkovi und das Stresslevel balkanischer Burlesken der neuen Unnormalität in Postojna (2022)

foto: EDITA KLEMEN 2022
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Ort: Postojna / Parkplatz hinter dem Gemeindeamt / Slowenien
Datum: Freitag, 2. 9. 2022


In Postojna meldeten sich Anfang September dieses Jahres, kurz vor dem großen Finale des dortigen alljährlichen Festivals Zmaj ‚ma mlade, die kroatischen Parodie-Soundterroristen und ‚unfassbaren‘ Rock’n’Roll-Lausbuben Brkovi zu Wort. Völlig unerwartet schnappte der Autor dieses Beitrags am Tag des Konzerts diese wertvolle Information auf. Nur wenige Stunden zuvor. Also musste man schnellstmöglich direkt zum Veranstaltungsort rasen.

Einst stand die Hauptbühne des Festivals ‚Zmaj ‚ma mlade‘ auf dem Platz des Hauptmarkts beim Hotel Kras. Neuerdings ist der Standort der Festivalbühne auf den Parkplatz hinter dem Gemeindegebäude verlegt worden. Das Gelände erwachte zwar schon um halb neun Uhr abends zum Leben, doch fiel die bewusste Entscheidung, die beiden Vorgruppen – die lokalen Metal-Matadoren CarlxJohnson und die Laibach-alternativen Rocker Čao Portorož – vollständig zu überspringen. Während die Bands seelsorgerisch ihre jeweilige Bühnenpflicht ableisteten, passte nämlich eine Runde Craft-Bier im Music Caffe Bar bestens, wobei es nicht ohne gelegentliches ‚Schielen‘ auf die Übertragung eines Basketballspiels abging, bei dem Serbien mit der rechten Hand auf dem Rücken die Niederlande durch den Fleischwolf drehte.

Es ist zehn Uhr abends. Das Gelände ist hervorragend besucht. Brkovi betreten die Bühne. Eine Band, die sowohl Fans druckvoller Punk-Rock-Energie als auch Metal-Liebhaber unter ihrem Dach vereint. Letztere besuchen die Konzerte der Gruppe besonders in letzter Zeit gerne, wegen der virtuosen Eskapaden des brillanten Gitarren-Asses Igor Paspalj. Der international etablierte Gitarren-Virtuose hatte sich nämlich vor Kurzem der Band angeschlossen. Die makellose Party entfachte und entfaltete sich im Nu in voller Pracht. Brkovi waren klanglich hervorragend eingestellt. Vom ersten Trommelschlag bis zum Ende des Konzerts. Auf die richtige Lautstärke des Open-Air-Geländes abgestimmt, mit einem ausgezeichnet aufgebautem Klangbild. Auf den Schwingen exzellenter Klangeigenschaften entführten Brkovi das Publikum in den Delirium ihrer endlos bissig-ironischen Welt. Eine Welt, die größtenteils von den Bildern des Lebens auf dem Balkan bestimmt wird. Von Mann-Frau-Kriegen bis hin zu Parolen des Ungehorsams gegenüber dem System. Aber alles eingehüllt in einen bizarr scharfsinnigen schwarzen Humor, der nicht mit einer Handvoll der saftigsten Balkan-Vulgarismen geizt. Größere Anziehungskraft oder mehr Magnetismus lässt sich in dieser Hinsicht kaum wünschen. Mit einem entschlossenen und üppigen Schwall an Parodie, in der balkanischer Folk-Melos die Hand reicht – unter anderem auch Wechsel zwischen Polka- und Ska-Rhythmen –, in einer straff stählernen Haltung reziproker Steigerung äußerst aufgestachelter und druckvoller Gitarrenriffs, in die brillante und gelegentlich sogar atemraubende Soli eingebettet sind. Brkovi haben sich in Slowenien im Laufe der Jahre konkrete Bataillone an Anhängern erworben. Zu Recht. Es handelt sich um blanke, erstklassige Rock’n’Roll-‚Verarschung‘ nach balkantypischem Muster, die das Erbe der Yu-Rock-Tradition auf eigenartige und einzigartige Weise in neue Zeiten trägt. Auch wenn sie sich die Tricks der Volksmusiker und Turbo-Folk-Szenarien borgen, ist das alles brillant in das Alpha und Omega eines teuflischen Alphabetariums technisch hervorragend ausgeführter Exekution hineingepflanzt, wobei im Mittelpunkt des gesamten Geschehens der unzerstörbare Bühnenkommandant bleibt – das ‚diensthabende Zungengeschwätz‘, also Vokalist Shamso 69.

Bei der Ausübung ihres Handwerks sind Brkovi also nicht nur schwer zu stoppen und zu fassen, sondern auch unerschütterlich überzeugend. Das bestätigten die Besucher in den ersten Reihen, die der Band buchstäblich aus der Hand fraßen. Die überhitzten Köpfe in den vorderen Reihen schoben die arme Absperrung kurz nach Konzertbeginn komplett bis an die Bühne.

