Allegiance
Künstler: Firewind
Label: Century Media
Veröffentlichung: 2006
Bewertung: 4/5
Dieses Album ist für mich eine astreine Überraschung! Als ich es in die Hand bekam, habe ich nur abgewunken nach dem Motto: „Ach, schon wieder so ein zwitschernder Power-Metal-Oberkrainer-Haufen!“ Zumal nach dem typischen Power-Metal-Cover zu urteilen. Ich hatte es null eilig, es in den CD-Player zu schieben. Zum Glück hat mich ein Kumpel mit seiner unstillbaren Neugier dazu gebracht, und das Ergebnis? Hoppla – (indischer) Hanf! Firewind haben noch einen Schritt nach vorn gemacht. Es geht also um eine Abkehr von dem heute immer weniger reizvollen, „klischee-power-metallisch“ gefärbten, instant-repetitiven Geballer, das den Vorgänger ‚Forged By Fire‘ getragen hat. Jetzt haben die Jungs den fünften Gang rausgenommen und ein paar typische Elemente des melodischen „Hardrock“ dazugepackt und sich so sogar dem Old-School-Heavy-Metal der deutschen „Eighties“-Schule angenähert, den zum Beispiel Angel Dust erfreulich weitergeführt haben. Firewind klingen auf der neuen Platte also nicht wie irgendwelche durchschnittlichen Power-Metal-Rotznasen vom Schlage „Kladupadu“, die fröhlich vom furchtlosen Aufspießen von Drachen mit Schwertern singen und mit oft überforcierten, in Dur dastehenden Riffs metallisch ziemlich geschmacklos ausklingen – denn das Wesen des Metal ist neben der rebellischen Haltung Düsternis, Verdammnis, Drama, von dem immer zumindest ein Fünkchen da sein muss! Und Firewind haben diese Zutaten auf „Allegiance“ im Überfluss. Kopfschmerzen vom zu hohen Saccharosegehalt gibt es auf „Allegiance“ also keine! Gus G., der hyperaktive Musiker und einer der besten Gitarristen der Generation junger Metal-Hoffnungen, hat seine Aktivitäten bei Mystic Prophecy, Nightrange und den Dänen von Dream Evil aufgegeben (wobei er dieses Jahr beim Ozzfest als verfügbarer „Jump-in“-Gitarrist bei den Auftritten von Arch Enemy ausgeholfen hat). So konzentriert er sich mit seiner Vision jetzt ausschließlich auf seine Band Firewind. Dänen und Griechen waren im Metal offenbar schon immer dicke Verbündete! Gus G. mit Dream Evil, und Firewind-Sänger Apollo Papathanasio hat neulich den Leadgesang für die neue Platte der Dänen Evil Masquerade „Third Act“ beigesteuert,….
Lassen wir das jetzt. Firewind atmen jetzt noch freier! Hymnische Refrains ohne überflüssigen Epik-Pomp, geerdet, vor allem aber das willkommene Weglassen des Dauergehämmers am Double-Bass-Pedal, was zu mehr Ruhe und zugleich zu mehr Atmosphäre führt, tut vor allem Sänger Papathanasio und seiner melodischen Stimmfarbe gut! Sein autoritärer Gesang strahlt auf „Allegiance“ buchstäblich in vollem Glanz. So ausdrucksstark war er weder bei den neuen Evil Masquerade noch je zuvor bei Firewind. Der Refrain von Ready To Strike zum Beispiel erinnert frech an Coverdale, also an Whitesnake und ihr Children Of The Night. Die Motive gehen geschmackvoll ineinander über, die Songs sind ausgefeilt, und Kompaktheit sowie hohe Dynamik sind ihr Markenzeichen. Hier haben die Songs Hand und Fuß – dank eines feinen Gespürs fürs Komponieren. Die instrumentalen Mittelteile sind oft die wahren atmosphärischen Höhepunkte der Songs. Ein Rhythmuswechsel, langsamer Atmosphärenaufbau durch