The Night Flight Orchestra: Give Us The Moon

Napalm Records 2025
0 143

Label: Napalm Records
Erscheinungsdatum: 31. 1. 2025
Produktion: The Night Flight Orchestra & Sebastian Forslund
Albumlänge:
Genre: AOR/Arena Rock revival
Wertung: 9.0/10


The Night Flight Orchestra sind in jeder Hinsicht definitiv eine ganz besondere Band. Sie wird von außerordentlich erfahrenen und talentierten Musikern getragen. Die Truppe ist so etwas wie ein „Lichtventil“ – ein Projekt, dessen Hauptakteure aus den Sphären des Extreme Metal stammen. Logisch: Es ist schwer, ein ganzes Leben lang nur und ausschließlich Melodic Death Metal zu spielen und zu komponieren. „Give Us The Moon“ ist damit bereits das siebte Studioalbum der Band, die ihre ersten sechs Alben in einem Tempo rausgehauen hat, das seinesgleichen sucht. Innerhalb von neun Jahren. Die Zeitspanne zwischen dem vorherigen „Aeromantic II“ (RockLine Rezension, 2021) und dem neuesten beträgt dreieinhalb Jahre – wobei man das zwischenzeitliche Chaos rund um die Zeit der P(l)andemie im Hinterkopf behalten muss, ebenso wie das tragische Ereignis, das die Band 2022 traf, als eine der treibenden Kräfte der Gruppe und ihr Gitarrist David Andersson plötzlich verstarb. Doch das hat The Night Flight Orchestra nicht gestoppt. Im Gegenteil: Aus dem Septett sind sie sogar gewachsen. Zum Oktett. Die Besetzung zählt nun zwei Gitarristen und hat außerdem einen weiteren Keyboarder integriert.

Das neue Album unterscheidet sich ein wenig von den vorherigen. In den Arrangements abwechslungsreicher und vielfältiger. Aber eins ist sicher: Die Songs sind wieder so aufgestellt, dass man The Night Flight Orchestra – hätten sie in der zweiten Hälfte der Siebziger das Licht der Welt erblickt – heute als Arena-Rock-Band zu den Pionieren des AOR-Genres zählen würde, mit Alben im Multi-Platin-Status.

The Night Flight Orchestra sind schwedische Musiker und in ihrer Arbeit unglaublich engagiert und pedantisch. Dabei besitzen sie ein tief verinnerlichtes Gespür für Musikalität – was einen sofort zum Knotenpunkt der Assoziationen mit der zeitlosen Erscheinung und dem Werk von ABBA bringt –, und sie werden keinen Song auf Band bannen, solange er nicht bis ins allerkleinste Detail ausgearbeitet und poliert ist. Produktionstechnisch wie arrangementtechnisch. Und zwar so, dass er sofort packt. Schon beim ersten Reinhören, wenn einen die ultra-ansteckend eingängigen Refrains direkt erwischen – die gleichzeitig auch die Höhepunkte des schieren Pomps und der aufgebauten Bombastik des Albums sind!  Die Qualität des Werks liegt auch darin, dass diese große Bombastik an keiner Stelle durch eine „zuckersüße Ballade“ unterbrochen wird – was auf den AOR-Albenklassikern der Achtziger so gut wie Pflicht war.

The Night Flight Orchestra haben sich durch die gezeigte künstlerische Konsequenz, mit der sie reihenweise wirklich hochwertige Leistungen aufgefädelt haben, schon lange die Flügel verdient, mit denen sie hoch fliegen. Nah an der Sonne. Doch verbrennen sie sich dabei nie die Finger, um danach abzustürzen. Und Poesie sowie Inspiration? Alles, was sich hinter den Kulissen der Passagierflugzeuge abspielt, rückt wieder nah. Nostalgie, romantische Affären unter dem Kabinenpersonal, eine Reihe „prickelnder“ und faszinierender Versuchungen. In neuen Flieger- und Interkontinental-Geschichten. Und Hand aufs Herz: „Give Us The Moon“ ist wieder so ein extrem hörbares und bombastisch aufgezogenes Werk, dass es sich perfekt in den Player jedes beliebigen Fortbewegungsmittels einfügt. Vor allem, wenn du irgendwo auf einer langen Nachtfahrt unterwegs bist, deine Mitreisenden schon tief schlafen und du am Steuer das Album auf Anschlag aufdrehst!  Das ist das ideale Mittel für deinen Alltag! Auch weil es die unbeschwerte Heiterkeit und jenes unwiederholbare Lebensgefühl der positiven Achtziger in sich trägt!    

Ja. Die Einflüsse lassen sich nicht leugnen. Der Titeltrack und das spätere A Paris Point Of View schulden in ihrem Hauptmotiv ABBA Dank für die Inspiration, während sie rhythmisch sogar einen leichten Disco-Funk-Unterton tragen. Stratus, mit dem das neue Album zu Beginn abhebt, und das spätere Cosmic Tide könnten, was die Keyboard-Arrangements betrifft, mit Momenten aus Totos AOR-Manövern der Achtziger verglichen werden – was beispielsweise auch andere skandinavische Zeitgenossen von The Night Flight Orchestra in ihren aktuellen Albumveröffentlichungen sehr gut verinnerlicht haben, wie etwa Palace, Houston oder Work Of Art. Natürlich ist das „West-Coast/AOR“-Element wieder so etwas wie der zentrale Gravitationspunkt des Albums, was bedeutet, dass auch „Give Us The Moon“ wieder das ältere Publikum begeistern wird, das in seiner Jugend mit den Klängen von Survivor, Night Ranger und Journey aufgewachsen ist. Way To Spend The Night trägt in seiner rhythmischen Konfiguration eine Assoziation zum Blondie-Hit Call Me – nur ist das Ganze schneller, beschleunigt, mehr aufgedreht. Mit einem besonders fantastischen Refrain! Neben dem in Shooting Velvet ist das definitiv einer der herausragenden Refrains auf dem Album. Der Track Way To Spend The Night könnte das neue Album auch problemlos eröffnen (kein Wunder, dass die Band beide genannten Tracks als Album-Singles ausgewählt hat).

