IQ: Dominion

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Label: GEP Records
Erscheinungsdatum: 28. 3. 2025
Produktion: Michael Holmes
Albumlänge: 53.08 min
Genre: Progressive Rock
Bewertung: 10/10


IQ, die Champions der britischen Neo-Prog-Rock-Bewegung, melden sich mit einem neuen Studioalbum namens „Dominion“ zurück. Der Albumtitel, hinter dem ein konzeptueller Unterbau zu stecken scheint, greift zeitlose Themen auf – das unerbittliche Vergehen der Zeit, das Altern, den Tod und jene brennende Frage, mit der sich alle Weltreligionen beschäftigen: ob der physische Tod wirklich das Ende von allem ist, oder ob sich ‚auf der anderen Seite‘ vielleicht die Möglichkeit eines Neuanfangs auftut. Mit solch tiefgründigen Themen haben sich IQ bereits auf früheren Alben auseinandergesetzt, darunter „The Wake“ (1985) und „Ever“ (1993), die zu ihren meistgeschätzten Werken zählen.

Auch „Dominion“ ist, ganz in ihrer Tradition, ein äußerst ambitioniertes Album voller (positiver) Überraschungen und mutiger Experimente – denn von allen IQ-Alben, abgesehen von den beiden kommerziell ausgerichteten Platten vom Ende der Achtziger, zeigt es am wenigsten Einflüsse der Peter Gabriel/Steve Hackett-Ära von Genesis. Diese Einflüsse haben IQ praktisch seit ihren Anfängen und durch den Löwenanteil ihrer Karriere begleitet, vor allem dank der stimmlichen Verwandtschaft von Peter Nicholls mit dem bereits erwähnten Gabriel sowie dank der majestätischen, oft epischen sinfonischen Keyboard-Arrangements – wenngleich die Neo-Prog-Granden dank Mike Holmes stets etwas knackigere Gitarrenpassagen im Angebot hatten als ihre Vorbilder.

Obwohl Nichollsʼ Stimmfarbe, wie stets, unverkennbar an Gabriel erinnert, enthält „Dominion“ eine überraschende Abkehr von Genesis-Einflüssen und ein stärkeres Liebäugeln mit Yes (gemeint ist natürlich das klassische Yes der Siebziger), vor allem in den instrumentalen Abschnitten – was so manchen Anhänger verblüffen dürfte. Eine direkte Folge davon ist auch, dass „Dominion“ atmosphärisch ein wenig ‚heller‘ ausgefallen ist als die traditionell düsteren Alben, an die uns IQ vor allem in den ersten beiden Jahrzehnten des neuen Jahrtausends gewöhnt hatten. Das bedeutet nicht, dass einzelne Songs hier und da keine dunklen und melancholischen Momente hätten – doch als Ganzes ist „Dominion“ eines der optimistischsten Alben in der bisherigen Karriere der englischen Neo-Prog-Meister.

„Dominion“ enthält ’nur‘ fünf Songs, eröffnet aber mit dem über 22 Minuten langen Epos „The Unknown Door“, das man ohne Zögern zu den besten ‚Super-Epen‘ in der Geschichte dieser Band zählen darf. Neben Gedanken über einen möglichen ‚Neuanfang‘ nach dem physischen Tod enthält dieses Meisterwerk eine stets aktuelle Antikriegsbotschaft. Nach einer grandiosen, sinfonischen Eröffnung, untermalt von Archiv-Radioaufnahmen aus der Zeit zu Beginn des 2. Weltkriegs, setzt Nichollsʼ ungewohnt ruhiger, dabei traditionell melancholischer Gesang ein und lädt uns zu einem wahren musikalischen Abenteuer zwischen den Türen des Lebens und des Todes ein.

Ein brillanter Übergang in eine eklektische Sektion mit stärkerem Fokus auf mächtige Gitarrenpassagen und einem bunten Angebot an Keyboard-‚Paletten‘ wird alle langjährigen Fans im Nu begeistern. IQ waren schon immer Meister der dramatischen Spannungssteigerung, und auch diesmal bleiben sie ihrer Tradition treu: Der Song wird von Minute zu Minute dramatischer, bis er seinen Höhepunkt in einem Übergang zu einem ruhigeren, akustisch ausgerichteten Instrumental-Abschnitt erreicht, der atmosphärisch vielleicht den einen oder anderen an gewisse Werke von Porcupine Tree erinnern mag. Das dauert jedoch nur kurz, denn mit dem erneuten Einsatz von Nichollsʼ Gesang und rauschenden Orgeln entsteht eine ausgesprochen düstere Stimmung. Natürlich fehlen auch Holmesʼ gelegentliche solistische Glanzstücke auf der Gitarre nicht, die bei IQ-Epen schon fast selbstverständlich sind. Der abschließende ‚Ausgangs‘-Teil ist einer der großartigsten und gelungensten in der bisherigen Karriere der Neo-Prog-Urgesteine – ein wahrer Balsam für die Seele.