abgestufte Klangkontraste der Keyboards oder überleitende melodische Gitarrenverzierungen, dann die plötzliche Ultra-Explosion von Gus G.s Soli, womöglich Kreuzfeuer im Wechselspiel mit Keyboard-Soloparts, das die Griechen von Firewind aus Skandinavien mitgebracht haben, und immer die gelungene Rückkehr zum schlagkräftigen Leitmotiv der hymnischen Refrains. Alles sitzt verdammt überzeugend. Ohne Süßstoff und rein natürlich krachend – „mitten in die Stirn des Dämlichen“. Die Dynamik der Platte springt überraschend auch auf den Song Breaking The Silence über, wo ein hervorragender Tempowechsel durch das Duett der schwedischen Sängerin Tara mit Apollo entsteht. Neues Bandmitglied ist der erfahrene Drummer Mark Cross, der zuvor bei Metalium und Helloween gespielt hat und bekannt ist für seine jüngste Schlagzeughilfe für die legendären AOR/n.w.o.b.h.m-Größen Saracen auf der Platte „Vox in Excelso“ (2006). Firewind haben also gestandene, erfahrene Musiker in ihren Reihen! Kurz: Die Musik hat natürlich etwas an Schärfe verloren, dafür ist die Atmosphäre gewachsen, und Firewind haben im neuen Ausdruck noch mehr Bewegungsfreiheit gefunden. Die Produktion bewahrt auf jeden Fall die nötige bzw. geforderte Aggressivität, und die Riffs sind penetrant adrenalingeladen, keine Sorge. Ein Genuss ist vor allem Gus G.s Soliererei, die an die Vollendung der Soli des großen Michael Schenker erinnert, natürlich im modernen Metal-Gewand.
Headbanger, die ewig nur auf Tempo und Härte schwören, werden trotz der erwähnten stärkeren Flirts von „Allegiance“ mit den melodischen Hardrock-Elementen mit metallischer Unnachgiebigkeit und Durchschlagskraft belohnt, und zwar bei Songs wie: Till The End Of Time (Gitarren-„Picking“ über den Riffs im Refrain im Stil der guten alten Helloween), Dreamchase und Allegiance, die sich am stärksten auf das Erbe des vorherigen Studioalbums von Firewind stützen. Neuerungen bringen die Stücke ‚The Essence, Where Do We Go From Here? und Deliverance. Der Einfluss von Whitesnake ist spürbar, he, he, he,… (nochmals sei auf den Song Ready To Strike hingewiesen).
Ich bringe meine Beichte kurz zum Ende mit der Anmerkung, dass das neue Album von Firewind ein absolutes Upgrade ist, ein Schritt nach oben. Leider wird sich die Band damit nie größere Beachtung auf der Landkarte des modernen Heavy Metal erspielen können, denn „schon“ (?) alles wurde erfunden. Dennoch werden sie von Platte zu Platte zum Inbegriff von Qualität, die dich immer überzeugender und fesselnder in ihre Umarmung hüllt und in diesem Sinne mit ausgefeilten Songs belohnt, technisch wie atmosphärisch. „Allegiance“ ist ein Zeugnis des Reifewachstums und der Weiterentwicklung der Band, die ganz sicher noch nicht abgeschlossen ist. Ein sehr, sehr schönes Stück Arbeit.
Besetzung
Apollo Papathanasio – Gesang
Gus G. – Gitarre
Bob Katsionis – Keyboards
Petros Christo – Bass
Mark Cross – Schlagzeug
Produktion
Firewind & Frederik Nordstrom
Tracklist
1. Allegiance 04:41
2. Insanity 04:29
3. Falling to Pieces 04:03
4. Ready to Strike 04:35
5. Breaking the Silence 04:03
6. Deliverance 06:07
7. Till the End of Time 04:36
8. Dreamchaser 04:07
9. Before the Storm 03:42
10. The Essence 04:19
11. Where Do We Go from Here? 03:57
Spielzeit: 48:42