Apokalyptische Gojira entfacht Zagreb erneut (2025)

foto: ALEŠ PODBREŽNIK 2025
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Auftretende: Gojira & Lacuna Coil
Ort: Zagreb / SRC Šalata / Kroatien
Datum: Sonntag, 27. 7. 2025


Gojira sind nach drei Jahren nach Zagreb zurückgekehrt. Zu einer Zeit, in der unser Medium eine komplette Transformation erlebt, und zu einer Zeit, in der ein älterer Zeitgenosse meines Schlages sich ‚gezwungenermaßen‘ entschließt, zum Konzert einer Band aufzubrechen, die ihm im Grunde nicht viel bedeutet. Aber Gojira werden von weltweiten Horden glühender Anhänger verehrt, überwiegend aus der Millennial-Generation. Deshalb ist die Neugier, was an Gojira eigentlich so besonders ist, einfach zu überwältigend – egal wie man es dreht. Du weißt, dass das eine großartige Sache wird, tatsächlich ein neues, sehr besonderes und andersartiges Erlebnis, wegen dem du dich in den Hintern beißen würdest, wenn du an diesem Tag nicht zum insgesamt dritten Gojira-Konzert in Zagreb aufgebrochen wärst. Allerdings sind der Autor dieser Zeilen und Gojira keine vollständigen Fremden. Einst erwischte er Gojira bei einem exklusiven Clubgig in Roncade bei Treviso – 7. 6. 2016, während das zeitlich noch weiter entfernte (flüchtige) Treffen mit der Band am 13. 5. 2012 im Stadio Friuli in Udine – damals eröffneten Gojira (gemeinsam mit Machine Head) den Abend für Metallica – noch schneller in Vergessenheit geriet.

Wieder dieses Wetter, ‚auf amerikanische Art‘ eingebaut (wenn du zwischen den Zeilen liest, weißt du, worauf ich anspiele). Die halbe Tageszeit wunderschön, dann setzt du dich ins Auto und der Kompass führt dich wieder geradewegs in den Schoß einer pechschwarzen, undurchdringlichen, massiven Wolkenmasse, vollgepackt mit atmosphärischem Wasser, aus dem unbarmherzig Blitze zucken. Einem (angeblich neuerdings so genannten) ‚Zell-Gewitter‘, das sich dem Hang bei Vrhnika näherte, konnten wir noch entkommen – das folgende auf der Fahrt über die Autobahn durch den Krakovski-Wald war jedoch unvermeidlich. Und der Blick weiter, über Obrežje hinaus? Nicht anders. Keine Hoffnung.

Wie auch immer, das Wetter hatte sich bis sieben Uhr abends irgendwie notdürftig stabilisiert, und trotz der ganzen tropfenden Feuchtigkeit regnete es zumindest nicht. Die Šalata war bereits bis auf den letzten Platz gefüllt. Ich sollte erwähnen: Das Konzert war restlos ausverkauft. Die italienischen Meister des sogenannten Gothic/Alt-Metals Lacuna Coil, Schützlinge des amerikanischen Labels Century Media, schienen die ideale Wahl für das Vorprogramm zu sein. Die stets anziehende und charismatische Sängerin Christina Scabbia bleibt die zentrale Attraktion dieser Band. Immer. Natürlich in erster Linie stimmlich. Auf Alben, noch mehr aber bei Konzerten. Das ist Tatsache. Die Band nutzte die dreiviertel Stunde sehr gut. Das Quintett ist außerordentlich erfahren, routiniert. Der Auftritt hatte für die Mailänder Gothic-Metal-Meister große Bedeutung. In Kroatien traten sie sogar zum allerersten Mal auf, weshalb sowohl Christina als auch ihr männliches Gesangspendant Andrea Ferro mehrmals lautstark wiederholten, welche Ehre und Freude es ihnen bedeutet, vor kroatischem Publikum zu spielen. Die Band ist bestens geölt. Eingespielt, souverän und ansteckend. Im Anfangsteil wurde das Gesamtbild lediglich vom Sound ein wenig getrübt, der sich jedoch bereits in der ersten Hälfte des Auftritts auf ein vorbildliches Hörniveau eingepegelt hatte. Das Quintett stellte auch das relativ neue Mitglied und Gitarristen Daniele Salomone vor, der sich der Band im vergangenen Jahr angeschlossen hatte.

