The Dead Daisies: Light ‚Em Up
Label: Spitfire Music / Steamhammer / SPV Records
Veröffentlichungsdatum: 6. 9. 2024
Produktion: Marti Frederiksen
Albumlänge: 36.39 min
Genre: Hard Rock
Bewertung: 8.0/10
The Dead Daisies, ein Hard-Rock-Quintett, das der australische Finanzmagnat David Lowy 2012 ins Leben rief, kehrt diesen September mit bereits ihrem siebten Album auf die Bildfläche zurück – was angesichts der vergleichsweise kurzen Bandgeschichte ein mehr als beneidenswertes Kunststück ist. Erst recht, wenn man bedenkt, dass sich in dieser Zeit ein ganzes Regiment außergewöhnlicher Musiktalente in der Band die Klinke in die Hand gegeben hat, die früher u.a. bei Guns N‘ Roses, Thin Lizzy, Whitesnake, The Rolling Stones, Journey, Rob Zombie und The Cult aktiv waren. Nicht umsonst haftet der Band deshalb immer wieder das Prädikat ‚Super-Rock-Kombo‘ an. Dazu kommen noch Deep Purple und Black Sabbath, denn zwischen 2019 und 2023 veröffentlichte auch Glenn Hughes zwei Alben mit der Band – er übernahm in dieser Zeit den Basspart und natürlich auch die Vocals.
Glenn hat The Dead Daisies also verlassen, und zurückgekehrt ist Sänger John Corabi (ex-Mötley Crüe). Erraten. Mit Corabi an Bord knüpfen The Dead Daisies mit dem neuen Album an »Burn It Down« (2018) an – das letzte The Dead Daisies-Album, das mit Corabi aufgenommen wurde, bevor er die Band verließ. Neuer Bassist ist Michael Devin, der zusammen mit Douglas Aldrich der neuen Besetzung noch mehr Whitesnake-DNA einimpft. Noch ein Detail: »Light ‚Em Up« wurde ohne Schlagzeuger Brian Tichy aufgenommen; für Live-Gigs hat sich die Band erneut an Tommy Clufetos gewandt. Kurzum: Besetzungsrochaden gehören bei dieser Band zum Dauerprogramm. Offenbar wollten Lowy und seine Leute mal wieder eine Veränderung, und Hughes hat sich keinen Moment damit aufgehalten – er ist chronisch ausgebucht, gibt seiner Solokarriere den Vorzug, wobei gelegentliche Black Country Communion-Manöver dabei nicht ausgeschlossen sind. Deshalb ist »Light ‚Em Up« spürbar ein anderes Album als alles, was The Dead Daisies zuvor mit Glenn eingespielt haben. Glenn ist nämlich eine musikalische Persona, die überall, wo sie auftaucht – und das genreübergreifend –, eine markante künstlerische Verschiebung mit sich bringt; dem konnten sich auch »Radiance« (2022) und »Holy Ground« (2021) nicht entziehen, die in weiten Teilen eben ‚typische Hughes-Alben‘ sind. Corabi ist definitiv keine so dominante Figur wie Glenn – er reicht ihm in dieser Hinsicht nicht mal ans Knie –, aber sein Comeback ist auf jeden Fall willkommen, denn Lowy und seine Mannschaft sind damit wieder in ein expressiveres Format geschlüpft, mit einem Gefühl größerer Lockerheit, vor allem dank der ausgewogeneren Kräfteverteilung unter den Mitgliedern der neuen Besetzung. Und das, obwohl The Dead Daisies vom Quartett wieder zum Quintett gewechselt sind, was bedeutet, dass Lowy einen Mitarbeiter mehr auf der Gehaltsliste hat. Aber das ist sein geringstes Problem. Neuerdings ist Aldrich in Sachen Charisma bei weitem der stärkste Magnet und die dominante Figur – ein Gitarrist, den in dieser Hinsicht einzig der legendäre, man könnte fast sagen omnipotente Hughes gezähmt hatte.
