Bill Evans und The Vansband All Stars – Poesie der Versöhnlichkeit zwischen Musikalität und dem Seiltanz supersonischer Improvisationen (2024)

foto: ALEŠ PODBREŽNIK 2024
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Bill Evans & The Vansband All Stars
Portorož / Avditorij Portorož / Slowenien
Samstag, 18. 5. 2024


Bill Evans ist heute eine Saxofonlegende! Das kann man mittlerweile mit Sicherheit sagen. Der Mann hat in seiner reichen Karriere – auf sich aufmerksam gemacht hat er sich vor allem nach seinem Beitritt zu Miles Davis Anfang der Achtziger – Slowenien mehrfach besucht. Zuletzt war es genau Portorož vor zwei Jahren. Da Evans in dieser Hinsicht irgendwie zu den ernsthaften Kandidaten zählt, die die slowenische Staatsbürgerschaft erhalten könnten, ist es neben seinen bewährten musikalischen Erzählungen, die an saftige Akrobatiken ungeahnter Saxofonimprovisationen geknüpft sind, besonders interessant zu beobachten, wen er für jede neue Tournee in seine Begleitcrew holt. Spielte vor zwei Jahren der bei ihm bekannte Mike Stern die Gitarre, so ist die diesmalige Begleitbesetzung The Vansband All Stars mindestens ebenso erstklassig, wenn nicht sogar mehr.

Einer der renommiertesten Jazz- und Crossover-Keyboarder John Medeski, dazu Felix Pastorius (u.a. David Byrne) am Bass, seines Zeichens Sohn des legendären Jaco Pastorius, sowie Schlagzeuger (sprichwörtlich eine echte Schlagzeug-Mühle) Keith Carlock, den viele u.a. auch als Mitglied der amerikanischen Art-Rock-Ikone Toto kennen – zugleich machte er sich auch durch die Zusammenarbeit mit Sting und der „Toto-Kumpanei“ namens Steely Dan einen Namen.

Der diesmalige Besuch war etwas geringer besucht und war nicht ganz ausverkauft wie der Auftritt der The Wooten Brothers neun Tage zuvor an derselben Spielstätte. Am Konzerttag konnte man noch eine Karte kaufen, ansonsten war das Avditorij aber auch diesmal ordentlich voll (Gott bewahre, wenn du irgendwo in der Mitte von, sagen wir, Reihe elf gesessen hättest und das Konzert dich mittendrin in Krämpfe versetzt und in Richtung der Toiletten im Erdgeschoss des Avditorij katapultiert hätte).

Kurzum, nach der saftigen und schelmischen Begrüßungsansprache des berühmten Jazzattachés Sloweniens Branko Rončel – er und Evans sind im Laufe ihrer jahrzehntelangen Bekanntschaft auch enge Freunde geworden – nahm das Quartett seine Positionen ein. Bill Evans griff während des Konzerts vorrangig zum Sopransaxofon, das er mit dem Tenorsaxofon kombinierte. Den Großteil der solistischen Eskapaden führten er und der unglaubliche John Medeski abwechselnd aus, der in manchen Momenten wie ein Tintenfisch im Meer der Tastaturen wirkte! Anpassungsfähigkeit, schelmische Spritzigkeit und Reaktionsschnelligkeit sind Synonyme für Medeski, wann immer Evans den berühmten Keyboarder mit seinen solistischen Streichen anfeuerte. Das Gespann zwischen den beiden ist schlicht wahnsinnig und atemberaubend. Es funktioniert reibungslos!

Bill Evans schenkte mit seiner Crew dem neuesten musikalischen Werk „Who I Am“, das für dieses Jahr angekündigt ist, im Repertoire mehr Aufmerksamkeit (interessanterweise wurde das Album gleich nach dem Konzert in Portorož im CD-„Wallet“-Format verkauft). Wie auch immer. Von seinem neuesten Werk spielte er (zumindest, Anm. d. Verf.) die Stücke Mica Moon und Spy In The Sky – soweit der Autor dieses Beitrags während des Konzerts mitbekommen konnte. Auf der Setlist des Abends stand auch der „Modern Standards“-Titel Hearts Of Havana. Felix musste in Daryl Jones‘ Fußstapfen treten, aber das bereitete ihm keine besonderen Kopfschmerzen, denn irgendwo zu Beginn der zweiten Hälfte zollte er seinem Vater Jaco Pastorius mit einem langen, faszinierenden Basssolo Tribut, nach dem das Quartett zur Interpretation des Weather Report-Klassikers Contunuum überging (dessen Urheber eben der verstorbene Jaco Pastorius ist). Als das Quartett den „Modern Standards“-Titel Hearts Of Havana in Angriff nahm, wurde sofort klar, warum Evans für diese Tournee ausgerechnet einen König des elektrischen Klaviers wie John Medeski gesucht hatte. Wahnsinnig, was dieser außergewöhnliche Musiker durch seine Verspieltheit und Tiefgründigkeit alles zu zeigen hatte.

