Bang Your Head!!! 2019 (zweiter Tag) – als Steel Panther durch die Hintertür einbrachen

foto: ALEŠ PODBREŽNIK 2019
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Ort: Balingen / Messegelände (Volksbankmesse) / Deutschland
Datum: Freitag, 12.07.2019


Der zweite Tag des diesjährigen Bang Your Head-Festivals erhörte die stillen Gebete nicht, dass das Regenwetter gnädig sein möge – das uns den Großteil des ersten Tages auf gnadenlose Weise begleitet hatte. Im Gegenteil. Es hatte sogar schon begonnen zu regnen, bevor das Programm des zweiten Tages überhaupt losging, womit wir tatsächlich in den nassesten Tag dieser Ausgabe des kultigen Festivals eintauchten.

Um halb zwölf knallte es auf der Hauptbühne los, die von den Locals Traitor aus Balingen besetzt wurde. Das Quartett, bei dem Schlagzeuger Andreas Mozer die Hauptaufgabe des Vokalisten übernimmt – was im Thrash Metal (Revival) alles andere als eine leichte Aufgabe ist –, hat im letzten Jahr sein fünftes Studioalbum »Knee-Deep in the Dead« veröffentlicht, das dem Publikum auch ausgiebig präsentiert wurde. Auf der heimischen Bühne also. Da muss man sicher nicht zweimal raten, dass die Band die Geschichte des deutschen Erbes des teutonischen Thrash Metals fortsetzt – man hört Einflüsse, die mal zu Sodom, mal zu Kreator ziehen, kurz: guter alter Thrash, gespielt nach den Maßstäben einer jungen und potenten Garde. In der vordersten Reihe zog auch Bassist Lorenz Kandolf die Aufmerksamkeit auf sich, der ein paar „fliegende“ Biere ins Publikum verteilte und generell am meisten damit beschäftigt war, während des Konzerts ständig über die weitläufige Bühne zu spazieren. Bis auf den letzten Meter. Souverän und engagiert. Interessant ist, dass das Hallengeschehen später – also am späten Nachmittag – ebenfalls ihre Genre-Kumpane und deutschen Landsleute Dust Bolt eröffneten, aber dazu mehr etwas später. Ein schöner Eröffnungsknall von der Hauptbühne in den zweiten Festivaltag also.

Als Zweite an diesem Festivaltag betraten echte Veteranen die Bühne. Picture, denen auch der Spitzname „das niederländische Saxon“ anhaftet. Picture, die – sage und schreibe – seit 1979 aktiv sind, mit zwei längeren Pausen, treten heute in einer Besetzung auf, die dem Original sehr nahesteht, nämlich als Quartett: Ronald van Prooijen (Gesang), Jan Bechtum (Gitarre), Rinus Vreugdenhil (Bass) und Laurens Bakker (Schlagzeug), denen bei Konzerten der zusätzliche Gitarrist Appie de Gelder hilft. Die Band feiert (gute) 40 Jahre ihres Bestehens, was im letzten Jahr mit einem besonderen Konzertdokument gewürdigt wurde, während das Repertoire beim Bang Your Head-Festival eine Art Kurzversion des Konzertalbums bot. Die Jungs sind quasi die Urgroßväter des Metals – daran gibt’s keinen Zweifel. Ein Dinosaurier, der wieder zum Leben erwacht ist. Den Großteil der Aufmerksamkeit zog jedenfalls der charismatische Vokalist Ronald van Prooijen auf sich, in einem „giftigen“ Old-School-Bühnenoutfit, dem barocker Prunk nicht fehlte. Der Auftritt von Picture ist als eine der Exklusivitäten des diesjährigen Festivalprogramms dieses geschätzten Festivals zu werten – eines Festivals, bei dem es angesichts seines Rufs und seiner Reputation weniger davon gab, als man hätte erwarten oder erhoffen dürfen. Picture haben den Legendenstatus gerechtfertigt und eine schöne Auswahl an Klassikern ihrer langjährigen Karriere gespielt, mit dem erwarteten Schwerpunkt auf Material aus den ersten drei Alben: »Diamond Dreamer« (Titelsong, Lady Lightning, You Are All Alone, Night Hunter), dann das zweite Album »Heavy Metal Ears«, von dem Unemployed, der Titelsong und Nighttiger erklangen, und das Debüt »Picture 1« lieferte die Songs Bombers, Get Back Or You’ll Fall sowie das abschließend ans Ende gesetzte und bezeichnend betitelte You Can Go. Ein schönes Konzert – an Ronald merkt man die leichte Abnutzung, aber der erfahrene Fuchs hat die Gesangsaufgaben völlig korrekt gemeistert. Vor allem routiniert. Auch die anspruchsvolleren Linien. Eine Band, die viel gespielt hat, was man sofort spürt, und eine Band, die sich nichts mehr beweisen muss. Wenn man sie sieht, strahlen sie Magnetismus aus, und man kommt einfach zum Schluss: „Legenden!“ Verbeugung also vor einer der am längsten aktiven Heavy-Metal-Bands aus den Niederlanden.  