Der Vorteil von Bands wie The Night Flight Orchestra liegt heute darin, dass sie sich aus einem archaischen Genre inspirieren lassen und Elemente des AOR und Arena Rock mit außerordentlicher Glaubwürdigkeit in ein zeitgemäßes Produktions- und Arrangement-Gewand recyceln. Solche Bands gibt es kaum, und so kommen Generationen von Metalheads, die die Bandmitglieder als Teenager beim Hören von Arch Enemy und/oder Soilwork kennen gelernt haben, in Berührung mit einer musikalischen Ausrichtung, die ihnen völlig fremd ist – die sie aber dank der grenzenlosen Loyalität gegenüber den Stammbands, denen die einzelnen Mitglieder von The Night Flight Orchestra angehören, für sich beanspruchen können (und von dort aus den Hintergrund dieser Richtung weiter zu entdecken – wenngleich das bei „hartgesottenen Metallköpfen“ eine ziemliche Seltenheit ist). Man muss bedenken, dass die Kernmusiker der Band im Grunde auch vom Herzen her Metaller sind – und das versteckt auch das neue Album nicht. Das lässt sich in einigen Lösungen innerhalb der Tracks des Albums „Give Us The Moon“ wahrnehmen (die Ausführung der Schlagzeug-Übergänge, an einzelnen Stellen die betonte Phrasierung beider Gitarren).

Strid ist stimmlich phänomenal in die Form der Kompositionen gegossen, wo er von Harmonien weiblicher Vocals und den rauschenden Schichten der Achtziger-Synthesizer umhüllt wird. Er hat sich Dave Bicklers (Survivor) Baskenmütze nicht umsonst verdient. The Night Flight Orchestra tragen nämlich auch eine Prise Selbstironie in sich, die im Hintergrund wirkt, dabei aber ungemein viel Spaß macht! Vor allem wegen der Bühnengarderobe der einzelnen Akteure – da wäre zunächst die Vocal-Crew an der Spitze mit Björn Strid, seinem goldglänzenden Seidenumhang, der Baskenmütze und der Ray-Ban-Brille, und ganz besonders die beiden Backing-Sängerinnen, die immer und überall obligatorisch als Stewardessen auftreten.

„Give Us The Moon“ ist ein neues, außerordentlich hochwertiges Werk der Band. Auf ihm bleibt sie ihrem musikalischen Ansatz treu, wobei sie einige neue Dinge ausprobiert und in die Form der Tracks eingewebt hat – was dem Album ein höheres Maß an Abwechslung, Dynamik und auch energetischem Output mit einem hochfließenden Drive verleiht, der einen sofort in seinen Bann zieht. Der Höhepunkt davon ist definitiv der abschließende Track Stewardess, Empress, Hot Mess (And The Captain Of Pain), der auf knapp acht Minuten ausgreift. Es ist eine interessante Mischung aus Inspiration durch Arena-Rock-Elemente der Siebziger (Angel, frühe Foreigner) und AOR-Musik, verbirgt dabei aber auch lebhafte Progressive-Rock-Manöver nicht, die sich besonders in der zweiten Hälfte des Tracks einschleichen. Der Track ist bewusst ans Ende des Albums gesetzt, weil er leicht vom restlichen Material abweicht. Unterm Strich: The Night Flight Orchestra haben ihre Mission einmal mehr mit Bravour erfüllt!

Autor: Aleš Podbrežnik

Tracklist:
1. Final Call (Intro)
2. Stratus
3. Shooting Velvet
4. Like The Beating Of A Heart
5. Melbourne, May I?
6. Miraculous
7. Paloma
8. Cosmic Tide
9. Give Us The Moon
10. A Paris Point Of View
11. Runaways
12. Way To Spend The Night
13. Stewardess, Empress, Hot Mess (And The Captain Of Pain)

Besetzung:
Björn Strid – Gesang
Sharlee D’Angelo – Bass
Jonas Källsbäck – Schlagzeug
Sebastian Forslund – Gitarre, Perkussion
John Lönnmyr – Keyboards
Rasmus Ehrnborn – Gitarre
Anna Brygard – Hintergrundgesang
Åsa Lundman – Hintergrundgesang


The Night Flight Orchestra – „Give Us The Moon“ (Napalm Records, 2025)
Pošlji komentar

Your email address will not be published.

Ta stran uporablja piškotke z namenom zagotavljanja spletne storitve, oglasnih sistemov in funkcionalnosti, ki jih brez piškotkov ne bi mogli nuditi. Z obiskom in uporabo spletnega mesta soglašate s piškotki. Sprejmi Preberi več

Zasebnost&piškotki