Aber Achtung! Evans hält mit seiner Crew den roten Faden. Es gibt keine Fragmentierungen und keine Ausflüge ins Durchgeknallte. Die Band füllt die Mittelteile mit beliebig langen Soloakrobatiken, kehrt aber immer wieder ins Format des Leitmotivs zurück, auch wenn sie das Gleichgewicht des Seiltanzes erst im letzten Moment findet. Evans-Medeski! Das Gespann ist der Schlüssel zur ganzen Saftigkeit. Dabei darf man aber die unglaubliche Rhythmussektion nicht vergessen. Wie bereits erwähnt. Carlock kennt und versteht die Bedeutung des Verbs „stillhalten“ nicht (lies: die armen Becken). Die Raumfüllung ist üppig, und Carlock macht dabei keinen Moment halt. Er wirkt tatsächlich wie eine „Mühle“ mit „Fangarmen“, die ständig zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind. Hearts Of Havana ist das Stück, bei dem das gesamte Quartett in vollen Zügen aufblühte (auch Carlock streckte hier die oberen Extremitäten gehörig aus), und wenn du eine sofortige Auskunft darüber suchst, worum es beim Künstlertum von Bill Evans geht, wäre Hearts of Havana der treffendste kompositorische Gipfel Evansscher Prägung, der auf eine solche Frage prompt eine sehr glaubwürdige Antwort liefert. Glaubwürdig im Kontext des künstlerischen Ausdrucksformats des Quartetts der aktuellen Tournee.

Überwältigend! Atemraubend. Das nennen die analytischen Weisen Post-Be-Bop. Aber es trägt viele Parallelen zum Hauptmatador der Be-Bop-Popularisierung. Miles Davis. Auf Schritt und Tritt. Das ist unbestreitbar. Das ist Tatsache. Das ist ein verinnerlichter Teil des musikalischen Visionärtums des außergewöhnlichen Bill Evans. Im großen Finale verbeugte sich Evans mit seiner Crew auch vor der Persönlichkeit und dem Werk des Giganten Miles Davis. Gemeinsam nahmen sie sich des Stücks Jean-Pierre an. Es ist ein Stück, das Evans gerne spielt, und es überrascht nicht, dass es im Laufe der Jahre mehrfach auf seinen Konzertrepertoires zu finden ist. Es stammt von Miles‘ Album „We Want Miles“ (dieses Doppelalbum erschien 1982, als Evans natürlich ein fester Bestandteil von Miles‘ musikalischem Team war).

Im Finale, als Evans mit seiner Crew Davis‘ Stück spielte, trat er ganz an den Bühnenrand und versuchte so, das ziemlich reservierte Publikum so gut es geht anzufeuern, das unter der Last seiner Schüchternheit diese Hürde nur schwerlich überwinden konnte. Wie auch immer – einige im Publikum wachten dann doch noch auf.

Was lässt sich abschließend sagen? Die erwartete Sprengkraft von Bill Evans und seiner Begleitcrew belohnte die Anwesenden. Entscheidend ist aber das Gespann der Begleitcrew, die sich um den berühmten Saxofonisten schart. In dieser Hinsicht folgt Evans sehr seinem Mentor Miles. Auch Miles rekrutierte die klangvollsten Jazznames in seine Begleitcrew. Und Hand aufs Herz. Da Evans durch seine Besuche in Slowenien quasi zum Einheimischen geworden ist, ist es in letzter Zeit am interessantesten zu beobachten, was seine Begleitmusiker anstellen werden, die als Starnamen des modernen Jazz gelten. Das Konzert in Portorož erfüllte alle Erwartungen. Sogar übertroffen. Evans bleibt ein in der Darbietung feuriger, ausdrucksmäßig prägnanter und entschlossen fokussierter Künstler. In der Hoffnung auf ein Wiedersehen mit Bill – möge es so bleiben!

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik


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