Kommen wir zum Material. Eigentlich nichts, was The Dead Daisies nicht schon früher gezeigt hätten. Es ist ein sehr kompaktes Werk, das direkt auf den Punkt kommt. Die Spielzeit beträgt knapp unter 37 Minuten – sehr gut so. Kein Zeitdiebstahl, nirgends. Die Band kommt sofort zur Sache: neun messerscharfe Kracher und die knackige Powerballade Love That’ll Never Be. Der Albumauftakt holt die Energie zurück in die Zeiten von »Burn It Down«. Der eröffnende Titeltrack kommt in seiner Phrasierung ähnlich daher wie Long Way to Go (»Make Some Noise«, 2016). Ein erstklassiger Banger mit eingängigem Chorus – und das nicht nur als perfekter Albumstart, sondern auch als heißer Kandidat für den Tourneeeröffner. I Wanna Be Your Bitch ist genau der Track, den The Dead Daisies mit einem Typen vom Kaliber Glenn Hughes niemals hätten aufnehmen können. Dafür brauchst du am Mikro einen eitlen Rabauken wie Corabi. Der Song legt offen, warum Mötley Crüe ihn einst in ihre Reihen holten – und er kokettiert sogar mit Punk-Rhetorik. Voll auf die Zwölf! Dann gibt’s I’m Gonna Ride, wo das hochoktanige Brennen auf dem Rücken einer riesigen Rock’n’Roll-Welle unvermindert weitergeht – eine kontrastreiche Rolle spielt dabei auch Devins intensives Wühlen am Bass. I’m Gonna Ride ist einer der größten Zünder auf dem Album, der einen sofort packt. Die erste Albumhälfte prescht ungezähmt voran, holt das Beste aus den Welten des klassischen Hard Rock und Glam Metal heraus und enthält, wie erwähnt, auch eine Prise Punk-Rock-Garagenkonnotation. Der Galopp dieser Salve adrenalingeladener Rock’n’Roll-Ohrfeigen kennt keine Bremsen.
Die zweite Albumhälfte flirtet noch etwas stärker mit den Elementen des klassischen Rocks der Siebziger. Back To Zero spielt mit Halbtonbiegungen, was in einem ausgesprochen düsteren – fast ‚Sabbath-esken‘? – Refrain kulminiert, während Way Back Home in seiner Hauptphrase Led Zeppelin und deren The Rover alle Ehre macht. Dann gibt’s den cleveren Schwenk: mit Take A Long Line geht’s auf einen verdammt effektiven Rock’n’Roll-Rallyegalopp – gleichzeitig der Track mit der größten Portion Schelmerei und Frechdachsigkeit auf dem ganzen Album. My Way And The Highway zieht in der Strophenharmonisierung auf giftige Weise an der The Rolling Stones-Energie. Die ausgezeichnete Ballade Love That’ll Never Be belebt die Albumdynamik mehr als wirkungsvoll kurz vor dem Finale, während das abschließende Take My Soul einen Hauch Delta-Blues-Rhetorik trägt und Aldrich in seinen Gitarrenlösungen in diesem Track erneut nachdrücklich an seine ewige Faszination für das Universum von Led Zeppelin erinnert. Ein bombastischer Abschluss dieses konsequent vernichtenden Werks, das im Großen und Ganzen mit urmütiger Rock’n’Roll-Ungezügeltheit anspricht – und das ist seine größte Stärke. Haut rein, reißt mit, verführt. Im Nu!
»Light ‚Em Up« liefert haargenau das, was die Jungs gesucht und gewollt haben! Ein Album ohne jedes Wenn und Aber, bei dem man sich im Studio frei der nackten Energie des Rocks überlassen hat, die einen führt und trägt! Die Bremsen sind vollständig gelöst. »Light ‚Em Up« ist ein Album, das sofort unter die Haut geht – so hervorragend verinnerlicht es die wesentlichen Elemente der Rock’n’Roll-Urgewalt! Die Band greift damit nach nichts Neuem. Das war auch gar nicht die Absicht des Albums. Energetisch kehrt das neue Album in die Zeiten des dritten und vierten Bandalbums zurück und bietet in der gleißenden Abfolge von zehn Rock’n’Roll-Ohrfeigen eine neue Breitseite hochoktaniger, rücksichtsloser Dreistigkeit.
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
1. Light ‚Em Up
2. Times Are Changing
3. I Wanna Be Your Bitch
4. I’m Gonna Ride
5. Back To Zero
6. Way Back Home
7. Take A Long Line
8. My Way And The Highway
9. Love That’ll Never Be
10. Take My Soul
Besetzung:
John Corabi – Gesang, Akustikgitarre
Douglas Aldrich – Gitarre, Hintergrundgesang
David Lowy – Gitarre
Michael Devin – Bassgitarre, Hintergrundgesang
Tommy Clufetos – Schlagzeug