Die Gepflogenheiten und Gewohnheiten der Brkovi sind klar. ‚Glam‘ jenseits der Grenzen des guten Geschmacks! Bizarrheit. Absichtliche Übertreibung mit dem Ziel, das Publikum zu schockieren. Aber so gebietet es eben die musikalisch-ausdruckslogische Essenz der Band. Shamso 69, Šarac, Tomac, Vlajko und der einzigartige Gitarrist Igor Paspalj, dem der Spitzname Pas anhaftet, waren an diesem Abend schlicht nicht aufzuhalten. In zwei Stunden Repertoire streiften sie das Material aller sieben Studioalben, wobei ihre ultra-beliebten ‚Märsche‘ nicht fehlten, allen voran: Bolje da sam s frendovima pio rujno vino, Opasno se drogiram, Mala, Kurvo prokleta, Balkan Star, Pizda materina, Hoću da mi dijete sluša narodnjake, Hormon sreće, Samo pijan mogu, Srećo laku noć. Dazu noch: Švaler, Tolerancija, Ornela, A ja ču da pijem, Slušaj sada dobro, Nevjernice, usw. … Hochoktaniges Verbrennen von der ersten bis zur letzten Minute, mit fanatischer Beteiligung des Publikums. Das Verbrennen – und auch die Flüchtigkeit alkoholischer Derivate – war so intensiv, dass mitten im Konzert das Bier komplett ausging. Genau irgendwo in der Mitte des Konzerts. Alles Bier.

Die Band macht aber im kreativen Sinne keine Pause. Die aktuellen Konzerte, die Teil der Tour namens »Novo nenormalno« sind, haben nämlich völlig frisches Eigenmaterial auf die Bühne gebracht, denn Brkovi kündigen noch vor Ende dieses Jahres oder Anfang des nächsten ein neues Studioalbum an. So eröffneten sie das Konzert mit dem neuen Stück Više ni pankeri ne slušaju pank, und aus dem neuen Material ertönten später noch Sex i droga sowie Skupe bombonjere.

Die Wildheit und Aufgewühltheit des allgemein verrückt gewordenen Publikums in den vorderen Reihen, von dem die meisten die Texte auswendig konnten, wurde von beträchtlicher Gelassenheit der freundlichen Ordner begleitet, die beim Beobachten des endlosen Theaters der ‚mörderischen Salti‘ unmittelbar vor der Bühnenkante sich auch dann keinen Kopf machten, als die Band nach der Verabschiedung hinter die Kulissen gegangen war und einer der überhitzten Kerle im Publikum theatralisch die Absperrung erklomm, sich von deren Rand auf die Bühne abstieß, über sie bis zum Tisch lief, wo eine zu drei Viertel gefüllte Whiskyflasche einsam herumstand, sie flink schnappte, einsteckte, neuen Anlauf nahm und schwungvoll über die Absperrung zurück zu seinen Kumpels flog, mit denen er die wertvolle Beute teilte. Zuvor hatte Shamso 69, im Stil des obersten Serviceleiters, am Ende des Auftritts vom selben Tisch aus dem Publikum sämtliche Bierdosen und Wasserflaschen verteilt. Aber das reichte offenbar nicht. Da dachte niemand auch nur daran, dass man an der Einfahrt zum SPAR-Hypermarkt stand (an der Titova cesta Richtung Ausfahrt Postojna) – so ist eben das Szenario des Nachtlebens im Jahre A.D. 2022, mit einer unerschrockenen Polizeistreife (sprich: sie halten ramponierte Renault-Clio-Modelle an, während die neuesten Audis mit mehr als offensichtlichem Links-Rechts-Schlingern gleichgültig an ihnen vorbeifahren), die sich auch an jenem Abend wieder mit reichlichen Interaktionen mit der harmlosen Bevölkerung ‚amüsierte‘.

Die Crew von Brkovi zeichnet also hervorragende Eingespieltheit aus, unglaubliches Selbstvertrauen und Souveränität, die eine riesige Kilometer-Bilanz mit sich bringt. Perfekte Bühnenform, die das Ergebnis unaufhörlicher Aneinanderreihung von Konzertauftritten ist. Ein Quintett, das dich in jeder Hinsicht überraschen wird. Ob du nun Fan harter Klangverzerrung, punkig gezackter Zerstörungswut, gelegentlich geradezu vampirhaft metalisierter Gitarrenphransen und makelloser Gitarrenbeswörungen des behauenen Igor Paspalj bist oder nicht – denn allein schon mit dem Schwung der Parodie und dem extremen Possenreißertum eines Erbes von geschliffenen Texten voller scharfsinniger Selbstironie beschäftigen und unterhalten dich Brkovi unablässig. Das bizarre Vokabular saftig-ordinärer Vulgarismen aus dem Toilettenhumor, die aber sinnvoll eingebettet sind in Botschaften der Erkenntnis über die bittere Herbe einer ‚herrlich verfahrenen neuen Welt‘, hat das Publikum in seiner spöttischen Gestalt vollends entfacht und entflammt. Das war genau das, wonach es suchte. Der Freitags-Abschalten. Ein vollständiger Katapult jenseits der Realität. Und in dieser Hinsicht findest du kaum ein passenderes Heilmittel als den Besuch eines Konzerts von Brkovi!

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Edita Klemen


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