Enforcer, die Dritten im Programm des zweiten Tages, die sogenannten schwedischen Bannerträger des NWOTHM (»T« wie Traditional), haben wir beim BYH-Festival zuletzt als Quintett gesehen. Das war 2010. Knapp ein Jahrzehnt später trat die Band als Quartett auf, wobei Vokalist Olof Wikstrand auch auf Rhythmusgitarre umgestiegen ist. Die Band hat ihr neues und insgesamt fünftes Studioalbum »Zenith« in der Tasche und agiert zudem in einer Besetzung mit einem komplett neuen Leadgitarristen, dem bärtigen Jonathan Nordwal. Obwohl Olof ans Mikrofon gefesselt ist, wirkt er ständig sehr agil – viel Rennen in alle Ecken der Bühne, dabei feuert er die Bühnengenossen an und heizt dem Publikum ein. Er nutzt auch geschickt den Catwalk, vergisst dabei aber nicht, rechtzeitig zum Mikrofonständer zurückzukehren, denn er muss den Hauptgesang treffen. Der Mann bleibt unglaublich engagiert und voller Energie. Er sprüht vor Überschwang, und eigentlich halten seine Energie und Charisma diese Band aufrecht, die sich auf die Hebel des Old-School-Metals stützt, der vor 40 Jahren auf britischem Boden entstanden ist – aber in der Musik von Enforcer spürt man auch Einflüsse der alten, eingerosteten Schule des amerikanischen Speed Metals. Eine Band, die nicht enttäuschen kann, und eine Band, die immer auch eine ausgezeichnete Party liefert. Man muss im Hinterkopf behalten, dass das Budget des Veranstalters in den letzten Jahren ordentlich geschmolzen ist, und Enforcer ist genau die passende Band, die nicht viel kostet, aber immer ein wunderschönes Konzert spielt. Dieses Jahr hat sich dieses „Sparen“ im Programm durchaus konkret bemerkbar gemacht. Enforcer lieferte Material von allen fünf Alben, mit Schwerpunkt auf »Zenith« (2018) und dem Vorgänger »From Beyond« (2015), und spielte folgende Stücke: Die For The Devil, Searching for You, Undying Evil, From Beyond, Zenith of the Black Sun, Live for the Night, Mesmerized By Fire, Scream of the Savage, Take Me Out Of This Nightmare, Destroyer, Midnight Vice.

Fünfzehn Minuten vor drei kamen die Ungarn Ektomorf auf die Bühne. Während ihres Konzerts schien sogar kurz die Sonne. Ektomorf lieferten eine Art Rekapitulation dessen, was sie am Vortag beim Soulfly-Festival präsentiert hatten. Das Quartett, das seit über 25 Jahren aktiv ist und 14 Studioalben in der Tasche hat (das letzte davon, »Fury«, ist letztes Jahr erschienen), ist ein eingespieltes und erfahrenes Team. Vokalist und Gitarrist Zoltan Farkas ist die zentrale Figur des Geschehens. Er sorgt für wütende Vocals, gleichzeitig für die meisten Soli, und nimmt generell am meisten Platz auf der Bühne ein. Bei den Ansagen bedient er sich ähnlicher Tricks wie sein offensichtliches Vorbild Cavalera – sprich, er ist nicht besonders tiefgründig –, nun ja, auch die Genre-Mischung aus Thrash Metal, Groove Metal und Nu Metal, hinter der die Band steht, verlangt keine besondere intellektuelle Tiefe. Das Konzert wurde energetisch auf hohem Niveau gespielt; getrübt wurde das Geschehen durch die Figur eines Kameramanns, der ständig auf der Bühne herumgeisterte und mit einem an einem stab- (antennen-) artigen »Verlängerungsstab« aufgesteckten Smartphone unaufhörlich von Mitglied zu Mitglied schlich und den Eindruck erweckte, ein äußerst unersättlicher Thai-Tourist zu sein, der gerade ein neues Sony-Technik-„Spielzeug“ gekauft hat und es sofort ausprobieren muss. Das kostete das Konzert tatsächlich an Attraktivität. Ansonsten spielt die Band in spieltechnischer Hinsicht, wie gesagt, wirklich auf sehr hohem Niveau, leistet sich keine Fehler, unter den Kameraden gibt’s keine Unbekannten, die Band funktioniert wie eine sehr gut geölte Maschine, die genau weiß, wie man der Situation auch auf einer weitläufigen Bühne gerecht wird. Ektomorf sind regelmäßige Gäste beim Bang Your Head-Festival und könnten sich unter den dort auftretenden Bands problemlos ihre eigene Inventarnummer sichern.