Die Band unterstellte die Setlist dem neuen Album „Sleepless Empire“ und spielte u. a. auch zwei Tracks vom ausgezeichneten sechsten Album „Dark Adrenaline“ (Kill The Light, Trip the Darkness). Der Vorgänger „Black Anima“ war gleich mit den Eröffnungsnummern Layers of Time und Reckless vertreten. Dazu noch die umgestaltete „Comalies“-Nummer Heaven’s A Lie XX. Mehr Staub wirbelte gegen Ende des Auftritts das Depeche Mode-Cover Enjoy The Silence auf, und die Band hinterließ mit dem abschließenden Oxygen – erneut vom neuesten Album – einen äußerst überzeugenden Eindruck. Wie gesagt, man merkt Lacuna Coil die Kilometer an. Sie nutzen die Bühne geschickt und haben mit ihrer düsteren Musikalität auf die äußerst erfahrene Weise echter Veteranen einen großartigen Eröffnungstritt geliefert!

Gojira sind Gojira. Bei dieser Band – mit etwas kürzerer Karriere als Lacuna Coil, und doch: bald feiern sie ihr 30-jähriges Bestehen – ist es interessant, dass sie recht lange für den Durchbruch brauchte. Als dieser dann kam, wurden Gojira schlagartig zur globalen Attraktion. Sie sind in allem besonders und setzen die Maßstäbe für die moderne Ära des Metals. Wenn wir von technischer Präzision und dem progressiv-metallischen Charakter der Songs sprechen, die von Death-Metal-Figuren durchdrungen sind, sind Gojira absolute Ausnahmeerscheinungen im Bereich der expressiven Reichweite aktueller Erkenntnisse im modernen Metal. Bei ihnen ist alles hervorragend platziert. In den richtigen Dosierungen. Von der Musikalität, dem Progressiven, stellenweise auch ‚verdjenteten‘ Seltsamkeiten, bis hin zu extremen, tief gestimmten Groove-Salven, die durch lawinenhaftes Gitarren-Phrasing generiert werden, in entschlossenem Kontrast zur Schlagzeugmaschinerie, der die vernichtende Wut des Doppelbass-Drums von Mario Duplantier gebietet. Wirklich in jeder Hinsicht absolut jeden Sündenfall wert. Gewürzt mit Salven pyrotechnischer Effekte und Bühnenkulissen im Hintergrund, die einmal mehr unterstreichen, dass Gojira absolute Ausnahmeerscheinungen sind – sie wagen sich in ihren Texten tief auf die Felder der Spiritualität und Philosophie vor, während in ihnen gleichzeitig der kämpferische Geist des Umwelt- und Naturschutzes lebendig bleibt.