Die akustisch ausgerichtete Ballade „One Of Us“ bildet einen starken Kontrast zur vorangegangenen epischen Köstlichkeit, denn sie dauert gerade mal etwas über drei Minuten. Trotz dieser für IQ-Verhältnisse kurzen Spielzeit handelt es sich keineswegs um ein bloßes ‚Füllstück‘, sondern um einen der schönsten Momente des Albums mit einem leichten Folk-Einschlag. Hier sind die Yes-Einflüsse erstmals auf dem Album offen spürbar, denn Holmesʼ Passagen auf der Akustikgitarre folgen diesmal eher der Gitarrenschule von Steve Howe als jener von Steve Hackett. „No Dominion“, das das Thema der Trauer um den Verlust eines geliebten Menschen berührt und die Botschaft transportiert, dass der Tod eben kein Monopol auf den Abschluss des menschlichen Lebens hat (Titel und zentrale Aussage dieses Albums), ist eine der schönsten und tiefgründigsten Schöpfungen in der Geschichte dieser Band. 

„Far From Home“ ist ein 12-minütiges ‚Mini‘-Epos und der härteste Track des Albums, der alle Fans des düsteren IQ-Sounds begeistern wird – seine Atmosphäre erinnert gelegentlich an den Soundtrack eines Horrorfilms. Eine besondere Erwähnung verdient hier Keyboarder Neil Durant, der sich diesmal mehr solistische Ausbrüche gönnt und mit einem noch abwechslungsreicheren Spektrum eklektischer sinfonischer Arrangements als gewöhnlich aufwartet. Das Album schließt mit dem ausgesprochen optimistischen und positiv gestimmten „Never Land“, dem gleichzeitig melancholischsten und schönsten Song auf „Dominion“. Beim Hören hat man das Gefühl, als würden sich die dunklen Wolken auflösen und plötzlich die Sonne durch den Himmel scheinen. Atmosphäre und Botschaft dieses Songs erinnern ein wenig an den Pink Floyd-Klassiker „High Hopes“, wenngleich es sich um ein Werk mit völlig anderen Arrangements und einer anderen Rhythmusstruktur handelt. Wenn man schon denkt, der Song sei abrupt zu Ende gegangen, folgt ein unerwarteter Übergang in eine epische Sektion mit grandiosen sinfonischen Arrangements und einer weiteren außergewöhnlichen Gesangsperformance von Nicholls. Einen besseren Albumabschluss hätte man sich kaum vorstellen können.

IQ bleiben auch nach dem Erscheinen von „Dominion“ eine Großmacht der Neo-Prog-Rock-Bewegung. Das neue Album ist von der ersten bis zur letzten Sekunde ein Meisterwerk und gehört zu jenen Werken, die einem dank ihrer Komplexität und der Tiefe der einzelnen Botschaften bei jedem neuen Hören ein neues, bislang übersehenes Klangdetail offenbaren. IQ haben uns in den letzten drei Jahrzehnten gehörig verwöhnt: Nach Nichollsʼ Rückkehr zu Beginn der Neunziger und den für ihre Karriere wegweisenden Alben „Ever“ und „Subterranea“ (1997) erwartet man von ihnen schlicht ein neues Meisterwerk. Genau deshalb ist es wirklich keine Überraschung, dass auch „Dominion“ die hohen Erwartungen vollständig erfüllt – und für viele sogar übertroffen hat. Zwar brauchen sie für ein neues Album immer länger (diesmal sechs Jahre), doch zahlt sich das auch reichlich aus – denn so haben sie eines der besten Progressive-Rock-Alben des Jahres 2025 geschaffen.

Autor: Peter „Dr. ProgRock“ Podbrežnik

Tracklist:
1. The Unknown Door (22:33)
2. One of Us (3:10)
3. No Dominion (6:25)
4. Far from Here (12:44)
5. Never Land (8:16)

Besetzung:
Peter Nicholls – Gesang, Hintergrundgesang
Michael Holmes – Gitarre
Neil Durant – Keyboards
Tim Esau – Bassgitarre, Basspedal
Paul Cook – Schlagzeug, Perkussion


IQ – „Dominion“ (Giant Electric Pea Records, 2025)
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