Kurz vor vier kamen Beast In Black auf die Bühne, die kürzlich von Gitarrist Anton Kabanen nach seinem Abgang bei Battle Beast gegründet wurden. In vier Jahren des Bestehens hat die Band zwei Alben draußen, nämlich »Berskerker« (2017) und das dieses Jahr erschienene »From Hell With Love«. Finnen. Was Kabanen bei Battle Beast gelernt hat, hat er ziemlich raffiniert in die Philosophie und das Schaffen seiner neuen Band übertragen. Er hat also geschickt Power Metal mit Pop-Musik verkreuzt – genau genommen hat er Melodien aus Pop-Songs der Achtziger übernommen und sie geschickt in die Rezeptur des finnischen Heavy Metals gekleidet. Die Band besteht aus ausgezeichneten Musikern. Technisch bis auf die Knochen geschliffen, und an der Spitze steht der unglaubliche griechische Schreier Yannis Papadopoulos, der mühelos in die fünfte Oktave hämmert. Explosiver und durchdringender Gesang. Offensichtlich ist Beast In Black eine aufkeimende neue Erfolgsgeschichte. Die Melodien haben beim Publikum gut gezündet, die Menge war sichtlich aufgeheizt und beherrschte auch die Refrains gut. In der Band steckt auch Höllen-Sologitarrist Kasperi Heikkinen, den wir hier vor drei Jahren gesehen haben, als er noch für Dirkschneider spielte. Ein gut einstudierter Auftritt. Yannis fehlt etwas mehr Charisma, was er durch eine ausgezeichnete Gesangshaltung kompensiert – jedenfalls werden die Band sofort Metalfans jüngeren Jahrgangs liebgewinnen, denn Beast In Black ist ein geschickt untergeschobenes Kuckucksei, das keine Neuigkeit bringt, nur sehr clever neu verpackte Musiksubstanz. Aufgewärmt in neuer Verpackung und mit einem Inhalt, der schon viel zu gut bekannt ist. Die Band auf der Bühne mit einem gut eingeübten Auftritt, clevere Raumnutzung, ständiges Aufstellen in Linien Schulter an Schulter – bei End of The World sogar in einer Viererreihe. Kurz: Erfahrene Leute stehen hinter dieser Crew, und sie wird sicher noch weiter nach oben durchdringen. Mit einer solchen musikalischen Ansteckungskraft ganz sicher.