Das Publikum gehörte an diesem Abend ihnen. Schlagartig und in allem reagierte es intensiv auf jeden einzelnen Reiz von der Bühne mit lauten Rückmeldungen. Das textsichere Mitgrölen setzte der phänomenalen Konzertatmosphäre das Tüpfelchen aufs i. „Fortitude“ und „Magma“, die arrangierungstechnisch raffiniert ‚aufgelockerten‘ letzten beiden Studioalben, haben die ganze Welt erobert, und es war schier unglaublich zu beobachten, wie das Publikum buchstäblich in allen chemischen Reaktionen mit der Band verschmolz. Wirklich großartige Gefühle. Aber Gojira sind als Truppe von nur vier Musikern unglaublich kompakte Stürmer. Mit außerordentlich autoritärer Haltung kommandierte Joe Duplantier das Konzert und holte auf den Growl-Teilen erneut jenen ursprünglichen ‚wilden Instinkt‘ bzw. jene Vokalhaltung heraus, als käme sie aus den Kehlentiefen eines ‚Homo erectus‘, der Vierbeiner terrorisierte, noch in Zeiten vor der ersten Eiszeit. Sein Bruder Mario hingegen ist ein wahres Schlagzeugmonster, das man auch in den Bühnenvordergrund stellen könnte. Erneut heizte er in einer der Pausen das Publikum mit auf Karton geschriebenen Botschaften in kroatischer Sprache an, und bei all diesen gottlos-stürmischen Schlägen, die aus dem Bereich seiner Beine kommen, fragt man sich, wie die Techniker nach dem Konzert überhaupt alle Muttern und Schrauben finden, die beim Konzert vom Schlagzeug-Set wegfliegen.

Ihren Teil dazu leistete Mea Culpa (Ah! Ça ira!), mit der Gojira bei den jüngsten Pariser Olympischen Spielen aufgetreten waren und die ihren globalen Erfolg noch weiter gestärkt hatte. Sie sparten sie bis zum finalen Teil auf. Von der Bühne ergoss sich ein schier endloser Regen roter Bänder, mit denen sie das Gelände überschütteten! Alles geschah in einem außerordentlichen Galopp und Tornado aus Leidenschaft und Emotionen, in dem Zeit- und Raumgefühl verschwanden. Vor allem das Zeitgefühl. Wir sind schon in der Zugabe! Das Album „L’Enfant Sauvage“ hatte gefehlt, und die Zugabe lieferte das Sahnehäubchen mit dem Titeltrack! Die Band nutzte die Zugabe auch für eine Hommage an den kürzlich verstorbenen Prinzen der Dunkelheit Ozzy mit einer interessanten Wahl: Sie coverten die Black Sabbath-Klassiker Under the Sun/Every Day Comes and Goes (normalerweise spielen alle Bands Paranoid oder War Pigs – aber wie gesagt: nicht im Fall von Gojira, die auch in dieser Hinsicht ’sympathische Eigenbrötler auf der Welle des Apokalypse-Reitens‘ bleiben, voller Überraschungen).

Zum Finale noch einmal eine verheerende Rückkehr zu „L’Enfant Sauvage“ mit The Gift Of Guilt – und das war’s. Das Gefühl der nahenden Apokalypse, das Gojira an diesem Abend in Zagreb gewollt oder ungewollt beschworen hatten, verstärkte erneut der (glaubt es oder nicht, wirklich ’sehnlichst vermisste‘) Regen, der vor der obligatorischen Zugabe wieder reichlich zu fallen begann und die Glut der erhitzten Köpfe der Menge abkühlte, denn die Eindrücke der Begegnung mit dieser wirklich besonderen Band waren in allem außerordentlich stark und bisweilen sogar hypnotisch! Um es abzurunden: Alles in einem – absolut erstklassig!

Fotos: Aleš Podbrežnik
Text: Edita Klemen & Aleš Podbrežnik

Lacuna Coil – Setlist:
1. Layers of Time
2. Reckless
3. Hosting the Shadow
4. Kill the Light
5. Blood, Tears, Dust
6. Heaven’s a Lie XX
7. I Wish You Were Dead
8. Trip the Darkness
9. Enjoy the Silence (orig. Depeche Mode)
10. Oxygen

Gojira – Setlist:
1. Only Pain
2. The Axe
3. Backbone
4. Stranded
5. Born for One Thing
6. Flying Whales
7. The Cell
8. From the Sky
9. Another World
10. Silvera
11. Mea culpa (Ah! Ça ira!)
12. The Chant
13. Amazonia
—Zugabe—
14. L’enfant sauvage
15. Under the Sun/Every Day Comes and Goes (orig. Black Sabbath)
16. The Gift of Guilt


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