Um fünf erlebten wir dann noch ein weiteres exklusives Ereignis. Den Auftritt großer Legenden des amerikanischen Metals! Den Auftritt der Kultband Cirith Ungol. Der Hochgebirgspass im westlichen Mordor, bewacht von der riesigen Spinne Shelob? Auch wenn ihr wollt. Epischer Doom und Heavy Metal? Etwas, das noch über den Planeten walzt, nachdem Manilla Road erloschen sind. Tatsächlich eine Band, die ihre Karriere Anfang der Siebziger begann und die zwischen 1981 und 1991 vier unvergessliche Alben veröffentlicht hat, von denen »King Of The Dead« sicher am meisten geschätzt wird. Als hätten sie mich erhört, eröffneten Cirith Ungol das Konzert mit dem giftigen Atomic Smasher. Episch und scharf roh, mit einem Hauch der vernichtenden Hand des schwarzen Schicksals, die keine Überlebenden hinterlässt. Tim Baker schreit noch immer ausgezeichnet. Er ist eine überwiegend stille Bühnenskulptur, die sich während des Konzerts durchaus bewegt, auch bis zum Catwalk, überlässt aber öfter die Initiative Gitarrist Jim Barazza, dem der heißblütige Jungspund und neu hinzugekommene Bassist Jarvis Leatherby (Night Demon) folgt. Da sind noch die Originalmitglieder, nämlich Schlagzeuger Robert Garven und Gitarrist Greg Lindstrom! Fast die klassische Besetzung – beziehungsweise die Besetzung, die man sich einfach auf der Bühne wünscht. Die Band könnte problemlos das gesamte Album »King Of The Dead« spielen, denn es werden dieses Jahr 35 Jahre seit seiner Veröffentlichung – aber sie entschied sich für eine gemischte Setlist, der es trotzdem an nichts mangelt. Klassiker nach Klassiker, Gänsehaut pur, und es war einfach fantastisch, das Quintett zu beobachten, das nur zum Spielen und Genießen gekommen war, ohne jegliche Bühnenrequisiten und Tamtam. Ohne Publikumsaufwiegeln. Tim Baker (die Belastbarkeit seiner Stimme im Jahr 2019 war das größte Fragezeichen vor dem Konzert) hat während des Konzerts einfach geschrien. Wie ein Panzer rollten die legendären Cirith Ungol ihre 55-minütige Vorstellung unaufhaltsam durch und zauberten echte Magie. Direkt ein Konzert, für das der echte Old-School-Nostalgiker kommt. Scharfer, unheilvoller, fetter und unerbittlich donnernder Sound, ausgezeichnetes Solieren, bei dem Barazza die Initiative übernahm, äußerst würdiges Gesangsvermächtnis von Tim Baker, und Robert Garven bleibt auch am Schlagzeug schnell und präzise. Eine Band, die mit dem Zauber ihrer vier Kultalben einen der besten Momente des diesjährigen Bang Your Head!!!-Festivals beschert hat und die, wie bereits mehrfach erwähnt, die Erinnerung an die begrabenen Manilla Road wachrief. Ciriht Ungol spielten folgende Setlist: Atom Smasher, I’m Alive, Join the Legion, Blood & Iron, Black Machine, Frost & Fire, Master of the Pit, King of the Dead, Cirith Ungol, Paradise Lost.

Während des Auftritts von Cirith Ungol begann es auch in der Halle Volksbankmese zu klirren, wo die Bayern Dust Bolt das Hallenprogramm eröffneten. Dust Bolt feiern dieses Jahr 12 Jahre ihres Bestehens und haben fünf Studioalben in der Tasche. Das aktuelle »Trapped In Chaos« erschien Anfang dieses Jahres. Die Band stemmte logischerweise mehr Energie in seine Präsentation.  Dust Bolt haben schon mit ihrem letztjährigen Auftritt beim Metaldays-Festival überzeugt. Fliegende teutonische Thrash-Metal-Revitalisten. Nun ja. Verglichen mit der ganzen deutschen Thrash-Metal-Horde ihrer Landsleute lehnen sich Dust Bolt stärker an Einflüsse des Bay Area Thrash Metals an, obwohl ihnen die Verwandtschaft mit der teutonischen Haltung natürlich nicht entgeht – man hört immer wieder noch einen guten alten Kreator-Trick. Die Band ist ausgesprochen gezackt und spitz. Die Hallenszene hat ihnen gut getan, die Bühne war voll. Sie sind explodiert. Wirklich eine Band, die grenzenlos hochoktanigen Spaß liefert, den Jungs geht der Sprengstoff nicht aus, und wer sich wirklich den Kopf aufschütteln wollte, kam beim Auftritt von Dust Bolt definitiv auf seine Kosten.

Endlich war auch der Termin für eine Stunde Death Metal dran. Der Göteborger Schule. Also melodischen. Da sind unsere alten guten Freunde Dark Tranquillity. Altbekannte auf slowenischen Bühnen wie auch auf den Bühnen in Balingen. Begründer der Göteborger Schule des melodischen Death Metals. Eine Band, der man sich heute, schon allein wegen ihrer Beharrlichkeit und genretreuen Kompromisslosigkeit, verneigt. Vokalist Michael Stanne und Schlagzeuger Anders Jivarp, zwei alte Septic-Broiler-Kumpanen, sind heute die einzigen Originalmitglieder der Besetzung. Die Band hat eine lange Kilometerzahl und wird auch von ausgesprochen erfahrenen Musikern vertreten. Keyboarder Martin Brändström, ferner Avatarium- und Ex-Tiamat-Bassist Anders Iwers, während die Band seit 2017 mit zwei Gitarristen auftritt, deren Status bezüglich der vollwertigen Mitgliedschaft noch immer unklar ist. Der erste ist Johan Reinholdz, der den Großteil der Soli spielt, der zweite Christopher Ammott, Mitgründer von Arch Enemy und Armaggedon. Kurz: Mit dem Sextett ist nicht zu spaßen. Allerdings haben Dark Tranquillity bei unseren bisherigen Konzertbegegnungen mit ihnen in der Regel immer mit ausgezeichneten Auftritten geglänzt, außer wenn ihnen kein ausreichend guter Sound bereitgestellt wurde. Auch diesmal donnerte es, wie es sich gehört. Der Himmel wurde zur Hölle und die Hölle senkte sich auf die Erde. Stanne bezauberte mit seiner Charisma und ausgezeichnetem Knurren, die Band makellos und eingespielt. Tatsächlich haben Dark Tranquillity erneut dafür gesorgt, dass sich die dunklen und schweren Wolken gegen Ende des Konzerts konkret verdichteten und es zu schütten begann. Dieser unglückselige Regen ließ von da an nicht mehr nach, bis in den nächsten Tag.  Der Schwerpunkt im Repertoire auf der Präsentation des aktuellen Albums »Atoma« (2016) wurde von der Darbietung von Klassikern der geschätzten Alben »Damage Done« und »Fiction« begleitet: The Treason Wall, Monochromatic Stains, Teminus, Misery’s Crown. Im Abschlussteil heizte die »Character«-Klassikerin Lost To Apathy die Atmosphäre an, ebenso wie der einzige Song aus den Neunzigern, Therein (Album »Projector«, 1999). Dark Tranquillity waren für Bang Your Head also ein „Genrefremder“, aber genau diese Abwechslung mit extremen Bands wirkt überaus willkommen – sie bricht die Monotonie, zieht ein gemischtes Publikum ans Festival und stärkt die Vielfalt. Der zweite Tag brauchte diese Stunde geballter Aggression, Dunkelheit und Verdammnis geradezu! Eine makellose Vorstellung der Legenden aus Göteborg!

Auch im Programm des zweiten Festivaltages gab es einige unangenehme und undankbare Überschneidungen zwischen den Auftretenden. So zogen in dieser Hinsicht auch die dunklen progressiv-metallischen Helden aus Schweden Evergrey den Kürzeren, da wir den Großteil der Überschneidungszeit dem Ansehen von Dark Tranquillity gewidmet hatten. Evergrey begannen ihren Auftritt mit dem in dichtem Nebel gehüllten Erwachen des Albums »The Atlantis«, von dem sie eingangs zwei Songs spielten, nämlich A Silent Arc und das unglaublich ansteckende Weightless. Das Konzert wurde von Tom Englund kommandiert. Charismatischer Vokalist und Gitarrist. Zum Glück passt der düstere Stil der Band genau dazu, die Bühnenstasis des Quintetts während des Konzerts zu tragen. Leider war die Band nicht die einzige, die wir uns nicht vollständig ansehen konnten, aber das, was sie lieferten, war natürlich Perfektion. Englund hat auch keine wesentlichen Probleme damit, gleichzeitig die Rolle des Hauptvokalisten und Gitarristen zu übernehmen. Er singt wie eine Nachtigall. Wirklich ein außergewöhnlicher Vokalist. Die Band spielte folgende Setlist: A Silent Arc, Weightless, Distance, Passing Through, Leave It Behind Us, My Allied Ocean, A Touch of Blessing, King of Errors.

Eine Stunde und zehn Minuten Spielzeit hatten die Schweizer Hard-Rock-Legenden Krokus zur Verfügung. Die traten auch schon letztes Jahr auf diesem Festival auf und waren in Balingen schon einige Male zuvor. Das Publikum schätzt sie außerordentlich, und die Absperrung vor der Bühne war voll mit grauhaarigen Onkels in Jeans, geschmückt mit Aufnähern ihrer Lieblingsbands. Pflichtbier in der Hand und Action. Krokus hatten eine Old-School-Setlist versprochen. Von diesem Versprechen des lang ersehnten Konzerts blieb die Band dem Gelöbnis trotzdem noch etwas schuldig. Die Big-Rocks-Coverversionen von Mighty Quinn und Rockin‘ In A Free World sind absolute Zeitdiebe, da die Band schon beim letztjährigen Auftritt beim Bang Your Head das Kompilationsalbum mit Coverversionen »Big Rocks« ausgiebig präsentiert hatte. Auch statt des „neueren“ Hoodoo Woman hätte der Hörer lieber die Darbietung irgendeines Klassikers aus den Achtzigern gehabt. Wie auch immer – die Band löste sich mit Klassikern der Alben »Metal Rendes-Vous«  (Heatrestrokes, Fire, Bedside Radio), »Hardware« (Easy Rocker, Winning Man), Headhunbter (Titelsong, Eat The Reach), »Heart Attack« (Rock ‚N‘ Roll Tonight), »One Vice At Time« (Long Stick Goes Boom, bei dem Storace erwartungsgemäß und gewohnheitsgemäß schwungvoll seinen „verlängerten Stock“ schwenkte) von der Schuld. Die Crew setzt sich zusammen aus den Gitarristen Fernadno Von Arb, Mark Kohler und Manfred „Mandy“ Meyer, der solierte wie abgedreht, was die beiden anderen Gitarristen sehr fleißig ausnutzten, wenn sie sich an ihn „anhängten“. Neben dem quirligen und auf der Bühne allgegenwärtigen Marc Storace, der zwar sehr vorbildlich sang, dem aber gelegentlich die ramponierten Stimmbänder einen vokalen Vorstoß in die höchsten Lagen verwehren, hält Krokus auf reifen Bühnenjahren hoch im Kurs – eine starke und explosive Rhythmuslinie unerschütterlicher Stabilität, kokettierende und verführerische Rhythmen, für die Schlagzeuger Flavio Mezzodi und natürlich der legendäre Krokus-Bassist Chris Van Rohr sorgen. Links füllten Schulter an Schulter Von Arb und Kohler den Raum, rechts Meyer und Van Rohr, während der schelmische Storace eifrig kreuz und quer rannte, besonders aber auf dem Catwalk zu Hause war. Ausgezeichneter Sound, ausgezeichnete Darbietung! Ohne Wenn und Aber! Die Legenden reißen weiter. Die Band hat im Übrigen ihre Pensionierung angekündigt, und diese Tournee soll eine der letzten oder gar die letzte sein. Wir werden sehen. Kurz: Wieder eine ausgezeichnete Vorstellung der altgedienten Füchse von Krokus – was wir uns ehrlich gesagt still und heimlich auch erhofft hatten. Und sie haben uns nicht enttäuscht.

Während Krokus auf der Hauptbühne spielten, traten in der Halle Attic auf. Leider überschnitt sich die gesamte Spielzeit komplett mit Krokus, und Attic bekamen wir nur flüchtig mit. Es handelt sich um deutsche „Nachahmer“ des großen King Diamond, die zwei Alben in der Tasche haben und schon beim letztjährigen Auftritt im Rahmen des Tolminer Metaldays-Festivals bewiesen haben, dass es sich um ein unglaublich homogenes und fokussiertes Team handelt. Die Bühne ist mit einer zeremoniellen Kulisse geschmückt, die an das Innere einer Kirche erinnert. Da sind Kerzen, auf dem Kopf stehende Jesuskreuzchen – kurz, auch was die Bühnendekoration angeht, ähnelt das Ambiente stark dem, was der große King Diamond bei seinen Auftritten bietet. Wenn der letztere schwarze Reiter hat, haben Attic einen Kopflosen und ähnliches.  Attic lieferten Material beider Alben, nämlich Funeral in the Woods, Join the Coven, Satan’s Bride, The Headless Horseman, The Invocation  (Album The Invocvcation) sowie aus dem Album »Sanctimonius«: Dark Hosanna, Sanctimonious, The Hound of Heaven, There Is No God. Die Band schloss ihren Auftritt mit einem Judas-Priest-Cover von Between The Hammer And The Anvil. Neu arrangiert und in ihrer typischen Manier zurechtgeschnitten. Wenn du King-Diamond-Fan bist und dich die Ähnlichkeit von Attic nicht stört, bist du mit Attic sicher gut bedient. Falls es dich jedoch stört, dann bleib in Zukunft natürlich lieber nur bei King Diamond.

Nach dem Auftritt von Krokus, während auf der Hauptbühne eine halbstündige Stille herrschte und die Tontechniker eifrig alles Notwendige für den Auftritt des Headliners des zweiten Tages – also Steel Panther – vorbereiteten, begannen kurz nach neun Uhr abends in der Halle noch weitere Besonderheiten unter den Auftretenden des zweiten Festivaltags zu toben. Das ist die legendäre amerikanische Thrash-Metal-Band, die man neben den Auftritten von Picture und Cirith Ungol im Programm des zweiten Festivaltags sofort als BYH-2019-Exklusivität einordnen kann. Das sind Exhorder! Die Band ist vom Dienstalter her so alt, dass auch Pantera bei ihr in die Schule gegangen sind, und von den Originalmitgliedern sind heute der bärtige „alte Haudegen“ und Gitarrist Vinnie LaBella sowie Sänger Kyle Thomas dabei. Die Band hat bisher insgesamt nur zwei Studioalben veröffentlicht und den Erscheinungstermin eines dritten, »Mourn the Southern Skies«, für September dieses Jahres angekündigt. 2017 nahmen Thomas und LaBella drei neue Mitglieder auf, nämlich Heathen-Bassist Jason Viebrooks, ferner einen weiteren Gitarristen namens Marzi Montazeri, während hinter dem Schlagzeug Sasha Horn Platz nahm (er spielte unter anderem zwischen 2011 und 2012 bei Forbidden). Kurz: Mit dieser Besetzung kamen Exhorder nach Balingen und spielten ein außergewöhnliches Konzert. Wirklich. Brillant. Die Band stellte ein Repertoire aus zwei Kultstudioalben zusammen, nämlich »Slaughter In The Vatican« (1990) und »The Law« (1992). Gelogen. Ganz ans Ende des Konzerts lieferten Exhorder noch das brandneue My Time, das auf dem neuen Album einen Platz finden wird – ansonsten folgte aus dem Schatz des Thrash-Metal-Rasens eine nach der anderen unvergessliche Ohrfeige, beginnend mit dem – gerade namentlich besonders „gefährlichen“ – Anal Lust, dem Death in Vain, Homicide, Unforgiven, Legions of Death, The Law, (Cadence of) The Dirge, Exhorder, Slaughter in the Vatican, Desecrator und das bereits erwähnte brandneue My Time folgten. Ein Auftritt, der im Nu verging, und ein Auftritt, der sich – genau wie am Vortag, als in der Halle Venom Inc. auftraten – allzu verdammt ungeschickt mit dem Auftritt des Festivalheadliners überschnitt.  Kyle sang ausgezeichnet.

Weil Steel Panther im Vergleich zu Exhorder eine viel, viel jüngere Band sind und wir sie in Zukunft leichter und öfter bei Konzerten sehen werden als Exhorder, haben wir den Mittelteil ihres Konzerts ausgelassen und uns dem Ansehen von Exhorder gewidmet (und draußen hat’s dazu die ganze Zeit verdammt gegossen). Aber schon in den ersten drei Songs haben die Jungs genau das geliefert, wofür man zu jedem Konzert dieser eitlen Glam-Metal-Sunset-Strip-Parodie kommt! Ihr angeborenes Gespür für grenzenlosen Humor, der gerade richtig provokant und stachelnd ist, um die Geschmacksgrenzen zu wahren (Steel Panther drehen nämlich alle Witze tief in Richtung Sex), ist ein wichtiges Element, das stets für erstklassigen Spaß und große Attraktivität sorgt. Einer jener Magnete, der dich während der Konzerte ständig bei der Band hält. An Verrücktheit und Witz mangelt es den Zungendoktoren nicht; vor allem hat Satchel eine geschliffene Zunge, der mit seiner geschwätzigen Brillanz den Vokalist Michael Starr bei den Dialogen mehrfach konkret in den Schatten gestellt hat (jene, dass Michael ein so perfekter „Vögeler“ ist, dass er sogar ein Kind mit David Coverdale hat, gehörte zu Satchels siegreichen Bonmots). Das ist eine echte Bühnenkomödie, wie sie Rock’n’Roll liefern kann, bei der man leicht ununterbrochen bis zu Tränen lacht, wenn nicht gar bis zum Schmerz.  Die Jungs sind eitle Lausbuben, aber ausgezeichnete Musiker. Starr besitzt einen konkreten Gesang, mit dem er souverän in der Vorderfront der Songs regiert, Satchel ist ein wahrer Professor des Solierens, dem es einem den Atem verschlägt, die Rhythmussektion donnert und pulsiert. Steel Panther machen keinen Fehler. Bassist Lexxi Foxx belegte auch diesmal den ersten Platz in seinem engen blauen Outfit voller Glitzer – auf der Bühne fehlte natürlich auch nicht die kleine Decke beziehungsweise der Mini-Kosmetiksalon, mit dem der Mann sich während des Konzerts theatralisch aufhübscht und sich in einem lila Spiegel betrachtet. Spandex überall, Tücher irgendwo hin geknüpft, wo man auch hinschaut, Mascara, Make-up, gebleichte Haare, Hi-Tops, ihr könnt weitermachen…  Dabei spielen sie überlegen, ausgezeichnete markante Riffs, Songs mit Charakter, die mitreißen und einen sofort packen. Steel Panther haben alles. Wenn du ein echter Fan des Glam Metals der Achtziger bist, der sich rund um den Sunset Strip entwickelt hat, kennst du beim Konzert von Steel Panther nichts anderes als puren Genuss.  Starr vergaß nicht, ganz an den Rand des Catwalks zu treten, mit einem Schlagzeugstock in der Hand. Er deutete theatralisch an, ihn ins Publikum zu werfen. Allen stockt der Atem – aber nein. Er warf ihn nämlich nach hinten über die Schulter. Er flog über die gesamte Bühne hinweg in Richtung Schlagzeug, wo Stix Zadinia saß. Beim ersten Versuch verfehlte Starr um Haaresbreite – aber knapp. Der zweite Stock aber fiel direkt in die Hände des Schlagzeugers. Unglaublich. Was für einstudierte Gags, die die Stimmung auf dem Höhepunkt halten. Diesmal war die gute Stimmung besonders wichtig, denn es goss und schüttete. Ich war bis auf die Knochen durchnässt; zum Glück drängte ich mich zwischen Leute, die in Anoraks vor der Bühne standen, was mich (wenigstens vorübergehend) wärmte.  Bei 17 Girls In A Row gönnte sich die Band diesmal nicht das Spektakel, Mädels aus dem Publikum auf die Bühne einzuladen – was sie gerne macht und was wir zum Beispiel vor Jahren bei ihrem Konzert in Graz erlebt haben. Unglaublich, was diese Energie von Steel Panther bei Konzerten alles aus Frauen herausholt. Auch von dieser Seite ist ein Konzertbesuch interessant. Man kann es kaum glauben. In Graz haben auf „Wunsch“ von Starr tatsächlich zum Beispiel während des oben erwähnten Songs einige ihre BHs ausgezogen. Im vollbesetzten Orpheum Theater. Ohne jeden Anflug von Scham. Die hiesige Logistik hätte das zwar ermöglicht, wahrscheinlich hat sich die Band aber wegen der regnerischen Bedingungen dagegen entschieden, die Mädels auf die Bühne einzuladen. Die Band schmuggelte diesmal unter ihre Bühnenbräuche eine komische Version von Ozzys Crazy Train, spielte ansonsten aber folgende Setlist: Eyes of a Panther, Goin‘ in the Backdoor, Party Like Tomorrow Is the End of the World, Just Like Tiger Woods, dann das brandneue All I Wanna Do Is Fuck (Myself Tonight), Poontang Boomerang, das erwähnte Ozzy-Cover Crazy Train, Asian Hooker, Girl From Oklahoma, 17 Girls in a Row, Community Property, Gold Digging Whore, Death to All But Metal und zum Abschluss Gloryhole. Das Konzert von Steel Panther ist wirklich die erste Adresse für verrückten Spaß, wie ihn Rock’n’Roll in seiner ursprünglichen Mission liefern kann.  

Zum Finale verlagerte sich das Geschehen wieder in die Halle. Dort trat das deutsche Duo Mantar auf, das ich selbst vor lauter Erschöpfung nicht angeschaut habe und lieber im Camp unter die Decke gekrochen bin – aber ich war Empfänger sehr positiver Informationen voller Begeisterung, dass das Konzert phänomenal war. Es handelt sich um ein Duo, das der ältere, offenbar schon leicht grauhaarige Mann und Schlagzeuger Erinç Sakarya sowie der jüngere Gitarrist Hanno Klänhard vertreten. Beide teilen sich auch den Gesang. Einander zugewandt. Und sie entfesseln giftige, hochspannungsgeladene Oktanenergie sowie eine ganz konkrete höllische Atmosphäre. Vernichtender, roher und primordialer Sound. Hanno soll richtig bestialisch sein, und die beiden kneten in ihrer Schmiedekunst einen beachtlichen Sack voller Doom-gestützter Riffs, da ist Motörhead-Energie – was bedeutet, dass sie sich auf Rock’n’Roll- und Punkrock-Bissigkeit stützen, das Ganze gravitiert aber auch zum Sludge. Offenbar wirklich ein ausgezeichnetes Konzert und eine Band, die man unbedingt live erleben sollte. Die Band trat auch bei der letztjährigen Ausgabe des Metaldays-Festivals auf und verdiente sich dort für ihren Auftritt damals ebenfalls eine sehr schöne Bewertung.

Der zweite Tag ist also abgeschlossen. Er war verdammt nass. Zwei Regentage des Festivals liegen also hinter uns. Wir hoffen, dass der dritte zumindest zu zwei Dritteln trocken sein wird, wenn folgende Acts ihren Auftritt angekündigt haben: Screamer, RAM Flotsam and Jetsam, Armored Saint, Metal Church, Kickin Valentina, Omnium Gatherum ,Tribulation, Candlemass, Einherjer, Ross the Boss, Skid Row und als Headliner des dritten Tages Avantasia. Aber dazu mehr in der dritten Festivalkritik unserer diesjährigen Berichterstattung aus Balingen.

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik


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